Bis heute erklingt in Europa der hohe Ton des guten Lebens. BegrĂŒndet ist er im lateinischen Erbe Europas, das der Idee des freien und wĂŒrdigen, des staatlich geschĂŒtzten und rechtssicheren Lebens der Person verpflichtet ist. Lateinisches Erbe heiĂt im Einzelnen: lateinische Kirche mit ihrer Zeiteinteilung, mit ihren Bildungseinrichtungen von Schule und UniversitĂ€t; dann lateinische Schrift als einheitsstiftendes Band fĂŒr die allermeisten Sprachen Europas und schlieĂlich lateinisches Recht als Grundlage fĂŒr ein gesittetes Zusammenleben der Völker.Allerdings verblasst dieses Erbe seit geraumer Zeit immer mehr: Faschismus und Kommunismus haben es im letzten Jahrhundert auszulöschen gesucht, rechte und linke IdentitĂ€tspolitik polarisieren heute unsere Gesellschaft und Kirchen gleichermaĂen. Staatsverachtung und Rechtsmissachtung korrelieren mit Menschenverachtung, machtpolitischer Moralismus ersetzt zunehmend den öffentlichen Gebrauch der abwĂ€genden Vernunft. Und wieder wird der utopische Versuch zur Gewinnung des "reinen, neuen Menschen" auf die öffentliche Tagesordnung gesetzt.Will Europa sein lateinisches Gesicht bewahren, muss es Ideologien widerstehen und in neuer Weise Nation und Staatsvolk im integrativen Sinn, Bildung und Recht, Freiheit und PersonenwĂŒrde ins Wort und Recht setzen. Der beste Ansatz dazu ist nach wie vor das christliche, weil realistische Menschenbild.

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Kapitel III
Unsere Herkunft â Die lateinische Kirche
Aus der Antike ist fĂŒr schwere politische und religiöse Vergehen die Strafe der Verbannung bekannt. Hierbei wurde der so Bestrafte seiner Heimat entweder auf Zeit oder auf Lebenszeit verwiesen und verlor zugleich alle seine BĂŒrgerrechte. Bis in die Neuzeit hinein wurde diese Bestrafung vollzogen. Bekannte Verbannte der europĂ€ischen Geschichte sind der römische Dichter Ovid (43 v. Chr.â17 n. Chr.), nach ConstanĆŁa ans Schwarze Meer verbannt, Kaiser Napoleon (1769â1821), der auf die Inseln Elba und St. Helena verbannt wurde, der russische Schriftsteller und NobelpreistrĂ€ger Alexander Solschenizyn (1918â2008), der bis 1957 nach Kasachstan verbannt wurde. Dass eine Verbannung als Strafe angesehen werden kann, ist nicht nur den damit verbundenen schlechten bis menschenverachtenden Lebensbedingungen geschuldet, wie dies etwa Solschenizyn in seinem Gulag-Leben erfahren musste, sondern vor allem der allumfassenden Entwurzelung der verbannten Person.
War fĂŒr sie bisher ihre Heimat der vertraute und gewohnte Ort mit seinen selbstverstĂ€ndlichen Sitten und GebrĂ€uchen, so befindet sie sich nun in der Fremde, wird heimat- und rechtlos. Heimatlosigkeit ermöglicht kein gutes Leben. Diese Erkenntnis liegt der Verbannung als Strafe zugrunde. Ein gutes Leben aber wollen alle Menschen fĂŒhren. Deswegen bedarf jeder Mensch seiner Heimat.
1. Ein kleiner kulturgeschichtlicher Spaziergang
Das Christentum hat mit seiner lateinischen Kirche, dem Mönchtum, dem Papsttum und der Reformation Europa zu einem besonderen Kulturraum gemacht: Unsere europĂ€ischen Völker sind mit ihren zahlreichen Kulturen samt ihren davon bestimmten Landschaftsbildern und Baustilen bis heute zutiefst durch das Christentum geprĂ€gt. In nahezu allen Dörfern und StĂ€dten stehen Kirchen, hinzu kommen noch die groĂen Kathedralen, Dome, MĂŒnster, Basiliken, Votivkirchen, Klosteranlagen und die unzĂ€hligen Kapellen. SelbstverstĂ€ndlich lĂ€uten in Europa die Kirchenglocken, erklingen Orgeln, singen Kirchenchöre, spielen kirchliche Posaunenchöre und befinden sich Friedhöfe in den Ortschaften. Allesamt Ausdruck christlicher Kultur. Dass die DĂ€cher unserer HĂ€user mit Ziegeln gedeckt sind, verdanken wir dem Mönchtum, ebenso den Wein, der freilich auf dem Umweg ĂŒber die Römer zum europĂ€ischen KulturgetrĂ€nk wurde. Zudem hat das Mönchtum durch sein striktes Regelwerk unserem Alltag seine besondere PrĂ€gung gegeben, bis heute etwa erkennbar am regelmĂ€Ăigen Stundenschlag, Halbstundenschlag und Viertelstundenschlag von Uhren. So machte das Mönchtum die europĂ€ischen Völker mit der Zeitmessung vertraut. Ebenso sind die Fastenspeisen wie Fisch, die schwĂ€bischen Maultaschen, GeflĂŒgelspeisen, die Fastenbrezel und das Bier dem Mönchtum zu verdanken. Und nicht nur das: Die Fastenspeisen dienten nicht nur als BuĂritual, sondern auch dem Zweck einer gesunden LebensfĂŒhrung. Und schlieĂlich fĂŒhrte das Mönchtum in Europa das regelmĂ€Ăige Zusammenspiel von Arbeit und MuĂe, von Gebet und Bildung herbei. Lautet doch die dem heiligen Benedikt zugeschriebene und sprichwörtlich gewordene Lebensregel: ora et labora et lege, zu Deutsch: Bete und arbeite und lies. Die heute so viel beschworene work-life-balance ist schon seit Jahrhunderten durch das Mönchtum bestens gelöst und einer praktischen Lebenshaltung zugefĂŒhrt worden: der gebildeten Frömmigkeit.
