Die klassischen Freikirchen entstanden als Antityp zum kirchlichen Mainstream. Man operierte traditionell in einem "Modus der Erweckung". Dabei entwickelten die Freikirchen die Tendenz, die eigene ekklesiologische und missionarische IdentitĂ€t im GegenĂŒber zu anderen christlichen Gruppierungen zu definieren, die als "signifikante Andere" fungierten. Diese herkömmlichen Mechanismen erweisen sich nun allerdings unter den verĂ€nderten Bedingungen des Glaubens in einem sĂ€kularen Zeitalter als nicht mehr förderlich.Die Studie untersucht die gegenwĂ€rtigen ekklesiologischen und missionarischen Herausforderungen von Freikirchen in einer postchristlichen Umgebung. Anhand umfangreicher quantitativer und qualitativer Daten werden verschiedene Aspekte des traditionell "erwecklichen" freikirchlichen Gemeindeaufbaus unter missionarischen Gesichtspunkten eingehend unter die Lupe genommen. SchlieĂlich werden zukunftsfĂ€hige Perspektiven fĂŒr ein nachhaltiges, hoffnungsvolles und gleichzeitig realistisches missionarisches Handeln von Freikirchen in einem nachchristlichen Kontext aufgezeigt.The Missional Free Church: Perspectives for Free Church Development in a Post-Christian Context]Classical Free Churches emerged as the antitypical counterpart to established churches within a Christian society. Hence, they traditionally operated in a "mode of revivalism", primarily reaching those who had already been religiously socialized to a significant degree. At the same time, Free Churches developed the natural tendency to define their ecclesiological and missional identity in opposition to other Christian groups. In a secular age, however, in which the former reality of Christian culture is fading, these conventional procedures are no longer conducive for the accomplishment of Free Church mission.In this study, the current predicament of Free Church ecclesiology and missiology in a post-Christian society has been analysed. Through extensive discussion of quantitative and qualitative data, several assumptions that underlie Free Church (revivalistic) missiology have been scrutinized. Eventually, several perspectives for a sustainable, hopeful and yet realistic missional practice for Free Churches in a post-Christian context are pointed out.

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Freikirche mit Mission
Perspektiven fĂŒr den freikirchlichen Gemeindeaufbau im nachchristlichen Kontext
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Perspektiven fĂŒr den freikirchlichen Gemeindeaufbau im nachchristlichen Kontext
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1.EINLEITUNG
1.1.FREIKIRCHEN ALS FORSCHUNGSGEGENSTAND: EINE ANNĂHERUNG AUS MISSIOLOGISCHER PERSPEKTIVE
Die AnfĂ€nge der evangelischen Freikirchen in Deutschland reichen zum Teil bis in die Zeit der Reformation zurĂŒck. Die sogenannten âșklassischenâč Freikirchen, die in dieser Studie im Vordergrund stehen (siehe 1.2.1.), entstanden schlieĂlich ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Freikirchen unterscheiden sich von den traditionellen GroĂkirchen nicht durch Sonderlehren, sondern in erster Linie durch ein bestimmtes ekklesiologisches VerstĂ€ndnis und ihre ausgeprĂ€gte Glaubenspraxis.1 Bei aller Unterschiedlichkeit zwischen einzelnen freikirchlichen Strömungen und Traditionen,2 lĂ€sst sich das PhĂ€nomen der âșFreikirchenâč doch annĂ€herungsweise durch die folgenden vier Merkmale bestimmen:
(1)das Prinzip der âșFreiwilligkeitâč, wonach das aus einer individuellen Bekehrung entspringende persönliche Glaubensbekenntnis entscheidend fĂŒr die Mitgliedschaft in der Kirche ist;
(2)die Trennung der Kirche vom Staat, was einerseits die Ablehnung staatlicher Reglementierung bedeutet, gleichzeitig aber die Entscheidung beinhaltet, bewusst auf Privilegien von Seiten des Staates zu verzichten;
(3)die Förderung des âșPriestertums aller GlĂ€ubigenâč, womit die aktive Mitgestaltung des gemeindlichen Lebens durch alle Glieder (und nicht nur durch die AmtstrĂ€ger) gemeint ist;
(4)die starke Betonung von Evangelisation und Mission, weshalb man die freikirchliche Bewegung durchaus auch als âșKonversionschristentumâč bezeichnen kann.3
WĂ€hrend der Kenntnisstand ĂŒber Freikirchen in der Bevölkerung weiterhin meist sehr gering ist, haben sie als Forschungsgegenstand in den vergangenen Jahrzehnten vermehrt Aufmerksamkeit erfahren. Gerade aus historischer und systematischer Sicht sind Freikirchen als Kollektiv inzwischen recht gut erfasst und in verschiedenen Grundlagenwerken zugĂ€nglich gemacht.4 Ăhnliches gilt fĂŒr die jeweils spezifische Geschichte und besondere theologische AusprĂ€gung der einzelnen freikirchlichen Denominationen.5 Im deutschsprachigen Kontext hat sich vor allem der 1990 gegrĂŒndete Verein fĂŒr Freikirchenforschung um die Untersuchung von theologischen und historischen Fragestellungen aus freikirchlichem Blickwinkel verdient gemacht. Ăber die Jahre sind eine ganze Reihe von BĂ€nden der Zeitschrift Freikirchenforschung mit BeitrĂ€gen zu unterschiedlichsten Themenschwerpunkten erschienen, darunter u. a. die Rezeption der Reformation durch die Freikirchen, Freikirchen als [kirchliche wie gesellschaftliche] AuĂenseiter, das VerhĂ€ltnis von Freikirchen zur Gemeinschaftsbewegung, zur charismatischen Bewegung bzw. zu neueren, unabhĂ€ngigen Gemeinden, Freikirchen zur Zeit des Nationalsozialismus, oder die Problematik enttĂ€uschter Aussteiger aus Freikirchen verbunden mit dem Thema der Dekonversion.
