Die Studie untersucht die Bedeutung kollegialer Gruppen für den Pfarrberuf. Dabei wird erstmals die in der pastoraltheologischen Forschung vorherrschende Fokussierung auf einzelne Pfarrer und ihre individuelle Praxis überwunden. Vor dem Hintergrund professionstheoretischer Ansätze untersucht die Autorin die gemeinsame Praxis von Pfarrerinnen und Pfarrern in Pfarrkonferenzen und selbstorganisierten Treffen mithilfe einer empirisch-qualitativen Erhebung. Kollegiale Gruppen dienen der gegenseitigen Vergewisserung, der Sicherung professionellen Handelns und der Wahrung der Autonomie einzelner Pfarrer sowie der gesamten Berufsgruppe.Die Arbeit in diesen Gruppen wird erstmalig als ein eigenständiger Tätigkeitsbereich pastoralen Handelns beschrieben und gewürdigt. Davon ausgehend entwickelt die Autorin die pastoraltheologische These, dass dem Pfarrberuf eine kollektive Dimension innewohnt, und eröffnet eine neue Perspektive für die Reflexion der gemeinsamen Arbeit innerhalb der Berufsgruppe.Being Autonomous Together. A Study on Collegial Groups in the Parish MinistryThis study examines the importance of collegial groups for the parish ministry. For the first time, the prevailing focus in pastoral theological research on individual pastors and their individual practice is overcome. Against the background of professional theoretical approaches, the author examines the common practice of pastors in parish conferences and self-organized meetings with the help of an empirical-qualitative survey. Collegial groups provide mutual assurance, ensure professional action and preserve the autonomy of individual pastors and the entire professional group. The work in these groups is for the first time described and appreciated as an independent field of pastoral activity. On this basis, the author develops the pastoral theological thesis that the parish profession has a collective dimension and opens a new perspective for the reflection of common work within the professional group. The author received her doctorate in 2018 with this thesis.

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Gemeinsam autonom sein
Eine Untersuchung zu kollegialen Gruppen im Pfarrberuf
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1EINLEITUNG
Hätte die vorliegende Arbeit ein Titelbild, würde es Folgendes zeigen: Eine Gruppe von Pfarrerinnen/Pfarrern1 sitzt um einen großen Tisch. Er ist reich gedeckt, das Foto wurde bei einem gemeinsamen Essen aufgenommen. An den Gesten ist zu erkennen, dass die Männer und Frauen miteinander diskutieren, eine Pfarrerin lacht. Im Hintergrund sieht man einen Pfarrer, der gerade zur Tür hereinkommt. Er scheint sich verspätet zu haben. Bei dieser Gruppe – so würde es der Leser in einer Erklärung erfahren – handelt es sich um eine selbstorganisierte kollegiale Gruppe von Pfarrerinnen/Pfarrern, die sich seit vielen Jahren regelmäßig reihum in den Pfarrhäusern trifft. Sie kommen zusammen, um miteinander ein Thema zu bearbeiten oder einen Text zu lesen, um sich auszutauschen und gemeinsam zu essen.
Was zeigen andere pastoraltheologische Bücher auf ihren Titelbildern – sofern sie welche haben? Auf dem Bändchen von Christian Grethlein aus dem Jahr 2009 ist ein Kleiderständer zu sehen.2 An ihm hängen sowohl ein Talar als auch ein Anzug für einen Mann. Stefan Bölts und Wolfgang Nethöfel zeigen auf ihrem Sammelband zu empirischen Studien zum Pfarrberuf eine als Pfarrer verkleidete männliche Puppe.3 Die Zeichnung auf Anke Wiedekinds Dissertation »Wertewandel im Pfarramt« lässt eine männliche Person im ›Bürooutfit‹ erkennen.4 Die Figur wirft einen Schatten an die Wand, die die vermeintliche Pfarrperson mit Heiligenschein und Flügeln zeigt.
Alle drei Bücher haben eines gemeinsam: Sie zeigen eine einzelne männliche Pfarrperson.5 Diese Bilder decken sich auch mit dem Inhalt dieser und vieler weiterer pastoraltheologischer Entwürfe (vgl. Kap. 2). Sie haben die einzelne Pfarrperson und ihre individuelle Praxis zum Gegenstand, die primär in der parochialen Kirchengemeinde verortet wird. Diese Tendenzen scheinen u. a. durch das methodische Vorgehen der empirischen Forschung bedingt zu sein, die primär Einzelne hinsichtlich ihrer individuellen Praxis befragt (vgl. 2.2).
Wie verhält es sich mit der kollegialen Gruppe, die sich zu Beginn dieser Einleitung im Pfarrhaus trifft und deren Bild das Cover der vorliegenden Arbeit schmücken könnte? Inwiefern wird sie in der pastoraltheologischen Forschung berücksichtigt? Kollegiale Gruppen bzw. die Bedeutung anderer Pfarrerinnen/Pfarrer für die Berufsausübung werden zwar in der Forschung thematisiert, aber entweder auf direkte Kooperation von Pfarrerinnen/Pfarrern bezogen, etwa im Teampfarramt; oder ihre Bedeutung wird lediglich für die Selbstleitung6 bedacht und für die davon abgeleitete Berufsbewältigung des Einzelnen.
