In Wald und Wildnis
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In Wald und Wildnis

Jagdgeschichten

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In Wald und Wildnis

Jagdgeschichten

About this book

Carsten Feddersen, erfolgreicher Jagdbuch- und Krimiautor, bekennt sich hier zu seiner dritten Leidenschaft neben dem Jagen und dem Schreiben: zum Reisen. Alles begann mit einer Australienreise - und man kann leicht erraten, dass es dabei nicht nur um Sightseeing, sondern auch um exotisches Wild ging.Höchst amüsant zu lesen sind nicht nur die Erzählungen von diesen Jagderlebnissen, sondern auch von späteren Reisen nach Australien und ins südliche Afrika. Doch Feddersen beweist auch, dass man nicht notwendigerweise in die Ferne schweifen muss und dass auch für den Jäger das Gute oft ganz nah liegt. Zum Beispiel in den Wäldern und Bergen Österreichs, aus denen er ebenfalls manche schöne Erinnerung mit nach Hause genommen hat.

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Information

Year
2015
eBook ISBN
9783475545405
AFRIKA
Der schwarze Kontinent

Namibia lockt

Als ich mir erste, noch ziemlich vage Gedanken über mögliche Kapitel zu meinen Namibiareisen machte und ich jede Schublade meiner Erinnerungen nach interessanten Begebenheiten durchwühlte, haderte ich ein wenig mit mir. Andere, gewissenhaftere Menschen, schreiben Tagebücher oder notieren sich zumindest einige wesentliche Episoden, doch ich hielt mal wieder nichts Schriftliches in Händen, was mir in irgendeiner Weise das Gedächtnis wieder hätte auffrischen können.
Ein paar Fotografien vermittelten zumindest Eindrücke, beleuchteten ein paar spannende Augenblicke, die jedoch aus dem Zusammenhang gerissen waren und bestenfalls Anhaltspunkte lieferten. Es blieb mir also notgedrungen nichts anderes übrig, als die Augen zu schließen und tief in mich zu gehen, um das hervorzuholen, was im Dunkel des Vergessens zu versinken drohte.
Das hört sich zwar geradezu meditativ an, heißt aber nichts anders, als dass ich mir den Kopf zerbrach, bis es qualmte. Es ist wirklich frappierend und jedes Mal wie ein Geschenk, wenn einem dann wie ein Blitz aus heiterem Himmel wieder ein bestimmter Tag in den Sinn kommt, man plötzlich jeden Busch und Stein wieder vor sich sieht und selbst den Geruch von Wildnis und Dornengestrüpp wahrzunehmen glaubt.
Also, wie war das damals? Wie kamen wir überhaupt auf den Gedanken, in Namibia zu jagen? Zu jeder Entscheidung bedarf es eines Anstoßes, einer Verlockung. Diese bestand in dem fabelhaften Buch »Wildland Südwest« von Rolf Hennings, was mir vielleicht gar nicht so zufällig in die Hände fiel und das ich mit wachsender Begeisterung las.
Im Herbst 1996 pirschte ich in meinem kleinen vorpommerschen Revier, von dem ich ja ausführlich in meinem Buch »Frische Fährte« berichtet habe. An diesem Samstagmorgen lief mir, als ich gerade in den Waldweg einbog, ein Damhirsch buchstäblich vor die Füße. Denn während ich in den Wald hineinstrebte, um meine Sauenkirrung zu kontrollieren, spazierte der Hirsch, ein Abschussknieper par excellence, Richtung Feldweg, wahrscheinlich, um sich ein zweites Frühstück einzuverleiben.
Nun standen wir uns unvermutet und verdutzt gegenüber. Die verdrehten dünnen Stangen waren nicht zu übersehen, und es stellte sich die spannende Frage, wer von uns beiden wohl das schnellere Reaktionsvermögen besaß. Waffe herunter, in die Schulter einziehen, entsichern und schießen waren eins, wobei ich vor lauter Aufregung das Einstechen vergaß, was auf die etwa zwanzig Meter Distanz glücklicherweise keine gravierenden Auswirkungen hatte. Der Hirsch brach blitzartig zusammen, ohne auch nur ansatzweise einen Lauf zur Flucht gerührt zu haben.
