Ostkirchen und Reformation 2017
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Ostkirchen und Reformation 2017

Begegnungen und Tagungen im JubilÀumsjahr. Band 2: Freiheit aus orthodoxer und evangelischer Sicht

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Ostkirchen und Reformation 2017

Begegnungen und Tagungen im JubilÀumsjahr. Band 2: Freiheit aus orthodoxer und evangelischer Sicht

About this book

Thema dieser DokumentationsbĂ€nde ist die Begegnung zwischen den Ostkirchen und den Kirchen der Reformation. Sie verbinden exegetische, historische und hermeneutische Perspektiven auf Orthodoxie und Protestantismus mit aktuellen ökumenischen Fragestellungen.Band 1 vereint die BeitrĂ€ge des Erlanger Symposiums "Hermeneutik und Hermeneuten" mit den VortrĂ€gen der EichstĂ€tter Tagung "Reformation und die Ostkirchen" und der bilateralen theologischen Dialogbegegnung zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der RumĂ€nischen Orthodoxen Kirche zum Thema "Die Erneuerung der Kirche".Band 2 dokumentiert die Verleihung der EhrendoktorwĂŒrde der Theologischen FakultĂ€t TĂŒbingen an den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I sowie die begleitende TĂŒbinger Tagung "Freiheit aus orthodoxer und evangelischer Sicht" und ergĂ€nzt diese durch hier erstmals in deutscher Sprache publizierte AufsĂ€tze des Ökumenischen Patriarchen zu kirchenhistorischen, liturgischen, dogmatischen, ethischen und ökologischen Fragen.Band 3 enthĂ€lt die VortrĂ€ge des Berliner altorientalisch-evangelischen Dialoges zur "Zukunft des Christentums im Nahen Osten" und des Moskauer bilateralen theologischen DialoggesprĂ€ches zwischen dem Moskauer Patriarchat und der EKD zu "Martyrium und christlichem Zeugnis".Mit BeitrĂ€gen von Daniel Benga, Christoph Böttigheimer, Elpidophoros Lambriniadis, Hacik Rafi Gazer, Heta Hurskainen, Martin Illert, Christof Landmesser, Patriarch Bartholomaios I, Elisabeth GrĂ€b-Schmidt, K. M. George, Viorel Ionita, Assaad Kattan, Wolfgang Schwaigert, Aho Shemunkasho, Papst Tawadros II, Reinhard Thöle, Athanasios Vletsis, Irena Zeltner-Pavlovic u.a.[Eastern Churches and Reformation 2017. Encounters and Conferences in the Year of the Anniversary]The present volumes deal with the encounter between the Eastern Churches and the Churches of the Reformation. They combine exegetical, historical and hermeneutical perspectives on Orthodoxy and Protestantism together with current ecumenical questions.The first volume unites the contributions of the Erlangen symposium on hermeneutics, the papers of the EichstĂ€tt conference on the Reformation and the Eastern Churches, and of the bilateral-theological dialogue-meeting on the renewal of the Church between the Evangelical Church in Germany and the Romanian Orthodox Church.The second volume contains the papers of conference on the theological understanding freedom in the orthodox and the protestant tradition plus a collection of essays on theological, ethical and ecological matters by Patriarch Bartholomew I.The third volume documents the theological dialogue between the oriental-orthodox Churches and the Evangelical Church in Germany on the future of Christianity in the Near East and the bilateral dialogue between the evangelical church in Germany and the Moscow Patriarchate on martyrdom and Christian witness.

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TÜBINGEN II. FREIHEIT AUS ORTHODOXER UND EVANGELISCHER SICHT. THEOLOGISCHE TAGUNG, TÜBINGEN 29.05.–30.05.2017

