"Ich wollte keine Glatze haben. Schon aus dieser Angst heraus haben wir jeden Tag gelaust. KleiderlĂ€use, HaarlĂ€use, alles." An die Lagerhaft erinnert sich Else Thomas noch heute. Mit Papierrollen drehen die Frauen sich Locken. Auch im Lager wollen sie schön sein. Geschichten wie diese gibt es viele. Mitarbeiter des SĂ€chsischen Landesbeauftragten haben sie in Interviews gesammelt. Sie sprachen mit Menschen, die Opfer politischer Gewalt wurden, die in sowjetischen Lagern saĂen, aus ihrer Heimat an der innerdeutschen Grenze vertrieben wurden, wegen Protestaktionen oder Fluchtversuchen hinter Gitter kamen. Nancy Aris hat eine Vielzahl solcher Lebensgeschichten durchgesehen, fesselnde Passagen ausgewĂ€hlt und erneut mit den Frauen und MĂ€nnern hinter diesen Geschichten gesprochen. Entstanden sind 32 packende PortrĂ€ts, die, so erschĂŒtternd sie sind, auch von hoffnungsfroh stimmenden Zeichen der Mitmenschlichkeit berichten.Zahlreiche Fotos und Dokumente illustrieren die Berichte.Margot Jann +++ Alexander Latotzky +++ Sabine Popp +++ Horst KrĂŒger +++ Else Thomas +++ Harald Möller +++ Annemarie Krause +++ Richard Böttge +++ und andere

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Information
Ăbersicht ĂŒber die Interviews
Die folgenden Zusammenfassungen geben einen kurzen thematischen Ăberblick ĂŒber die einzelnen Interviews, denn nicht alle in den Interviews angesprochenen Themen konnten in den PortrĂ€ts aufgenommen werden. Die stichwortartigen Inhaltsangaben dienen als Orientierungshilfe fĂŒr Forscher oder Multiplikatoren, die gezielt nach Informationen zu einzelnen Themen suchen.
Alle Interviews wurden im FrĂŒhjahr 2010 von Ralf Marten und Utz Rachowski gefĂŒhrt. Beide suchten ihre Interviewpartner in deren Wohnorten, bei sich zu Hause auf. Nur wenige Interviews wurden woanders gefĂŒhrt, nĂ€mlich in Bautzen, am Rande des Bautzen-Forums, oder in Leipzig und Dresden. Dieser aufsuchende Ansatz wurde ganz bewusst gewĂ€hlt, weil der Landesbeauftragte die Zeitzeugen in ihrer vertrauten Umgebung zu Wort kommen lassen wollte. Dadurch sollten möglichst viele Störfaktoren ausgeklammert und das MaĂ an Aufgeregtheit kleingehalten werden. FĂŒr jeden Zeitzeugen wurde unabhĂ€ngig von der GesprĂ€chsdauer ein Tag eingeplant.
Bei den Interviews handelt es sich um Filmaufzeichnungen. Die Entscheidung, die Interviews mit zwei Interviewern zu bestreiten, ergab sich auch aus diesem Umstand. Sie war bewusst getroffen worden, denn zum einen sollte der das GesprĂ€ch fĂŒhrende Interviewer nicht durch technische Details der Aufnahme (Licht, Kameraeinstellung, Speicher) abgelenkt werden, zum anderen konnte der zunĂ€chst nur zuhörende Interviewer das GesprĂ€ch aufmerksam verfolgen, LĂŒcken wahrnehmen und im zweiten Teil des Interviews gezielt Nachfragen stellen.
Die Interviews folgten einem vorher festgelegten Frageraster, das jedoch situationsabhĂ€ngig angepasst wurde. Durch die Auswahl zweier sehr unterschiedlicher Interviewer war es uns möglich, zwei ungleiche FrageansĂ€tze zu kombinieren. WĂ€hrend der Schriftsteller Utz Rachowski, der den ersten Teil des Interviews ĂŒbernahm, selbst mit dem SED-Staat in Konflikt geraten war und intensive Repressionserfahrungen machen musste, eher einen emotionalen, empathischen Zugang zu den Zeitzeugen wĂ€hlte, war der Historiker Ralf Marten ein eher nĂŒchterner Frager, der das Gehörte mit seinem geschichtlichen Hintergrundwissen abglich und dementsprechende ergĂ€nzende Fragen stellte. Der Betroffenheitshintergrund von Utz Rachowski, der seit Jahren auch als BĂŒrgerberater fĂŒr den Landesbeauftragten tĂ€tig ist, war insofern wichtig, weil sich einige der Betroffenen ĂŒberhaupt nur deshalb auf ein Interview einlieĂen. Die Annahme, jemanden vor sich zu haben, der das ErzĂ€hlte zumindest atmosphĂ€risch einzuordnen vermag, war fĂŒr viele sehr wichtig.
