(Erwachsenen-)Bildung wird gemeinhin eine Reihe positiver individueller und gesellschaftlicher Wirkungen zugeschrieben, ohne aber die Bildungseffekte genau zu kennen. WĂ€hrend sich Lernende gelungen weiterbilden und Bildungsanbieter ihre Bildungsangebote mithilfe messbarer Kriterien optimieren wollen, verlangen bildungspolitische Akteurinnen und Akteure, dass Benchmarks erreicht und Wirkungen nachgewiesen werden, damit evidenzbasierte Steuerung funktioniert. Doch wie seriös lĂ€sst sich das Resultat von Bildung messen und empirisch nachweisen? Ausgabe 40 des Magazin erwachsenenbildung.at diskutiert in 15 BeitrĂ€gen, inwieweit das Messen von Bildungseffekten sinnvoll ist, welche Fallstricke es dabei gibt und wie Wirkungsforschung gelingen kann. AuĂerdem wird illustriert, wie wissenschaftliche Evidenzen und bildungspolitische Praxis zusammenspielen.

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Thema
03
Von Evidenzbasierung zur fachlich-reflektierten Wirkungsorientierung
Thomas Stangl
Stangl, Thomas (2020): Von Evidenzbasierung zur fachlich-reflektierten Wirkungsorientierung.
In: Magazin erwachsenenbildung.at. Das Fachmedium fĂŒr Forschung, Praxis und Diskurs.
Ausgabe 40, 2020. Wien.
Online im Internet: https://erwachsenenbildung.at/magazin/20-40/meb20-40.pdf.
Druck-Version: Books on Demand GmbH: Norderstedt.
Schlagworte: Wirkungsmessung, Wirkungsdiskurs, Wirkungsziele, Wirkungsorientierung, Steuerung, Evidenz, Evidenzbasierung, evidenzbasierte Praxis, Bildung, Weiterbildung
Kurzzusammenfassung
Welche methodologischen und normativen Herausforderungen ergeben sich bei der Messung von Wirkungen im Bildungsbereich? Geht es darum, Praxisentscheidungen zu fundieren, oder doch eher darum, Bildungsangebote zu legitimieren? Der vorliegende Beitrag diskutiert evidenzbasierte Praxis (Bearbeitung praktischer Probleme durch vorhandene wissenschaftliche Studien) und evidenzbasierte Praktiken (wirkungsorientierte Evaluationen der gelebten Praxis) und zeigt deren Herausforderungen und auch SchwĂ€chen auf. These ist, dass eine reine Evidenzbasierung in beiden FĂ€llen den komplexen und normativen Bedingungen von Bildungsprozessen nicht gerecht wird. Denn oft haben die Wahl der relevanten Wirkungsziele und die Frage, wer dies aus welchen GrĂŒnden bestimmen soll, einen bedeutenden Einfluss auf die Bewertung. Den Abschluss bildet ein PlĂ€doyer fĂŒr eine fachlich-reflektierte Wirkungsorientierung im Bildungsbereich. Konkret wĂŒrde das bedeuten, die AdressatInnen der Bildungsangebote sowohl bei der Formulierung der Ziele als auch bei der Wahl der Mittel zu beteiligen und in ihrer Autonomie zu respektieren. (Red.)
Von Evidenzbasierung zur fachlich-reflektierten Wirkungsorientierung
Thomas Stangl
ââNicht alles was zĂ€hlt ist messbar und nicht alles was messbar ist zĂ€hltâ. Die Frage âwas ist im Einzelfall angemessen?â kann keinesfalls durch den Hinweis auf eine hohe statistische Wirkungswahrscheinlichkeit ersetzt werden, völlig unabhĂ€ngig davon, wie valide und reliabel die zu Grunde gelegten Messverfahren auch immer sein mögen.â
Schrödter/Ziegler 2007, S. 42
Eine international gefĂŒhrte Debatte ĂŒber die Möglichkeiten und Grenzen einer Wirkungsorientierung und die damit verbundenen Steuerungsprogramme ist seit langem in vollem Gange (siehe u.a. Bellmann/ MĂŒller 2011). Bei praktischen und politischen Entscheidungen sollen nicht mehr FachautoritĂ€ten und ihre Ideologien eine Rolle spielen, sondern vor allem die bestverfĂŒgbare Evidenz aus der Forschung (vgl. HĂŒttemann 2010, S. 127f.).