Bester Laune kehrte ich auf unseren Hof zurück und rief meinen Jagdfreund Achim an, um ihm die unverhoffte Beute zu präsentieren. Dieser wünschte mir nach kurzer Inaugenscheinnahme ein aufrichtiges Waidmannsheil. »Was hast du denn für einen interessanten Hirsch geschossen«, lautete die mehr rhetorische Frage. »Der sieht ja aus wie ein Fahrradlenker, die Geweihstangen sind ja fast so verdreht wie bei einer Impala.«
»Impala?«, fragte ich irritiert.
»Na, das sind doch diese Antilopen in Afrika«, erklärte er und schüttelte dabei wegen meiner geringen zoologischen Kenntnisse den Kopf.
Da war er wieder, der Funke, der Anstoß. Afrika. Impala. Bei einer Flasche Bier schwelgten wir in Tagträumen, die sich ausschließlich um gefahrvolle Pirschen in der afrikanischen Savanne drehten.
Die Jagd in Afrika beschäftigte mich gedanklich von Tag zu Tag mehr. In jeder Jagdzeitschrift, die ich aufschlug, stierten mich kapitale Kudus und Oryxantilopen an, und ein stolzer Waidmann schildert deren spannende Erlegung in den schillerndsten Farben. Die Andeutungen, die ich gegenüber meiner Frau machte, nahmen stetig an Umfang und Intensität zu, und irgendwann fiel der alles entscheidende Satz. »Ja, eigentlich könnten wir uns das ja mal anschauen.«
Die erste Schlacht war erfolgreich geschlagen, und es fehlten nur noch ein paar verlässliche Jagdkameraden. Was lag da näher, als Umschau in der eigenen Familie zu halten. Mein Vater zeigte sich spontan begeistert von unserer Idee und auch meine Mutter als Nichtjägerin wollte sich den afrikanischen Kontinent auf keinen Fall entgehen lassen. Prospekte wurden gewälzt und Angebote verglichen, Landkarten zu Rate gezogen und Reiseführer studiert. Doch dann kam es wie meistens im Leben: mal wieder ganz anders.
Ein Jagdfreund meines Vaters kannte einen, der einen kannte, der bereits in Namibia gejagt hatte und jedem Gast des Hauses die afrikanischen Trophäen zeigte, egal, ob dieser die nun sehen wollte oder nicht. Selbstverständlich reihten auch wir uns in die Gratulanten und Bewunderer ein und fragten beiläufig nach Kontakten und Adressen. Er empfahl uns die Farm »Jägerslust« in der Nähe von Outjo. Der Inhaber, nennen wir ihn Jochen, würde uns bestimmt gefallen.
Wir ergriffen die Gelegenheit beim Schopfe und stimmten spontan zu. Eine anschließende Diskussion im Familienrat führte ebenfalls zu einem positiven Ergebnis. Nur meine Großmutter äußerte Bedenken, und zwar aus gutem Grund. »Ihr wollt doch nicht etwa Eure Kinder, die knapp laufen können, kreuz und quer durch den afrikanischen Busch scheuchen!«, bemängelte sie unsere fahrlässige Reiseplanung in vorwurfsvollem Ton. Wenn sie auch bezüglich der Fortbewegungsmöglichkeiten von Mareike und Annika erheblich untertrieb, denn die beiden konnten mit ihren fünf und dreieinhalb Jahren bereits bemerkenswerte Spurts hinlegen, hatte sie grundsätzlich natürlich recht. Was war zu tun? Ich hatte doch in meinem kaufmännischen Studium das Schwerpunktfach »Organisation« gewählt und versuchte nun, meine weitgehend theoretischen Kenntnisse im wirklichen Leben nutzbringend einzusetzen.
Doch wie so häufig klaffte zwischen Theorie und Praxis eine schier unüberbrückbare Lücke, und mir wollte einfach nichts Gescheites einfallen, das auch unseren Kindern gerecht geworden wäre. Zu unserer Erleichterung und Freude nahmen dann meine Schwiegereltern das Heft des Handels in die Hand und boten uns an, Mareike und Annika für die knapp drei Wochen bei sich aufzunehmen. Ist es nicht ein Glück, dass es neben Theoretikern auch noch praktisch denkende Menschen gibt?
