1. Die HĂŒtte vollkriegen und die Hucke volllĂŒgen
Bei einem kirchlichen Kurs fĂŒr Lektoren: Gleich zu Beginn beim Erfahrungsaustausch wird der Reihe nach der rĂŒcklĂ€ufige Gottesdienstbesuch beklagt: âWir mĂŒssen schauen, dass wieder mehr Leute in die Kirche kommen.â Es folgt ein Austausch ĂŒber die Ideen und Versuche in den Gemeinden: Es gibt Krabbel-, Gospel-, Kinder-, Scater-, Sportler-, Seeker-(Suchende-), Jugend-, Familien-, Segnungs-, Heilungs-, Thomas-, TaizĂ©-, Go-special-, Motorrad-, Berg-, Strand-, Vormittags-, 11vor11-, Abend-, 0-8-16-Gottesdienste. Wir haben ein BegrĂŒĂungs-, Moderations-, Technik-, Musik-, KĂŒchen-, Seelsorge-, Theater-, Kinderteam. Und das Ergebnis? Trotz etlicher Highlights hĂ€lt sich der Erfolg insgesamt in Grenzen. Einige dieser Gottesdienste machen sich gegenseitig Konkurrenz und vor allem viele Mitarbeitende mĂŒde.1
Bei einem Kongress fĂŒr Gemeindeentwicklung geht es in einer Arbeitsgruppe um das Thema: Kleingruppen und Hauskreise, und es stellt sich heraus: In kreativen Gemeinden gibt es nichts, was es nicht gibt: GesprĂ€chskreise, Leiterkreise, Mitarbeiterkreise, Gebetskreise, MĂ€nnerkreise, Frauenkreise, Bibelrunden, Mutter-Kind-Gruppen, Dienstgruppen und sogar Stammtische. Schnell kommen aber auch die Probleme zur Sprache: Kleingruppen in Gemeinden sind manchmal elitĂ€r exklusiv, isoliert, funktionieren nicht. Sie benötigen qualifizierte Leiter, die nur schwer zu finden und zu motivieren sind. Hauskreise schlafen ein und sterben ab mit oder ohne Abschied. Es gibt in den Gemeinden eine bunte und gleichzeitig verwirrende, manchmal sogar erschlagende Vielfalt, neben groĂer Begeisterung fĂŒr groĂe Möglichkeiten, groĂe Schwierigkeiten genau damit.
Was sind die GrĂŒnde fĂŒr diesen Zwiespalt? Wie ist damit umzugehen? Bei kirchlichen Angeboten wird mittlerweile vermehrt danach gefragt, ob das Angebot auch zur Nachfrage gepasst hat, ob also am Kunden vorbei produziert und wieder einmal auf eine Frage geantwortet wurde, die niemand gestellt hatte. Das ist die groĂe Sorge beim Weiden der Herde Gottes geworden: Attraktive Programme finden, die ankommen. Treffende Angebote machen, die auf die BedĂŒrfnisse der heutigen Zeit eingehen. Gerade christliche Veranstaltungen, deren Besuch sich ja schon lĂ€nger nicht mehr von selbst versteht, mĂŒssen nach dem Geschmack ihrer Teilnehmer entworfen und auf ihre Zielgruppen zugeschnitten sein. Der Erfolg dabei wird an den Besucherzahlen gemessen. Gut besuchte Veranstaltungen gelten als gelungen. Schlechter Besuch weist nicht nur auf QualitĂ€tsmĂ€ngel, sondern auch auf ein unpassendes Format hin.
