1.1 Die Bedeutung der Freundschaft fĂŒr ein gutes Leben
Freundschaft spielt eine wichtige Rolle in unserem Leben. Von frĂŒher Kindheit an bis ins hohe Alter suchen wir Freundinnen1 und pflegen Freundschaften. Kaum ein Mensch ist ohne Freundinnen und sehnt sich nicht gleichzeitig danach, solche zu finden. In Liedern wird sie besungen, in der Literatur ist sie ein Dauerthema â in diesen Bereichen bleibt sie vermutlich nur hinter der Liebe zurĂŒck. In der philosophischen Literatur wird die Freundschaft neben Liebes- und Familienbeziehungen als Standardfall persönlicher Beziehungen betrachtet.
Die Ăberlegungen dieser Arbeit erlangen ihre Bedeutsamkeit erst auf Basis der Annahme, dass Freundschaften fĂŒr uns zu einem guten Leben dazugehören. Die in der Philosophie heute vielleicht einflussreichste inhaltliche Bestimmung einer Theorie guten Lebens in aristotelischer Tradition liefert Martha Nussbaum. Sie bestimmt FĂ€higkeiten, die fĂŒr uns von zentraler Bedeutung sind, um ein gutes Leben fĂŒhren zu können. In Nussbaums Liste von FĂ€higkeiten beziehen sich gleich zwei Punkte, fĂŒnf und sieben, zentral auf persönliche Beziehungen:
Die FĂ€higkeit, Bindungen zu Dingen und Personen auĂerhalb unser selbst zu haben; diejenigen zu lieben, die uns lieben und fĂŒr uns sorgen, und ĂŒber ihre Abwesenheit traurig zu sein; allgemein gesagt: zu lieben, zu trauern, Sehnsucht und Dankbarkeit zu empfinden.
Sowie:
Die FĂ€higkeit, fĂŒr andere und bezogen auf andere zu leben, Verbundenheit mit anderen Menschen zu erkennen und zu zeigen, verschiedene Formen von familiĂ€ren und sozialen Beziehungen einzugehen. (Nussbaum 2012, 57 â 58).
Der erste Punkt bezieht sich primĂ€r auf Freundschaft als emotionale Bindung, der zweite Punkt auf die Praxis der Freundschaft im Sinne eines Zusammenlebens. Nach Auffassung von Nussbaum muss nicht jeder Mensch diese FĂ€higkeiten tatsĂ€chlich einsetzen, um ein gutes Leben fĂŒhren zu können. Aber sie sind doch wichtig genug, dass wir es jedem Menschen ermöglichen mĂŒssen, zumindest die FĂ€higkeit hierzu auszubilden, wenn wir in einer gerechten Welt leben wollen.
Die empirische Forschung unterstĂŒtzt die These, dass Freundschaften fĂŒr ein glĂŒckliches Leben wichtig sind. Menschen mit Freundinnen sind glĂŒcklicher als Menschen, die keine Freundschaften haben (vgl. Demir 2015). Die Aussage, dass eine Korrelation zwischen Freundschaft und GlĂŒck besteht, sagt uns allerdings noch wenig konkretes darĂŒber, was Freundschaften zu unserem Leben beitragen. Zum einen, weil GlĂŒck eine zu vage Kategorie darstellt, um tatsĂ€chlich viel darĂŒber auszusagen, worin der Wert von Freundschaften besteht. Zum anderen, weil es Hinweise darauf gibt, dass dieser Zusammenhang nicht als einseitige KausalitĂ€t verstanden werden kann â Freundschaft mag zu unserem GlĂŒck beitragen, aber es lĂ€sst sich auch umgekehrt vermuten, dass glĂŒckliche Menschen leichter Freundinnen finden (Saldarriaga et al. 2015).
Schon unser AlltagsverstĂ€ndnis von Freundschaften verweist auf vielfĂ€ltige Werte, die wir Freundschaften zuschreiben: Wir gehen davon aus, dass sie fĂŒr uns einen praktischen Nutzen im Hinblick auf die BewĂ€ltigung vieler Lebensaufgaben haben â diese Vorstellung ist zentral in der Rede von Freundschaften in der Not. Wir nehmen an, dass Freundinnen Freude in unser Leben bringen. Wir gehen davon aus, dass wir in Freundschaften Liebe, Akzeptanz und Anerkennung erfahren, wir beschreiben Freundinnen als loyal â nur so können wir mit ihnen Pferde stehlen. Wir nehmen an, dass wir in Freundschaften ganz wir selbst sein können â deshalb fĂŒhlen wir uns wohl, wenn wir unter Freunden sind. Wir nehmen an, dass Freundinnen uns auch in Zukunft treu zur Seite stehen werden, wir vertrauen ihnen und ziehen aus der Beziehung ein GefĂŒhl von Sicherheit. Ein Ziel dieses Buches besteht daher darin aufzuzeigen, wie genau wir durch Freundschaften diese Werte verwirklichen können.
