Testpilot zu sein, ist auch heute noch ein gefĂ€hrlicher Beruf. In den dreiĂiger Jahren aber war er ein absolutes GlĂŒckspiel mit dem Sensenmann. Allzu oft gewann er leider auch. "Wir hocken auf des Teufels Schippe" pflegten wir damals zu sagen, und Erich Warsitz tat es gleich im ĂbermaĂ. Er erprobte als erster drei neue Triebwerke mit drei verschiedenen Flugzeugen. Dass er dieses Abenteuer ĂŒberlebte, kann man ruhig als schieres Wunder bezeichnen. Am 20. Juni 1939 startete er zum ersten Flug mit der He 176 und nur sechs Wochen spĂ€ter, am 27. August 1939 hob er das zwar weniger gefĂ€hrliche, aber eben auch noch nie geflogene Flugzeug He 178 mit Strahlturbine zum Erststart vom Boden. Beide FlĂŒge bedeuteten den Beginn der Raumfahrt und unserer heutigen DĂŒsenflugzeuge. Der Tod dieses Mannes sollte daran erinnern, dass Testpiloten ebenso zum Fortschritt in der Luftfahrt beitragen, wie Wissenschaftler und Techniker. Erich Warsitz gehörte zu den groĂen Pionieren der Fliegerei.Nachruf von Mano Ziegler (Messerschmitt Me 262 & Me 163 Pilot), â Oktober 1983

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FLUGKAPITĂN ERICH WARSITZ

ERZĂHLT âŠ
Die Sonne hatte soeben den Horizont verlassen und mit der DĂ€mmerung entfalteten sich jetzt die schönsten Farben am Himmel. Ich zĂŒndete mir eine weitere Zigarette an, setzte mich auf den Fensterbalken, schaute in die Weite und genoss einen Augenblick einen leichten, warmen und sĂŒdlich aufkommenden Wind. Aber meine innere Unruhe lauerte und riss mich schlussendlich mit einer Unmenge von Gedanken aus dieser wunderschönen Sommernacht. Es war der 19. Juni 1939.
Nachdem ich mir eine weitere Zigarette angesteckt hatte, grĂŒbelte ich ĂŒber die bisherigen, nur teilweise gelungenen Versuche nach, die ich mit dem Vogel gemacht hatte. Weil ich es nicht mehr abwarten konnte und darauf brannte, mit der »Kleinen« in die Luft zu gehen, fasste ich endlich meinen Entschluss: »Morgen wird geflogen!«
An den bevorstehenden Tag und an meine Liebsten denkend setzte ich mich an meinen Schreibtisch. Ich zĂŒndete mir abermals eine Zigarette an und begann eine gedankenvolle Reise in die Vergangenheit â bis zu jenem Tag, als alles begann âŠ

⊠Am 18. Oktober 1906 wurde ich in Hattingen an der Ruhr geboren. Ein Jahr spĂ€ter siedelte mein Vater, Oberingenieur Robert Warsitz, zunĂ€chst allein nach Russland, um ein Hochofenwerk aufzubauen, ehe er 1908 die Familie nachkommen lieĂ. Wir bewohnten ein groĂes Haus mit schönem Garten. Mutz, meine Mutter, die kein Russisch sprach, hatte bald durch meinen Ă€lteren Bruder Kurt, der damals fĂŒnf war, einen guten Dolmetscher. Nach Beendigung von Vaters Aufgabe kehrten wir nach Hattingen zurĂŒck, und gegen 1911 begann er mit dem Hausbau an der GrĂŒnstraĂe 36, wo wir â ab 1913 kam meine Schwester Bruni dazu â einen idealen Tummelplatz fanden.

ERICH IN DER ZWEITEN REIHE VON OBEN, GANZ RECHTS
In der Volksschule machten sich meine ersten Veranlagungen Flugzeugen gegenĂŒber bemerkbar, und dies nicht zur Freude meines Vaters. Er wurde des Ăfteren zum Schuldirektor gerufen, weil ich dem Unterricht keine Aufmerksamkeit schenkte, sondern es vorzog, Papierflugzeuge zu basteln, sie fliegen zu lassen und dabei zu trĂ€umen. Einmal landete eines auf dem Schreibtisch des Lehrers, der mich daraufhin ernstlich verwarnte. Eines Tages, wĂ€hrend des Unterrichts, schaute ich aus dem Klassenfenster und sah ein Flugzeug ganz niedrig fliegen, das nicht weit von der Schule entfernt auf einem Feld zur Landung ansetzte. Fasziniert schaute ich zu, bevor mir der Geduldsfaden endgĂŒltig riss. Auf Lehrer und Konsequenzen pfeifend rannte ich aus dem Klassenzimmer, sprang auf mein Fahrrad und raste zu dem Feld. Obwohl der Pilot nicht mehr da war, blieb ich, bis es dunkel wurde, und starrte das schöne Flugzeug an. Am nĂ€chsten Tag schwĂ€nzte ich die Schule und begab mich mit einer TĂŒte voller Brötchen wieder auf das Feld. Ich wollte auf alle FĂ€lle die RĂŒckkehr des Piloten und den Start nicht verpassen. Das Risiko, mit meinem Vater den Direktor aufsuchen zu mĂŒssen, ging ich ein. Am dritten Tag erschien der Pilot mit einem Treibstoffwagen, um das Flugzeug aufzutanken. Nachdem ich einen Moment im Cockpit sitzen durfte, grĂŒĂte er mich, startete und flog davon. Das GerĂ€usch des Motors bedeutete die schönste Musik in meinen Ohren. Ich fing an zu weinen und ging ganz traurig nach Hause. Aber eines wusste ich jetzt: Ich wollte fliegen!


