Der Sommer 1914 ist strahlend schön. Wer es sich leisten kann, fährt ans Meer, lässt es sich in den mondänen Seebädern gut gehen.
Klara und Justus sind mit ihren Zwillingen Helene und Paula und dem kleinen Emil nach Usedom gereist. Dort hatten sie sieben Jahre zuvor ihre Flitterwochen verlebt, und die Insel ist ihnen in angenehmster Erinnerung geblieben. Die Liebe zwischen der behüteten Tochter aus reichem Haus und dem selbstbewussten Oberlehrer ist noch immer ungetrübt, auch wenn das Leben nicht mehr ganz so unbeschwert ist wie damals. Aus dem Oberlehrer Doktor Sander ist inzwischen Direktor Sander geworden, der die Verantwortung für eine ganze Schule trägt, und die behütete Tochter hat sich in den lebhaften Alltag einer dreifachen Mutter einfinden müssen. Aber jetzt sind Ferien, sorglose Tage am Meer sollen es werden.
Usedom! Ahlbeck, Bansin, Heringsdorf, Swinemünde! Klingende Namen, die sonnenglitzernden weißen Strand verheißen, weit ausgebreitet, eine wärmende Decke zwischen Wasser und Dünen. Prächtige Villen mit säulenumrahmten Balkonen säumen die Promenaden. Strandkörbe, blau-weiß gepolstert – wie über den Strand gekullerte Würfel erscheinen sie aus der Ferne. Sanft streicht der Wind über die Dünen hinweg, treibt die salzige Luft von der See herein. Wellen brausen ans Ufer, ergießen sich über nackte Füße. Kinder tollen zwischen den Strandkörben, buddeln im feinen Sand, bauen Burgen, jedes sein eigener Baumeister. Überall ist Lachen, Singen und Necken. Postkartenidylle!
Die turbulente Hafenstadt Swinemünde lockt auch in diesem Sommer viele Besucher an, den einfachen Kur- und Badegast und die Prominenz. Sie bietet Abwechslung für den Ruhesuchenden und den, der ein bisschen große weite Welt schnuppern möchte. Sogar der Kaiser schaut in jedem Jahr auf eine Stippvisite vorbei.
Unvergesslich das Spektakel am 4. August 1907, die Begegnung zwischen ihm und seinem Cousin Zar Nikolaus II.: Von Bansin bis Swinemünde standen die Menschen dicht gedrängt am Strand, bewunderten die »Hohenzollern«, die stolze weiße Jacht des Kaisers, die im Schutz der deutschen Seeflotte den hohen Besucher erwartete. Ein Aufschrei des Erstaunens ging durch die Menge, als die »Kronstadt« aus dem Dunst am Horizont hervorstach. Umkreist von russischen Torpedobooten glitt das mächtige schwarze Zarenschiff auf die Insel zu, begleitet von den Begeisterungsstürmen der Zaungäste ging es vor Anker.
Später hieß es, der Zar und der Kaiser hätten sich an diesem Tag ewige Freundschaft geschworen, und das grandiose Feuerwerk in der Nacht sollte sie besiegeln. Die Schiffe erstrahlten im Licht unzähliger Glühlampen, die bis in die Masten hinaufgezogen waren. Grüne, blaue, weiße und rote Raketen zischten in die Höhe, tauchten die Nacht in schillernd bunte Farben. Zum Zeichen der Einheit wurde schließlich noch ein »W« neben einem »N« an den Himmel geworfen. Wilhelm und Nikolaus, Deutschland und Russland, in Freundschaft vereint.
Bis in die frühen Morgenstunden wurde auf der Strandpromenade getanzt. Die Menschen waren ausgelassen und voller Hoffnung auf einen andauernden Frieden.
Juli 1914: Noch scheint die Sonne in Swinemünde. Am Strand tragen die Damen züchtige Badeanzüge, auf der Promenade spazieren sie in langen, schmal geschnittenen Kleidern, breitkrempige Hüte mit Federn auf den wohlfrisierten Locken. Dann und wann zeigt sich ein freches farbiges Hütchen, das sich an den Kopf schmiegt, ganz wie es die Modewelt in Paris erdacht hat.