Trotz ihrer immensen Relevanz fĂŒr unser Leben erscheint die Freundschaft durch einige aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen bedroht:
Wir leben in einer hektischen Zeit, in der das Haus der Liebe durch steigende FlexibilitĂ€tsanforderungen und Erreichbarkeitserwartungen aus der ökonomischen SphĂ€re bedroht ist. Unsere Welt ist vollgestellt mit bloĂen simulacra von IntimitĂ€t: flachen Facebookfreundschaften oder seelenlosem Sex. (Krebs 2015, 12)
HĂ€ufig werden solche und Ă€hnliche Bedenken geĂ€uĂert. Geht die echte Freundschaft also verloren? Obwohl der Begriff in aller Munde ist und wir viele Menschen unsere Freundinnen nennen, ist die Angst da, dass wir diese Beziehung nicht so leben, wie es eigentlich sein sollte, dass unsere Beziehungen zu denen, die wir als Freundinnen betrachten, oberflĂ€chlich und bedeutungslos geworden sind. Eine groĂe Rolle spielt dabei die Vorstellung, es gebe so etwas wie die echte Freundschaft. Zwar wird der Begriff âFreundschaftâ in der Alltagssprache breiter verwendet, fĂŒr Beziehungen, die ganz unterschiedlich ausgestaltet sein können. Trotzdem bleibt die BefĂŒrchtung, diese wĂŒrden im Kern dem Anspruch der echten Freundschaft nicht gerecht werden â wir mĂŒssten ĂŒber lose Beziehungen hinaus in der Lage sein, auch andere Freundschaften zu pflegen. Engere Freundschaften, solche Freundschaften, die unsere Vorstellungen vom Ideal der Freundschaft prĂ€gen und die mit dem Begriff eigentlich gemeint sind.
Diese BefĂŒrchtungen und der Gedanke, die echte Freundschaft sei eine seltene aber kostbare Beziehung, sind nicht neu. Schon Cicero schrieb um 45 v. u. Z. in seiner Schrift Laelius â Ăber die Freundschaft er könne in allen Jahrhunderten nur drei oder vier echte Freundespaare benennen (2011, 15). Ăhnlich nimmt Montaigne im 16. Jahrhundert in seinem Essay Von der Freundschaft an, die echte Freundschaft kĂ€me in drei Jahrhunderten ungefĂ€hr einmal vor (1992, 323). Angesichts dieser Diagnosen regt sich schnell der Verdacht, dass die echte Freundschaft von diesen Philosophen vielleicht etwas zu eng gefasst wird. Wenn Freundschaften fĂŒr die meisten Menschen zu einem guten Leben gehören, sollten sie dann nicht auch zumindest fĂŒr die meisten Menschen erreichbar sein?
Arthur Schopenhauer teilt die Ansicht von Cicero und Montaigne, viele Beziehungen, die mit dem Begriff bezeichnet wĂŒrden, kĂ€men dem Ideal der Freundschaft nicht einmal nahe:
Wie Papiergeld statt des Silbers, so kursieren in der Welt, statt der wahren Achtung und der wahren Freundschaft, die Ă€uĂerlichen Demonstrationen und möglichst natĂŒrlich mimisierten GebĂ€rden derselben. (Schopenhauer 2018, 192)
Schopenhauer gibt zu bedenken, dass der Anspruch möglicherweise zu hoch gesetzt ist â wenn wir das Ideal der Freundschaft zu eng fassen, dann gibt es im wahren Leben vielleicht einfach keine Beziehungen, die diesem Ideal gerecht werden können:
Wahre, Ă€chte Freundschaft setzt eine starke, rein objektive und völlig uninteressirte Teilnahme am Wohl und Wehe des Andern voraus, und diese wieder ein wirkliches Sich mit dem Freunde identifiziren. Dem steht der Egoismus der menschlichen Natur so sehr entgegen, daĂ wahre Freundschaft zu den Dingen gehört, von denen man, wie von den kolossalen Seeschlangen, nicht weiĂ, ob sie fabelhaft sind, oder irgendwo existiren. (Schopenhauer 2018, 193)
Bei Schopenhauer ist es konkret die selbstlose Teilnahme am Wohlergehen der Anderen, die das Ideal der echten Freundschaft auszeichnet. Diese steht seiner Ansicht nach dem menschlichen Egoismus so sehr entgegen, dass er an der Möglichkeit der Freundschaft zweifelt.
