Die Bibel ist das Buch, das weltweit am meisten verbreitet und ĂŒbersetzt worden ist. Viele Menschen in fast allen Kulturen finden in ihr Trost, Rat und Mahnung; ja, fĂŒr sie ist die Bibel Gottes Wort. Andere haben MĂŒhe, Zugang zu der fremden Welt der Bibel zu finden. FĂŒr sie ist die LektĂŒre schwierig und wirft erhebliche Fragen auf. Denn es gibt in ihr grausame Geschichten und schwer verstĂ€ndliche Passagen. Wie passen schöne und eindringliche Worte mit verstörenden oder scheinbar nichtssagenden Texten zusammen? Gibt es einen einsichtigen Zusammenhang zwischen dem Alten und dem Neuen Testament, oder zwischen Schriften, die sich auf den ersten Blick widersprechen? FĂŒr Christen stellt sich die Frage, welche Wahrheit in der Bibel zu finden ist und wie man sie erschlieĂen kann. Die hier vorgelegten Ăberlegungen wollen ein eigenes VerstĂ€ndnis der Bibel fördern und damit zum Lesen helfen und anregen.

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Topic
Theology & ReligionSubtopic
Biblical Studies1Â Einleitung
1.1Â Mord und Totschlag, Literatur und Leben
1928 veranstaltete die illustrierte Modezeitschrift »Die Dame« eine Umfrage unter Schriftstellern und fragte sie nach dem Buch, das bei ihnen den gröĂten Eindruck hinterlassen habe. Die Umfrage wurde in der Beilage mit dem doppeldeutigen Namen »Die losen BlĂ€tter« veröffentlicht. Eine einzige Antwort daraus ist bis heute fast sprichwörtlich. Sie stammte von dem skandalumwitterten, jungen und erfolgreichen Autor Bertolt Brecht. »Sie werden lachen: die Bibel«, schrieb Brecht und begrĂŒndete seine Antwort damit, dass er die Bibel lĂ€se als eine »Sammlung von aufregenden Geschichten, Generationskonflikten, Mord und Totschlag, gipfelnd im Hohenlied der Liebe«. Das war natĂŒrlich alles andere als ein Glaubensbekenntnis, sondern ein frecher Witz, doch nicht ohne erheblichen Respekt vor diesem Buch und seiner Sprache.
Um echten Mord und Totschlag handelte es sich, wenn Christen und christliche Gemeinden in den Katakomben leben mussten, aber an ihren Bibeln erkannt werden konnten. Da konnten BĂŒcher und mit ihnen die Besitzer vernichtet werden. Das geschah im Römischen Reich bis zum Anfang des vierten Jahrhunderts n. Chr. und danach immer wieder in der Kirchengeschichte. Ein sehr eindrucksvolles VerhĂ€ltnis zur Bibel hatten etwa die Geheimprotestanten in Ăsterreich, die ihren Glauben nach der katholischen Gegenreformation nur heimlich ausdrĂŒcken und leben konnten. Sie feierten an unzugĂ€nglichen Stellen evangelischen Gottesdienst und mussten ihre Lutherbibeln 150 Jahre lang immer wieder auf abenteuerliche Weise verstecken. Ob in HohlrĂ€umen im Kuhstall oder unter den Dielen verborgen, durften Bibel und Gesangbuch bei einer Hausdurchsuchung nicht entdeckt werden, denn sonst hĂ€tten ihre Besitzer Haus und Hof verloren und wĂ€ren aus ihrer Heimat vertrieben worden â ein hoher Preis fĂŒr eine Frömmigkeit, die aus der Bibel lebte.