HĂ€ufig erweisen sich Wirkungsstudien im Bildungs- und Sozialbereich jedoch als Mogelpackung. Nicht in jeder Studie, auf der âWirkungâ draufsteht, werden auch tatsĂ€chlich âWirkungenâ und noch weniger âNebenwirkungenâ2 gemessen. Die Erwartungen, die an Wirkungsstudien gestellt werden, nĂ€mlich ErklĂ€rungen oder Handlungsanleitungen fĂŒr die Praxis zu generieren, können in den seltensten FĂ€llen eingelöst werden (vgl. Schrödter/ Ziegler 2007, S. 5).
Wirkung als das (Nicht-)Erreichen von Zielen?
Ist von Wirkungen die Rede, geht es in der Regel um intendierte ZustandsĂ€nderungen, die beobacht bar sind und hinreichend plausibel mit einer gesetzten MaĂnahme in Zusammenhang gebracht werden können. Diese abgeschwĂ€chte Wirkungsdefinition erlaubt keine ErklĂ€rungen oder Prognosen von bestimmten Ereignissen, sondern beschreibt lediglich das Erreichen oder Nicht-Erreichen von intendierten Zielen (vgl. Tornow 2008, S. 51). Dadurch können bei der Bewertung von Bildungsangeboten wesentliche Einflussfaktoren (z.B. Familie und soziale Beziehung) oder mögliche andere Wirkungen und Nebenwirkungen (z.B. eine sinkende KriminalitĂ€t, die Verbesserung/Verschlechterung des psychischen Wohlbefindens oder die Reproduktion sozialer Ungleichheit) aus dem Blick geraten.
Der Beitrag widmet sich der Frage, welche methodologischen und normativen Herausforderungen sich bei Wirkungsnachweisen von Bildungsangeboten ergeben. Es wird die These vertreten, dass die Vorstellung einer reinen Evidenzbasierung nicht haltbar ist und aufgrund der komplexen und normativen Bedingungen von Bildungsprozessen fĂŒr die Wahl von Wirkungsindikatoren, fĂŒr die Modellierung von Wirkungsbeziehungen sowie fĂŒr die darauf aufbauenden Entscheidungen eine fachliche Orientierung notwendig ist. Mit einer fachlichen Orientierung sind bei der Wahl von Wirkungsindikatoren die theoretischen BezĂŒge und konzeptionellen Grundlagen fĂŒr den partizipativen Forschungsprozess gemeint. Bei der Modellierung von Wirkungsbeziehungen ist eine fachliche Orientierung wichtig, weil kausale ZusammenhĂ€nge nicht direkt beobachtbar sind und es theoretische Annahmen ĂŒber WirkungszusammenhĂ€nge braucht. Die praktischen Entscheidungen mĂŒssen im Einzelfall, unter unsicheren und ambivalenten Bedingungen, fachlich abgewogen werden und können nicht allein aus der Evidenz abgeleitet werden. PlĂ€diert wird fĂŒr einen fachlich-reflektierten Zugang bei der Produktion von Evidenz in der Forschung und bei deren Implementierung in die Praxis, d.h. fĂŒr einen Zugang, der den einzelnen Menschen und seine Handlungsfreiheit im Fokus hat und behĂ€lt. Konkret wĂŒrde das bedeuten, die AdressatInnen der Bildungsangebote sowohl bei der Formulierung der Ziele als auch bei der Wahl der Mittel zu beteiligen und in ihrer Autonomie zu respektieren.
Der halbierte Wirkungsdiskurs
Das Interesse an einer wirkungsorientierten Steuerung im Bildungs- und Sozialbereich Ă€uĂert sich auf vier Ebenen, die miteinander verknĂŒpft sind. Es ist das das Interesse:
- politische Entscheidungen zu steuern,
- FachkrÀfte in der Praxis anzuleiten,
- Organisationen zu steuern und
- steuerungsrelevantes Wissen mittels Forschung bereitzustellen (vgl. Otto 2007, S. 13).