Von dem Gedanken, die Freundschaft sei eher ein mythisches Konstrukt als ein erreichbares Ideal, ist die Annahme zu unterscheiden, echte Freundschaft sei historisch zwar wirklich, heute aber nicht mehr erreichbar. Dieser Annahme liegt der Gedanke zugrunde, dass es durch die Gesellschaft bestimmte UmstĂ€nde unserer LebensfĂŒhrung sind, die beeinflussen, zu welchen Formen persönlicher Bindung wir fĂ€hig sind. So sei es den Menschen in vergangenen Zeiten â zum Beispiel in den Stadtstaaten des antiken Griechenlands â durchaus möglich gewesen, Beziehungen zu pflegen, die dem Ideal der echten Freundschaft gerecht wurden. Die UmstĂ€nde der Gegenwart jedoch lieĂen solche Freundschaften unmöglich werden. Georg Simmel formuliert schon 1908 diese These, dass es die Lebensbedingungen des modernen Menschen sind, die Freundschaften im antiken Sinne unmöglich machen. Was der Freundschaft im Wege steht, ist nach Simmel einerseits das BedĂŒrfnis, Aspekte der eigenen Persönlichkeit vor anderen zu verbergen, andererseits der Prozess der Individualisierung:
Vielleicht hat der moderne Mensch zu viel zu verbergen, um eine Freundschaft im antiken Sinne zu haben, vielleicht sind die Persönlichkeiten auch, auĂer in sehr jungen Jahren, zu eigenartig individualisiert, um die volle Gegenseitigkeit des VerstĂ€ndnisses, des bloĂen Aufnehmens, zu dem ja immer so viel ganz auf den andern eingestellte Divination und produktive Phantasie gehört, zu ermöglichen. (Simmel 2016, 401)
Simmel bewertet diese Entwicklungen neutral. Texte aus jĂŒngerer Zeit formulieren im Hinblick auf gegenwĂ€rtige gesellschaftliche Entwicklungen teilweise ganz Ă€hnliche Thesen, nehmen diese jedoch ĂŒberwiegend als Ausgangspunkt fĂŒr gesellschaftskritische Stellungnahmen. Der darin zum Ausdruck kommenden Sorge um die QualitĂ€t heutiger Freundschaften möchte das vorliegende Buch nachgehen, indem es zunĂ€chst die Freundschaft als Thema in der Geschichte der Philosophie beleuchtet, eine eigene, normativ anspruchsvolle aber dem heutigen Theoriestand angemessene Konzeption von Freundschaften vorschlĂ€gt, und schlieĂlich den vielfach geĂ€uĂerten Sorgen in Bezug auf Entwicklungen der modernen Zeit in ihren Auswirkungen auf Freundschaften differenziert nachspĂŒrt.
1.2 Zum Aufbau des Buches
Das folgende Kapitel (2) gibt zunĂ€chst einen Ăberblick ĂŒber einflussreiche philosophische Konzeptionen der Freundschaft, die den Status von Klassikern erlangt haben. Ich beginne mit der Darstellung der Tugendfreundschaft nach Aristoteles, ein Idealentwurf, auf den sich die weiteren vorgestellten Konzeptionen gröĂtenteils beziehen. Die bekanntesten und wohl einflussreichsten AnknĂŒpfungen an diese Konzeption stammen Cicero und Michel de Montaigne. Alle drei betonen die Seltenheit der echten, bestĂ€ndigen Freundschaft, die auf Ăbereinstimmung, Wohlwollen und WertschĂ€tzung beruht und in einem engen Zusammenleben besteht.
Im Laufe der Zeit sind viele Aspekte der aristotelischen Konzeption, die Cicero und Montaigne weitgehend ĂŒbernehmen, von anderen Autorinnen in Frage gestellt worden. Um das Bild der Geschichte der Philosophie der Freundschaft zu vervollstĂ€ndigen, werden im dritten Kapitel die bedeutendsten Streitfragen vorgestellt. Diese drehen sich um den altruistischen Aspekt von Freundschaften, die Annahme der notwendigen Gleichheit von Freundinnen, die mögliche Anzahl, die Dauerhaftigkeit der Beziehung und die Ăbertragbarkeit der Beziehungsform auf politische Gemeinschaften. Dabei wird die Diskussion um Positionen von Epikur, Thomas von Aquin, C.S. Lewis, Georg Simmel sowie einer ganzen Reihe von Autorinnen der Gegenwart ergĂ€nzt.
