Wo ist der Ort der Kirche in einer zunehmend entkirchlichten Gesellschaft? Worin liegen ihre Aufgaben? Soll sie sich auf sich selbst und ihre Mitglieder beschrĂ€nken oder sich dem Sozialraum öffnen? In sechs Fallstudien wird diesen Fragen konkret nachgegangen. Kirchengemeindliche Akteure wie auch andere zivilgesellschaftlich aktive Menschen wurden zu ihren Beziehungen, Kooperationen und gegenseitigen Wahrnehmungen befragt. Die Ergebnisse zeigen eine ĂŒberraschende Offenheit sowohl der Kirchengemeinden gegenĂŒber ihrer Umwelt als auch der Vereine, Initiativen, Gruppen, Kommunalpolitik u.a. gegenĂŒber der Kirchengemeinde â ĂŒberraschend, weil Kirche oftmals als altmodisch, unmodern etikettiert wird. Sie nimmt aber offensichtlich je nach konkreten Bedingungen vor Ort zentrale Funktionen fĂŒr das Gemeinwesen wahr.[Unexpectedly Open â Parishes in Civil Society]Where is the place of church in an increasingly unchurched society? What are its tasks? Should it deal mainly with itself and its members or open up to the surrounding social area? In six case studies these questions are dealt with in detail. Congregational actors as well as other people who are actively involved in civil society were asked about their relationships, cooperations and mutual perceptions. The results show a surprising openness of the parishes towards their environment as well as of the associations, initiatives, groups, local politicians and other actors towards the parishes â surprising, because church is often labeled as old-fashioned, out-dated. However, parishes obviously fulfill central functions for the community, according to the specific conditions on site.

eBook - ePub
Ăberraschend offen
Kirchengemeinden in der Zivilgesellschaft
- 324 pages
- English
- ePUB (mobile friendly)
- Available on iOS & Android
eBook - ePub
About this book
Trusted by 375,005 students
Access to over 1.5 million titles for a fair monthly price.
Study more efficiently using our study tools.
Information
1.EINLEITUNG
Wenn Kinder Bilder von Dörfern oder StĂ€dten malen, dann ragt meistens zwischen allerlei windschiefen HĂ€usern irgendwo ein Kirchturm empor. Ein spitzes Dach und eine Turmuhr reichen als Erkennungsmerkmale. Vielleicht nimmt noch ein Kreuz auf der Turmspitze Platz. Die »Kirche im Dorf lassen« verweist gleichsam sprichwörtlich auf den angestammten Ort dieses GebĂ€udes und steht synonym fĂŒr NormalitĂ€t und Bodenhaftung. Und nicht nur im Dorf, auch in der Stadt prĂ€gen die Kirchen bis heute ganz selbstverstĂ€ndlich die Silhouette â selbst wenn so mancher Wolkenkratzer sie mittlerweile an Höhe ĂŒberragt. NatĂŒrlich, die Kirche gehört dazu, zum Ort, zu den Menschen! Was also soll eine Studie ĂŒber die Kirchengemeinden in Dorf und Stadtteil?
Offensichtlich geht es bei dieser Frage nicht um eine rĂ€umliche, sondern um eine gesellschaftliche Positionsbestimmung: Welche Rolle haben Kirchen fĂŒr den sie umgebenden Sozialraum, sei es im Dorf oder in der Stadt? Sind sie bloĂ da, weil sie schon immer da waren? Steinerne Zeugen einer lĂ€ngst vergangenen, frommen Epoche â heute nicht mehr als Anlaufstellen fĂŒr einsame Hochbetagte und glĂ€ubige Anachronisten? Oder aber sind die Kirchen aktive gesellschaftliche Akteure im Ort, deren Handeln ĂŒber die Kirchenmauern und die schrumpfende Gruppe an Mitgliedern hinausragt?
