Panzer gegen die Freiheit
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Panzer gegen die Freiheit

Zeitzeugen des 17.Juni berichten

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Panzer gegen die Freiheit

Zeitzeugen des 17.Juni berichten

About this book

"So einfach konnte ein Problem nicht zu lösen, eine Diktatur nicht zu beseitigen sein. Trotzdem hatte mich diese Stimmung gepackt, auch weil die Leute an ihre Kraft glaubten." – Mit diesen Sätzen beschreibt der in Bitterfeld aufgewachsene Plakatkünstler Professor Klaus Staeck das Spannungsfeld des 17. Junis. Arbeiteraufstand, Volksbegehren, Revolte oder Putsch waren Begriffe, unter denen man zu erfassen suchte, was an jenem Mittwoch im Juni 1953 in der DDR geschah. Das Freiheitsstreben unzähliger Menschen wurde mit der brutaler Gewalt beantwortet: sowjetische Panzer und niederknüppelnde Polizei gegen das eigene Volk. – So verschieden die Zeitzeugen sind, die zu Wort kommen, so differenziert und facettenreich ist auch die Darstellung der Ereignisse. Sowohl Schauspieler und Künstler als auch Wissenschaftler, Theologen, Arbeiter und Angestellte berichten in Interviews über ihre Beobachtungen, ihre Haltungen, ihre Konflikte und Irrtümer. Entstanden ist eine spannende Mischung aus Subjektivität und Zeitgeschichte, die fünfzig Jahre nach dem 17. Juni 1953 die Ereignisse in einem neuen Licht erscheinen lässt.

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Information

Year
2018
Edition
1
eBook ISBN
9783374055807
Horst Mende, Wirtschaftsjournalist, Jahrgang 1919, war 1953 als politischer Häftling im Leipziger Gefängnis in der Alfred-Kästner-Straße.
Gaby Waldeck

