Liturgie – ein offenes Haus?
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Liturgie – ein offenes Haus?

Die Plauener Friedensgebete von 1989 und 1990

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Liturgie – ein offenes Haus?

Die Plauener Friedensgebete von 1989 und 1990

About this book

Im Herbst 1989 strömten Christen und nicht religiöse Menschen zu Demonstrationen auf die Straßen Plauens und in die Kirchen der Stadt. In der Markuskirche, der Johanniskirche und der Erlöserkirche entstanden bis ins FrĂŒhjahr 1990 hinein "Oasen der Wahrheit", "Interimsparlamente", RĂ€ume fĂŒr liturgische und spirituelle Erfahrungen der gesamten BĂŒrgerschaft. In den Friedensgebeten wurden die Kirchen zu offenen HĂ€usern der Liturgie. Insgesamt zehn Friedensliturgien der damals ca. 73.000 Einwohner zĂ€hlenden Stadt Plauen werden in dieser Studie erstmalig rekonstruiert, liturgiewissenschaftlich kommentiert und nach ihrer Bedeutung fĂŒr die Gegenwart befragt.[Liturgy – an Open House? The Plauen Prayers of Peace 1989 and 1990]Christians as well as non-religious people flocked to the streets of Plauen (a city in the former GDR) and into the churches of the city from autumn of 1989 until spring of 1990. "Oases of Truth", "Interim Parliaments", and spaces for liturgical and spiritual experiences for the entire citizenry came into existence in the Markuskirche, the Johanniskirche and the Erlöserkirche. Through the prayers for peace, the churches became open houses for a public liturgy.A total of ten liturgies for peace held in the city of Plauen, which at that time had a population of about 73, 000, have been reconstructed for the first time in this study, which is a liturgical-theological analysis with a particular attention to the meaning and importance such liturgies have for the present.

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Information

Year
2019
Print ISBN
9783374062287
eBook ISBN
9783374062300

1 Einleitung

Mit dieser Arbeit wird Neuland in der Forschung betreten. Bisher wurden die Friedensgebete in Leipzig von Hermann Geyer1 und in Wittenberg von Kay-Ulrich Bronk2 in zwei großen Studien von theologischer Seite wissenschaftlich aufgearbeitet. Hinzu kommt die umfangreiche die Historie in ganz Sachsen erfassende politikwissenschaftliche Arbeit von Michael Richter,3 die die Rolle der Friedensgebete aus ihrer Perspektive erfasst. Weitere Arbeiten beschĂ€ftigen sich mit speziellen Themen der Friedensgebetsforschung. Dies tut beispielsweise ein Aufsatz von JĂŒrgen Ziemer4 ĂŒber den Gebrauch der Bibel in den Kirchen wĂ€hrend der »Wendezeit« und ein aus der Retrospektive geschriebener Vortrag5 anlĂ€sslich der Verleihung der EhrendoktorwĂŒrde der Theologischen FakultĂ€t der UniversitĂ€t Leipzig am 28. Oktober 2009 von Peter Cornehl, der die Friedensgebete im grĂ¶ĂŸeren Zusammenhang des PhĂ€nomens »Öffentlicher Gottesdienste« erörtert.
Von der Wissenschaft bisher vernachlĂ€ssigt wurden lĂ€ndliche Regionen und kleinere StĂ€dte des Landes. In diese LĂŒcke versucht die folgende Untersuchung vorzustoßen, indem sie die Vorgeschichte und die Geschichte der Friedensandachten in der Stadt Plauen mit damals ca. 73.000 Einwohnern von Oktober 1989 bis zum FrĂŒhjahr 1990 erstmalig historisch erfasst, zehn Friedensandachten rekonstruiert und in liturgiewissenschaftlicher Perspektive auswertet.
Bei der Rekonstruktion der Vorgeschichte und Geschichte der Friedensandachten wird die besondere Stellung Plauens in der Friedlichen Revolution von
1989 deutlich, hat doch in der Stadt an der Elster bereits am 7. Oktober 1989, also 2 Tage vor dem 9. Oktober 1989 in Leipzig, eine Massendemonstration mit ca. 25.000 Teilnehmenden stattgefunden, in der der DDR-Staat auf EinschĂŒchterung und Gewalt setzte, jedoch einlenken musste. Kirchliches Handeln in einer ersten Friedensandacht am 5. Oktober 1989 in der Markuskirche Plauen und das mutige und entschiedene Eingreifen des lutherischen Superintendenten Thomas KĂŒttler am 7. Oktober 1989 halfen mit, ein Blutvergießen auf dieser ersten nicht offiziellen Großdemonstration in Plauen zu verhindern.
In der Folge dieser Geschehnisse wurden die Friedensandachten der christlichen Kirchen Plauens im Herbst 1989 zu Orten von freier Information und des politischen Austauschs zwischen Nichtchristen und Christen der Stadt. Zugleich waren sie StĂ€tten der VerkĂŒndigung des Evangeliums und des Gebets.