Gemeinsam ist den Ebenen ein zunehmender Legitimationsdruck, die Wirksamkeit von MaĂnahmen im Bildungs- und Sozialbereich nachzuweisen. Im deutschsprachigen Raum liegt ausgehend von einer QualitĂ€tsdebatte der letzten Jahrzehnte nach Hans-Uwe Otto (2007, S. 22) der Fokus vor allem auf der Evaluation von QualitĂ€tsindikatoren, welche eine wirkungsorientierte Finanzierung im Sinne einer Effizienzsteigerung ermöglichen soll. Dies ist auch in LĂ€ndern wie GroĂbritannien oder den USA der Fall. Jedoch spielt im angloamerikanischen Sprachraum der Einbezug von systematischer Wirkungsforschung (wissenschaftliche Ăbersichtsarbeiten zu einer bestimmten Fragestellung) in fachliche und politische Entscheidungen eine zentralere Rolle. Otto nennt den deutschsprachigen Diskurs daher den âhalbierten Wirkungsdiskursâ (ebd.). Im deutschen Sprachraum hat sich die Forschungslage in den letzten Jahren zwar stetig verbessert (siehe u.a. ProjekttrĂ€ger im DLR 2012; Hooley 2014; Manninen et al. 2014), sie ist jedoch nicht mit der Datenlage im angloamerikanischen Bereich zu vergleichen.
Umso geringer und schwĂ€cher die Datenlage aus der Forschung ist, umso weniger werden wissenschaftliche Erkenntnisse in die praktische Entscheidungsfindung einflieĂen können. Obwohl im deutschen Sprachraum oft die Rede von einer evidenzbasierten Praxis ist, haben die wirkungsorientierten Evaluationsstudien im Bildungs- und Sozialbereich nichts mit dem eigentlichen Konzept einer evidenzbasierten Praxis (evidence based practice) zu tun. Gerlinde Struhkamp-Munshi (2007, S. 10) schlĂ€gt vor, zwischen evidenzbasierter Praxis und evidenzbasierten Praktiken zu unterscheiden. Denn meist geht es nicht darum, Praxisentscheidungen zu fundieren, sondern pĂ€dagogische Praktiken (wie z.B. Bildungsangebote) zu evaluieren.
Das ursprĂŒngliche Konzept evidenzbasierter PraxisâŠ
Das Konzept einer evidenzbasierten Praxis hat seinen Ursprung in der Medizin. In die praktische Entscheidungsfindung werden dabei:
- das beste Wissen ĂŒber effektive MaĂnahmen aus der systematischen Forschung,
- die klinische Expertise und
- die WerteprÀferenzen der AdressatInnen einbezogen (vgl. Sackett et al. 1996, S. 71).
Alle drei Komponenten haben gleich groĂes Gewicht. Gefordert wird, dass jede dieser Entscheidungskomponenten mit gleicher Sorgfalt behandelt und keine bevorzugt wird (vgl. Albright/Thyer 2010, S. 137). Vor diesem Hintergrund beschreibt das Konzept einer evidenzbasierten Praxis notwendige Schritte, um z.B. praktische Problemstellungen durch eine geeignete Fragestellung und Bewertung der vorhandenen wissenschaftlichen Studien zu bearbeiten. Folgende Schritte sind dabei zu beachten (Mullen/ Bellamy/Bledsoe 2007, S. 14ff.):
- âFormulieren Sie Ihre InformationsbedĂŒrfnisse als eine beantwortbare Frage.
- Suchen Sie zur Beantwortung dieser Frage nach der besten Evidenz.
- FĂŒhren Sie eine kritische Bewertung der Evidenz in Bezug auf ihre ValiditĂ€t (WahrheitsnĂ€he), ihre Auswirkungen (EffektgröĂe) und ihre Anwendbarkeit (NĂŒtzlichkeit fĂŒr unser Handlungsfeld) durch.
- FĂŒhren Sie Ihre kritische Bewertung und Ihre praktischen Erfahrungen mit den StĂ€rken, Wertvorstellungen und LebensumstĂ€nden Ihres Klienten zusammen. Sie mĂŒssen die Evidenz nun in Verbindung mit den Wertvorstellungen und PrĂ€ferenzen Ihrer Klienten ĂŒberdenken.
- Beurteilen Sie Ihre eigene EffektivitĂ€t und Effizienz bei der DurchfĂŒhrung der Schritte 1-4 und suchen Sie nach Möglichkeiten, wie Sie sie das nĂ€chste Mal verbessern können.