Die Herren ganz elegant, in hellen Anzügen, Strohhüten, ein goldumrandetes Monokel in der Westentasche und die Bärte nach oben gezwirbelt, alle kleine Kaiser. Die Buben in kurzen Hosen mit kurz geschorenen Haaren, selbstbewusst mit wachem Blick. Die kleinen Mädchen, reizend wie Püppchen, in weißen Spitzenkleidchen, Lackschühchen und mit geflochtenen Zöpfen, von glänzenden Taftschleifen gehalten.
Auch die Zwillinge Paula und Helene und der kleine Emil gehören zu diesen niedlichen Geschöpfen, die unbeschwert um die Eltern herumspringen. Die beiden Mädchen, fünf Jahre alt, und der zweijährige Stammhalter sind der ganze Stolz von Klara und Justus.
»Komm in meine Liebeslaube, in mein Paradies« und »Püppchen, du bist mein Augenstern«, spielen die Kurorchester, und will man die jungen Damen zum Erröten bringen, dann wird Claire Waldoff gesungen: »Hermann heeßt er! Wie der Mann knutschen, drücken kann …«
Noch tanzt Swinemünde, noch will niemand das Schreckliche denken. Der Kaiser gilt doch etwas, sein Wort hat Gewicht. Er wird die Krise beenden, die plötzlich den Frieden in Europa bedroht.
Aber die Sache ist ernst. Die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Frau am 28. Juni in Sarajevo hat die schon seit Langem aufgeheizte Luft zwischen den Völkern zum Flimmern gebracht. Der Seemacht Großbritannien erscheint die deutsche Flotte inzwischen zu mächtig. Das Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland ist seit der französischen Niederlage von 1871 ohnehin äußerst angespannt. Auf dem Balkan konkurriert Russland mit Österreich-Ungarn um die Vormachtstellung.
Das Attentat von Sarajevo ist der letzte Funke, der das Pulverfass Europa explodieren lassen wird. Hektisch und unüberlegt agiert die Diplomatie – und versagt.
Ende Juli 1914 überschlagen sich die Nachrichten. Mit der Rückendeckung des deutschen Kaisers stellt Österreich-Ungarn Serbien ein Ultimatum. Kaiser Franz Joseph I. verlangt die rückhaltlose Strafverfolgung der Hintermänner des Attentats. Doch Franz Joseph ist mit der Antwort aus Belgrad nicht zufrieden und erklärt Serbien nach Ablauf des Ultimatums den Krieg. Sofort schlägt sich Russland auf die Seite Serbiens und verkündet nun seinerseits die Generalmobilmachung. Deutschland mit Österreich-Ungarn, Russland mit Serbien im Verbund – sind die beiden Cousins, Zar und deutscher Kaiser, nun Gegner? Wilhelm reagiert umgehend: Er drängt Nikolaus, die Mobilmachung zurückzunehmen.
Die Extrablätter werden den Verkäufern aus den Händen gerissen. Der Kaiser lässt keinen Zweifel daran, was werden soll, wenn Russland nicht einlenkt.
»Ich hoffe, dass, wenn es nicht in letzter Stunde meinen Bemühungen gelingt, die Gegner zum Einsehen zu bringen und den Frieden zu erhalten, wir das Schwert mit Gottes Hilfe so führen werden, dass wir es mit Ehren wieder in die Scheide stecken können«, verkündet Wilhelm II. am 31. Juli 1914 in Berlin.
Wenige Stunden später die Gewissheit: Der Zar wird nicht nachgeben. Am Samstag, den 1. August 1914, erschüttert ein Trompetenstoß aus der Swinemünder Garnison die Stadt: Wilhelm II. hat die Mobilmachung verkündet.
Es dauert nicht lange, bis die Strandkörbe verwaisen, die Promenaden wie leergefegt sind. Traurig klappern die Fensterläden der in aller Eile verlassenen Hotels im Wind. Mit Koffern beladene Autos verstopfen die Straße. Hupen, Schimpfen, Drängen! Der strahlend helle Sommer 1914 hat sich jäh verdunkelt.