Nicht umsonst zĂ€hlten und zĂ€hlen die Mönche zu dem Kreis der Gebildeten in Europa. Denn die im 6. Jahrhundert entstandenen Kloster- und Domschulen gelten als Ursprung der klassisch europĂ€ischen Bildungseinrichtung: der UniversitĂ€t. Und spĂ€ter wird die Reformation elementar zur Volksbildung beitragen, wie dies beispielsweise an den beiden Katechismen Martin Luthers (1483â1546) von 1529 ersichtlich ist. Und Philipp Melanchthon (1497â1560) hat mit der EinfĂŒhrung des humanistischen Gymnasiums im Jahre 1526 in NĂŒrnberg sehr erfolgreich das christliche Bildungsideal fĂŒr Europa mitbegrĂŒnden können. Ebenso sind die Realschulen dem christlichen Bildungsgeist entsprungen, wofĂŒr beispielhaft die Namen August Hermann Francke (1663â1727) mit seinen in Halle beheimateten Franckeschen Stiftungen und der Pfarrer Christoph Semler (1669â1740) mit seiner Realschule in Halle stehen, die er in seinem Privathaus eingerichtet hatte.
Und die kirchlichen Sprach- und StilprĂ€gungen unserer deutschen Sprache sind erkennbar, wie eine FĂŒlle von Sprichwörtern belegt. So entstammt die abwertende Redewendung unter der GĂŒrtellinie dem Mönchtum und bezieht sich auf vulgĂ€re, possenreiĂerische Witze, die als dem unreinen Körperbereich des Afters zugehörig betrachtet werden. Ebenso entstammt die Redensart auf den NĂ€geln brennen dem Mönchtum. Damit bezeichnete der Mönch den Schmerz, verursacht durch das auf seine FingernĂ€gel heiĂ tropfende Wachs der brennenden Kerze, die er bei den nĂ€chtlichen Stundengebeten zu halten hatte. Dass indes eine Vielzahl von Journalisten diese Redewendung mit unter den NĂ€geln brennen wiedergeben, zeugt von deren kulturgeschichtlichen Unkenntnis.
Auch die Aufforderung, die Klappe zu halten, ist dem liturgischen Brauch der Gebete im Chorraum der Klosterkirchen entnommen: Das ChorgestĂŒhl war mit einem beweglichen Sitz, der Klappe, versehen. Wenn diese nun beim Gebet durch einen Mönch unsachgemÀà laut bedient und dadurch die Andacht gestört wurde, wurde besagter Mönch mit halte deine Klappe ermahnt.
Martin Luther indes war ein wahrer SprachkĂŒnstler. Bis heute reden wir mit seinen Worten und Wörtern, ohne dass wir darum noch wĂŒssten. Eine kleine Auswahl mag das vergegenwĂ€rtigen: friedfertig, kleinglĂ€ubig, lichterloh, auf eigene Faust, Leib und Leben, fressendes Feuer, NĂ€chstenliebe, Herzenslust, Machtwort, LĂŒckenbĂŒĂer, Gewissensbisse, ein Herz und eine Seele.
Luthers 1534 vollendete BibelĂŒbersetzung ist nicht die erste in deutscher Sprache gewesen, aber zweifellos die schönste, genaueste und einflussreichste. Eine Kostprobe, die alles sagt, ist der beliebte Psalm 23, der Gott als guten Hirten schildert. Ein Buchdrucker namens GĂŒnther Zainer veröffentlichte 1475 in Augsburg seine BibelĂŒbersetzung. Der Psalm 23 beginnt da wie folgt: âDer Herr der regieret mich und mir gebrist nichts: und an der stat der weyde da saczt er mich. Er hat mich gefuret auff dem wasser der widerbringung: er bekert mein sel.â1 59 Jahre spĂ€ter formuliert Martin Luther denselben Psalm wie folgt: âDer Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grĂŒnen Aue, und fĂŒhret mich zum frischen Wasser.â2
Bis heute hat sich diese Sprachmelodie in die Seele unzÀhliger Christen eingeprÀgt und hat bergende Heimat gestiftet. Keine andere Religion oder Weltanschauung hat Europa so grundlegend geprÀgt wie das Christentum.