Alle Interviews liegen als digitalisierte Videodaten und in transkribierter Form beim SĂ€chsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur vor und sind bis auf wenige Ausnahmen frei zugĂ€nglich und fĂŒr Forschungszwecke oder im Rahmen der politischen Bildung nutzbar.
Else Thomas
Else Thomas schildert ihre Kindheit und Jugend in Niederschlesien. Sie berichtet von den letzten Kriegswochen, vom HeranrĂŒcken der Roten Armee, den PlĂŒnderungen und Vergewaltigungen. Mit ihrer Mutter und Tante versteckte sie sich wochenlang und entging nur knapp einer Vergewaltigung.
Sie erzĂ€hlt von ihrer willkĂŒrlichen Verhaftung im MĂ€rz 1945. Mit anderen Frauen und MĂ€nnern kam sie in ein Sammellager fĂŒr Internierte in Oberschlesien. Sie berichtet, dass sie sich vor Hunger kaum auf den Beinen halten konnte. Sie spricht ĂŒber den vierwöchigen Transport in Viehwaggons nach Sibirien und ĂŒber die dortige Unterbringung in Baracken. AusfĂŒhrlich schildert sie die anstrengende Arbeit in einer Ziegelbrennerei, ihren Zwölf-Stunden-Arbeitstag bei sehr wenig Essen. Die hygienischen ZustĂ€nde beschreibt sie als katastrophal. Besonders Flöhe und LĂ€use plagten die Internierten.
Sie erzĂ€hlt von Konzerten, Tanzveranstaltungen und Theatervorstellungen, die spĂ€ter im Lager erlaubt waren und den Lageralltag etwas erleichterten. Else Thomas spricht ĂŒber den Zusammenhalt unter den Frauen und trĂ€gt zwei Gedichte vor, die dies illustrieren.
AnschlieĂend berichtet sie von ihrer Entlassung im Oktober 1949 und der RĂŒckkehr zu ihren Eltern. Sie beschreibt das schwere Einleben in Freiheit und die UnterstĂŒtzung, die die Familie erfuhr.
Das Interview erfolgte am 16. MĂ€rz 2010 in Leipzig und hat eine LĂ€nge von 65 Minuten.
Eberhard Hoffmann
Eberhard Hoffmann spricht ĂŒber seine Zeit bei der Hitlerjugend und die letzten Kriegsmonate 1945. Im April 1945 wurde er zur Wehrmacht eingezogen und geriet kurz darauf in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Er berichtet von der Verhaftung im Oktober 1945 wegen Werwolf-Verdachts. Er erzĂ€hlt von Gewalt bei Verhören anderer Gefangener, unter deren Eindruck er sein Vernehmungsprotokoll unterschreibt.
Danach beschreibt er den Transport und seine Ankunft im Lager MĂŒhlberg. Er schildert ausfĂŒhrlich die LagerverhĂ€ltnisse mit den Holzbaracken, die schlechten hygienischen Bedingungen und die mangelhafte ErnĂ€hrung. Die Gefangenen mussten auf Doppelpritschen schlafen. Im Dezember 1946 wurden die Essensrationen halbiert, worauf innerhalb von drei Monaten ca. 2.000 Menschen starben. AnschlieĂend schildert er den Tagesablauf in MĂŒhlberg (stundenlange ZĂ€hlappelle, FrĂŒhstĂŒck, Barackenreinigung, verschiedene ArbeitseinsĂ€tze).
Dann spricht er von seiner Verlegung in das Speziallager Buchenwald im September 1948 und beschreibt die Unterschiede zu MĂŒhlberg. Er berichtet, wie er als »Melder« zwischen den Baracken eingesetzt wurde und sich »frei« im Lager bewegen konnte und eine höhere Essensration bekam. AnschlieĂend erzĂ€hlt er von seiner Entlassung aus Buchenwald im Februar 1950 und die Schwierigkeit, sich nach der Entlassung wieder einzuleben.
Zum Schluss des Interviews spricht er vom kameradschaftlichen Umgang der Gefangenen miteinander und berichtet nochmals von den sanitĂ€ren Bedingungen in MĂŒhlberg.
Das Interview erfolgte am 14. April 2010 in BurgstÀdt und dauerte 100 Minuten.