1.2Â Das verbreitete und dennoch unbekannte Buch
Die Bibel lesen Christen und aufgeschlossene AnhĂ€nger anderer Religionen, Atheisten wie Brecht und suchende Humanisten. Sie ist Gegenstand der gröĂten Verehrung und der wĂŒtendsten Ablehnung. Wer sich mit ihr lĂ€nger beschĂ€ftigt, den lĂ€sst sie nicht kalt. Dazu kommt, dass viele Wendungen der deutschen Sprache, Sprichwörter, Geschichten und Vorstellungen aus der Bibel stammen. Ihre ErzĂ€hlungen, ihre Schilderungen und Merkworte bilden eine fast unerschöpfliche Quelle fĂŒr den christlichen Glauben und die humanistische Bildung. Neben den Sagen und Geschichten des griechisch-römischen Altertums fanden vor allem die Stoffe der Bibel immer wieder ihren Weg in die Kunst, sowohl in die Musik als auch in Malerei und Literatur. Diese Bedeutung der Bibel, die weit ĂŒber die Kirchen hinausreicht, wird oft unterschĂ€tzt, weil die Herkunft biblischer Geschichten und Symbole heute oft unbekannt ist. Denn viele Menschen in Deutschland wissen zwar noch, was eine Bibel ist. HĂ€ufig steht auch noch ein Exemplar im BĂŒcherschrank als FamilienerbstĂŒck oder als Geschenk. Doch damit ist nicht gesagt, wie oft dieser Band aufgeschlagen und gelesen wird. Das Spektrum reicht von der völligen Unkenntnis, ĂŒber das gelegentliche Aufschlagen bis zu einer Vertrautheit, die der tĂ€gliche Gebrauch schafft.
Es ist ja auch nicht ganz einfach, mit einem inhaltlich so komplexen Buch umzugehen. Die Bibel kann nicht wie ein Roman vom Anfang bis zum Ende durchgelesen werden. Um sich in ihr zurechtzufinden, braucht man eigentlich so etwas wie eine Landkarte oder eine Gebrauchsanleitung. Unvorbereitet und unberaten aber legen viele die Bibel nach den ersten Versuchen wieder zurĂŒck und behalten den Eindruck, dieser voluminöse Band sei ein Buch mit sieben Siegeln.
1.3Â Die sieben Siegel
Selbst die Redewendung von den sieben Siegeln stammt aus dem Buch der BĂŒcher. Sie findet sich in der Offenbarung an Johannes (5,1 â 8,1), dem letzten Buch der Bibel. Dort erblickt der Schreiber, der Seher Johannes, eine versiegelte Buchrolle, die offensichtlich einen lĂ€ngeren Text enthĂ€lt. Diese Rolle darf â wie es heiĂt â von keinem Menschen geöffnet werden, weil niemand die Vollmacht hat, ihre sieben Siegel zu öffnen.
Nur einer einzigen Gestalt soll das gelingen. Diese aber wird widersprĂŒchlich und rĂ€tselhaft beschrieben: einerseits erscheint sie als Löwe aus dem Stamm Juda und andererseits als geschlachtetes Lamm. Diese zwei Beschreibungen verbinden Unvereinbares: Der Löwe gilt als König der Tiere und ist das Symbol der Macht. Das Lamm war dagegen das klassische Opfertier, ist also Sinnbild der absoluten Ohnmacht und des gewaltsamen Todes. Beide Symbole in einer einzigen Figur geben ein RĂ€tsel auf, ja sprechen so etwas wie eine Geheimsprache. Die Lösung ergibt sich aus dem damals verbotenen Glauben an Jesus Christus, der in diesen Bildern ausgedrĂŒckt wird. Jesus Christus wird sowohl mit einem Lamm verglichen als auch mit einem Löwen. Das Lamm symbolisiert den gewaltsamen Tod Jesu. Der Löwe steht als Zeichen fĂŒr die Auferstehung Jesu, also den Sieg ĂŒber den Tod. Nur einer, der den Tod ĂŒberwunden hat, ist imstande, die Siegel zu lösen und die Geheimnisse der Welt zu offenbaren, meint der Seher Johannes.
Die Ăffnung der sieben Siegel wird in der Offenbarung ausfĂŒhrlich geschildert. Damit beginnt eine Zukunftsschau voller Kriege und Katastrophen, also Erfahrungen, die die christlichen Gemeinden bereits gemacht haben und weiter fĂŒrchten mĂŒssen. Der Seher meint aber, das gegenwĂ€rtige und zukĂŒnftige Unheil könne man im Vertrauen auf diesen Herrn getrost ĂŒberstehen. Der Glaube an den auferstandenen Christus helfe, das Leben und seine Geheimnisse zu »lesen«, zu verstehen und darum auch zu bewĂ€ltigen.