- Als ErgĂ€nzung: Lehren Sie anderen, ebenfalls nach diesem Konzept zu arbeiten.â
âŠin der Erwachsenenbildung
Dieses Konzept einer evidenzbasierten Praxis wurde relativ schnell von verschiedenen Professionen (Psychologie, Soziale Arbeit, Pflege etc.) aufgenommen (siehe u.a. Gray/Plath/Webb 2009). Es eignet sich insbesondere fĂŒr professionelle Beratungssettings, könnte grundsĂ€tzlich aber auch bei der Entwicklung von Bildungsangeboten angewendet werden.
Im Wesentlichen geht es darum, die bestverfĂŒgbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse â neben der Expertise und Erfahrung der Lehrenden, der eigenen pĂ€dagogischen Haltung und den Wertevorstellungen der Zielgruppe (individuelle PrĂ€ferenzen, Sorgen und Erwartungen) â in die Konzeption von Bildungsangeboten einzubeziehen. Konkret umgesetzt, wĂŒrde das heiĂen: Zu Beginn wird eine Fragestellung formuliert und werden Studien zur Beantwortung gesucht, die hinsichtlich ihrer wissenschaftlichen GĂŒte bewertet werden. Derart kann Aufschluss darĂŒber gewonnen werden, welche Faktoren bei einem bestimmten Bildungsangebot, bei einer definierten Zielgruppe zu einer intendierten Wirkung fĂŒhren. Danach mĂŒssen die kritische Bewertung der Studien und die eigene praktische Erfahrung mit den LebensumstĂ€nden und Wertevorstellungen der Zielgruppe zusammengefĂŒhrt werden (vgl. Mullen/Bellamy/Bledsoe 2007, S. 19). Dies kann zum Beispiel durch Bedarfsanalysen und Zielgruppenbefragungen erhoben werden oder am Beginn eines Bildungsangebots in die didaktische Planung einflieĂen.
Was ist ĂŒberhaupt âbeste Evidenzâ?
Bei der kritischen Diskussion ĂŒber die Möglichkeiten und Grenzen evidenzbasierter Praxis ist vor allem umstritten, was unter âbester Evidenzâ in der Forschung zu verstehen ist. VertreterInnen einer starken Version evidenzbasierter Praxis orientieren sich an einer hierarchischen Ordnung von Forschungsdesigns (levels of evidence). Sie unterscheiden die Forschungsdesigns hinsichtlich ihrer wissenschaftlichen GĂŒte. An der Spitze der Hierarchie stehen dabei die Metaanalysen von randomisierten Kontrollstudien. Sie werden als der gold standard of evidence bezeichnet (vgl. Gray/Plath/Webb 2009, S. 31-37). In der Hierarchie abfallend gereiht sind u.a. randomisierte kontrollierte Studien, Kohortenstudien, Fall-Kontroll-Studien, qualitative Studien, Fallberichte und ExpertInnenmeinungen. Die Bevorzugung gewisser Forschungsdesigns in der evidenzbasierten Praxis bedeutet jedoch nicht, dass andere Designs keine brauchbaren Informationen liefern können. Bei einem grundsĂ€tzlichen Mangel an Studien sind verstĂ€rkt die klinische Expertise und die PrĂ€ferenzen der AdressatInnen gefragt. D.h., eine fachlich-reflektierte Praxis ist auch ohne Evidenz aus der Forschung handlungsfĂ€hig. Umgekehrt kann die Evidenz aus der Forschung ohne eine fachliche Bewertung und ZusammenfĂŒhrung zu keiner Handlungsanleitung fĂŒhren. Eine evidenzbasierte Praxis ist nicht mit der kategorischen Orientierung an Wirkungsnachweisen aus dementsprechenden Studien gleichzusetzen.
âŠund ihre Problemstellen
Zu beachten ist nach Matthias HĂŒttemann (2010, S. 126f.), dass die messbaren Wirkungen in der bildungs- und sozialwissenschaftlichen Forschung meistens weniger stark und eindeutig sind als in der biomedizinischen Forschung. âDas Problem bestehe nun darin, dass ĂŒberall dort, wo PhĂ€nomene oder Praktiken AmbiguitĂ€t aufweisen, zwangslĂ€ufig weite InterpretationsspielrĂ€ume existieren[,] und ĂŒberal...
Table of contents
- Inhaltsverzeichnis
- Hinweise
- Aus der Redaktion
- Thema
- Praxis
- Rezension
- Impressum
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