Aus praktisch-theologischer Perspektive ist es nun allerdings verwunderlich, dass angesichts der bei Freikirchen traditionell starken Betonung von Bekehrung, Mission und Gemeindewachstum gerade der spezifisch missiologische Aspekt des freikirchlichen Gemeindeaufbaus bisher kaum ins Blickfeld intensiverer Forschung gerĂŒckt wurde. Dies erscheint umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass in jĂŒngerer Zeit immer hĂ€ufiger zu hören ist, die Zukunft der Kirche sei freikirchlich. So hat Miroslav Volf in seiner einflussreichen freikirchlichen Ekklesiologie nachdrĂŒcklich betont, weltweite Entwicklungen deuteten darauf hin, dass das protestantische Christentum in der Zukunft eine weitestgehend freikirchliche Form annehmen werde.6 Ăhnlich hat einer der einflussreichsten deutschen Theologen des 20. Jahrhunderts, JĂŒrgen Moltmann, kĂŒrzlich in einem Aufsehen erregenden Interview bemerkt: »Die Zukunft der Volkskirche ist freikirchlich!«7 Damit ist zunĂ€chst natĂŒrlich nicht mehr ausgesagt, als dass die Zukunft der Kirche eine »freiere und freiwilligere« sein wird.8 Und auch Volf will seine Aussage explizit nicht so verstanden wissen, dass die »Rettung« des Christentums quasi automatisch von christlichen Gemeinschaften freikirchlicher PrĂ€gung zu erwarten sei.9 Doch nichtsdestotrotz drĂ€ngt sich angesichts solcher Zukunftsprognosen die Frage auf, ob es neben der vorhergesagten ZukunftsfĂ€higkeit des Typs âșFreikircheâč auch andere Anzeichen dafĂŒr gibt, dass Freikirchen inmitten des massiven gesellschaftlichen Wandels tatsĂ€chlich in besonderem MaĂe in der Lage sind, missionarische StoĂkraft zu entfalten. Mit anderen Worten: Sind Freikirchen aufgrund ihrer ekklesiologischen IdentitĂ€t und ihren charakteristischen Merkmalen in besonderer Weise geeignet, christliche Erneuerungs- und gemeindliche Wachstumsprozesse in einem zunehmend sĂ€kularer werdenden Kontext zu initiieren und zu gestalten?
Abgesehen von einzelnen, verstreuten Hinweisen und Anmerkungen sind mir fĂŒr den deutschsprachigen Kontext bisher lediglich zwei Studien bekannt, die sich aus jeweils unterschiedlichen Blickwinkeln mit Facetten der angedeuteten Fragestellung befasst haben. Sabine Schröder hat 2007 unter dem Titel Konfessionslose erreichen eine auf den Osten Deutschlands begrenzte empirische Untersuchung freikirchlicher GemeindegrĂŒndungen vorgelegt.10 Sie knĂŒpft dabei an den vielfach geĂ€uĂerten Standpunkt an, wonach sich im konfessionslosen, areligiösen Osten Deutschlands entscheiden werde, ob der christliche Glaube in seiner kirchlichen Gestalt in der sĂ€kularisierten Gesellschaft Deutschlands ĂŒberhaupt noch missionarische Wirksamkeit entfalten könne.11 Auch Freikirchen geben hier zunĂ€chst wenig Anlass zur Hoffnung. Denn Schröder kommt zu dem eher ernĂŒchternden Ergebnis, dass selbst neue, freikirchliche GemeindegrĂŒndungen »genauso wenig ein Mittel darstellen, Ostdeutschland mit dem Evangelium zu erreichen, wie die etablierten Kirchen vor Ort«. Das habe vor allem mit einem Mangel an Inkulturation zu tun, wobei »die besonderen gesellschaftlichen Bedingungen in Ostdeutschland nicht genĂŒgend reflektiert werden« und folglich eine gezielte, kontextsensible Auseinandersetzung mit spezifisch ostdeutschen MentalitĂ€ten kaum stattfinde.12 In der Regel wĂŒrden freikirchliche Angebote, »nicht auf Konfessionslose abgestimmt, die doch ĂŒber 70 Prozent der Bevölkerung ausmachen, sondern auf Menschen, die noch irgendeine Verbindung zur Kirche oder zum Christentum haben«. Schröder beklagt in diesem Zusammenhang, dass sich die Hoffnung, freikirchliche GemeindegrĂŒndungen könnten der »Minorisierung« und »Marginalisierung« der christlichen Kirche etwas Substanzielles entgegensetzen, bisher nicht erfĂŒllt habe. Stattdessen sei die Frage in den Vordergrund zu rĂŒcken, »warum die Freikirchen in ihrem