Kirche und Zivilgesellschaft â ein neu entdecktes Thema
Dass diese Frage nicht nur fĂŒr Kirchenvertreter1 relevant ist, zeigt sich am Beispiel des kirchlichen Engagements im Rahmen der sogenannten »FlĂŒchtlingskrise« im Jahr 2015: Die humanitĂ€ren Hilfsleistungen von Kirchengemeinden, wie zum Beispiel Kleiderspenden, die Organisation von Sprachkursen oder Hilfe bei BehördengĂ€ngen, haben genauso wie die politische Positionierung von Pfarrern und Bischöfen die mediale Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Welche Rolle spielen Kirchen im Gemeinwesen? Wie weit sollen sie sich in politische oder gesellschaftliche Debatten einmischen?
Das VerhĂ€ltnis von Kirche und Zivilgesellschaft ist ein Thema, das in den letzten Jahren sowohl in kirchlichen wie auch wissenschaftlichen Diskursen eine breite Rezeption erfahren hat. WĂ€hrend die Zivil- oder BĂŒrgergesellschaft seit Jahrzehnten sowohl in der Forschung als auch in der Politik ein Dauerbrenner ist, ist das Interesse an der Kirche in diesem Zusammenhang noch recht neu. Diese »GoldgrĂ€berstimmung« bezĂŒglich der zivilgesellschaftlichen Bedeutung von Kirche kann dabei â je nach Blickwinkel â aus ganz unterschiedlichen Motiven erklĂ€rt werden.
Aus religionssoziologischer Perspektive berĂŒhrt die Beziehung zwischen Kirche und Zivilgesellschaft die Kernfrage der Disziplin, nĂ€mlich die nach dem Ort von Religion in modernen Gesellschaften (Pollack 2002; Pickel 2011a). Dazu muss man wissen, dass die religionssoziologische Forschung in der zweiten HĂ€lfte des zwanzigsten Jahrhunderts weitgehend durch das SĂ€kularisierungsparadigma dominiert wurde. Demnach wĂŒrden modernisierungsbedingte Prozesse der Rationalisierung, Pluralisierung oder funktionalen Differenzierung die soziale Relevanz von Religion immer weiter verringern, so die gĂ€ngige These. In der entzauberten Zukunft wĂŒrde die Religion vielleicht nicht aus der Welt verschwunden sein; fĂŒr die soziale Ordnung einer Gesellschaft wĂ€re sie jedoch nicht mehr von Bedeutung (exemplarisch: Wilson 1982; Bruce 2002; Berger 1967; eine ausfĂŒhrliche Bibliographie findet sich zudem bei Pollack 2014). Seit der Jahrtausendwende hat diese MeistererzĂ€hlung ĂŒber die unaufhaltsame Entzauberung der Welt jedoch einige Dellen bekommen. Sicher, in Deutschland sinken die Zahlen der Kirchenmitglieder auch weiterhin. Aber die fortschreitende Ausbreitung religiöser Weltanschauungen jenseits von Westeuropa und die Wucht, mit der Religion seit einigen Jahren in die politische und mediale Ăffentlichkeit auch hierzulande zurĂŒckgekehrt ist, hat zu wachsender Kritik an der SĂ€kularisierungsthese gefĂŒhrt, selbst aus den eigenen Reihen (Berger 1999). Neben den »klassischen« Theorien von SĂ€kularisierung oder Privatisierung werden daher zunehmend auch alternative Entwicklungspfade diskutiert, wie zum Beispiel die Idee einer stĂ€rker öffentlich diskursiv agierenden Religion (Habermas 2001; Habermas & Ratzinger 2005), einer »public religion« (Casanova 1994; Herbert 2003) oder einer »vicarious religion« (Davie 2000). Ideen, die allesamt davon ausgehen, dass der Ort der Religion in der Moderne weder im Privaten noch in der NĂ€he des Staates zu suchen ist, sondern einzig in der SphĂ€re der Zivilgesellschaft zu finden ist. Umgekehrt hat die Religionssoziologie auch ein Interesse an Kirchen als Faktoren, die zur Entstehung und Stabilisierung heutiger Zivilgesellschaften beitragen. Hier sind an erster Stelle Forschungsarbeiten zu nennen, die sich mit der Bedeutung von Religionsgemeinschaften als Quellen von Sozialkapital beschĂ€ftigen (exemplarisch Putnam 2000; Verba et al. 1995; sowie fĂŒr den deutschen Kontext: Pickel 2015; TraunmĂŒller 2009).