Stiefel marschieren, Feldgrau, Marineblau – das sind die Farben, die Swinemünde nun beherrschen. Die Damen in den hübschen Garderoben, die Mädchen in ihren Lackschühchen, die kleinen Buben, jungen Männer, Väter, alle strömen davon. Auch Klara und Justus wollen nach Hause. Schnell los, nur nicht noch länger warten.
Auf dem Bahnhof herrscht heilloses Durcheinander. Die einfahrenden Züge sind überfüllt, und kaum jemand findet einen Platz. Klara fürchtet um ihre am Abend zuvor telegraphisch bestellten Billets für ein Schlafwagenabteil von Berlin nach Frankfurt. Sie war doch so glücklich, als man sie ihr zusicherte. Aber wie sollen sie jetzt rechtzeitig nach Berlin kommen? Plötzlich ein Geraune in der Menge, irgendjemand hat gehört, dass in Heringsdorf noch Züge abfahren.
Ein Auto! Jetzt braucht man ein Auto! Klara muss sich nicht lange sorgen, Justus hat sich schon gekümmert. Im offenen Wagen rasen sie in zehn Minuten nach Heringsdorf. Die Haare fliegen, die Hüte werden auf den Kopf gepresst. Klara drückt den kleinen Emil fest an sich. Sie fürchtet, dass sie bei diesem Tempo noch allesamt aus dem Auto fallen. Aber die mutige Fahrt lohnt sich. Gerade fährt ein Zug in den Bahnhof ein. Koffer aus dem Wagen, schnell, schnell, einsteigen. Geschafft! Wenigstens im Gang ist noch Platz, und da sitzen sie nun auf ihren Koffern.
Die junge Frau in dem blauen Seidenkostüm, ein Blau, das beinahe so hell ist wie die Farbe ihrer Augen. Das dunkle, seidige Haar hochgesteckt unter dem gelben Sommerhut. Klara zieht so manchen heimlichen Männerblick auf sich, doch das nimmt sie nicht wahr. Sie lehnt ihren Kopf an den Mann, der neben ihr sitzt und liebevoll ihre Hand streichelt. Justus’ Schläfen sind schon ein wenig grau, aber schnell ist der Altersunterschied zwischen ihm und Klara vergessen, wenn er mit den Kindern scherzt und sich vergnügte Fältchen um die klugen dunklen Augen zeigen.
Der Zug kommt gut voran, es steigen kaum Leute zu, die meisten sind wohl schon fort. Irgendwann werden Plätze in der 1. Klasse frei, die Justus für die Familie erobert.
Einigermaßen ausgeruht kommen sie alle in Berlin an. Doch sie finden sich auf einem von Menschen überquellenden Bahnsteig wieder. Die Züge haben alle Verspätung, und die Stimmung unter den Reisenden ist angespannt. Die Kinder sind nach der langen Fahrt kaum zu bändigen, Lokomotiven stampfen über die Gleise, schnaubende Kolosse, die die Wartenden in dunkle Rauchwolken hüllen, dazu das flirrende, summende Stimmengewirr. Alles ist in Bewegung.
Eine Stunde müssen sie auf dem Bahnsteig ausharren, bis der voll gestopfte Zug nach Frankfurt am Main eintrifft. Aber noch ist die Ordnung nicht ganz verloren. Das Schlafwagenabteil für Klara und ihre Familie ist reserviert. Endlich ein bisschen Geborgenheit.
Gleichmäßig rattert der Zug durch die Nacht, noch ist es eine friedliche Nacht. Die Kinder und Justus schlafen. Klara denkt an das, was vielleicht kommen wird. Zärtlich streicht sie die Haarsträhne aus Justus’ Stirn. Wie lange wird sie ihr Glück noch festhalten können?