Das Bild der Buchrolle mit den sieben Siegeln lĂ€sst sich auf die ganze Bibel ĂŒbertragen, weil sie oft genug rĂ€tselhafte und geheimnisvolle Texte enthĂ€lt, die gedeutet werden mĂŒssen. Diese MĂŒhe lohnt sich, weil Leserinnen und Leser damit ein Lebens- und Glaubensbuch aufschlagen. Sie werden dabei regelmĂ€Ăig an ihre eigenen Lebenserfahrungen erinnert und nach dem gefragt werden, was ihnen selbst heilig ist. Sie finden Antworten, die sich im Lauf des Lebens durch neue Erfahrungen erweitern und verĂ€ndern, ja auch neue Fragen hervorrufen. Das aber hat auch RĂŒckwirkungen auf das VerstĂ€ndnis biblischer Texte, die sich im Laufe des Lebens besser und tiefer erschlieĂen. Dieses Verstehen kann ein unaufhörlicher Prozess zunehmender Erkenntnis sein.
Das BĂŒchlein, das Sie nun in den HĂ€nden halten, sammelt eine Reihe von Fragen, die in christlichen Gemeinden und Kirchen immer wieder debattiert und kontrovers beantwortet werden. Es benennt Schwierigkeiten beim Bibellesen und soll Hinweise bieten, die helfen, die Bibel zu erschlieĂen. Erste Informationen, Hinweise auf weiterfĂŒhrende Literatur und nĂŒtzliche Internetadressen mögen anregen, sich selbst ein Bild zu machen und das GesprĂ€ch mit anderen Interessierten zu suchen.
Literaturhinweise
Christoph Dohmen, Die Bibel und ihre Auslegung. MĂŒnchen 22003
Jörg Rosenstock/âRoland Rosenstock, Wie lese ich die Bibel? Neugier genĂŒgt. Bielefeld 2014
www.bibelwissenschaft.de/âstartseite
2 Die Bibel â das Buch der BĂŒcher?
2.1 Woher kommt das Wort »Bibel«?
ZunĂ€chst war Byblos der griechische Name einer antiken Hafenstadt im heutigen Libanon. Sie entwickelte sich in der Antike zu einem zentralen Umschlagplatz fĂŒr Papyrus, aus dem einzelne BlĂ€tter und ganze Rollen als Schreibmaterial hergestellt werden konnten. Da die Griechen den Rohstoff fĂŒr dieses »Papier« aus Byblos bezogen, nannten sie den Stoff zum Beschreiben zunĂ€chst nach der Stadt »byblos«, bis schlieĂlich jedes SchriftstĂŒck, Urkunden und ganze BĂŒcher einschlieĂlich ihres Inhalts als »biblos« oder »biblion« bezeichnet wurden. Davon wurde der Plural »biblia = Schriften/âBĂŒcher« gebildet und von Juden wie Christen zunehmend fĂŒr ihre heiligen Schriften reserviert. So gewann »Biblia« allmĂ€hlich den Sinn »Die Heilige Schrift«. In dieser Bedeutung wanderte das Wort aus dem Griechischen in die lateinische Sprache, aus der dann alle europĂ€ischen Sprachen das Lehnwort »Bibel« ĂŒbernahmen. »Biblia/âdas ist/âdie gantze Heilige Schrifft Deudsch« hieĂ darum das Ăbersetzungswerk, das Martin Luther 1534 zum ersten Mal vollstĂ€ndig veröffentlichte. »Bibel« blieb jahrhundertelang ausschlieĂlich der Name fĂŒr das wichtigste Buch, die Heilige Schrift der Christen.
Die Liste der BĂŒcher, die zur Bibel gehören, wird oft »Kanon« genannt. Der Begriff stammt ursprĂŒnglich aus dem HebrĂ€ischen, wo »KanÀ« eine Messlatte oder ein Richtscheit den Teile enthalten jeweils viele einzelne Schriften, die oft zunĂ€chst einzeln im Gebrauch waren. Deshalb ist die Bibel â genau betrachtet â eine Sammlung von beschreibt (Hes 40,3). Wenn heute eine MacBibel, eine FotoshopBibel oder »die Bibel aller KochbĂŒcher« vorgestellt und beworben werden, dann erheben die Verfasser einen Ă€hnlichen Anspruch. Sie wollen umfassend informieren und die Messlatte fĂŒr einen Bereich des Lebens sein: Danach muss sich alles richten! Mehr brauchst du nicht!
2.2 Welche Teile umfasst die christliche Bibel?
Ăltere Bibeln hatten meist einen lĂ€ngeren Buchtitel und gaben damit etwas von ihrem Inhalt an: »Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und des Neuen Testaments«. Damit sind die beiden Hauptteile dieses einen Buches genannt, die nur zusammen die ganze christliche Bibel darstellen, das Alte und das Neue Testament. Aber auch diese bei-BĂŒchern. Dass sie das eine »Buch der BĂŒcher« ist, das mehr bedeutet als alle anderen BĂŒcher der Welt, beschreibt die Erfahrung von Christen mit der Heiligen Schrift.