Unter RĂŒckgriff auf die vorgestellten Idealkonzeptionen der Freundschaft und die daran anknĂŒpfenden Streitfragen entwickle ich in Kapitel 4 eine Konzeption enger Freundschaften, die einerseits weniger anspruchsvoll und elitĂ€r ist als das aristotelische Ideal, andererseits jedoch geeignet, zentrale Werte einer normativen Konzeption von Freundschaft einzufangen. Hierzu wird die Freundschaft als soziale Praxis in den Blick genommen, die sich ĂŒber die zentralen Merkmale der WertschĂ€tzung, Identifikation und Gegenseitigkeit, sowie ĂŒber eine spezifische Form gemeinsamen TĂ€tigseins definiert.
Die soziale Praxis der Freundschaft lÀsst sich als eine soziale Praxis persönlicher Beziehungen unter anderen einordnen. Um das Spezifische dieser Form persönlicher Beziehungen zu verstehen ist es hilfreich, sie in Abgrenzung zu anderen persönlichen Beziehungen zu betrachten, insbesondere zu familiÀren Beziehungen, romantischen Partnerschaften und loseren Bekanntschaften. Dieser Abgrenzung widmet sich Kapitel 5.
In Kapitel 6 stelle ich sozialwissenschaftliche Arbeiten zur Unterscheidung von Freundschaftsformen anhand verschiedener Dimensionen wie Verbindlichkeit, Entstehungskontext, Art der gemeinsamen Interaktion und Lebensalter vor. Damit kommt die VielfÀltigkeit unterschiedlicher Freundschaftsformen in den Blick, die sich aus den GestaltungsspielrÀumen konkreter Beziehungen ergeben, die die Verwirklichung unterschiedlicher Werte der Freundschaft betonen. Trotz gradueller Unterschiede können nicht alle, aber viele dieser Freundschaftsformen unter die vorgestellte Konzeption enger Freundschaft gefasst werden. Eine scharfe Unterscheidung sozialer Praktiken erweist sich hier aus philosophischer Perspektiv nicht als sinnvoll, dennoch lassen sich anhand der Unterscheidungsdimensionen von Bindungsstil und Praxisausrichtung einige stereotype Formen von Freundschaften herausarbeiten.
Auf Basis der entwickelten Konzeption sowie der vorgeschlagenen Typologie von Freundschaftsformen folgt anschlieĂend eine Betrachtung gegenwĂ€rtiger gesellschaftlicher Entwicklungen in ihren Auswirkungen auf Freundschaften in kritischer Absicht. Dabei werden insbesondere PhĂ€nomene der Individualisierung, MobilitĂ€t und Digitalisierung thematisiert und in ihren Auswirkungen auf die verschiedenen stereotypen Freundschaftsformen analysiert. WĂ€hrend Individualisierungstendenzen insbesondere Verbindlichkeit und Sicherheit in Freundschaften erschweren, stellt MobilitĂ€t eine Herausforderung fĂŒr die gemeinsame Praxis der Freundschaft dar, sofern diese ĂŒber den reinen Gedankenaustausch hinausgeht. Die Digitalisierung eröffnet zunĂ€chst neue Möglichkeiten fĂŒr Freundschaften ĂŒber Distanz, dennoch können die Kommunikationsstrukturen einzelner Plattformen, die hĂ€ufige Betonung von QuantitĂ€t ĂŒber QualitĂ€t, sowie Aufforderungen zur optimierten Selbstdarstellung als problematisch betrachtet werden (Kapitel 7).
Das vorliegende Buch verfolgt zwei Ziele. Das in der Philosophie bis heute vorherrschende, an Aristoteles angelehnte, und normativ sehr anspruchsvolle Ideal der Freundschaft wird sowohl vorgestellt, als auch kritisch hinterfragt. Als Alternative wird eine Konzeption von Freundschaften vorgeschlagen, die die Möglichkeit der Betonung unterschiedlicher Ziele und Werte der Freundschaft in konkreten Beziehungen zulĂ€sst, ohne damit den Anspruch aufzugeben, einen normativen MaĂstab darzustellen. Zudem geht es um die Frage, vor welchen Herausforderungen Freundschaften aufgrund aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen stehen und wie diese sich auf unterschiedliche Formen von Freundschaften und die Verwirklichung spezifischer Werte konkret auswirken.
Diese Arbeit bleibt in Bezug auf die Möglichkeit von anspruchsvolleren Freundschaften ihrer Zeit und ihrem Kontext verhaftet: de facto wird hier eine Konzeption von Freundschaft entworfen, die dem Denken unserer heutigen westlichen Welt entspringt und sich in dessen Rahmen bewegt. Damit bleibt einerseits die Möglichkeit völlig anderer Formen von Freundschaft unberĂŒcksichtigt, die erst im Kontext von Gesellschaften möglich wĂ€ren, die sich von der unseren wesentlich unterscheiden. Andererseits soll damit die Relevanz der vorliegenden Ăberlegungen fĂŒr die aktuelle gesellschaftliche Praxis sichergestellt werden.