Am nächsten Morgen treffen sie zu Hause ein. Alle sind in heller Aufregung, die Köchin, das Dienstmädchen und das Kinderfräulein. Im Schulhof, gleich neben ihrem kleinen, aufgeräumten Häuschen mit dem blühenden Garten, sieht man schon Soldaten aufmarschieren. Klara hat keine Zeit für tröstende Worte. Justus hat schon seine Einberufung, er muss noch am Abend nach Mainz abreisen, dort sammeln sich die Truppen. In großer Hetze hilft sie ihm bei den Vorbereitungen, um sechs Uhr fährt sein Zug.
Alles geht so schnell, sie kommt kaum zum Luftholen, und dann steht sie mit Justus auf dem Bahnsteig und versucht tapfer zu sein. Sie will ihm den Abschied nicht schwer machen. Er hat gesagt, dass sie ihn vielleicht noch einmal besuchen kann, bevor er ins Feld muss. Das Hotel hat er schon bestimmt. Eine kleine Hoffnung, die trösten soll.
»Auf Wiedersehen«, wie bedeutungsvoll diese Worte auf einmal sind. Wie betäubt schaut Klara dem davonrollenden Zug nach. Ganz allein fühlt sie sich auf einmal.
»Justus, mein Einziger, mein Liebster, ich will dir schreiben, wann immer es mir möglich ist. Wenn ich nur dann auch die richtigen Worte finde, um dich spüren zu lassen, was ich fühle. Du sollst all meine Gedanken wissen, dann bleiben wir uns nahe. Ja, ich will dir schreiben, mein lieber, guter Justus, schreiben …«
4. August 1914
Liebster Justus!
Seit drei Tagen habe ich nichts mehr von Dir gehört. Seid Ihr vielleicht schon fort? Ich hatte so sehr gehofft, Dich noch einmal besuchen zu dürfen. Wie es Dir bei der Hitze wohl gehen mag? Sind Deine Füße denn noch gut?
Justus, mein Herz, ich würde Dich so gern ein letztes Mal in meine Arme nehmen, bevor Du ins Feld musst. Ich warte ganz sehnsüchtig auf eine Nachricht von Dir. Ich weiß, wir müssen uns nun alle in diese neue Zeit einfinden, aber es ist so schwer. Wenn ich in der Nacht aufwache und spüre, dass das Bett neben mir leer ist, dann wünsche ich mir, dass Du gleich morgen wiederkommst.
Aber ich will tapfer sein und ich werde lernen, Geduld zu haben, das verspreche ich Dir. Du sollst Dich nicht um Deine Frau sorgen müssen.
Heute Vormittag war ich bei Frau Reimer. Er marschiert auch in diesen Tagen. Sie glauben nicht, dass sie sich je wiedersehen. Wie wollen sie diese Zeit nur überstehen, wenn sie sich schon jetzt solches ausmalen? Manchmal denke ich ja auch daran und frage mich, was ich dann noch auf der Welt sollte, wenn Du nicht mehr bist. Aber so darf ich nicht denken, da sind doch unsere Kinder! So will ich lieber zuversichtlich sein und darauf vertrauen, dass Du gesund nach Hause kommst.
Frau Reimer meinte übrigens, dass ihr Mann die Stelle an der Schule nie angenommen hätte, wenn Du hier nicht Direktor wärst. Er bewundert Dich sehr, so wie alle Deine Kollegen. Aber sie wäre wohl lieber in Lübeck geblieben, wegen ihrer Eltern, die sie doch sehr vermisst. Paula und Helene haben gestern gefragt, ob der Krieg nicht bald aus sei und der Papa wieder nach Hause kommt?
Stell Dir vor, Nolde hat bereits genug von seinem Posten. Dabei dachte ich, dass er schon seit Langem auf das Amt des Direktors aus sei. Stattdessen sagt er, es gehe ihm stark an die Nerven, dass er sich jetzt nicht nur mit Schülern und Eltern auseinandersetzen müsse, sondern auch noch mit der Lehrerschaft und für alles die Verantwortung trage. Mein Liebster, ich hoffe, dass es Dir gut geht und Gott Dich beschützt, wo imme...