Die große Sache
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Die große Sache

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Die große Sache

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"Die große Sache" ist ein 1930 erschienenes Werk des deutschen Schriftstellers Heinrich Mann.

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Information

Year
2021
Print ISBN
9783753408965
eBook ISBN
9783753486260

Fünfzehntes Kapitel

Der Wagen Emanuels fuhr durch Berlin, da hatte das Zentrum schon sein Geschäftsgesicht, als wäre niemals Nacht gewesen. Jeder eilte aus einem Haus hervor, den Geist fest auf ein anderes gerichtet, wo für ihn etwas zu machen war. Niemand durchschaute den Sinn des schnellen Treibens sicherer als Ehmann; denn er ging davon aus, der Inhaber jenes Warenhauses wäre zuerst einmal sein Freund, dann bekäme er den Mann durch Beziehungen in die Hand und zuletzt wäre er selbst der Inhaber. So vereinfachte sich für Ehmann das scheinbare Durcheinander der Straße.
Hingegen hielt Emanuel unverrückt auf den Westen zu, wo sein eigenes Glück winkte. Dort herrschte noch immer die erste Morgenfrühe, zarte Sonne auf leeren Strecken, die Einsamkeit der steinern aufgereihten Bauten, der Himmel bis jetzt vertraut dazwischen hinfließend, bevor er abgesondert wird von dem Tag der Stadt. Sogar auf Bäume achtest du, sie überwölben luftig eine Straße, eine kurze Straße. Emanuel fuhr mit Bedauern vorbei. Er hätte gewünscht, grade darin läge das Haus. Er äußerte es.
»Schade, daß Herr von List nicht hier wohnt.«
Ehmann, der den Namen bisher geheimgehalten hatte, erschrak sichtlich.
»Woher weißt du!«
Was geschah aber? Er ließ Emanuel umkehren. Er hatte sich geirrt, das Ziel war wirklich hier. Emanuel pfiff leise und begrüßte das Vorzeichen.
Als sie den Garten betraten, lief ihnen eine Katze über den Weg. Emanuel hörte auf zu pfeifen. Er überredete sich aber, mit der Katze könne ebensogut Ehmann gemeint sein, falls Ehmann gegen ihn etwas vorhatte.
Die Villa wirkte von außen hell und eher zierlich; erst als ihnen geöffnet worden war, bemerkten sie ihre besondere Fassungskraft. Zu den Geschäftsräumen führte ein anderer Aufgang; hier standen die Besucher vor einer großartigen Halle, schon verschwanden ihre Mäntel mit dem Diener in der Garderobe, die einem kleinen Saal glich. Auch Ehmann war nicht mehr zu sehen. Emanuel machte inzwischen die Runde um die Halle – zu keinem anderen Zweck, als um nach Ausgängen zu suchen. Er dachte, ihm könnten nicht genug Ausgänge bekannt sein, falls er infolge besonderer Umstände plötzlich einen brauchte.
Er hatte sogleich Glück, denn durch die Tür, die der Diener ihm von selbst öffnete, betrat er einen ungeheuren Salon, der in seiner ganzen Breite an einen Wintergarten grenzte. Die Wand dort war zum Teil verhängt, aber sie bestand aus Glas, die andere Seite des Gewächshauses nicht weniger, und drüben glänzte die Luft über benachbarten Grundstücken. ›Betriebsunfälle ausgeschlossen, hier kann ich leicht verschwinden‹, stellte Emanuel fest und flitzte durch die breit geöffnete Glastür. Dabei entging ihm nicht, daß dies Glas allerdings sehr dick und mit Eisenteilen gesichert war. Aber schließlich konnte er nicht verlangen, daß Einbrechern der Weg freigegeben wurde. Den Ausgang ins Freie fand er hinter Pflanzen und verschlossen. Er zog den Schlüssel ab.
Hierauf kehrte er als harmloser Gast in den Salon zurück und bewunderte auf den seidenen Wandbezügen die Bilder, alte Meisterwerke, unschätzbar – wenigstens für Emanuel. Andere hatten sie auf den Dollar genau geschätzt. Die ganze Einrichtung war historisch, Emanuel hatte diesen Geschmack schon in der Halle bemerkt. Bei einem Mann wie Herrn von List hätte er Möbel aus vernickelten Röhren mit Gurten zum Sitzen erwartet. Das entsprach nach seiner Meinung eher der Einstellung eines solchen zeitgemäßen Kaufmanns. Aber es war seine geringste Sorge, und jedenfalls fand er den Verhandlungstisch lang genug. Der stellte natürlich ein altes Meisterwerk vor und stand auf acht Füßen, sonst hätte er sogar bei schwacher Belastung in der Mitte zusammenbrechen müssen, besonders, wenn man das Alter des Möbelstückes hinzunahm. Mindestens der Senat von Venedig hatte an ihm schon Vorträge getätigt – obwohl Emanuel, soweit er es überhaupt bedachte, jenen Senat in den Schillerschen »Fiesco« und diesen ganz unbestimmt in die Zeit vor dem Kriege verlegte. Dort verwechselte er ihn mit »König Niccolo«; der Film hatte ihm gefallen.