Das Problem dabei ist, abgesehen von der permanenten Verunsicherung, dass sich als Ausweg eigentlich nur die Anpassung an das, was gerade âinâ ist, anbietet, eine Reaktion, die aber immer einen Schritt zu spĂ€t kommt und vom Zeitgeist abhĂ€ngig macht. Klaus Douglass hat das Dilemma der Kirche bereits 2001 in seinem Buch âDie neue Reformationâ ganz grundsĂ€tzlich als Relevanzkrise und als IdentitĂ€tskrise beschrieben und so erklĂ€rt: âDie Relevanzkrise besteht darin, dass die Kirche die Menschen von heute nicht mehr erreicht. Die IdentitĂ€tskrise ist die, dass letztlich niemandem deutlich ist, was die Kirche eigentlich zur Kirche macht. Beide Krisen stehen in Wechselwirkung miteinander. Je stĂ€rker man versucht, der einen Krise zu entkommen, umso sicherer gerĂ€t man in die FĂ€nge der jeweils anderen. Das bedeutet: Je mehr die Kirche versucht, in den Problemen der Gegenwart relevant zu werden, um so tiefer gerĂ€t sie in eine Krise ihrer eigenen christlichen IdentitĂ€t. Je mehr sie hingegen auf ihrer eigenen IdentitĂ€t beharrt, desto irrelevanter und unglaubwĂŒrdiger erscheint sie in unserer Zeit. Die Kirche steht offensichtlich vor der unglĂŒcklichen Wahl, entweder den Kontakt zu ihrem Ursprung oder den zu den Menschen zu verlieren.â2 In diesem Dilemma ist die Kirche insbesondere in ihrer volkskirchlichen Struktur zur Phantomkirche geworden. Ihre Zahlen stimmen ĂŒberhaupt nicht mehr. Sie sind wie Mondpreise. Eigentlich muss man sie immer durch 10 teilen: Von der âSeelenzahlâ einer landeskirchlichen Gemeinde kommen im gĂŒnstigsten Fall 10 Prozent zum Gottesdienst. Von diesen 10 Prozent engagieren sich 10 Prozent als Mitarbeitende. Davon sind schlieĂlich 10 Prozent, also insgesamt 1 Promille von der Art, dass man mit ihnen âPferde stehlenâ kann. Bei einer Seelenzahl von 1000 ist das genau eine Person!
Dieses Buch versucht mit der Beschreibung des Prototyps Kirche, einen Ausweg aus diesem Dilemma zu zeigen. Mancher Gedanke dazu wird ungewöhnlich und mancher Vorschlag unkonventionell sein z. B. der strenge Rat: Statt fĂŒr/pro viel sein, Profil haben. Die gröĂte Ăberraschung ist aber wohl die Behauptung eines âPatentrezeptesâ fĂŒr das Weiden der Herde Gottes.3 Das ist kein Witz, sondern durchaus ernstgemeint und richtet sich gegen die VergleichgĂŒltigung biblischer Gemeindewachstumsprinzipien. Weil es mir in diesem Buch um den Prototyp Kirche geht, unterscheide ich auch nicht prinzipiell zwischen konfessionell und historisch natĂŒrlich unterschiedlichen Kirchen, sondern lege gut ökumenisch allen den biblischen Prototyp zugrunde. Rick Warren schreibt in seinem Buch âKirche mit Visionâ: Es sind zwar âalle möglichen Arten von Gemeinden notwendig, um alle möglichen Arten von Menschen zu erreichen,â4 aber die Strategie dafĂŒr betrachtet er als biblisch vorgegeben. Wenn das nicht klar ist, werden die Prinzipien des Gemeindeaufbaus verwechselt mit den variablen Methoden ihrer Umsetzung. Vorgestellt wird hier ein befreiendes, weil leistbares und gleichzeitig beschrĂ€nkendes, weil aussortierendes Konzept, das nicht nur eine To-do-Liste, sondern auch eine DonÂŽt-do-Liste hervorbringt mit vielleicht einer Menge guter Ideen, die alle auch nicht aufgenommen werden, weil sie schlicht auĂerhalb des Fokus liegen.
Ans Herz gelegt werden soll ein prototypischer Kirchenplan mit nicht mehr und nicht weniger als exakt fĂŒnf Aufgaben. Diese Mandate werden ausfĂŒhrlich begrĂŒndet und mit anderen âQuintettenâ bildlich veranschaulicht. Dadurch sollen die Funktionen der fĂŒnf Komponenten und ihre innere Zusammengehörigkeit deutlich werden. Auf der Grundlage dieses fĂŒnfteiligen Programmpaketes kann die Anbiederung an den Zeitgeist und verzweifeltes Experimentieren beim Weiden der Herde Gottes ebenso vermieden werden wie die Abschottung von der âbösenâ Welt im RĂŒckzug auf eine Insel der Seligen, wo Innovation ausgeschlossen ist so nach dem Motto: âWie es war im Anfang jetzt und immerdar.â
Nicht modernistisch adaptiert, nicht technokratisch ökonomisiert, nicht amerikanisch abkopiert, sondern einfach nur gut soll sie sein die Gemeindeentwicklung. Und klar muss sie werden. Gegen eine sich ausbreitende Begriffsverwirrung sollen die Grundbegriffe und Kernworte der Gemeindeentwicklung neu verstĂ€ndlich gemacht werden. Die KlĂ€rung von MissverstĂ€ndnissen und Verwechslungen soll ErmĂŒdete ermutigen, sich nicht zurĂŒckzuziehen, sondern trotzdem weiter mitzuarbeiten und statt jetzt erst mal an sich selbst zu denken, jetzt erst recht Gemeinde Jesu zu leben und statt einem Schief- und Wackelbau den Prototyp Kirche als Hoffnung fĂŒr die Welt zu prĂ€sentieren.