Die Jahre vergingen und meine gröĂte Leidenschaft wurden Motoren jeglicher Art.
An Wochenenden fuhren meine Freunde und ich hĂ€ufiger mit unseren MotorrĂ€dern zum NĂŒrburgring, um uns dort Motorradrennen anzuschauen. Und eines Tages â wir kamen gerade zu viert oder fĂŒnft von einem solchen Wochenende zurĂŒck â geschah etwas, was mich endgĂŒltig der Fliegerwelt ĂŒbergab. Als wir am Flugplatz von Hangelar vorbeikamen, beschlossen wir, einen Rundflug zu unternehmen. Ich sollte der Erste sein, und meine Freunde bestachen den Piloten, gegen Extrabelohnung, einen Looping mit mir zu fliegen. Und so geschah es! Der Funken sprang nun endgĂŒltig auf mich ĂŒber, und von nun an wusste ich, wohin mein Leben gehörte.
Fortan fuhr ich jedes Wochenende mit dem Motorrad nach Hangelar, um Unterricht zu nehmen â heimlich natĂŒrlich! So begann, neben meiner praktischen Ausbildung und meinem technischen Studium, meine fliegerische Ausbildung als Sportflieger fĂŒr den A2-Schein bei der Akademischen Fliegergruppe Bonn/Hangelar.

ERICH WARSITZ (RECHTS VON DEM FRĂULEIN) & FREUNDE


Mein Fluglehrer, der Mediziner Dr. Siegfried Ruff, sollte spĂ€ter ebenfalls eine wichtige Rolle in der Raketengeschichte spielen. Erst als ich zur ersten PrĂŒfung unter anderem meine Geburtsurkunde brauchte, musste ich meinen Eltern alles gestehen. Sie zeigten sich entsetzt! Aber jetzt war es zu spĂ€t. Die Fliegerei hielt mich fest in ihren HĂ€nden, und das verstanden sie auch â sie mussten!

IN DER MITTE DR. SIEGFRIED RUFF
EBENFALLS IM BILD, DIE GEBRĂDER HORTEN (HO 229)
EBENFALLS IM BILD, DIE GEBRĂDER HORTEN (HO 229)
Darauf folgten etappenweise die B1- und B2-Ausbildungen auf verschiedenen FlughĂ€fen bei den damaligen Luftsportvereinen und eine weitere fliegerische Ausbildung bei der Deutschen Verkehrsfliegerschule Stettin (DVS), das heiĂt die C2-Ausbildung fĂŒr Landflugzeuge und fĂŒr die »gewerbsmĂ€Ăige Personenbeförderung« sowie sĂ€mtliche Seeflugscheine. Zwischendurch machte ich den groĂen Kunstflugschein K 2 und absolvierte die Blindflug-Ausbildung sowie das Steuermannspatent fĂŒr »kleine Fahrt«. Nachdem ich die DVS besucht und dort sĂ€mtliche Flugscheine gemacht hatte, betĂ€tigte ich mich zunĂ€chst einmal reichlich als Sportflugzeuglehrer, ehe ich spĂ€ter zur Reichsbahnstrecke (RB-Strecke: eine Tarnbezeichnung fĂŒr die Langstreckenerfahrung, verborgen unter dem 100.000-Mann-Heer) als Fluglehrer, Gruppenfluglehrer und Ausbildungsleiter abkommandiert wurde. Bei diesen Schulungen machte ich viele Erfahrungen, doch vor allem begegnete ich wenig spĂ€ter Wernher von Braun und Dr. Heinkel, die mich schlieĂlich mit der He 176 in die Raketengeschichte und mit der He 178 in das DĂŒsenzeitalter einfĂŒhrten. Die wichtigsten fliegerischen TĂ€tigkeiten meines Lebens begannen âŠ

FLUGPRĂFUNGSBUCH â A2-SCHEIN

ANEKDOTEN VON FREIHERR VON WASSENBERG
DIE GEISTERSTUNDE
Erich Warsitz, Fliegerlehrgang B1 - Schule, DĂŒsseldorf. Wenn ein Kamerad sich irgendwie unbeliebt machte, kam fĂŒr ihn nachts âDer Heilige Geistâ. Dieser in Form einer handfesten Abreibung, meist mit gelben und blauen Flecken als Folge. Zur Zeit lief nichts derartiges, man stellte fest, Erich war noch nie dran. Also wurde provoziert aber nur so zum Scherz!
Erich als Stubenkamerad erfuhr von mir davon: âErich, heute Nacht hat man es auf dich abgesehen!â Erich wurde sichtlich nervös und wir begannen die StubentĂŒre mit Möbel zu verrammeln. Es wurde Mitternacht, und trotz Blockade flog die TĂŒr auf!

