B DARSTELLUNG
1. »JONA«: WORT, BEDEUTUNGEN, PERSON
»Jona« ist im HebrĂ€ischen Bezeichnung fĂŒr eine Vogelart. Von den gut fĂŒnfzig Belegen des Wortes in der HebrĂ€ischen Bibel, angefangen bei Gen 8,8, bezeichnen deutlich mehr als die HĂ€lfte eine Taube. Die Taube erscheint gehĂ€uft in der Geschichte der Arche Noah (Gen 8,8 â 12), im Buch Levitikus als Opfertier (vgl. auch Mk 11,25; Lk 2,24; Joh 2,14.16) und mit metaphorischem Gebrauch im Hohelied (Taube als Liebesbotin). Bei der Taufe Jesu wird der auf ihn herabkommende Geist Gottes mit einer Taube verglichen (wohl als Liebesbezeugung zu deuten, analog zur Himmelsstimme: »Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden.« [Mk 1,11]). SchlieĂlich ist in Mt 10,16 folgendes, an seine JĂŒnger gerichtetes Jesus-Wort ĂŒberliefert: »Siehe, ich sende euch wie Schafe mit unter die Wölfe; so seid nun klug wie die Schlangen und lauter/echt (âșunvermischtâč) wie die Tauben!«
Hier aber trĂ€gt ein Mann den Namen »Jona«, und in keinem Buch der Bibel erscheint das Wort »Jona« so hĂ€ufig wie in der Prophetenschrift, die so heiĂt. Dabei bezeichnen alle 18 Belege des Buches mit »Jona« diese Person. Sie erscheint im AT sonst nur noch in 2 Kön 14,25 und bezeichnet dort den TrĂ€ger dieses Namens auch in seiner Funktion als »Prophet« (in der Jona-Schrift wirkt er als Prophet, die Bezeichnung selbst aber fehlt). Eine Verbindung Jonas zur Prophetenschule des Elisa wird z. T. vermutet. Eine weitere Person, die diesen Namen trĂ€gt, findet sich in der Bibel nicht; die Belege fĂŒr Jona (griechische Namensform: »Jonas«) im NT (Mt 12,39 â 41; 16,4; Lk 11,29 f.32) beziehen sich ebenfalls auf diesen Propheten aus dem AT.
Tierbezeichnungen finden sich zwar auch fĂŒr andere Personen der Bibel (z. B. Ra[c]hel = Mutterschaf; Kaleb = Hund; Zippora = Vogel), gleichwohl ist der Name »Jona« fĂŒr einen biblischen Propheten doch ungewöhnlich. In der Bibel sind Namen vielfach explizit oder mittels eines Wortspiels implizit mit SinnzusammenhĂ€ngen verbunden (nomen est omen!). Es stellt sich die Frage, ob dies auch beim Namen Jona der Fall ist und â falls ja â was seine Bedeutung zum VerstĂ€ndnis seines Verhaltens bzw. der Botschaft der nach ihm benannten Schrift, in der Tiere und Pflanzen eine nicht unbedeutende Rolle spielen, beitrĂ€gt. Ein Sinnzusammenhang zwischen dem Namen des Propheten, der Bedeutung des Namens (Taube) und seinem Auftrag wird weder in 2 Kön 14,25 noch in der Jona-Schrift (ausdrĂŒcklich) hergestellt. Ob hintergrĂŒndig gleichwohl davon etwas mitschwingt, ist zu erwĂ€gen.
Die Flucht des Jona oder seine (angebliche?) »Flatterhaftigkeit« mit der Namensbedeutung »Taube« in Verbindung zu bringen, dĂŒrfte ebenso wie die Deutung Jonas als »Liebesbote« â contre cĆur â gegenĂŒber Ninive, hinter dessen Gerichtsbotschaft sich hintergrĂŒndig die Reue Gottes schattiert, zu weit hergeholt sein. Bedenkenswerter sind Spuren, die in die SintfluterzĂ€hlung und zum Zwölfprophetenbuch fĂŒhren. In der Bibel wird die Taube erstmals in der SintfluterzĂ€hlung (Arche Noah) erwĂ€hnt (Gen 8,8 â 12). Eine Verbindung zwischen der Taube aus der Arche und Jona wird durch den Umstand unterstĂŒtzt, dass in der Jona-Schrift mehrfach auf die Urgeschichte und insbesondere die Sintflut angespielt wird (Bosheit, Gottesgericht, »vierzig Tage«, Einbezug der Tiere, Reue und [kĂŒnftige] Verschonung). Damit wird ein Verstehensrahmen aufgebaut, der die Hörer dazu fĂŒhrt oder fĂŒhren kann, die Gleichlautung von jona »Taube« (SintfluterzĂ€hlung) und Person (Jona-Schrift) zu erkennen und zu interpretieren.