Aus binnenkirchlicher Perspektive besteht das Interesse an der Zivilgesellschaft vor allem darin, dem öffentlichen Bedeutungsverlust von Kirche und Religion angesichts der verĂ€nderten Rahmenbedingungen durch eine Neujustierung des VerhĂ€ltnisses zwischen Kirchengemeinden und ihrem sozialrĂ€umlichen Kontext entgegenzuwirken (zusammenfassend: Schramm 2018). Verschiedene Reformideen beschĂ€ftigen sich daher mit der Frage, wie der Umbau von ehemals staatskirchlichen und heute noch bĂŒrokratischen, anstaltsförmigen und hierarchischen Organisationsstrukturen zu stĂ€rker deliberativen und gestaltenden zivilgesellschaftlichen Akteuren ablaufen kann. Zu nennen sind hier etwa die ursprĂŒnglich aus dem anglikanischen Raum stammende Idee der »Fresh Expressions of Church«, der entsprechend durch NeugrĂŒndung von Personal-Kirchengemeinden in ErgĂ€nzung zu den Parochialgemeinden »gemeindliches Leben im Nahbereich« wieder besser ermöglicht werden soll, etwa durch milieusensible, zielgruppenspezifische Arbeit (Herbst 2012; Ă€hnlich auch Hempelmann 2012) oder auch die Idee der »Gemeinwesendiakonie«, die eine stĂ€rkere zivilgesellschaftliche Ăffnung der Kirchengemeinden durch eine engere Verzahnung kirchlicher und diakonischer Akteure im Sozialraum anstrebt (Diakonisches Werk der EKD 2007; zusammenfassend: Horstmann & Neuhausen 2010; vgl. auch Potz 2012; Diakonie Deutschland 2013). Im Kern geht es dabei um die Frage, ob die Kirche sich stĂ€rker in ihrer sozialen Umwelt platzieren und engagieren sollte oder aber, ob sie sich auf ihre Kernkompetenz, die Vermittlung des Heilsversprechens beschrĂ€nken sollte (Pollack 2002). Neuere theologische AnsĂ€tze sehen in diesen beiden Polen hingegen eher eine ErgĂ€nzung und keinen Widerspruch (zum Beispiel Schramm 2018). In den letzten Jahren kamen weitere Arbeiten aus dem Bereich der praktischen Theologie hinzu, die ausgehend vom jeweiligen VerstĂ€ndnis der Kirchengemeinde auf der einen Seite und der Zivilgesellschaft auf der anderen Seite nach Ăberschneidungen und Differenzen zwischen beiden suchten (Schendel 2015; Schramm 2018; Wegner 2017a). Nicht zuletzt sind in diesem Zusammenhang die Diskussionen um die Möglichkeiten und Begrenzungen zivilgesellschaftlicher Arbeit von Kirche zu nennen, wie sie im deutschsprachigen theologischen Diskurs im Rahmen des Konzepts der »öffentlichen Theologie« stattfinden (Huber 2015; Bedford-Strohm 2012).
Und schlieĂlich sei auf den Bereich der sozialen Arbeit und Sozialraumentwicklung hingewiesen, dessen eher praxisorientiertes Interesse am Thema Kirche und Zivilgesellschaft sich vor allem in einer zuletzt gewachsenen SensibilitĂ€t fĂŒr die Bedeutung von Religionsgemeinschaften bei der lokalen Wohlfahrtserbringung ergibt (Böllert et al. 2015). Hier stehen Fragen im Fokus, wie Kirchengemeinden stĂ€rker in die Gestaltung von lebenswerten SozialrĂ€umen einbezogen werden können, etwa im Bereich der sozialen Dienste, der Koordination von Ehrenamtlichen, der Netzwerk- oder Kulturarbeit oder auch, wie zuletzt, bei der Aufnahme von GeflĂŒchteten.