»Das war psychische Folter.«

Horst Mende
Langsam normalisierte sich nach dem Krieg das Leben wieder. In unserer kleinen Wohnung im vierten Stock haben wir auf dem Balkon drei Hühner und Kaninchen gehalten. Und in den Parkanlagen waren alle Grünflächen zu Beeten umfunktioniert, auf denen die Mieter der umliegenden Häuser Tomaten, Möhren und andere Gemüse anbauten. Da musste nachts immer einer Wache halten.
Und nun hieß es, wovon sollen wir leben. Der Vater stand ohne Arbeit da, weil er in der NSDAP war. Also galt es die Eltern mit zu ernähren. Meine Frau war Buchhändlerin. Da haben wir eine alte Wehrmachtsbaracke auf dem großen Leipziger Kasernengelände gekauft, haben sie abgebaut und in der Landsberger Straße unten am Lothringer Platz, der heute Coppiplatz heißt, ein großes Grundstück enttrümmert. Dort wurde die Baracke wieder aufgestellt und ein Geschäft für Bücher und Papierwaren eröffnet. Mein Vater holte früh die Zeitungen und alles ran, meine Frau führte eine Leihbücherei mit ungefähr 500 Büchern. Damals gab es noch kein Fernsehen und die Leute haben gelesen, noch und noch. Mit diesem Geschäft haben wir uns finanziell über die Runden gebracht. Und nebenbei ging es immer noch auf den Schwarzmarkt.
Allmählich blühte die Innenstadt wieder auf, die meisten Geschäfte waren noch da. Der Klavierladen Blüthner und die alten Restaurants waren noch in privater Hand. Von Enteignung war noch nicht die Rede. Nur ausgesprochene Nazis wurden abgeholt oder bekamen die Geschäftserlaubnis entzogen. Die Geschäfte der Hainstraße und der Mädlerpassage hatten alle wieder geöffnet. Da war vorne ein großer Friseur, Leipzigs größter Friseur, den haben wir dann im Gefängnis wieder getroffen, so wie viele andere Geschäftsleute der Mädlerpassage und der Stadt. Das Bild, das sich in jenen Monaten vor uns auftat, war ein durchweg positives. Wir glaubten fest an eine neue Ordnung. Und deshalb haben wir uns auch mit der neuen Ideologie befasst, haben gesagt: Ja, wenn das so ist und es gehört dazu, da muss man sich einmal in der Woche die Vorlesungen über Marxismus-Leninismus in der Universität anhören.
Mit der Zwangsvereinigung der SPD mit der KPD kam der Wandel. Wer sich immatrikulieren lassen wollte, musste einer der Blockparteien angehören. Ich war in die SPD eingetreten, hatte sogar die SPD-Studentengruppe mit gegründet. Und über Nacht war man in der SED. Viele meinten, man hätte mindestens mal gefragt werden müssen. Die Sozialdemokraten waren im Grunde genommen die schärfsten Gegner der Kommunisten. Und die Kommunisten verachteten die Sozialdemokraten, sie sagten Sozialfaschisten. Also, das war eine komische Zusammenführung: Überall wo maßgebende Positionen zu besetzen waren, wurden plötzlich Kommunisten eingesetzt. Und das machte böses Blut. Der Ärger ging schon los, weil das alles unter der Hand geschah, nicht offiziell. Leise, heimlich, fast illegal wurden bisherige SPD-Männer unter irgendeinem fadenscheinigen Grund abgelöst. Viele protestierten deutlich. Die wurden abgeholt und verschwanden. Ich habe im Zuchthaus Waldheim SPD-Funktionäre getroffen, die waren in derselben Zelle, in der sie schon bei den Nazis gesessen hatten. Sie fanden sogar ihr Eingekritzeltes noch. In Waldheim waren sehr viele ehemalige Sozialdemokraten. Den Eingangszellenbau nannten die Häftlinge »Kuhstall«. Der war noch aus dem 17. Jahrhundert und einer der ältesten Gefängnisbauten überhaupt in Deutschland. Um die Neuankömmlinge wahrscheinlich erst einmal zu schocken, um ihnen einen Vorgeschmack zu geben, was der Begriff »Waldheim« bedeutet, kamen sie anfangs für einige Tage in diesen »Kuhstall«. Seine schmalen Zellen mit kleinen Viereckfenstern und dicken Eisenstäben erinnerten an das Mittelalter. An ihren übertünchten Wänden waren Namen und Daten eingeritzt. Zurückgehend bis in die Nazizeit. Eben auch von damaligen SPD-Leuten. In den Zuchthäusern der DDR sind damals wegen der unmenschlichen Verhältnisse über dreihundert Sozialdemokraten kaputt gegangen.
Nun aber zurück nach Leipzig, wo ich seit 1946 studierte. Die sich nach und nach überall in der DDR abzeichnenden Verhältnisse wiesen deutlich auf eine Diktatur hin. Betriebe wurden enteignet, die Bodenreform rigoros durchgezogen, Schauprozesse sollten die Leute einschüchtern. Mein Freund Wolfgang Natonek wurde bei der ersten Studentenratswahl mit absoluter Mehrheit zum Vorsitzenden gewählt. Sogar einige von den Linken müssen für ihn gestimmt haben, denn sonst hätte er nicht diese deutliche Mehrheit bekommen. Für die Obrigkeit war es ärgerlich, dass nicht Kommunisten im Studentenrat das Sagen hatten. Deshalb wurde die Wahl wiederholt. Angeblich seien Wahlfehler vorgekommen. Die zweite Wahl ergab, dass der Natonek noch mehr Stimmen bekam. Und da brannten die Sicherungen durch. Natonek war Halbjude. Sein Vater war maßgebender Redakteur bei der Leipziger Zeitung gewesen, emigrierte dann über die Tschechoslowakei nach Amerika. Die Mutter blieb mit ihrem Sohn da, weil sie Nichtjüdin war. Mein Freund war ein begnadeter Rhetoriker. Seine Reden zur Studentenratswahl waren einmalig. Der Audimax war voll bis oben hin, wenn Wolfgang Natonek in der Ritterstraße sprach. In einer Rede sagte er einmal: »Kommilitonen, es ist noch gar nicht so lange her, das kennt ihr ja alle, ich habe es am eigenen Leibe miterlebt, da musste man an unserer Uni bei der Immatrikulation eine »arische Großmutter« nachweisen. Das war bei den Nazis so. Heute sind wir schon wieder so weit, dass wir eine »prolet-arische Großmutter« nachweisen müssen, wenn wir uns hier eintragen wollen.« – Da haben fast alle getobt und enthusiastisch auf die Tische getrommelt. Das war zu viel, der Mann musste weg. Innerhalb von 14 Tagen verschwand Natonek und mit ihm ein Teil des Studentenrates. Das war für mich der Punkt, wo ich gesagt habe: »Jetzt ist es aus.«