In der Eröffnungsschrift des Zwölfprophetenbuchs, in Hos 7,11, wird Ephraim (und mit ihm das Nordreich) mit einer unerfahrenen/einfĂ€ltigen (d. h. leicht zu betörenden/verfĂŒhrenden) Taube verglichen, die ohne Verstand (leb »Herz«) ist. Sie (die Nordreichbewohner) rufen Ăgypten an und laufen zu Assur hin. Gott wird sie â im Vogelbild bleibend â wie Vögel des Himmels (mit dem Fangnetz) herunterholen: sie, die von Gott geflohen sind (Hos 7,12 f.). Im Heilswort Hos 11,11 wird gesagt, dass die Nordreichbewohner zitternd kommen werden: wie ein Vogel aus Ăgypten und wie eine Taube aus dem Land Assur. In der Zeichnung des Untergangs Ninives in Nah 2 werden u. a. Dienerinnen (= Palastdamen?) erwĂ€hnt, die Klageriten ausfĂŒhren, indem sie gurren/stöhnen wie Tauben und sich auf ihre Brust (»Herz«) schlagen (V. 8). SchlieĂlich erscheint in Zeph 3,1 die hebrĂ€ische Lautfolge (haj)jona. Die naheliegende Ăbersetzung (partizipiales Adjektiv von jana[h]) ist »gewalttĂ€tig«: »die gewalttĂ€tige Stadt«. Falls hier und nachfolgend nicht Jerusalem, sondern mit den vorangehenden Versen Ninive gemeint sein sollte, ergibt sich eine IntertextualitĂ€t mit Jon 3 f. Dann wird man hinter der »gewalttĂ€tigen Stadt« auch â gegenlĂ€ufig! â »die Stadt, die des Jona« zu hören vermögen. Damit wĂ€re innerhalb des Zwölfprophetenbuchs die WeiterfĂŒhrung des Ninive-Ergehens von Jona (Verschonung) zu Nahum (Gericht) verknĂŒpft und bestĂ€tigt. Falls man Zeph 3,1 ff. auf Jerusalem zu beziehen hat, wird eine Analogie des Ergehens der beiden HauptstĂ€dte evident â möglich also, dass aufgrund des Lautklangs hinter der »gewalttĂ€tigen Stadt« ein Jona-Bezug durchscheint (Wortspiel).
Fazit: Unterschwellige, mit der Bedeutung »Taube« verbundene Sinnassoziationen im Blick auf die Gestalt und den Auftrag des »Jona« dĂŒrfen vermutet werden. Dies gilt namentlich mit Bezug auf die Sintflutgeschichte (Gen 8) und die Einbettung der Jona-Schrift in das Zwölfprophetenbuch.
Bleibt noch die Herkunftsbezeichnung »Sohn (ben) des Amittai«, mit der die Person eingefĂŒhrt wird (2 Kön 14,25; Jon 1,1). Dem Vaternamen »Amittai« liegt das Wort âemet »ZuverlĂ€ssigkeit, Treue« zugrunde. Damit wird Jona als »Sohn der/meiner [= Gottes] Treue« hörbar. AuffĂ€lligerweise wird in Jon 4,2 bei der AnfĂŒhrung der »Gnadenformel« Ex 34,6 das Wort âemet »Treue« weggelassen bzw. durch die ErwĂ€hnung des Sich-gereuen-Lassens Gottes ersetzt. Da die Treue den Aspekt der VerlĂ€sslichkeit (der Gnade) betont, diese aber von Jona bei Gott vermisst wird, dĂŒrfte das Fehlen des Wortes in 4,2 mehr als ein Zufall sein. Möglich also, dass eine theologische Pointe vorliegt: FĂŒr Jona, der die Treue des HERRN im (Vater-)Namen trĂ€gt (ben-Amittai), fallen Gnade und Treue Gottes auseinander: Ninive erfĂ€hrt aufgrund von Gottes Reue Gnade. Gerade dies untergrĂ€bt fĂŒr Jona die VerlĂ€sslichkeit Gottes, seines Wortes und seiner Gerechtigkeit.
2. AUFBAU UND LITERARISCHE GESTALTUNG DER JONA-SCHRIFT
2.1. Zur Struktur
Die »Jona«-Schrift ist keine Aufreihung von geschichtlichen AblĂ€ufen (und damit »Geschichte« im engeren Sinn), sondern in ihr werden selektiv (reale oder fiktive) Geschehnisse ausgewĂ€hlt, moduliert und als literarische Komposition gestaltet. Meist wird, aufgrund der Analogie der Aussagen von 1,1(â3) und 3,1(â3), von einer HauptzĂ€sur ausgegangen, welche die Schrift in die Teile (Szenen) Jon 1 â 2 (I) und Jon 3 â 4 (II) untergliedert. Die weitere Unterteilung in Episoden ist fĂŒr I nicht strittig, bei II werden in Jon 4 z. T. unterschiedliche Abgrenzungen vorgenommen. Wir gehen von folgender Gliederung aus:
| I | Jona 1 â 2 (»Meer«) | II | Jona 3 â 4 (»Land«) |
| 1,1 â 3 | Beauftragung und Verweigerung | 3,1 â 3a | Beauftragung und Gehorsam |
| 1,4 â 16 | Der Sturm auf dem Meer | 3,3b â10 | Gerichtsansage und Umkehr Ninives |
| 2,1 â 11 | Jona im Fisch: Gebet und Rettung | 4,1 â 4 | Jona in der Stadt: Gebet und Antwort |
| | 4,5 â 11 | Im Dialog: Zorn oder Mitleid? |
Die Analogie zwischen 1,1 â 3 und 3,1 â 3 fördert die Annahme, dass auch zwischen den anderen Episoden Ăhnlichkeiten vorliegen (könnten). Ist dem so, erhellen sich die Abschnitte wechselseitig und wollen entsprechend »parallel« verstanden werden. Derartige Parallelen gibt es tatsĂ€chlich, allerdings wird man sie nicht zu sehr »erzwingen« dĂŒrfen, zumal auch zwischen anderen Teilen Verbindungen und gegenlĂ€ufige Momente vorliegen. So liegt eine ParallelitĂ€t zwischen 1,4 â 16 und 3,3bâ10 insofern vor, als in beiden Passagen »Heidenleute« (Seefahrer und Niniviten) vorkommen, die â wenn auch aus unterschiedlichen GrĂŒnden und in je anderer Weise â in einer lebensbedrohlichen Lage sind und durch Gottes Handeln bzw. Nichthandeln ihr ...