Viele Diskussionen, aber wenig (empirische) Forschung
Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass die Frage von Kirchengemeinden in der Zivilgesellschaft derzeit ein Thema ist, das aus verschiedenen Perspektiven neu ausgeleuchtet wird. Umso mehr verwundert es, dass empirische Forschungsarbeiten, die sich mit der zivilgesellschaftlichen Relevanz von Religionsgemeinschaften in Deutschland beschĂ€ftigen, weitgehend fehlen. Vor allem die binnenkirchliche Debatte verharrt meist auf einer normativen Ebene: Man preist das zivilgesellschaftliche Potenzial von Kirchen, verweist auf zahlreiche Synergieeffekte (z. B. Pickel 2011a; Nolte 2009; Bedford-Strohm 2012) oder diskutiert darĂŒber, was Kirche in der Zivilgesellschaft soll oder darf, aber die tatsĂ€chliche Bedeutung der Kirche fĂŒr die Zivilgesellschaft bleibt bis auf anekdotisches Erfahrungswissen empirisch weitgehend unbestimmt.
Bei einem Ăberblick ĂŒber die vorhandene Forschungsliteratur zum Thema Kirche und Zivilgesellschaft fallen zahlreiche blinde Flecken auf. Aufgrund des Vakuums im Bereich der empirisch-soziologischen Arbeiten zur Rolle der Kirche in der deutschen Zivilgesellschaft wird in kirchlichen wie auch in wissenschaftlichen Diskussionen gerne die in diesem Punkt deutlich besser erforschte Situation in den USA als Fallbeispiel angefĂŒhrt. TatsĂ€chlich wurde in einer Reihe von Studien die fruchtbare Kooperation von Kirche und Zivilgesellschaft in den USA verdeutlicht (exemplarisch: Putnam 2000; Verba et al. 1995). Die Ergebnisse dieser Forschungen lassen sich jedoch so gut wie nicht auf den europĂ€ischen bzw. deutschen Kontext ĂŒbertragen, was sich in erster Linie durch die wohlbekannten Unterschiede der religiösen Landschaften diesseits und jenseits des Atlantiks erklĂ€ren lĂ€sst: Die US-amerikanische Bevölkerung zeichnet sich nicht nur durch ein deutlich höheres MaĂ an religiöser VitalitĂ€t sowie konfessioneller DiversitĂ€t aus; die kirchliche Organisationsstruktur ist im Vergleich zu Deutschland horizontaler und partizipativer, die Kirchen setzen stĂ€rker auf die Eigeninitiative und aktive Mitgestaltung durch die Mitglieder (Warner 1994; Ammerman 2005). Folgt man der klassischen Analyse von Alexis de Tocqueville zur Demokratie in Amerika (2003 [1835/1840]), so ist es sogar genau diese partizipative Gemeindestruktur, die Kirchen zu einer unverzichtbaren StĂŒtze von liberaler Demokratie und Zivilgesellschaft in den USA haben werden lassen. Als sogenannte »intermediĂ€re Institutionen« vermitteln Kirchengemeinden gewissermaĂen zwischen dem Individuum und der Gesellschaft, zwischen Eigeninteresse und Gemeinwohl. Auf dieser Seite des Atlantiks zeigt sich hingegen ein kontrĂ€res Bild: Die religiöse Landschaft Westeuropas wird vor allem von schrumpfenden Kirchenmitgliederzahlen und immer weniger Gottesdienstbesuchern geprĂ€gt. In Deutschland kommt noch eine historisch tradierte enge Wahlverwandtschaft zwischen Kirche und Staat sowie eine völlig andere Organisationsform der Kirchen hinzu. Die verfassten Kirchen sind stark bĂŒrokratisch, hierarchisch, flĂ€chendeckend und parochial organisiert, d. h. Kirchenmitglieder werden immer zunĂ€chst der Kirchengemeinde zugerechnet, auf deren Gebiet sie leben, analog dem Prinzip der politischen Gemeinde. Diese Eigenschaften lassen Religionsgemeinschaften in Deutschland nach wie vor eher als staatliche Institutionen erscheinen (Wegner 2017a: 167) und nicht als zivilgesellschaftliche