So überwanden wir dank familiärer Hilfestellung auch dieses potentielle K.o.-Kriterium und konnten uns nun um die bürokratischen Formalitäten kümmern. Die üblichen Widrigkeiten wie abgelaufene Reisepässe oder fehlende Unterschriften auf irgendwelchen Anträgen trugen wir ja noch mit Fassung, aber die amtlichen Hürden, die wegen der Mitnahme von Jagdwaffen und Munition zu nehmen waren, konnten einem die Vorfreude schon verderben.
Ich verzichte an dieser Stelle bewusst auf eine detaillierte Beschreibung oder gar Stellungnahme, da dies den Rahmen des Buches sprengen würde. Zudem hätte es dann den Titel »Durch den Dschungel der Bürokratie« tragen müssen, was mir eine ernste Ermahnung meines geschätzten Lektors eingebracht hätte.
Da ich den Übergang vom behüteten Sohn zum umsorgten Ehemann ohne größere zeitliche Lücken vollzogen hatte, musste ich mich um den Inhalt unserer Gepäckstücke mit Ausnahme der jagdlichen Utensilien dankenswerterweise nicht kümmern.
Also, Kinder und Koffer an Bord, und los ging es von Vorpommern nach Schleswig-Holstein, um gemeinsam mit meinen Eltern von Kiel aus mit einer kleinen Linienmaschine nach Frankfurt zu fliegen. Von dort aus startete die Air Namibia ihre Direktflüge nach Windhoek, der Hauptstadt Namibias. Gleichzeitig wollten wir Mareike und Annika zu meinen Schwiegereltern bringen, die sich bereits auf ihre Enkeltöchter freuten.
Bereits in Wismar, die A 20 existierte damals noch nicht, ereilte uns das erste Malheur. Mareike stellte tränenreich das Fehlen von Lumpi fest. Lumpi hieß ihr bereits arg lädiertes Stofftier, von dem sie sich so gut wie nie trennte und ohne den das Zubettgehen ein Ding der Unmöglichkeit darstellte. Unser Versprechen, Oma und Opa würden bestimmt ein neues, unbeschädigtes Knuddeltierchen kaufen und Lumpi würde sich in Kirchdorf doch viel wohler fühlen, steigerte die Tränenproduktion um ein Vielfaches und der anfangs moderate Heulton nahm an Intensität bedenklich zu. Da half alles nichts – wir mussten umkehren und den so schnöde vergessenen Lumpi holen. Meine beiden Großmütter, die eine Ende siebzig, die andere fast neunzig Jahre alt, die unseren Hof in der Zeit unserer Abwesenheit hüteten, staunten nicht schlecht, als wir plötzlich wieder auf das Grundstück rollten.
Der zweite Versuch verlief dann ohne Komplikationen. Wohlbehalten und voller Tatendrang trafen wir bei den Großeltern ein. Während meiner Frau und mir der Abschied von unseren Kindern wirklich schwerfiel und so manche Träne schamhaft verkniffen wurde, beschäftigten diese sich voller Inbrunst und mit Feuereifer mit den vielen Spielsachen, die sie in Windeseile im gesamten Wohnzimmer meiner Schwiegereltern verteilt hatten. Das Eis, das sie zudem genüsslich verdrückten, tat ein Übriges, sodass Abschiedsschmerz gar nicht erst aufkam. Statt langatmiger Umarmungen und erwarteter flehentlicher Bitten wie »Geht doch bitte nicht«, beschränkten sich die Liebesbekundungen auf wegwerfende Handbewegungen nach dem Motto »Schön, dass wir Euch los sind«.
Auch diese Klippe war erfolgreich umschifft. Nun wurde es ernst mit dem Abenteuer Afrika. Vorfreude ist doch nach wie vor die schönste Freude und statt eines erholsamen, kräftigen Schlafes vor dem langen Flug plagten mich die wildesten Träume, die sich samt und sonders um Kämpfe auf Leben und Tod in der afrikanischen Savanne drehten.
Am nächsten Morgen flogen wir nach Frankfurt. Als der große Jumbo, in dem verdächtig viele Herrschaften in grüner Kluft Platz nahmen, endlich Richtung Namibia startete, fielen mir vor Ermüdung die Augen zu. Ich hatte eigentlich geplant, das gelobte Jagdland als tatendurstiger Waidmann zu betreten. Was jedoch dem schwarzen Kontinent entgegenflog, schnarchend und träumend, genügte diesem Anspruch nicht einmal ansatzweise.