Margot Jann
Margot Jann spricht ĂŒber ihre Kindheit und Jugend. Sie erzĂ€hlt vom Kriegsende 1945 und dem Einmarsch der Roten Armee sowie von der Flucht der Familie. Sie berichtet von ErschieĂungen, dem Verschwinden von MĂ€nnern und Vergewaltigungen von Frauen.
AusfĂŒhrlich beschreibt sie ihre Verhaftung und die anschlieĂenden, teilweise gewaltsamen Verhöre. Ihr wird vorgeworfen, eine Sabotageorganisation von Jugendlichen gegrĂŒndet zu haben. Sie erzĂ€hlt, wie ein Sowjetisches MilitĂ€rtribunal sie und ihre vier mitangeklagten Freunde zum Tode verurteilt. Nach einem Gnadengesuch wurde das Urteil in zehn Jahre Arbeitslager umgewandelt. Margot Jann berichtet von ihrer Freundin Brunhilt Gebler und dem Zusammenhalt zwischen ihnen.
Dann spricht sie ĂŒber ihre Haft in den sowjetischen Speziallagern Bautzen und Sachsenhausen. Sie geht auf die unhygienischen ZustĂ€nde ein, spricht vom Ungeziefer, dem stĂ€ndigen Hunger, aber auch von der SolidaritĂ€t unter den Gefangenen.
Sie berichtet anschlieĂend von der Verlegung ins FrauengefĂ€ngnis Hoheneck und dem Transport dorthin. Dann erzĂ€hlt sie vom Alltag im GefĂ€ngnis und dem Leben mit den kriminellen Mitgefangenen. Ihre Entlassung und Heimkehr schildert sie bewegt.
Margot Jann erzĂ€hlt von der GrĂŒndung des »Frauenkreises der ehemaligen Hoheneckerinnen« im Jahr 1991. Sie berichtet von den Problemen bei der Anerkennung von HaftfolgeschĂ€den und von der Opferrente.
Am Ende des Interviews schildert sie noch einmal die Zeit im Speziallager Bautzen, den stÀndigen Hunger und beschreibt einen Tagesablauf.
Das Interview erfolgte am 22. April 2010 in Teltow und dauerte 123 Minuten.
Wolfgang Lehmann
Wolfgang Lehmann schildert zu Beginn des Interviews die letzten Kriegswochen und seinen Einsatz im Volkssturm. Er erzĂ€hlt dann von den ersten Nachkriegsmonaten, berichtet von den schwierigen Lebensbedingungen, davon, wie seine Familie ihr Haus fĂŒr deutsche Kommunisten rĂ€umen musste.
Er erzĂ€hlt von seiner Verhaftung im Oktober 1945 wegen Werwolf-Verdachts. AusfĂŒhrlich spricht er ĂŒber die Untersuchungshaft, beschreibt seine Haftzelle und die zahlreichen nĂ€chtlichen Verhöre. EindrĂŒcklich beschreibt er die brutalen Folterungen, denen er ausgesetzt war und nur deshalb das Vernehmungsprotokoll unterschrieb.
Danach berichtet er vom Transport in das Speziallager Ketschendorf. Er schildert die katastrophalen hygienischen Bedingungen, die mangelhafte Lebensmittelversorgung und die hohe Sterblichkeitsrate unter den HĂ€ftlingen. Er spricht von ca. 6.000 Toten in Ketschendorf.
Dann berichtet er von seiner Deportation nach Sibirien. AusfĂŒhrlich beschreibt er den fĂŒnfwöchigen Transport in umgebauten GĂŒterwaggons und die Lager-, Arbeits- und HaftumstĂ€nde in der Sowjetunion. Er erwĂ€hnt die relativ gute medizinische Betreuung. AnschlieĂend erklĂ€rt er den Begriff
»PelzmĂŒtzentransport«.
Lehmann spricht er ĂŒber seine Heimkehr 1950 in die noch junge DDR. Er berichtet von der ersten Zeit in Freiheit, erzĂ€hlt von seiner beruflichen Laufbahn als Zimmermanns-UmschĂŒler und spĂ€ter als Student an der Fachhochschule fĂŒr Bauwesen in Cottbus. Er schildert einen Anwerbeversuch der Staatssicherheit und berichtet dann von seinem Entschluss, mit der Familie nach West-Berlin zu fliehen. Er beschreibt die Flucht und seinen Weg vom Notaufnahmelager Marienfelde in West-Berlin in die Bundesrepublik. AusfĂŒhrlich erzĂ€hlt er von seinem beruflichen Werdegang in der Bundesrepublik.