Akteure. In den USA hingegen gilt das kongregationale Prinzip, d. h. die Kirchengemeinden sind zwar in der Regel auch auf einen bestimmten Sozialraum bezogen, ihre Mitglieder mĂŒssen sich ihnen aber aktiv anschlieĂen. Da die religiöse DiversitĂ€t in den USA historisch bedingt deutlich gröĂer ist, findet meist eine aktive Auswahl aus mehreren Gemeinden statt. Dass diese unterschiedlichen Prinzipien Auswirkungen auf den Anteil aktiver Gemeindeglieder hat, liegt auf der Hand. Alles in allem ist also Vorsicht geboten, sei es nun aus wissenschaftlichem oder kirchenreformerischem Ăbereifer, die ZusammenhĂ€nge zwischen Kirchen und Zivilgesellschaft, wie wir sie in den USA vorfinden, auf Deutschland zu ĂŒbertragen (vgl. hierzu auch RoĂteutscher 2009: 413).
Nun ist es nicht so, dass die deutschsprachige Forschung sich bisher gar nicht mit den ZusammenhĂ€ngen zwischen Kirche und Zivilgesellschaft beschĂ€ftigt hĂ€tte. Der Fokus war jedoch ein völlig anderer. Nicht die Gemeinde stand hier im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sondern wahlweise Religion im Allgemeinen als gesellschaftliches Symbol- und Ordnungssystem, die Kirche als Institution oder aber die individuelle ReligiositĂ€t. Dies zeigt sich durch die verschiedenen Fachgebiete hindurch: Die historische Forschung hat sich vor allem mit den Entwicklungsmöglichkeiten einer bĂŒrgerlichen Gesellschaft in einer bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein kirchlich durchdrungenen deutschen Gesellschaft beschĂ€ftigt (BauernkĂ€mper & Nautz 2009; Borutta 2005). Die Ebene der Kirchengemeinde ist nur im eng begrenzten Rahmen singulĂ€rer historischer Ereignisse von Interesse, etwa wenn die Kirchengemeinden als Orte des Widerstands in den letzten Jahren der DDR betrachtet werden (WĂŒstenberg 2009).
Auch die Theologie hat sich bisher ĂŒberwiegend mit kirchentheoretischen Fragen beschĂ€ftigt, insbesondere, ob die christliche Kirche von ihrer Gestalt her ĂŒberhaupt eine zivilgesellschaftliche Akteurin sein kann. Diese Frage lĂ€sst sich dabei auf mindestens zwei Arten beantworten (zusammenfassend: Schendel 2015): Einerseits lĂ€sst sich vom Wesen der Kirche ausgehen und daraus auf ihre gesellschaftlichen Aufgaben schlieĂen (so etwa Reuter 2009; Huber 1998); andererseits kann man vom Wesen der Zivilgesellschaft ausgehen und daraus ableiten, welche zivilgesellschaftliche Rolle die Kirchengemeinden in ihr einnehmen (etwa bei Bleyer & Laux 2012). Zu welcher Antwort man dabei gelangt, hĂ€ngt selbstverstĂ€ndlich stark von den zugrundeliegenden Definitionen von »Kirche« und »Zivilgesellschaft« ab, die sich allerdings beide einer eindeutigen Definition entziehen. Zwar wurde diese Diskussion in den letzten Jahren immer wieder durch empirische Fallbeispiele unterfĂŒttert, allerdings ĂŒberwiegt in diesen Berichten eine kirchliche Binnenperspektive auf das PhĂ€nomen. Deutlich wird dies an der Vielzahl von »Best Practice-Beispielen«, die hĂ€ufig eher als kirchenreformerischer Vorschlag, denn als wissenschaftliche Fallstudien begriffen werden mĂŒssen (HĂ€rle et al. 2008; Herbst 2012; Diakonie Deutschland 2013). Erst in den letzten Jahren ist durch die aus dem anglo-amerikanischen Raum stammende Forschung der »Congregational Studies« (Demerath & Farnsley 2007) auch innerhalb der praktisch-theologischen Kirchentheorie ein gröĂeres Interesse an empirischem Material zur Rolle der Kirchengemeinde in der Zivilgesellschaft entstanden (Latzel & Wegner 2017).