Auf der Pad

Als der große Flieger hart auf der Landepiste des Flughafens Windhoek aufsetzte, weckten mich das heftige Rütteln und Schütteln unsanft aus dem Schlaf. Etwa einhundert Meter vor dem Terminal kam die Maschine zum Stehen, und in dem Augenblick, als wir quer über die Piste auf das Flughafengebäude zu marschierten – ich immer noch mit vor Müdigkeit verquollenen Augen –, schob sich die glutrote afrikanische Sonne am Himmel hervor und tauchte das weiße Flugzeug in ein strahlendes Licht. Eindrucksvoller hätte unsere Reise durch Namibia nicht beginnen können.
Dann standen wir vor dem Fließband und warteten auf unser Gepäck nebst Waffenkoffer. Staunend musterte ich das Waffenarsenal, das behäbig auf dem Laufband an mir vorbeidefilierte. Die Zahl der Gewehrfutter mit Inhalt war schier endlos, und ich fragte mich besorgt, ob es in Namibia überhaupt noch etwas zu jagen gab.
Diese Angst sollte sich bald als völlig unbegründet erweisen, schließlich zählt der Jagdtourismus in diesem südafrikanischen Staat zu den einträglichsten Devisenbringern: Mit dem rapiden Niedergang der Rindfleischpreise sahen viele Farmer ihre Existenz bedroht und suchten nach anderen Erwerbsmöglichkeiten. Was lag dabei näher, als vermehrt robustes Wild anzusiedeln, das mit den klimatischen Verhältnissen und dem zeitweise knappen Äsungsangebot natürlich besser fertig wird als die Rinder. Deshalb weist Namibia eine Artenvielfalt und eine Wilddichte auf, die ihresgleichen sucht. Die Hege kann auf den Farmen, die wir besuchten, nur als vorbildlich bezeichnet werden. Es wird selektiv gejagt, die Farmer kennen ihre Wildbestände auf den immerhin mehrere Tausend Hektar großen Farmen sehr genau und nur wirklich alte, reife Trophäenträger kommen zur Strecke.
Doch ich greife den Ereignissen vor. Noch standen wir an der Abfertigung, und die Ordnungshüter kontrollierten mit unbeweglicher Miene unsere Papiere haargenau, inspizierten die Waffen und zählten die Munition. Zu gern hätte ich gewusst, was wohl in ihren Köpfen vorging. Endlich endete die Prozedur, und erleichtert marschierten wir in die afrikanische Freiheit und Weite, die allerdings vorerst aus einem großen asphaltierten Parkplatz bestand.
Wir standen ein wenig ratlos in der Gegend herum, wie bestellt und nicht abgeholt. Da eile eine junge blonde Frau von etwa zweiundzwanzig Jahren mit federnden Schritten auf uns zu. Marlies, so hieß die deutschstämmige Schönheit, die vor Jahren als Praktikantin ins Land gekommen und dem afrikanischen Zauber restlos erlegen war, entschuldigte sich vielmals für die Verspätung. Eine Reifenpanne mit anschließendem Radwechsel hatte ihre Zeitplanung erheblich durcheinander gebracht. Schnell luden wir unsere Utensilien in den geräumigen Geländewagen, und dann ging es zur Jagdfarm mit dem vielversprechenden Namen »Jägerslust«.
Wer nun – wie ich – die eher begrenzten und überschaubaren Entfernungen in Schleswig-Holstein gewohnt ist, geht irgendwie davon aus, dass das Revier mal so eben um die Ecke liegt und innerhalb kürzester Zeit erreicht sein wird. Oh heilige Einfalt! Eine mehrstündige Fahrt lag vor uns, und die schnell am Himmel emporsteigende Sonne sorgte dafür, dass wir die defekte Klimaanlage in immer kürzeren Abständen verfluchten.
Je weiter wir Windhoek hinter uns ließen, desto mehr breitete sich links und rechts der Busch aus. Vertrocknetes, gelbes Gras wuchs spärlich zwischen wenigen Sträuchern und vereinzelt stehenden Bäumen. Schier endlos erstreckte sich die schwarze Teerpad durch das leicht gewellte Land. Übrigens nennt der Namibier jede Straße, von der Autobahn bis hin zum unscheinbaren Feldweg, »Pad«.
Je mehr wir uns dem Städtchen Okahandja näherten, in dessen unmittelbarer Nähe die Jagdfarm lag, desto häufiger erblickten wir kleine Felsformationen, sogenannte Koppies, die für unsere späteren jagdlichen Aktivitäten noch eine große Rolle spielen sollten.
Als erstes sichtbares Zeichen, dass wir uns im Land des Großen Kudu befanden, fielen uns die Verkehrsschilder auf, die vor Wildwechsel warnen. Während in Deutschland der allseits bekannte Rehbock durch den Warnhinweis hüpft, prangt in Namibia der Kudu auf dem dreieckigen Metallschild. Es dauerte nicht lange, da entdeckten wir an den Straßenrändern, von den wenigen Büschen geschickt verborgen, unser erstes lebendes Wild, nämlich Paviane. Völlig unbeeindruckt von den vorbeifahrenden Autos suchten sie entlang der Straße nach Fressbarem, wobei immer einige erwachsende Tiere aufmerksam das Umfeld absicherten.