Die vorliegende Arbeit geht hingegen einen anderen Weg. Sie entwickelt die These, dass dem Pfarrberuf eine kollektive Dimension innewohnt: Der Pfarrberuf wird zu einem beträchtlichen Anteil von Tätigkeiten bestimmt, die mit anderen Kolleginnen/Kollegen ausgeführt werden, etwa in Form direkter Zusammenarbeit in Kirchengemeinden oder Projektgruppen. Darüber hinaus gibt es aber auch Begegnungen in Fortbildungsgruppen oder Pfarrkonferenzen,7 also in kollegialen Zusammenkünften, die der Fortbildung, der Informationsweitergabe und dem kollegialen Austausch dienen.8 Die Arbeit in kollegialen Gruppen ist im Pfarrberuf nicht nur quantitativ wichtig. Auch berufstheoretisch kommt ihnen eine elementare Bedeutung zu: Hier wird nicht nur der Einzelne in seiner Selbstleitung gestärkt, sondern auch – sozial fassbar in der kollegialen Gruppe – die Berufsgruppe als eigenständige Größe.
Kollegiale Gruppen, die der Fortbildung und der gemeinsamen Reflexion im Pfarrberuf dienen, sind der Forschungsgegenstand der vorliegenden Arbeit.9 An ihrem Beispiel wird die Forschungsfrage untersucht (vgl. 3.3.3): Welche Funktionen haben kollegiale Gruppen10 für den Pfarrberuf?11
Im Verlauf des Forschungsprojektes hat es sich als sinnvoll erwiesen, unterschiedliche Formen kollegialer Gruppen zu differenzieren (vgl. 3.3.3): Erstens Gruppen, die von Pfarrerinnen/Pfarrern selbst initiiert und organisiert werden, etwa Predigtvorbereitungsgruppen. Zweitens Gruppen, die von anderen, meist der Kirchenleitung organisiert werden, z. B. die Pfarrkonferenz. Drittens institutionalisierte Gruppen auf Zeit, etwa Fortbildungsgruppen, die für eine Woche in einer Fortbildungseinrichtung zusammenkommen und anschließend wieder auseinandergehen. Und viertens kooperative Formen, z. B. das Pfarrteam in einer größeren Kirchengemeinde.
Im Zentrum der folgenden Ausarbeitung steht eine umfassende qualitativ-empirische Erhebung in Form von Gruppendiskussionen mit selbst- und fremdorganisierten kollegialen Gruppen von Pfarrerinnen/Pfarrern (vgl. Kap. 5).12 Die Interviews wurden methodisch mithilfe des Gruppendiskussionsverfahrens geführt, ein offenes Konzept, das den Interviewten die Möglichkeit gibt, ihr Relevanzsystem zu entfalten (vgl. Kap. 4). Durch dieses Vorgehen orientiert sich die Studie bereits auf methodischer Ebene am Kollektiv und nicht am Individuum. Thematisch stand in den Interviews die Handlungspraxis der jeweiligen Gruppe im Mittelpunkt. Die Auswertung der Gruppendiskussionen erfolgt anhand der dokumentarischen Methode, die eng an das Gruppendiskussionsverfahren gekoppelt ist und sich vor allem für die Erforschung kollektiver Wissensbestände eignet. Der methodologische Hintergrund dieses Erhebungs- und Auswertungsverfahrens wird in Kapitel 4 entfaltet. Anschließend stellt Kapitel 5 die Ergebnisse der Auswertung dar. Es handelt sich bei diesem umfangreichen Kapitel um das Herzstück der Arbeit: Die gesamte Ausarbeitung gründet im empirischen Material.
Die Auswertung der Gruppendiskussionen mündet in die Ausarbeitung der ›Struktur des autonomen Wechsels‹ (vgl. 5.8): Sie besagt u. a., dass Pfarrerinnen/Pfarrer in ihrer Berufsausübung nach Autonomie streben, die sich in den Gesprächen in einer strukturellen und thematischen Wechselstruktur zeigt. Die Befragten legen sich in den Gruppendiskussionen sprachlich nicht fest, wechseln sprachlich hin und her und erzählen gleichzeitig von Wechselsituationen in ihrer Berufspraxis, etwa dem Übergang von einem Raum in den anderen. Genau in diesen Wechseln zeigt sich in den Gruppendiskussionen das Streben nach Autonomie und wird eine Praxis der Autonomiewahrung dokumentiert, die in den ›Wechselzonen‹ der Berufspraxis verortet ist.13
Die Ergebnisse der Auswertung des empirischen Materials werden in Kapitel 6 mit grundlegenden Gedanken professionssoziologischer Ansätze (vgl. Kap. 3) verbunden. Der Grundgedanke dabei: Der Berufsgruppe kommt im berufstheoretischen Sinn eine eigene Funktion zu. In institutionalisierten Formen, z. B. in kollegialen Gruppen, legt die Berufsgruppe Handlungsregeln fest und sichert dadurch ihre Autonomie – sowohl die der Berufsgruppe, als auch die jeder Einzelnen. Durch die Berücksichtigung der Ebene der Berufsgruppe kann der professionstheoretische Entwurf von Isolde Karle14 erweitert werden, die den Pfarrberuf als Profession lediglich auf der Ebene individueller Handlungspraxis bedenkt (vgl. 3.3.2 und Kap. 6). Kapitel 6 differenziert die unterschiedlichen Funktionen kollegialer Gruppen im Pfarrberuf in professionssoziologischer Perspektive und kann als ein in sich geschlossenes Forschungsergebnis gelesen werden.