Und schlieĂlich haben auch die Soziologie und die Politikwissenschaft die Ebene der Kirchengemeinden lange weitgehend ignoriert. Auf der einen Seite finden sich hier makrosoziologische Studien, die die Rolle der Kirche als Institution in der Zivilgesellschaft analysieren, etwa im Rahmen politischer oder öffentlicher Diskurse (Casanova 1994; Könemann et al. 2015). In diesen Bereich fĂ€llt auch die seit der Jahrtausendwende stark gewachsene Literatur, die sich mit den ZusammenhĂ€ngen zwischen Religion im Allgemeinen und Zivilgesellschaft beschĂ€ftigen, ohne dabei jedoch die Rolle von Kirchengemeinden explizit in den Blick zu nehmen (Casanova 2001; Adloff 2007; Liedhegener & Werkner 2011; RoĂteutscher 2009). Auf der anderen Seite gibt es einen wachsenden Bereich mikrosoziologischer Studien zum Einfluss individueller ReligiositĂ€t oder der Kirchenmitgliedschaft auf die Verteilung von Sozialkapital oder die Bereitschaft zum zivilgesellschaftlichen Engagement (Ohlendorf & Sinnemann 2017; Pickel 2015; TraunmĂŒller 2009; Seidelmann 2012). Zwischen diesen Polen gibt es jedoch so gut wie keine Forschung zum VerhĂ€ltnis von Kirche und Zivilgesellschaft auf einer Meso-Ebene, das heiĂt dem konkreten zivilen Engagement, den zivilgesellschaftlichen Angeboten und Netzwerken von Kirchengemeinden im Sozialraum. Eine Ausnahme bildet das vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD entwickelte »Kirchengemeindebarometer«, das erstmals auch empirische Daten zur Vernetzung von Kirchengemeinden im Sozialraum zur VerfĂŒgung stellt (Rebenstorf et al. 2015). Und auch in der letzten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD aus dem Jahr 2015 gab es einen ersten Versuch, sozialrĂ€umliche Vernetzungen einer exemplarischen Kirchengemeinde durch netzwerktheoretische Methoden einzufangen (Bedford-Strohm & Jung 2015). DarĂŒber hinaus existieren empirische Arbeiten zu nicht-evangelischen Kirchengemeinden und deren zivilgesellschaftlicher Relevanz etwa fĂŒr religiöse Gemeinden von Migranten (Nagel 2015) oder fĂŒr katholische Gemeinden (Zimmer et al. 2017).
GrundsÀtzlich fehlt es jedoch an akteurszentrierten Fallstudien, die im Gegensatz zu quantitativ-vergleichenden Analysen in der Lage sind, die KomplexitÀt der ZusammenhÀnge zwischen Religion, Kirche und Zivilgesellschaft auf der Meso-Ebene abzubilden (zu einem Àhnlichen Schluss gelangen auch Liedhegener & Werkner 2011: 24).