Wir waren von der Zutraulichkeit der großen Affen beeindruckt, doch Marlies belehrte uns eines Besseren. Dicht bei einer Gruppe Paviane drosselte sie das Tempo, und während der Wagen langsam ausrollte, ergriffen die Paviane empört kreischend die Flucht und verschwanden blitzartig im Busch. Wir nutzten den unerwarteten Stopp, um uns kurz die Beine zu vertreten und die ungewohnte Umgebung in aller Ruhe auf uns wirken zu lassen.
Der Angriff erfolgte ohne Vorwarnung und traf uns entsprechend unvorbereitet. Wenn es jetzt so scheint, als hätten die Paviane uns mit List und Tücke in einen Hinterhalt gelockt, spricht das für eine ausgeprägte Fantasie, aber so war es nicht. Nein, ich kann weder mit heranstürmenden Affen noch mit zähnefletschenden Raubkatzen aufwarten. Kleine, flinke Erdhörnchen umlagerten plötzlich unser Auto und bettelten um Futter. Die kleinen possierlichen Nager keckerten halb furchtsam, halb frech, und die buschigen Schwänze zuckten dabei aufgeregt hin und her. Als dann das erste Apfelstück den Besitzer wechselte, gab es kein Halten mehr. Anscheinend waren wir in das Zentrum einer Großkolonie geraten, denn von allen Seiten stürmten Erdhörnchen in allen Größen und Altersklassen auf uns zu, um ihren Anteil zu ergattern. Als dann der Nahrungsstrom versiegte, sprich der Apfel verfüttert war, strafte man uns mit eisiger Missachtung und zog sich wieder in die Domizile zwischen dem dornigen Gestrüpp zurück, um auf den nächsten leichtfertigen Wanderer zu warten.
Wir setzten unsere Fahrt nach dieser willkommenen Unterbrechung bestens gelaunt fort. Kilometer um Kilometer trug uns der verlässliche Geländewagen voran, bis wir endlich Okahandja erreichten, das vor allem für seine jährlichen Hererotreffen bekannt ist. Im August gedenkt dieser Volksstamm seiner berühmten Stammeshäuptlinge mit einer prachtvollen Parade und anschließendem ausgelassenen Feiern. Nun, wir schrieben den Monat Oktober, und damit hatten wir zu unserem Leidwesen dieses farbenprächtige Fest bereits versäumt. Einige ältere Hererofrauen, die uns in Okahandja in ihren knallroten Sonntagsgewändern begegneten, vermittelten aber wenigstens einen kleinen Eindruck davon, was sich vor wenigen Wochen hier abgespielt haben mochte. Nachdem Marlies ihre Einkäufe erledigt hatte, starteten wir zur letzten Etappe.
Nach einer knappen weiteren Stunde erreichten wir erschöpft aber glücklich die Jagdfarm »Jägerslust«. Helle, saubere Gebäude empfingen uns, wobei das eigentliche Wohnhaus des Besitzers Jochen auf einer Anhöhe thronte und uns einen herrlichen Blick auf die umliegende Landschaft bescherte. Freundschaftlich und aufgeschlossen begrüßte uns der Hausherr und präsentierte uns stolz seinen Besitz. Sattes grünes Gras umgab das Wohnhaus, eine Farbe, die wir an Regen gewöhnten Schleswig-Holsteiner bisher auf dem langen Weg zur Farm schmerzhaft vermisst hatten. Die Gästezimmer lagen im Haupthaus und bestachen durch ihre rustikale Eleganz. Ungewohnt war das Fehlen elektrischer Nachttischlampen. Stattdessen drückte uns Jochen einfache Wachskerzen in die Hand, denn den Strom erzeugte er tagsüber mit einem laut tuckernden Dieselgenerator, dem zur Schlafenszeit eine Ruhepause gegönnt wurde. Damit erübrigte sich die Notwendigkeit irgendwelcher elektrisch betriebenen Leuchtmittel, und es wurde im wahrsten Sinne des Wortes zappenduster.
Sofort ins Auge stachen die mannshohen Stacheldrahtzäune, die das gesamte Haupthaus umgaben und die einem militärischen Hochsicherheitstrakt alle Ehre gemacht hätten. Ich traute mich jedoch nicht, bereits am ersten Abend zu fragen, gegen wen und was dieser überdimensionierte Schutzzaun Sicherheit bieten sollte und verschob die Frage auf einen späteren Zeitpunkt.
Bei einer Flasche vorzüglichen südafrikanischen Rotweins saßen wir auf der Terrasse und bewunderten den Untergang der Sonne, die für unser Empfinden viel zu schnell hinter dem Horizont verschwand. Noch sehr lange lauschten wir den vielfältigen Stimmen der afrikanischen Nacht unter einem Sternenhimmel, der einen in seiner Intensität fast erschlug. Nach vielem Suchen und noch mehr sachdienlichen Hinweisen entdeckte auch ich das bekannte Kreuz des Südens. Als zu guter Letzt noch eine Sternschnuppe in Bruchteilen von Sekunden über das Himmelszelt rauschte, schloss ich kurz die Augen und sandte meine Wünsche in die Unendlichkeit. Ob sie sich denn alle erfüllten, werde ich nicht verraten, aber über einige werde ich berichten.