Erich leichenblass im fuĂlangen weiĂen Nachthemd flĂŒchtete er durchs Fenster auf den Flugplatz, hell schien der Mond, es war Februar und 10° unter null.
Ein zitterndes Schreckgespenst irrte auf dem Rollfeld umher und wir hielten uns die BĂ€uche vor Lachen, weil uns der SpaĂ so gut gelungen war.
Erich wurde mit harten GetrĂ€nken (damals noch ĂŒblich) wieder auf Temperatur gebracht, worauf er unseren Scherz gnĂ€digst verzieh!

DER GROĂE (G)KĂNNER
Im gleichen Fliegerlehrgang âB1â in DĂŒsseldorf, lud uns Erich beim ĂŒblichen âSamstags-Flanierenâ in pickfeiner Uniform auf der âDĂŒsseldorfer Köâ in ein sehr feines Lokal ein seine GĂ€ste zu sein! Wir dachten an einen Witz, da Erich ansonsten doch als âkniepigâ (sehr sparsam) galt. Vorsicht war geboten, aber wie sich herausstellte unbegrĂŒndet. Er zeigte uns bare RM 450.-, damals viel Geld fĂŒr uns Jungens. âHast wohl in der Lotterie gewonnen wie?â Erich grinste nur. Mitte im âGelageâ erzĂ€hlte er uns lachend folgende Geschichte: Erich musste noch Ăberland-Kilometer fĂŒr B1 fliegen und musste wegen Motorschaden notlanden. Geschickt wie er war, erwischte er in der NĂ€he von MĂŒnster eine groĂe Wiese gleich nicht weit einem bekannten Wasserschloss. Die Herrschaft lud den âtraurigenâ Flieger ein als Gast im Schloss zu wohnen und ihn zu versorgen.

Nach Telefonat mit DĂŒsseldorf wurde ihm beschieden, dass man ihn vor Montag nicht abholen könne. Da Erich technisch sehr begabt, machte er selbst den Motor bald wieder flott und lud mit groĂer Grandezza die Herrschaft zum Rundflug ein, worauf auch die ganzen Dorfbewohner geflogen werden wollten. Erich konnte nicht nein sagen und so ging das den ganzen Samstag und Sonntag rauf und runter, natĂŒrlich gegen entsprechende Bezahlung.
Wir frugen ihn unglĂ€ubig woher er dann die Maschine immer wieder aufgetankt hĂ€tte? Mit vorgehaltener Hand: âaus einer in der NĂ€he befindlichen ARAL-Autotankstelle!â
Das Flugbuch verschwieg âverschĂ€mtâ die vielen Starts und Landungen. Ja damals, da waren solche Fliegerstreiche noch möglich!






DAS RAKETENFIEBER
Nach dem Ersten Weltkrieg, als in Deutschland das Raketenfieber ausbrach, arbeiteten Leute wie Oberth, Valier, von Opel und viele andere an diesen relativ neuen Antriebsaggregaten. Zum Beispiel machte der Pilot Fritz Stamer schon Ende der Zwanzigerjahre, genauer gesagt am 11. Juni 1928, auf der Wasserkuppe in der Rhön den ersten bemannten Gleitflug der Welt mit einem mit Pulverraketen angetriebenen, von Alexander Lippisch entworfenen und die »Ente« genannten Segelflugzeug. Ein Jahr spĂ€ter folgte der erste Flug von Espenlaub und im selben Jahr, am 30. September, startete Fritz von Opel das erste Mal in der Welt mit Raketenantrieb. Diese FlĂŒge kann man eigentlich noch nicht als »ersten reinen Raketenflug der Welt« bezeichnen, da es sich damals wegen ihrer groĂen Spannweite um Segelflugzeuge handelte, die nicht durch eigene Kraft startet...
Table of contents
- Widmung
- Inhaltsverzeichnis
- Vorwort von Lutz Warsitz
- Wernher von Braun Verkehrshaus der Schweiz â 30. August 1971
- Hans Pabst von Ohain in einem Brief an Doris Warsitz â 14. April 1988
- Erich Warsitz ErzÀhlt
- Heinkel He 176 â Das Projekt
- Heinkel He 178 â Geheimste Entwicklung
- Stopp der Weiterentwicklung
- Frankreich 1941 â Truppenlehrung
- Heinkel He 280 oder Messerschmitt Me 262?
- Die Kapitulation & Sibirien
- Nachkriegszeit & Wiedersehen
- Die Schweiz
- 1982 ⊠Erich Warsitz
- Nachwort
- Danksagung
- Literatur, Presse & Links
- Pressestimmen
- Weitere Informationen
- Impressum
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