Das Alte Testament bilden 39 Schriften. Sie enthalten Glaubenszeugnisse, die fĂŒr den jĂŒdischen Glauben grundlegend sind. Dieser Teil der Bibel wird manchmal auch als Erstes Testament oder HebrĂ€ische Bibel oder im jĂŒdischen Bereich mit dem Kurzwort »Tanakh«. (Tenach) bezeichnet, weil er die Tora (= 1. â 5. Buch Mose), die Nebiim (= die ProphetenbĂŒcher) und die Ketubim (= Schriften) zusammenfasst. Sie entstanden ĂŒber einen Zeitraum von 800 Jahren bis zur Mitte des zweiten Jahrhunderts v. Chr. FĂŒr Jesus, Paulus und die ersten Christen waren diese hebrĂ€ischen Schriften die Bibel, in deren Schriftrollen sie lasen, deren Gebete sie sprachen, die sie auslegten und die die wesentlichen Elemente ihres Glaubens enthielt. Ihr Umfang, ihre ZĂ€hlung und Reihenfolge wurden erst im Lauf der Jahrhunderte endgĂŒltig festgelegt. Da die einzelnen Schriftrollen teuer waren, besaĂen Ă€rmere jĂŒdische und christliche Gemeinden im Altertum oft nur die wichtigsten Teile dieser Bibel.
Die Sammlung frĂŒher christlicher Schriften ergab einen zweiten Teil der Bibel, den nur Christen als Heilige Schrift anerkennen. Das Neue Testament enthĂ€lt 27 christliche Schriften, die zwischen 50 und 150 n. Chr. entstanden, gelesen und weitergegeben wurden. Sie sind in einem lĂ€ngeren Prozess in der Alten Kirche gesammelt, geprĂŒft und allmĂ€hlich anerkannt worden. Ende des vierten Jahrhunderts n. Chr. stellten der Bischof Athanasius in Alexandria und eine römische Synode gleichlautend fest, welche Schriften zum Neuen Testament gehören â und welche nicht. Bis heute sind sie Grundlage des Glaubens fĂŒr alle christlichen Konfessionen.
2.3 Die griechische Ăbersetzung des Alten Testaments und die Apokryphen
Zwischen dem Alten und dem Neuen Testament steht in vielen, aber nicht in allen evangelischen Bibelausgaben eine weitere Schriftengruppe, die sogenannten Apokryphen des Alten Testaments. Sie werden in der katholischen Kirche deuterokanonische BĂŒcher genannt, weil sie erst nach einigen Zweifeln in den Kanon aufgenommen wurden; sie finden sich in allen katholischen Bibelausgaben.
Diese Apokryphen sind durchweg von jĂŒdischen Autoren verfasst und waren zunĂ€chst in jĂŒdischen Gemeinden in vorchristlicher Zeit und bis ins zweite Jahrhundert n. Chr. im religiösen Gebrauch, waren also fĂŒr viele fromme Juden Bestandteil ihrer jĂŒdischen Bibel. Diese allerdings war in ihrem Umfang noch nicht endgĂŒltig festgelegt, sondern war fĂŒr ergĂ€nzende BĂŒcher und ZusĂ€tze offen, die zu wesentlichen Teilen gar nicht mehr hebrĂ€isch verfasst waren, sondern in der damaligen Weltsprache Griechisch. Der Grund dafĂŒr war, dass seit mehreren Jahrhunderten v. Chr. groĂe jĂŒdische Geme...
Table of contents
- Cover
- Titel
- Impressum
- Vorwort
- Inhalt
- 1 Einleitung
- 2 Die Bibel â das Buch der BĂŒcher?
- 3 Die Bibel â Heilige Schrift, Gottes Wort?
- 4 Wie finde ich mich in der Bibel zurecht?
- 5 Wie lernt man biblische Texte zu verstehen?
- 6 Was leistet die Bibelwissenschaft?
- 7 Ein Beispiel fĂŒr historisch-kritische Bibelauslegung: Das Gleichnis vom verlorenen Silbergroschen
- 8 Die Bibel und ihre Ăbersetzungen
- Editorial zur Reihe
- Weitere BĂŒcher
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