LUTHER AUS ORTHODOXER SICHT UNTER BESONDERER BERÜCKSICHTIGUNG SEINER 95 THESEN

Metropolit Elpidophoros (Lambriniadis)
Ereignisse, die die Einheit der Kirche verletzen, sind Aspekte des kirchlichen Lebens, die in besonderer Weise untersucht werden mĂŒssen. Damit soll auf keinen Fall eine Erinnerung kultiviert werden, die die schmerzlichen Entwicklungen gleichsam auf ewig festschreibt. Auch gilt es keineswegs, die Spaltung zu rechtfertigen. Vielmehr geht es darum, zu erkennen, wie wir Fehler vermeiden können. Außerdem soll durch die Untersuchung eine Selbsterkenntnis gefördert werden, die die Liebe und Nachsicht mit den christlichen BrĂŒdern im Einflussbereich Roms, aber auch mit allen anderen Menschen fördert. Die bessere Kenntnis der Schwierigkeiten und Probleme des GegenĂŒbers hilft uns, dem anderen in Liebe und mit VerstĂ€ndnis zu begegnen.
Mein Interesse richtet sich an dieser Stelle auf die Erforschung der geschichtlichen AnfĂ€nge der Spaltung der westlichen Christenheit und insbesondere auf den Zeitraum von 1517–1521, der, wie sich aus den Texten und der zeitgenössischen Bibliographie ergibt, der »schwebende« Schritt fĂŒr beide Lager – schließlich fĂŒr uns alle – ist. In diesen Jahren bemĂŒhte sich Luther, sich innerhalb der römisch-katholischen Kirche zu halten und doch von seinen persönlichen Überzeugungen nicht abzulassen [
]. Mein Interesse ist also in höchstem Maß ein kirchliches. In Luthers »Hier stehe ich« und in seiner Forderung nach Einberufung eines ökumenischen Konzils befinden wir uns heute tatsĂ€chlich vor einer unverhĂŒllten Ökumene. Doch lassen Sie uns den historischen Rahmen der Reformation betrachten, so wie ihn ein orthodoxer Theologe sieht.
Am Beginn einer neuen Epoche
Das SpĂ€tmittelalter ab ca. 1300 ist von besonderem Interesse wegen der GĂ€rungen, die auf allen Ebenen stattfanden und die Neuzeit ab ca. 1500 vorbereiteten. Das Mittelalter wird als Epoche durch die Una civitas Christiana1, die eine christliche Gesellschaft, gekennzeichnet. Das Streben nach dieser Einheit und ihre Verwirklichung war im Westen fast immer kriegerisch und bestand fĂŒr viele in UnterdrĂŒckung. Die streng hierarchische Struktur der römisch-katholischen Kirche und die Unterwerfung von Königen und Völkern unter die Macht des Papstes war eine grundlegende Garantie fĂŒr die Erhaltung dieser Einheit.
DarĂŒber hinaus stellte Rom fĂŒr die westliche Welt den sichtbaren Mittelpunkt der wirklichen Einheit der Kirche dar, und das gab ihm Möglichkeiten zur sozialen und politischen Durchsetzung gegenĂŒber den Völkern des Westens (theokratische Ideen der PĂ€pste, die zu einer Art Totalitarismus fĂŒhrten).2 Es gab zwar Perioden mit Neuordnungen, ZusammenstĂ¶ĂŸen und GĂ€rungen, aber sie wurden fĂŒr gewöhnlich erstickt. Bekannt ist der Satz, der vor der Reformation zu hören war: reformatio ecclesiae in capite et in membris, und der die Forderung nach einer Erneuerung der Leitungsstrukturen der Kirche, aber auch des Lebens der Christen zum Ausdruck bringt.3 Jedenfalls leitet das SpĂ€tmittelalter die Neuzeit ein.4 Die Regeln, die Prinzipien und die Formen, die das Mittelalter gesteuert hatten, werden nach und nach heftig in Frage gestellt.5 Und schließlich werden sie aufgehoben, insbesondere durch die Reformation.6
Betrachten wir im Folgenden die GrĂŒnde fĂŒr die Reformation aus orthodoxer Perspektive.
Die Reformation des 16. Jahrhunderts war das Ergebnis und die Folge einer schwerwiegenden geistlichen Krise in der Kirche des Westens.7 Die ErschĂŒtterung der scholastischen Theologie, der totalitĂ€re Zentralismus und die rationalistische AutoritĂ€t der römisch-katholischen Kirche fĂŒhrten diese in eine institutionalisierte Verweltlichung, welche die individuelle Unterwerfung unter eine sichtbare Gewalt nach sich zog.8 Schließlich zementierte die Reformation als aus dem Schoß der römisch-katholischen Kirche hervorgegangene Antwort die absolute Geltung der unpersönlichen AutoritĂ€t der Heiligen Schrift, die zur unumschrĂ€nkten Autonomie des Individuums fĂŒhrt.9 Zugleich aber empfahl sie, das Leben und die Kultur der Menschen zu christianisieren.10
Beweise fĂŒr die Auflösung der christlichen Einheit im europĂ€ischen Westen bzw. Elemente, die ihr Verschwinden anzeigen, sind zahlreich. Sie erschĂŒtterten vor allen Dingen die damals als unzweifelhaft geltende pĂ€pstliche AutoritĂ€t.11
Wir fĂŒhren folgende charakteristische Punkte auf:
1) Avignon. Der zuvor mit geradezu weltumspannender Macht ausgestattete Papst wird fast zu einem einfachen Bischof des französischen Königshofes herabgestuft (»Babylonische Gefangenschaft des Papsttums« 1309–1377). Das Große AbendlĂ€ndische Schisma 1378–1415 fĂŒhrte zur kirchlichen Spaltung des Westens in zwei einander bekĂ€mpfende Lager. Die Reformkonzilien (Pisa 1409, Konstanz 1414–1418 und Basel 1431), die einen nationalen Charakter hatten und von einem unvollkommenen konziliaren Geist beseelt waren, zielten auf die Neugestaltung der Machtfaktoren ab.12 Das Gesamtklima wurde durch das Wirken der RenaissancepĂ€pste belastet, die sich wie italienische Feudalherren verhielten.13 Im Gegensatz zur Verhaftung an die Idee des mittelalterlichen Universalismus bedeutet das Auftreten der soeben genannten Entwicklungen den Ausdruck eines stetig wachsenden kirchlichen Nationalismus.14
2) Die nationalpolitische ZerstĂŒckelung Westeuropas durch den Aufstieg großer nationaler Königreiche bringt auch das Auftreten von Kirchen mit Nationalcharakter mit sich. Ein charakteristisches Beispiel hierfĂŒr ist die Tendenz zur Bildung starker lokaler Kirchenverwaltungen in Deutschland.15
3) Die Ablehnung des Westens gegenĂŒber den Aufrufen der PĂ€pste zum Krieg gegen die Feinde des Christentums (moslemische Araber und Osmanen). Diese Ablehnung wird stĂ€rker, als zwei PĂ€pste fĂŒr ökonomische Gegenleistungen SultansbrĂŒder als Geiseln an ihrem Hof aufnehmen. Der Fall Konstantinopels zeigt die UnfĂ€higkeit des zerrissenen Europa, gemeinsame Ziele zu verfolgen.16 Schon seit dem 14. Jahrhundert hatte die Tendenz zur Emanzipation der Staaten des Westens aus der AbhĂ€ngigkeit vom Papst sich zu zeigen begonnen. Könige und FĂŒrsten stimmten nicht mit der Lehre vom einen und einheitlichen Europa mit dem Papst als Oberhaupt ĂŒberein.17
4) Die Abspaltung des hĂ€retischen Böhmen:18 Die reformatorischen Bewegungen und Ideen des John Wyclif († 1374)19 beeinflusten den Böhmen Jan Hus († 1415), der der AnfĂŒhrer der reformatorischen Bewegung Böhmens und Professor der UniversitĂ€t Prag war. An der UniversitĂ€t Prag wurden schon seit dem 14. Jahrhundert reformatorische Bewegungen gepflegt und Kritik an der verweltlichten Kirche geĂŒbt, und zwar nicht nur von Laienpredigern (Johannes Milic, Matthias von Janov), sondern auch von Bischöfen, Priestern und Mönchsorden und mit der UnterstĂŒtzung der staatlichen KrĂ€fte. Die Ansicht, die Reformation sei ein Auslöser fĂŒr die Verweltlichung der Kirche im Westen gewesen, ist reichlich oberflĂ€chlich, weil die Reformatoren genau das entgegengesetzte Ziel hatten, nĂ€mlich die Verweltlichung der Kirche seitens der römischen PĂ€pste durch die RĂŒckkehr zum urchristlichen Leben abzuwenden.20 Zu erwĂ€hnen ist auch das AbendlĂ€ndische Schisma von 1378 bis 1415, in dessen Folge es zu einer zunehmenden territorialen Aufspaltung der abendlĂ€ndischen Gesellschaft kam. Diese hatte sogar das Aufkommen territorialer oder gar »nationaler« kirchlicher Verwaltungseinheiten zur Folge.
Die heftige Kritik fĂŒhrte zu einer religiösen Verinnerlichung21 – was sicher mit den mystischen Theologen des Mittelalters zu tun hat – aus der die »Devotio moderna«22 und das BemĂŒhen um die Freiheit der Kirche23 (Libertas Ecclesiae)24 hervorgegangen sind.
Jan Hus25 wurde 1415 von der römisch-katholischen Kirche verurteilt und nach einem Beschluss des Konzils von Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannt.26
Vereint mit den sĂŒdböhmischen Waldensern27 gelangten seine AnhĂ€nger, die Hussiten, zur Reformation und 1419, nachdem sie sich von der römisch-katholischen Kirche getrennt hatten, zum Aufstand gegen die Kirche und den Kaiser.28 Das Ergebnis war die StĂ€rkung der politischen KrĂ€fte (unter Ausschlus des Klerus von der Einmischung in die politischen AblĂ€ufe) und die Verpflichtung zur gleichrangigen Koexistenz der beiden Kirchen (Katholiken und Utraquisten)29 mit je eigenen Vertretern in der Regierung und mit gleichrangigen KirchenrĂ€ten.30 Nach neuerlichen Auseinandersetzungen wurde schließlich 1485 im Kuttenberger Religionsfrieden die Gleichheit der beiden Glaubensrichtungen bestĂ€tigt.31 Zur internen SchwĂ€chung der Kirche trug vor allen Dingen der Nominalismus des Franziskanertheologen Willhelm von Ockham (1290–1349)32 bei, der mit seiner Via moderna33 die theologische Methode des Scholastikers Thomas von Aquin († 1274) und seiner Via antiqua34 verwarf. Den inneren Zusammenhang der Natur mit Gott (natĂŒrlic...

Table of contents

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Geleitwort
  5. Inhalt
  6. Einleitung
  7. Das Schreiben der Orthodoxen Bischofskonferenz zum ReformationsjubilÀum 2017
  8. Die Antwort des Ratsvorsitzenden auf das Schreiben der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland
  9. Besuch des Ökumenischen Patriarchen in Stuttgart und TĂŒbingen 28.05.–30.05.2017
  10. TÜBINGEN II. FREIHEIT AUS ORTHODOXER UND EVANGELISCHER SICHT. THEOLOGISCHE TAGUNG, TÜBINGEN 29.05.–30.05.2017
  11. Biogramme

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