BemĂŒhen um die konfessionslose Bevölkerung Ă€hnlich erfolglos blieben wie zumeist die Volkskirche«.13 Durch die erlernte Konfessionslosigkeit sei in Ostdeutschland eine religiöse Sprachlosigkeit entstanden, die es auch Freikirchen »schwer macht zu verdeutlichen, wie der christliche Glaube im Alltag erfahren und gelebt werden kann«.14 Es bestehe ein »VerstĂ€ndigungsgraben«15 zwischen Freikirchen und der fĂŒr den Glauben zu gewinnenden Bevölkerung und es scheint auch Freikirchen bisher nicht ausreichend gelungen, angesichts der weitverbreiteten religiösen Indifferenz sprachfĂ€hig und damit missionarisch effektiv zu werden. Ohne tieferes VerstĂ€ndnis der »andersgearteten Sozialisation«16 und ohne eine bewusster kontextualisierte Gemeindebaupraxis wird sich, so könnte man im Anschluss an Schröders Studie prognostizieren, angesichts der gesellschaftlichen RealitĂ€ten im Osten Deutschlands auch im Rahmen der Freikirchen keine signifikante missionarische Durchschlagskraft entfalten.
Auf den ersten Blick positiver stimmt eine von Forschern der UniversitĂ€t Lausanne und des Institut de Sciences Sociales des Religions Contemporaines durchgefĂŒhrte empirisch-religionssoziologische Untersuchung der evangelischen Freikirchen in der Schweiz aus dem Jahr 2014 mit dem Titel PhĂ€nomen Freikirchen.17 Anhand einer reprĂ€sentativen quantitativen Erhebung und weiteren qualitativen Untersuchungen kommen die Autoren zu dem Schluss, dass es sich bei den Evangelisch-Freikirchlichen um ein Ă€uĂerst wettbewerbsstarkes religiös-soziales Milieu handele.18 Das evangelisch-freikirchliche Milieu sei »sicherlich eine der innovativsten und dynamischsten KrĂ€fte in der religiösen Szene der Schweiz«19, denn die Zahl der Evangelisch-Freikirchlichen hat sich nach Angaben des Bundesamtes fĂŒr Statistik zwischen 1970 und 2000 mehr als verdreifacht (auf 112.964). FĂŒr 2008 schĂ€tzen die Autoren, dass es in der Schweiz zwischen 200.000 und 250.000 Evangelisch-Freikirchliche gibt (d. h. ca. 2,6â3,2 % der Bevölkerung), wozu allerdings auch Kinder, Personen mit Doppelmitgliedschaften (Freikirchen und Landeskirchen) sowie Personen mit freikirchlichem Frömmigkeitstypus in Landeskirchen zĂ€hlen.20 »In einem von wachsender religiöser Indifferenz und Vielfalt geprĂ€gten Kontext stellen die Evangelisch-Freikirchlichen â anders als das katholische und das reformierte Milieu â eine erstaunliche Resistenz unter Beweis«,21 was sich die Schweizer Religionssoziologen anhand ihrer Ergebnisse mit einer Kombination von »sozialer Abschottung« und »hoher WettbewerbsstĂ€rke« erklĂ€ren: Die freikirchliche (evangelikal geprĂ€gte) IdentitĂ€t bleibe auch in einer zunehmend sĂ€kularisierten Welt plausibel, weil man sich auf der einen Seite durch gemeinsame GlaubensĂŒberzeugungen, Praktiken, Werte und Normen deutlich profiliere und vom religiösen wie ethischen Relativismus der (Post-)Moderne klar abgrenze. Das gemeinsame Bekenntnis zur Bibel als unangefochtene AutoritĂ€t nicht nur in Glaubensdingen, sondern gerade auch in Sachen Moral und Verhalten, ziehe eine bewusste, normative Selbstkontrolle nach sich und sorge im Zusammenspiel mit der Sozialkontrolle durch andere Mitglieder und personifizierte AutoritĂ€ten (Pastoren, Ălteste, sonstige VerantwortungstrĂ€ger) fĂŒr die fortdauernde StabilitĂ€t freikirchlicher Gruppierungen.22
Auf der anderen Seite agiere man wettbewerbsstark, weil man in ...
Table of contents
- Cover
- Titel
- Ăber den Autor
- Impressum
- Vorwort
- Vorbemerkungen und Dank
- Inhalt
- 1. Einleitung
- Teil I: Freikirchlicher Gemeindeaufbau im Kontext: Rahmenbedingungen, Herausforderungen und Konzepte
- Teil II: Missionarischer Gemeindeaufbau im Raum der Freikirchen: Ergebnisse der empirischen Untersuchung freikirchlicher Gemeinden
- Weitere BĂŒcher
- Endnoten
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