2. Am selben Strang ziehen, aber nicht in die gleiche Richtung
Bei jedem Bau ist das Fundament mit besonderer Sorgfalt zu behandeln. Die Belastbarkeit des Unterbaus ist genau zu beachten. FĂŒr den Gemeindeaufbau bedeutet das die Frage: Wie gut ist die kirchliche Unterlage? Was trĂ€gt Gemeinden?
Jede christliche Gemeinde wird von etwas bestimmt. Und um zu erkennen, in welche Richtung sie bewegt gehört, muss ihr klar werden, aus welcher sie kommt. Treibende KrÀfte funktionieren wie Filter, die die Programme einer Gemeinde sortieren, oder wie Brillen, durch die alle AktivitÀten betrachtet werden. Treibende KrÀfte können bewusst oder unbewusst wirken gelassen werden. Jedenfalls bewegen sie Gemeinden in unterschiedliche Richtungen, und das birgt Konfliktpotential. Darum beginnt eine zukunftsweisende Standortbestimmung mit der Analyse dieser Ausgangspunkte. Rick Warren reflektiert, wovon Gemeinden geprÀgt sein können und macht dabei zunÀchst die treibenden KrÀfte aus, die Gemeinden von ihrer eigentlichen Bestimmung abhalten:5
Gemeinden können von Traditionen bestimmt sein. Und diese meist lange schon andauernde PrĂ€gung hat sie konservativ werden lassen. Solche Gemeinden wollen am liebsten das Vergangene immer weiter fortsetzen und sind darum skeptisch gegenĂŒber jeder VerĂ€nderung. Ihnen sind stabile VerhĂ€ltnisse wichtig. Ihr Motto lautet: âDas haben wir schon immer so gemacht.â
Gemeinden können von SchlĂŒsselfiguren bestimmt sein. Wenn zum Beispiel Leitende als prĂ€gende Persönlichkeiten Gemeinden ihren Stempel aufgedrĂŒckt haben, ist dadurch unter UmstĂ€nden eine groĂe UnselbstĂ€ndigkeit entstanden, die Probleme bereitet, wenn diese Gallionsfiguren abgetreten sind.
Gemeinden können von Finanzen bestimmt sein. Bei reichlich verfĂŒgbaren genauso wie bei knappen Mitteln geht es dann immer zuerst um die Frage: Was kostet das? Budgetdisziplin und Sparsamkeit stehen ĂŒber GroĂzĂŒgigkeit und Investitionsbereitschaft. Weil die Geldfrage aber immer auch eine Glaubensfrage ist, darum zeigt der Haushaltsplan einer Gemeinde, inwieweit sie willens und fĂ€hig ist, Gott auch in materiellen Dingen zu vertrauen.
Gemeinden können von GebĂ€uden bestimmt sein. Oder genauer gesagt von den beim Bauen gemachten Schulden und der mitunter unterschĂ€tzten Instandhaltung. Manche kirchliche Bauten wirken wie DenkmĂ€ler fĂŒr âPfarrherrenâ, die als mehr oder weniger âweise Baumeisterâ den Gemeindeaufbau zuerst rĂ€umlich und plastisch aufgefasst haben, dabei aber die Balance zwischen Bauen nach Bedarf und Bauen in der Hoffnung, RĂ€ume auch fĂŒllen zu können, nicht immer gefunden haben.
Gemeinden können von Aktionen bestimmt sein. Und solche Gemeinden stehen nie still, weil immer was lÀuft. Ihr wichtigstes Werkzeug ist der Terminkalender und das QualitÀtskriterium ist die Teilnahme an den Veranstaltungen. Hat etwas stattgefunden, kommt gleich das NÀchste. Es wird kaum innegehalten und nachbesprochen. An jedem Abend ist ja etwas los. Alle Mitarbeitenden sind immer auf Trab. Von Aktionen bestimmte Gemeinden sind atemlose Gemeinden, die den Unterschied zwischen AktivitÀt und ProduktivitÀt aus den Augen verloren haben, wenig beten, und die wegen des hohen Aufwandes auch einen hohen Verschleià an Mitarbeitenden haben.