1.1 Zur wissenschaftlichen Literatur im Forschungsfeld der Friedensgebete

Im Folgenden wird auf einige bedeutsame wissenschaftliche Veröffentlichungen im Bereich der Friedlichen Revolution und der Friedensgebete hingewiesen und die jeweils unterschiedliche Herangehensweise skizziert.
Den Leitfragen an die Friedensgebete in Wittenberg,6 dem Mix an Methoden7 und den Klassifizierungen8 fĂŒr die homiletische Analyse der Meditationen9 bei Kay-Ulrich Bronk folgt Hermann Geyer in keiner Weise, der das Leipziger Friedensgebet10 als »Konfliktsystem«11, sogar als das zentrale symbolische »Konfliktsystem fĂŒr die ganze DDR«12 wahrnimmt, in dem Konflikte als »hochdifferenzierter Modus sozialen Lernens«13 hervortraten und das sich spĂ€ter als LehrstĂŒck fĂŒr soziales Lernen, als öffentliche Vorwegnahme von PluralitĂ€t und Demokratie inmitten der Diktatur14 in die drei Teilsysteme Friedensgebet, Kundgebung und Demonstration ausdifferenzierte.15 Geyer versteht das Leipziger Friedensgebet u. a. als Forum der Opposition und der Demokratie im Land. Dazu gehört fĂŒr ihn, dass die zeitweilig konfliktmildernde Kirchenleitung fĂŒr die Gruppen zum »Ersatzgegner« und zur Beschwerdeadresse fĂŒr den unerreichbaren Staat wurde.16 Den Balanceakt der Kirche beschreibt Hermann Geyer mit den Worten Detlef Pollacks: »Die Kirche konnte nur deshalb eintreten fĂŒr Menschen, die weitergingen als sie, weil sie nicht so weit ging.«17 Dass es Kirche und Gruppen nicht gĂ€nzlich auseinanderdividierte, sieht Geyer darin begrĂŒndet, dass Liturgie und staatsbĂŒrgerliche Verantwortung von Anfang an zusammengehören, dass Gottesdienst immer eine öffentliche Angelegenheit mit einer stellvertretenden Dimension ist. Christus ist der »Archiliturg« der Menschheit. Von daher gibt es keine politischen Gottesdienste. Gottesdienst ist politisch.18 Ein besonderes Verdienst der Arbeit Hermann Geyers besteht m.E. darin, dass er mit Victor Turner und anderen Ritualforschern gegenĂŒber der Ă€lteren Ritenforschung zeigen konnte, dass Rituale nicht nur fĂŒr eine Gruppe identitĂ€tsstiftend, sondern auch gesellschaftsverĂ€ndernd19 wirken, dass die hochgerĂŒstete DDR-Staatsmacht handlungsunfĂ€hig war, weil tausendfach die sozialistischen Rituale verweigert und stattdessen ein alternatives Ritual, das Friedensgebet, zum Anziehungspunkt wurde. Geyer zeigt, dass nicht der Machtapparat, aber die Macht des staatlich verordneten Rituals20 zusammengebrochen war, ohne diese jedoch war auch der Machtapparat haltlos geworden.21 In der Ritualverweigerung sowie im alternativen Ritual des Friedensgebetes wurde das Gegebene transzendiert und nicht hingenommen. Diese Ergebnisse Geyers lassen sich auch in anderen Situationen verifizieren, beispielsweise in Plauen, wo die Geschehnisse nicht erst durch den nachgewiesenen Wahlbetrug zu den Kommunalwahlen im Mai 1989 ihren revolutionĂ€ren Verlauf nehmen, sondern in der Verweigerung des Wahlrituals vieler Plauener einen ihrer Auslöser haben.22 Sowohl Bronk23 als auch Geyer verweisen in ihren Arbeiten darauf, dass die Bedeutsamkeit der IndividualitĂ€t und die WĂŒrdigung der »SubjektivitĂ€t«24 in den Friedensgebeten die Wirkung der Gebete und ihre politische Bedeutsamkeit erhöht hat. Hier konnten Einsichten aus Henning Luthers Religionstheorie fruchtbar gemacht werden, in der der Einzelne in seinem Subjekt-werden durch seinen Abstand zur Welt die Differenz deutlich macht, »dass das, was ist, nicht alles ist.