Nicht, dass ich Bomben legen wollte oder jemanden umlegen. Aber ich dachte, vielleicht kann ich manches verhüten, indem die Westpresse davon erfährt. Die SED-Genossen haben ja immer darüber gestaunt, dass dem RIAS, dem Radio im amerikanischen Sektor, DDR-Interna vorlagen. Der wurde meistens durch Studenten mit Nachrichten versorgt. Es war kein Problem, mit dem Zug von Leipzig nach Berlin zu fahren, da es noch keine Mauer gab. Von Leipzig kommend, endete der D-Zug auf dem Anhalter Bahnhof, der im amerikanischen Sektor lag. Das war unsere Form von Opposition. Dadurch konnten wir vor uns selbst sagen: »Also diesmal machst du nicht mit, diesmal bist du mutig.«
Wir wollten uns mit unseren Waffen, mit den geistigen Waffen, einmischen. Wenn Leute abgeholt wurden, haben wir das nach Berlin übermittelt. Da gab es ein Ostbüro der SPD, wo man hingehen konnte. Es war manchmal so voll, dass man ins Schöneberger Rathaus in den Keller musste. Dort konnte man sich ausklagen und alles erzählen, was geschehen war. Darin sahen wir unseren Widerstand.
Nach dem Studium kam ein Schreiben vom ZK (Zentralkomitee) in Berlin: Ich sollte mich in der Kaderabteilung vorstellen. War schon mysteriös, wenn man da reinkam. Als erstes durch eine Schleuse, in der man durchsucht wurde, ob man eine Bombe bei sich hat. Dann in der Kaderabteilung ein höherer Genosse, der sagte: »Also Genosse Mende, Sie haben ja jetzt Ihr Studium abgeschlossen, und was haben Sie sich denn so gedacht? Sie können sich hier nicht einfach etwas raussuchen. Im Außenministerium gibt es eine Möglichkeit.« Die Situation war so: In der jungen DDR gab es in den Ministerien zu wenig Fachkräfte. Man hatte Leute nach dem Parteibuch reingestopft, die gerade ihren Namen schreiben konnten. Nun waren die Genossen in der Führungsebene froh, dass die ersten Absolventen von den Universitäten kamen. Wir waren also was wert. Und da habe ich gesagt, wenn ich mir nicht selber was aussuchen kann und die Partei mich da gerne sehen möchte, dann gehe ich nach Berlin ins Außenministerium.
Natürlich dachte ich im Hinterkopf: Da kommst du raus. Aber das war nicht möglich. Der Außenminister Georg Dertinger von der CDU machte mich zu seinem Pressesprecher für Wirtschaftsfragen. Die Atmosphäre im Ministerium war von aufgezwungenen Ritualen geprägt. Das Parteichinesisch der SED musste jedem gebildeten Menschen zuwider sein. Wenn ich zu Außenminister Dertinger wollte, musste ich zum Parteibetriebsgruppenleiter der SED und musste den Antrag stellen, meinen Chef sprechen zu dürfen. In der Anfangszeit hatte ich überwiegend russische Berater um mich. Für mich war eine Frau Klein zuständig, eine Russin, die einen deutschen Mann geheiratet hatte. Die kam rein, knallte die Türe, wühlte auf meinem Schreibtisch herum und fragte mich aus. Nach dem Motto: Wir müssen euch erst einmal beibringen, was Außenpolitik überhaupt ist. In gewissem Sinne hatte sie schon Recht, aber nicht auf diese Art und Weise. Ein Studienkollege hatte im Ministerium auch ein Referat bekommen. Als ich ihn einmal besuchte, blickte ich verwundert auf seinen Schreibtisch, der vom Ausmaß einer Tischtennisplatte ähnelte und voll belegt war mit Büchern und Stadtplänen von Bielefeld. Darauf konnte ich mir keinen Reim machen und fragte. Seine Antwort verblüffte mich total: »Ich bereite mich darauf vor«, erwiderte er allen Ernstes, »wenn wir Bielefeld mal in der Hand haben. Da werde ich dort Bürgermeister. Ich weiß heute schon besser Bescheid über Bielefeld als der jetzige.« Die Partei war überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit war, wann Westdeutschland übernommen werden würde. Man plante, zu einem Zeitpunkt, an dem die Amerikaner im eigenen Land Schwierigkeiten hatten, in Westdeutschland einen Arbeiteraufstand zu inszenieren. Dann würde solidarisch die DDR zu Hilfe gerufen. Die sollte mit Arbeitergruppen anrücken, um den »geknechteten Westdeutschen« zu helfen. Das alles in der Überzeugung, die Rote Armee im Rücken zu haben. Die Amerikaner, war die feste Überzeugung der DDR-Führungsriege, würden wegen dem kleinen Westdeutschland nicht einen Atomkrieg riskieren. Das waren keine Traumvorstellungen, sondern real durchdachte Konstrukte.
Immer mehr hatte ich das Gefühl, der Umgang mit diesen Leuten würde mich alt und krank machen. Meine Erfahrung sagte mir, dass es eine Veränderung geben musste. Erleichtert nahm ich das Angebot eines Studienkollegen an, zur DEFA zu wechseln. Dort arbeiteten noch viele alte Ufa-Fritzen, die man allmählich ersetzen wollte. Ich landete in der DEFA-Dokumentarfilmabteilung in der Jägerstraße.
Unter der Woche war ich meistens in der ganzen DDR unterwegs. Da gab es kein Parteigruppen-Getue. »Der Augenzeuge« zeigte neben der obligatorischen Agitation auch normales Leben, also Modenschauen, Sportereignisse oder Theaterpremieren.