Kapitel 7 geht noch einen Schritt darüber hinaus und macht die Ergebnisse für die Pastoraltheologie fruchtbar: Der Pfarrberuf hat eine kollektive Dimension. Wie kann sie pastoraltheologisch noch umfassender erforscht werden? Dazu bietet das abschließende Kapitel Perspektiven für die pastoraltheologische Forschung.
Ziel der vorliegenden Untersuchung ist es ausdrücklich nicht, die strukturell in der Kirche benötigte bzw. erwartete Zunahme kollegialer Kooperation zu fordern.15 Dahingegen wird die pastorale Arbeit in kollegialen Gruppen als ein Beispiel kollegialer Zusammenarbeit beschrieben und als eigenständiger wertvoller Tätigkeitsbereich pastoralen Handelns dargestellt.16 Diese berufliche Praxis, die vor allem von Gesprächsaustausch, Reflexion sowie Fortbildung geprägt wird, gilt es von kooperativen Formen zu unterscheiden. Die Erarbeitung der Funktionen kollegialer Gruppen für den Pfarrberuf kann darüber hinaus den kollektiven Kern der Berufsausübung deutlich machen: die gemeinsame Wahrung von Autonomie.
Der Aufbau der vorliegenden Arbeit in Kürze zusammengefasst: Kapitel 2 (›Allein Pfarrer sein‹) arbeitet das gegenwärtig in der Pastoraltheologie vorherrschende ›Paradigma des Einzelnen‹ aus. Es schließen sich in Kapitel 3 professionssoziologische Überlegungen zur Berufsgruppe an, die in die Darstellung des Forschungsgegenstandes sowie der Forschungsfrage münden. Kapitel 2 und 3 bieten die theoretische Grundlage der Studie. Kapitel 4 bereitet auf die Darstellung der Gruppendiskussionen in Kapitel 5 vor, indem Erhebungs- und Auswertungsmethoden (Gruppendiskussionsverfahren und dokumentarische Methode) präsentiert werden. Die Ergebnisse der Auswertung der Gruppendiskussionen folgen in Kapitel 5, das dem Leser gedanklich ermöglichen will, anhand ausgewählter Interviewausschnitte den sich zuspitzenden Weg bis zur ›Struktur des autonomen Wechsels‹ (vgl. 5.8) mitzugehen. Kapitel 6 greift auf die Ergebnisse aus Kapitel 3 zurück und erarbeitet auf der Basis von Kapitel 5 die Funktionen kollegialer Gruppen im Pfarrberuf in professionssoziologischer Perspektive. Kapitel 2 und Kapitel 7 bilden den pastoraltheologischen Rahmen der Arbeit: Die Erarbeitung der kollektiven Dimension des Pfarrberufs ›Gemeinsam Pfarrerinnen/Pfarrer sein‹ in Kapitel 7 antwortet auf das ›Paradigma des Einzelnen‹ in Kapitel 2.
Es handelt sich um eine qualitativ-empirische Forschungsarbeit, die das Phänomen kollegialer Gruppen im Pfarrberuf aus professionssoziologischer Sicht betrachtet und damit einen Beitrag zur Theorie des Pfarrberufs leistet.
Gunther Schendel hat 2017 im Auftrag des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD eine Aufsatzsammlung herausgegeben, in der u. a. auf der Basis empirischer Ergebnisse die Veränderungen im Pfarrberuf beleuchtet werden.17 Auf dem Cover des Buches ist eine Karikatur von Sisam Ben abgebildet. S...
Table of contents
- Cover
- Hinweise
- Titel
- Über die Autorin
- Impressum
- Vorwort
- Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 2. Allein Pfarrer sein. Eine pastoraltheologische Theorielinie
- 3. Die Bedeutung der Berufsgruppe in der Professionssoziologie
- 4. Methodik
- 5. Empirische Ergebnisse der Gruppendiskussionen
- 6. Funktionen kollegialer Gruppen für den Pfarrberuf in professionssoziologischer Perspektive
- 7. Gemeinsam Pfarrerinnen/Pfarrer sein. Die Integration einer kollektiven Dimension in die Theorie des Pfarrberufs
- 8. Literaturverzeichnis
- 9. Anhang
- Endnoten
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