«25 Diese Individuierung sei in pluralen Kontexten wie dem Friedensgebet als politische Dimension der Religion erkennbar. WĂ€hrend die DDR ihre Gesellschaft nicht hinterfragbar sakralisierte und der Einzelne seine egoistischen Interessen fĂŒr das Kollektiv transzendieren musste, wirkte die Religion in den pluralen Kontexten fĂŒr den Einzelnen und seine Freiheit. Sie stiftete die Erfahrung von der Gesellschaft im Letzten unabhĂ€ngig zu sein.26 Die Demokratie entspreche im Politischen dem religiösen Individuationsprozess des Subjekts. In der Gestalt des Friedensgebets sei dann die Religion zur politischen Kraft geworden, weil sie nicht auf KontingenzbewĂ€ltigung und »Sinnstiftung« einer zwiespĂ€ltigen Wirklichkeit gesetzt, sondern in aller Ambivalenz auf das ĂŒber sie Hinausweisende hingewiesen hat.27 Einig sind sich Geyer28 und Bronk29 auch in der Ablehnung der These des Soziologen Detlef Pollack, dass die Kirchen lediglich einen »Kristallisationspunkt«30 fĂŒr den Protest angeboten hĂ€tten. Dass die These Pollacks nicht stimme, lasse sich bereits beim Betreten einer Kirche feststellen, die ein Raum außerhalb der alltĂ€glichen RĂ€ume sei. Bronk resĂŒmiert: In einem Kirchenraum vollzieht sich eine »temporĂ€re Distanzierung vom Alltagsblick, eine Verschiebung der Perspektive. Damit wird der Wahrnehmungsfluss unterbrochen und der Blick auf die Welt verĂ€ndert. Es entsteht die Möglichkeit, aus der â€șKonventionalitĂ€t der gewohnten Erkenntnisweiseâ€č31 herauszutreten. Der Raum, die Liturgie und die besondere Sprache lassen eine Welt auf Zeit entstehen, aus der heraus die Alltagswelt etwas zu erkennen gibt, was sie dem alltĂ€glichen Blick vorenthĂ€lt.«32 Hermann Geyer bezeichnet die Friedensgebete in den Kirchen als »Symbole der Transzendenz«33, die in unverwechselbarer Weise dazu beigetragen haben, »die Situation zu â€ștranszendierenâ€č«34. Das Friedensgebet sei zum Schwellenort in einer Schwellenzeit35 geworden, in dem die Angst der Menschen mit der Hoffnung auf Gottes Handeln verknĂŒpft werden konnte.36 Dies habe Menschen aufbrechen, Grenzen ĂŒbersch...

Table of contents

  1. Cover
  2. Titel
  3. Über den Autor
  4. Impressum
  5. Vorwort
  6. Inhalt
  7. 1. Einleitung
  8. 2. Zur Methodik der Arbeit
  9. 3. Die Geschichte der Friedensandachten in Plauen
  10. 4. Liturgische Rekonstruktion und Kommentierung der Friedensandachten
  11. 5. BĂŒndelung und Nachlese der liturgischen Rekonstruktionen und ihrer Kommentierung
  12. 6. Sinn- und prÀsenzkulturelle Analyse
  13. 7. Gesamtauswertung der sinn- und prÀsenzkulturellen Analysen
  14. 8. PlausibilitÀt und Lebenswirklichkeit der Liturgie
  15. 9. Literatur
  16. 10. Dokumentationen, GesangbĂŒcher & Zeitschriften
  17. 11. Filmdokumentationen
  18. Endnoten

Frequently asked questions

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