Donnerstags, spät abends, kamen die ersten Kopien der Filme aus der Kopieranstalt. Das war die »Augenzeuge«-Wochenpremiere. Noch in der Nacht sah sich Walter Ulbricht jede Wochenschau minuziös als Erster an. Wenn diese Kontrolle durch war, fuhr ich am Freitag oder Sonnabend nach Hause, denn meine Familie wohnte noch in Leipzig.
Hier, in dieser Stadt, mit der mich von Geburt an so viel verband, wurde ich am 9. November 1952 verhaftet. Man behauptete, ich gehöre zur Schumacher-Bande von Kurt König, der im Auftrage von CIC (Counterintelligence Corps, Spionageabwehrcorps der USA) oder anderen Dienststellen Militärspionage betrieben haben soll. Kurt König war ein Radioingenieur, der in den tätigen Widerstand gegangen war. Er war einer der wenigen, die auf ihre Weise das System zersetzen oder wenigstens schwächen wollten. Er hat Autonummern von Fahrzeugen aufgeschrieben, die an militärischen Übungen teilgenommen haben und diese weitergegeben. Auf mich war die Stasi gestoßen, weil mein Name in Königs Notizbuch vermerkt war. Gleichgesinnte hatten ihm geraten, wenn einmal Gefahr im Verzug sei, wäre Mendes Wohnung in der Landsberger Straße eine mögliche Zwischenstation. Ich hatte schon einmal zwei Pfarrersöhnen aus Eutritzsch, die verhaftet werden sollten, geholfen. Vielleicht war es der Wechsel vom Außenministerium zur DEFA, hinter dem man irgend etwas vermutete.
Während der Verhöre auf einem Gang hörte ich von einem führenden Stasi-Offizier: »Der weiß noch mehr, der kommt mal zu mir raus nach Leutzsch, den werden wir weich klopfen.« Dann kam ich nach Leutzsch in die ehemalige Mädler-Villa, eine berüchtigte Außenstelle der Staatssicherheit. Moritz Mädler war von den Nazis verfolgt worden, weil er Juden geholfen hatte. Aus der Villa wurde er vertrieben und die Gestapo kam rein. Als nach dem Krieg die Russen einzogen, bauten sie die Kellerräume aus. Nachdem die Stasi gegründet worden war und die Mädlervilla übernahm, wurde weitergebaut. Ein ebenerdiger Trakt wurde angebaut. Da kamen Fälle hin, deren Verzweiflungsschreie man nicht hören durfte. Da war neben den Zellen auch ein Duschraum. Das einzig Auffällige war eine kleine Mauer zwischen den Pfosten der Tür, vielleicht einen Meter hoch, über die man steigen musste. Als ich unter der Dusche stand, hörte das Wasser aber erst auf zu laufen, als es mir bis zu den Oberschenkeln stand. Ich hämmerte an die Tür, nichts rührte sich. Die Notdurft musste ich unter mich lassen. Nach etwa vier Stunden holten sie mich heraus. Das wiederholte sich noch einmal.
Später ging es wieder zurück in die Dimitroffstraße. Am schlimmsten waren dort die Nächte und besonders die stundenlangen, nächtlichen Verhöre. War man dann total ermüdet auf der Pritsche eingeschlafen, donnerte es an die Zellentür: »Nur auf dem Rücken liegen, Hände oben auf der Decke geradeaus gelegt!« Im Fünfzehn-Minuten-Takt wurden die Untersuchungshäftlinge durch den Spion überwacht, denn man fürchtete nichts mehr als Selbstmorde.
Manchmal drehte jemand durch. Man hörte, wie die betreffende Zelle aufgeschlossen wurde und der Tobende von mehreren Schließern in eine Beruhigungszelle des Kellers geschleppt wurde. Dann herrschte wieder eine unheimliche Stille.
Eines Nachts schrie eine Frau: »Ich bin unschuldig, lasst mich raus! Ich werde verrückt.« Und dann hörte ich, wie auch sie nach unten gebracht wurde. In der nächsten Nacht sagte der Vernehmer zu mir: »Hör mal, deine Frau hat sich ja gestern hier aufgeführt. Das war eine Schande.« Die haben mich glauben lassen, das sei meine Frau gewesen. Wenn eine Frau schreit, kann man nicht unterscheiden, ob das eine fremde oder die eigene ist. Das war psychische Folter. Dazu monatelang Einzelhaft. Und in der ganzen Zeit keine frische Luft, keine Zeitung, nichts. Da kommen dann Erscheinungen, da fängt die Zelle an zu schwanken. Der Mensch wird ein tatenloses Nichts ohne Zeit und Raum. Ich hatte den Spitznamen »der Schwache«. Von der ersten Vernehmung an stellte ich mich einfältig. Ich wiederholte ständig, dass ich schon in der Schule als der »Schwache« galt.
Bei einer der ersten Vernehmungen saß mir ein ehemaliger Pfadfinderkamerad gegenüber, einer von den Bündischen. Der war genauso erschrocken wie ich. Daraufhin schickte er seine Schreibhilfe nach einem Kaffee. Ich spürte wieder diese Verbindung der Bündischen, die selbst in dieser Stasi-Situation zuverlässig war. Mein ehemaliger Kamerad flüsterte mir zu: »Du kommst hier nicht raus, ob du unschuldig bist oder nicht. Denk dir eine Geschichte aus und bleibe hundertprozentig dabei! Wir haben diesen Monat unser Soll noch nicht erfüllt. Das heißt, es sind noch nicht genügend verhaftet worden. Und wir finden irgendwas: Du hast mal einen Witz gemacht oder so, und das wird dann aufgebauscht. Wenn wir nichts finden, lassen wir dich so lange schmoren, bis du irgendwas zugibst, nur um rauszukommen.«
Und dann dachte ich mir eine Geschichte aus. Wir hatten mal einen Angestellten in unserem Geschäft. Das war mein ehemaliger Wehrmachtskamerad Franz Böhnlein, genannt »Bohne«. Bohne setzte sich nach West-Berlin ab. Dort verpflichtete er sich als Kontaktmann beim amerikanischen Geheimdienst und beim westdeutschen Amt Blank. Darauf baute ich meine bei allen Vernehmungen wieder vorgebrachte Geschichte auf: Böhnlein hätte mir zu meiner Hochzeit und zur Geschäftsgründung 3000 Mark geliehen. Eines Tages tauchte er in Leipzig auf und forderte: »Ich brauche jetzt...