Im Folgenden werden nun beispielhaft fĂŒr Europa typische Lebensbereiche nĂ€her dargestellt, die fĂŒr die abendlĂ€ndische Heimat- und Kulturbildung von grundlegender Bedeutung geworden sind und bis heute Europa sein lateinisches Gesicht und seine Seele geben. Diese entstammt dem Geist des lateinischen Christentums.
2. Der Sonntag
Am alltĂ€glichsten und gewöhnlichsten zugleich zeigt sich diese PrĂ€gung am Sonntag als gesetzlich geschĂŒtztem Feiertag. Es ist der römische Kaiser Konstantin der GroĂe (306â337) gewesen, der mit einem Dekret vom 3. MĂ€rz 321 im römischen Reich den Sonntag zum allgemeinen Ruhetag fĂŒr Richter, Gewerbetreibende und die Stadtbevölkerung erhoben hat. Im Jahre 337 erweiterte er dieses Dekret auch auf die Landbevölkerung, damit jeder BĂŒrger seiner sonntĂ€glichen Kultverpflichtung nachkommen kann.3
âBesonders deutlich tritt der Einfluss des Christentums im Bereich der Zeitmessung hervor. Obwohl sich das christliche Mittelalter am römischen Julianischen Kalender orientiert, tauchen wichtige Neuerungen auf, zunĂ€chst die Einteilung der Woche. Unter Bezugnahme auf die biblische Schöpfungsgeschichte wird der Sieben-Tage-Rhythmus eingefĂŒhrt, sechs Arbeitstage und ein Ruhetag. Die Einhaltung der Sonntagsruhe wird bald fĂŒr alle Christen zur Pflicht erhoben, so dass Karl der GroĂe das EinverstĂ€ndnis der Kirche braucht, um den Bauern Ausnahmen zu gestatten, weil sie bei Feldarbeiten, insbesondere Ernten, das schöne Wetter nicht verstreichen lassen dĂŒrfen. Bis vor nicht allzu langer Zeit war die Einteilung der menschlichen AktivitĂ€ten nach dem Wochentakt in der europĂ€ischen Welt sicher der beste Rhythmus fĂŒr den Wechsel von Arbeit und Ruhe.â4
Seitdem gibt der Sonntag in Europa einen verlĂ€sslich wöchentlichen Rhythmus von Alltag und Feiertag, von Arbeit und MuĂe vor. DemgemÀà wurde der Sonntag zum Zentrum des christlichen Kalenders und zugleich zum festen Orientierungspunkt fĂŒr die gesamte europĂ€ische Lebenswelt. Der damit verbundene Sonntagsschutz wird in Deutschland bis in unsere Gegenwart ĂŒber das Grundgesetz gewĂ€hrleistet: âDer Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschĂŒtzt.â5
Diese Zeit der Arbeitsruhe und seelischen Erhebung bewirkt bis heute eine tiefe kulturelle PrĂ€gung fĂŒr Land und Leute nicht nur in Deutschland. Damit aber greift die Sonntagsruhe die Vorstellung einer christlichen Zeit in der Zeit auf. Diese christliche Zeit lebt von der Idee des Guten, wofĂŒr exemplarisch das Christentum als TrĂ€ger der Wahrheit steht: Christliches ZeitverstĂ€ndnis versteht alle Zeiten des Lebens, jede Zeit der Welt und des Kosmos als von Gottes guter und heilsamer Ordnung getragen und auch ertragen. Ersichtlich und grundgelegt wurde dieses Denken mit der Passionsgeschichte Christi, wie sie in den Evangelien ĂŒberliefert ist. Und es ist gerade die Passionsgeschichte Jesu, die die abendlĂ€ndische Kultur in Musik und bildender Kunst bis hin zum klassischen Volksbrauchtum wie den Passionsspielen bis heute bestimmt und geformt hat. Damit aber wird die Betrachtung des Leides einer besonderen WĂŒrdigung unterzogen:
Exkurs: Leiden und Christentum
Das Christentum lehrt einerseits, Leiden, wo immer wir ihm begegnen, zu bekÀmpfen, zu lindern, zu beheben. Und es lehrt andererseits, eigenes Leiden mit Ergebung, ja Zustimmung anzunehmen und zu ertragen.6
Das EigentĂŒmliche des Christentums ist es, dass es Zweierlei...
Table of contents
- Cover
- Titel
- Impressum
- Zum Geleit
- Inhalt
- Auf ein Wort
- Danksagung
- I DAS SPIEL MIT EUROPAS SEELE
- II NARRENBĂHNE WELT
- III UNSERE HERKUNFT â DIE LATEINISCHE KIRCHE
- IV SCHRIFT UND HEIMAT
- V DIE HEIMAT DES RECHTS
- VI DAS LATEINISCHE GESICHT EUROPAS
- ANHANG
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