Die Studie: »Kirchengemeinde und Zivilgesellschaft«
Als Konsequenz aus diesen blinden Flecken bleibt eine Reihe von Fragen bislang unbeantwortet: Welchen Beitrag leisten (protestantische) Kirchengemeinden in Deutschland zum Bestehen und Funktionieren von Zivilgesellschaft vor Ort? Welche zivilgesellschaftlichen Funktionen erfĂŒllen Kirchengemeinden im Sozialraum? Sind sie â Ă€hnlich wie fĂŒr den US-amerikanischen Fall beschrieben â eine tragende SĂ€ule der Zivilgesellschaft? Oder ist die Zivilgesellschaft in Deutschland sĂ€kular geprĂ€gt und sind Kirchengemeinden mehr oder weniger ĂŒberflĂŒssig fĂŒr deren Bestehen? Wie steht es um die grundsĂ€tzliche Offenheit in der Zusammenarbeit von Kirchengemeinden und anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren? Und welche Rahmenbedingungen begĂŒnstigen oder hemmen das zivilgesellschaftliche Engagement von Kirchengemeinden?
Mit der vorliegenden Studie möchten wir an diese Fragen anknĂŒpfen. Hierzu prĂ€sentieren wir die Ergebnisse eines empirischen Forschungsprojektes mit dem Titel »Kirche und Zivilgesellschaft...
Table of contents
- Cover
- Title
- Ăber die Autoren
- Impressum
- Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 2. Theoretischer Rahmen
- 3. Datengrundlage und Methode
- 4. Sechs Fallstudien
- 5. Kirche vor Ort aus Sicht der Bevölkerung
- 6. Zivilgesellschaftliche Arbeit von Kirchengemeinden â einige Hypothesen
- 7. Fazit & Diskussion
- Welche Zukunft hat die Kirchengemeinde in Deutschland? â Zu einigen Kontexten der Studie (Gerhard Wegner)
- Literaturverzeichnis
- Anhang A: GesprÀchsleitfÀden
- Anhang B: Egozentrierte Netzwerkkarten
- Anhang C: Fragebögen
- Endnoten
Frequently asked questions
Yes, you can cancel anytime from the Subscription tab in your account settings on the Perlego website. Your subscription will stay active until the end of your current billing period. Learn how to cancel your subscription
No, books cannot be downloaded as external files, such as PDFs, for use outside of Perlego. However, you can download books within the Perlego app for offline reading on mobile or tablet. Learn how to download books offline
Perlego offers two plans: Essential and Complete
- Essential is ideal for learners and professionals who enjoy exploring a wide range of subjects. Access the Essential Library with 800,000+ trusted titles and best-sellers across business, personal growth, and the humanities. Includes unlimited reading time and Standard Read Aloud voice.
- Complete: Perfect for advanced learners and researchers needing full, unrestricted access. Unlock 1.5M+ books across hundreds of subjects, including academic and specialized titles. The Complete Plan also includes advanced features like Premium Read Aloud and Research Assistant.
We are an online textbook subscription service, where you can get access to an entire online library for less than the price of a single book per month. With over 1.5 million books across 990+ topics, weâve got you covered! Learn about our mission
Look out for the read-aloud symbol on your next book to see if you can listen to it. The read-aloud tool reads text aloud for you, highlighting the text as it is being read. You can pause it, speed it up and slow it down. Learn more about Read Aloud
Yes! You can use the Perlego app on both iOS and Android devices to read anytime, anywhere â even offline. Perfect for commutes or when youâre on the go.
Please note we cannot support devices running on iOS 13 and Android 7 or earlier. Learn more about using the app
Please note we cannot support devices running on iOS 13 and Android 7 or earlier. Learn more about using the app
Yes, you can access Ăberraschend offen by David Ohlendorf, Hilke Rebenstorf in PDF and/or ePUB format, as well as other popular books in Theologie & Religion & Christliche Theologie. We have over 1.5 million books available in our catalogue for you to explore.