Zum Ende des Interviews ergÀnzt er noch einige Details zu seiner Haftzeit in Ketschendorf und erzÀhlt von der Kameradschaft unter den Gefangenen.
Das Interview erfolgte am 28. Mai 2010 in Rimbach und dauerte 162 Minuten.
Karl-Heinz Pilz
Karl-Heinz Pilz erzĂ€hlt von seinem Elternhaus, vom Kriegsende, von der Nachkriegszeit, von Hunger und KriminalitĂ€t und von seiner Arbeit als Postzusteller. Dann spricht er von seiner Verhaftung im Oktober 1945 wegen Werwolf-Verdachts. Er schildert ausfĂŒhrlich seine Haftzeit im Speziallager MĂŒhlberg und berichtet ĂŒber den Hungerwinter 1946 / 47, als die Nahrungsrationen halbiert wurden.
Danach erzĂ€hlt er von seiner Erkrankung an Lungentuberkulose und RippenfellentzĂŒndung. Er schildert detailliert die Unterbringung in den Baracken und die sanitĂ€ren VerhĂ€ltnisse. Er berichtet von seiner Verlegung in das Speziallager Buchenwald im Herbst 1948, wo ihm die Unterbringung und Versorgung besser erschien. Er erzĂ€hlt, wie die Gefangenen sich untereinander Mathematik, Physik oder Englisch beibrachten.
Danach schildert Karl-Heinz Pilz seine Entlassung im Januar 1950 und berichtet ausfĂŒhrlich ĂŒber seine berufliche Entwicklung nach der Haft.
Zum Ende des Interviews spricht er ĂŒber die Verhöre in Eibenstock und seine Untersuchungshaft in Zwi...
Table of contents
- Cover
- Titel
- Impressum
- Inhaltsverzeichnis
- Glossar
- Zum Buch
- Geschichte im Zeitzeugenlabyrinth
- Vorbemerkung der Autorin
- Von Schlesien nach Sibirien verschleppt: Else Thomas
- Meine Nummer war die 80403: Eberhard Hoffmann
- FĂŒnf Todesurteile fĂŒr eine Anstecknadel: Margot Jann
- Zerquetschte Finger und endlose Verhöre: Wolfgang Lehmann
- FĂŒnf Jahre Lager ohne Urteil: Karl-Heinz Pilz
- Als Kind nach RĂŒgen deportiert: Wolf RoĂberg
- TrommelschlĂ€ge auf den Kopf: GĂŒnter Brendel
- Versöhnung im Krankenzimmer: GĂŒnter Gasch
- Vom Kurier verraten: Horst KrĂŒger
- Suizidversuch in der Zelle: Ingeborg Linke
- »Malenki«, der Kleine: Harald Möller
- Ein verhÀngnisvoller Brief: Rosemarie Schmidt
- Meine zerstörte Jugendliebe: Annemarie Krause
- Das KonstruktionsbĂŒro war seine Rettung: Werner Heinze
- Ein heimliches Radio im Lager: Klaus Gabel
- 17 Graupenkörner in der Suppe: Horst Engelbrecht
- Ein Schulstreich verÀndert sein Leben: Richard Böttge
- Mit Stinkbomben gegen die SED: Gerhard Schneider
- Flugblattraketen ĂŒberm Postplatz: Siegfried Hentschel
- Als Faustpfand fĂŒr den KGB: Alexander Latotzky
- Unheilvolle Heuernte im Grenzstreifen: Reiner Schenk
- Ăber Nacht ohne Heimat: Ilse Schenk
- Die Tragik der Résistance: Stefan Welzk
- In den MĂŒhlen der DDR-Jugendhilfe: Ralf Weber
- Schreiben gegen das Trauma: Eva-Maria Neumann
- Der Sonntag gehört dem Herrn: Helmut Nitzsche
- Mit der SprĂŒhdose gegen die Mauer: Sabine Popp
- Genug mit Anpassen und Abwarten: Arnold Wiersbinski
- Der Prophet Micha und das Lesezeichen: Harald Bretschneider
- Kirche als geistige und geistliche Heimat: Bernd Albani
- Im Talar vor der Polizeikette: GĂŒnter Buchenau
- FlugblÀtter per Durchschlagpapier: Rocco Schettler
- Reaktion von Ingeborg Linke
- Radio in Bautzen: ein Bericht von Hans-Joachim Berndt
- Ăbersicht ĂŒber die Interviews
- Die Autorin
- Weitere BĂŒcher
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