Eine verhängnisvolle Pirsch

Am frühen Morgen, noch in stockdunkler Nacht, begann Jochen sein Tageswerk und startete das dieselbetriebene Stromaggregat, das gleichzeitig als perfekter Wecker diente. Nach einem gemütlichen Frühstück folgte ein erfrischendes Duschbad. Ich erwähne diese Selbstverständlichkeit nur deshalb, weil mich die Konstruktion und Wirkungsweise der Säuberungsstätte schlichtweg faszinierten.
Von einem bei uns üblichen elektrischen Durchlauferhitzer oder gar Warmwasserleitungen fehlte jede Spur. Die mit hölzernen Palisaden umrahmte Duschkabine stand, dezent von einigen Büschen umgeben, vor dem Wohnhaus. Über der Duschzelle thronte ein kleines Wasserbecken, das tagsüber von der Sonne aufgeheizt wurde. Je später am Tag also der Körperpflege gefrönt wurde, desto wärmer war das Wasser. Wie gesagt, eine einfach geniale und höchst umweltschonende Bauweise, die zudem vor Verbrühungen schützte.
Ich lege deshalb so viel Wert auf diese Feststellung, weil ich in einem deutschen Ferienhaus die Auswirkungen von fast kochend heißem Wasser einma...

Table of contents

  1. Cover
  2. Titel
  3. Widmung
  4. Impressum
  5. Worum geht es im Buch?
  6. Inhaltsverzeichnis
  7. Vorwort
  8. Australien – Abenteuer am anderen Ende der Welt
  9. Afrika – Der schwarze Kontinent
  10. Österreich – Inmitten des alten Kontinents
  11. Weitere E-Books rund um die Jagd
  12. www.rosenheimer.com

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