Table of contents

  1. Cover
  2. Hinweise
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Inhalt
  6. Michael Beleites: Vorwort
  7. Regine Möbius: Einführung
  8. Horst Drescher: »Und dann kamen die Sieger.«
  9. Horst Mende: »Das war psychische Folter.«
  10. Fred Delmare: Der Stein des Anstoßes
  11. Lothar Scheithauer: »Dialektischer Materialismus und liberale Willensbildung«
  12. Werner Panzer: Volkspolizei in einem Trojanischen Pferd
  13. Dietrich Mendt: Leben in Gemeinde
  14. Werner Herbig: »Die Kette der Erpressungsmöglichkeiten erschien uns endlos.«
  15. Manfred Schmidt: »Ein schlechter Frieden ist besser als ein guter Krieg.«
  16. Heinz Klunker: Stalinistische Gebärden
  17. Werner Heiduczek: »Es hat sich alles erledigt.«
  18. Manfred Romboy: »Auch Revolutionäre müssen zu Abend essen.«
  19. Elke Erb: »Der Faden der Geduld«
  20. Claus-E. Bärsch: »Es hat mich einfach gezogen.«
  21. Sighard Gille: »Über die Kunst wollte man etwas loswerden.«
  22. Klaus Staeck: Selbstrettung oder früher Widerstand?
  23. Über die Autorin
  24. Weitere Informationen

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