Gemeinden können vom Parochialzwang und Abdeckwahn bestimmt sein. In ihm meinen sie, in einen Pfarrbezirk unbedingt flĂ€chendeckend tĂ€tig sein sowie sĂ€mtliche Altersgruppen möglichst lĂŒckenlos bedienen zu mĂŒssen. Abgesehen davon, dass das nirgends in der Bibel steht, ist solche VollstĂ€ndigkeit mittlerweile selbst beim besten Willen nicht mehr zu schaffen, ĂŒberfordert die Mitarbeitenden permanent, macht ihnen dazu ein schlechtes Gewissen und bremst notwendige Regionalisierungsprozesse sowie mögliche Synergieeffekte. Die neutestamentlichen Gemeinden waren nicht parochial gleichförmig nebeneinander aufgefĂ€delt, sondern aufbauend auf dem Basisprogramm pointiert typisiert zum Beispiel als jesuanische JĂŒngergemeinde, jerusalemische Muttergemeinde, antiochenische Missionsgemeinde, paulinische Evangeliumsgemeinde oder auch als johanneische Haus- und Wanderpredigergemeinde. Sie hatten ihr Pflichtprogramm aber auch ein spezielles KĂŒrprogramm, und sie waren generationenĂŒbergreifend ausgerichtet.
Gemeinden können von Selbstzweifeln bestimmt sein. Diese Gemeinden wĂŒnschen sich sehnlichst, bei allen gut anzukommen, vor allem bei denen, die noch nicht oder nicht mehr dazu gehören. Den âAuĂenstehendenâ, die sehr empfindlich sind, wollen sie es unbedingt leicht und recht machen. Mit ihnen darf man es sich unter keinen UmstĂ€nden durch Gedankenlosigkeit verscherzen. Dadurch verlieren solche Gemeinden den Mut zur LĂŒcke und geraten leicht in Konkurrenz zu anderen Anbietern und fĂŒhlen sich dadurch gezwungen, exzellent zu sein. Sie meinen dann, Dinge tun zu mĂŒssen, die sie selber gar nicht können, und die andere, zum Beispiel die örtlichen Vereine, meistens besser können. Die Gefahr ist groĂ, vor lauter RĂŒcksicht, hart an der Grenze der Anbiederung, sich selbst zu vergessen, das eigene Talent zu vergraben, die maĂgeschneiderte Aufgabe liegen zu lassen, und dadurch gerade die Menschen zu verlieren, die einem am meisten am Herzen liegen.
An diesen Schlagseiten vieler Gemeinden zeigt sich, dass Vielfalt auch verwirrend sein kann, und dass am selben Strang fĂŒr Jesus ziehen nicht automatisch Klarheit und Einheit bei der Zielrichtung der Gemeindeentwicklung bedeutet. Wenn in einer Gemeinde eine neue Ăra eingelĂ€utet werden soll, ist darum nicht nur die Gegenwart, der Istzustand, zu analysieren und in einem Brainstorming gleich auch von der Zukunft zu trĂ€umen, sondern es sind erst einmal die nachwirkenden KrĂ€fte der Vergangenheit grĂŒndlich zu untersuchen und aufzuarbeiten. Sonst kochen in der Gemeinde plötzlich zu viele selbstberufene Köche nebeneinander ihr SĂŒppchen und merken gar nicht, dass sie dabei oft nur sich selbst verwirklichen, den âBreiâ dadurch aber gerade verderben. Die Absicht ist gut: NatĂŒrlich soll miteinander Gemeinde gebaut werden. Konkurrenz soll es nicht geben. Aber dann hat man doch nur Augen fĂŒr die eigenen Initiativen, und tatsĂ€chlich wird nebeneinander gearbeitet. Denn âgemeinsamâ kann Verschiedenes bedeuten. An zwei Arten von Blumenwiesen lĂ€sst sich das verdeutlichen:
Man stelle sich einmal eine Gartenschau vor mit vielen verschiedenen, nebeneinander angepflanzten Blumenbeeten zum Beispiel mit einem Beet Tulpen neben einem Beet Lilien und gleich noch einem mit Rosen. Insgesamt ist das dann eine bunte Vielfalt. Aber diese ist als Ensemble von Monokulturen angelegt, die lediglich dadurch miteinander verbunden sind, dass sie aneinander angrenzen. Viel schöner, prototypischer, wĂ€ren doch wohl verschiedene Blumen wie zum Beispiel Kornblumen, Arnika, Vergissmeinnicht, die ganz natĂŒrlich ohne eigene Beete bunt gemischt miteinander, allerdings auf einer groĂen Almwiese wachsen. Und wenn die Almwiese in dem Fall die Gemeinde symbolisiert, dann brauchen Gemeinden zum Beispiel Gottesdienste...