Plötzlich fiel ihm auf, daß der berühmte Tisch in seiner ganzen Ausdehnung den, der sich vorn aufhielt, vom Wintergarten und vom Rettungsweg trennte. Wer vorn stand, war aber Emanuel. Höchstwahrscheinlich nötigten sie ihn auch im Ernstfall, diesseits des Tisches zu bleiben. Sofort nahm er eine Probe vor, mit einem Anlauf sprang er über den Tisch, ohne ihn auch nur zu berühren. Während des Sprunges überlegte er, daß die große Glastür nach dem Gewächshaus später verschlossen sein konnte. Schnell versicherte er sich auch dieses Schlüssels.
Als er sich umdrehte, stand im Zimmer ein Mann mit verschnürtem Hausjackett, gewiß Herr von List.
»Bravo«, sagte der Mann.
Emanuel machte ein kühn verlegenes Gesicht, die beiden Schlüssel beschloß er nicht herauszugeben. Herr von List schien aber grade das Wichtigste nicht gesehen zu haben. Übrigens hatte er vom guten Leben immerhin schon eine unreine Haut, unklare Augen, hart wie je, aber nicht mehr ungetrübt, und trotz Training begann er zu verdicken. Da konnte der angehende Fünfziger eine noch so große Villa besitzen, ihm gegenüber fühlte der Junge sich bis jetzt doch im Vorteil.
»Emanuel Rapp«, erklärte er. »Ich werde hier zu einer Besprechung erwartet.«
»Ich habe davon gehört. Hatte die Sache total vergessen, war immerhin verblüfft, hier jemand Übungen machen zu sehen.«
»So bereite ich mich stets auf Verhandlungen vor.«
»Ich auch«, sagte Herr von List, militärisch knapp, wie er alles übrige sprach. Auch das Monokel klemmte er ein.
»Ihre Besprechung –« Leichte Pause, unmerkliches Achselzucken; klar, daß der große Geschäftsmann von der Sache dieses Jungen nichts hielt. »– kann erst in einiger Zeit stattfinden«, ergänzte Herr von List. »Soeben kam der Anruf, die Herren verspäten sich – ohne zulänglichen Grund übrigens. Sie selbst sind nicht verpflichtet zu warten. Ich persönlich warte nie«, entschied der große Geschäftsmann – mit einer Handbewegung nach der Tür.
Emanuel konnte in diesem Augenblick einfach hinausgehen, und unverhofft war alles erledigt. Er kam wirklich hinter dem Tisch hervor. Jetzt gab es mehrere Möglichkeiten. Erstens ein überlegener Gruß mit dem Kopf und Abgang. Andererseits lagen da noch die beiden Schlüssel in seiner Tasche. Übrigens war, wenn das Tor der Villa sich hinter ihm schloß, nichts gewonnen. Es war nicht einmal etwas geschehen noch bewiesen – besonders kein Mut … Emanuel ging nicht weiter.
Herr von List musterte ihn durch sein Glas. Sein Gesicht drückte Ironie aus, aber es war nicht Ironie; es bedeutete eher die Unfähigkeit des Herrn von List zum Wohlwollen, sonst hätte er es jetzt vielleicht verraten.
»Wie Sie wünschen«, äußerte er.
»Ich möchte keine Zeit verlieren und gleich dasein, wenn die Herren eintreffen.«
»Ich stelle Ihnen ein Zimmer zur Verfügung –«
Herr von List läutete.
»– wo Sie solange warten können. Sie werden sofort benachrichtigt«, sagte er noch, während Emanuel hinter dem Diener die Treppe hinaufstieg. Dann begab sich Herr von List in einen Winkel des großen Salons, er öffnete in der Tapete eine niedrige Tür; Emanuel hätte sie leicht entdecken können. Herr von List bückte sich und gelangte in ein zweites Zimmer, darin saß Schattich.
Der große Geschäftsmann stellte sich vor den Wirtschaftsführer hin und sagte: »Lieber Freund, ich verstehe Sie nicht. Nach Besichtigung halte ich das für einen dummen Jungen.«
»Was verlangen Sie mehr.«
»Dem hat sein Schwiegervater nie die große Erfindung anvertraut, oder der Mann ist selbst ein Dummkopf.«
»In seiner Art ist er das.«
»Oder er ist im Gegenteil gerissener als Sie.«
»Als Sie – vielleicht.«
»Wenn er richtig gebaut ist«, erklärte List, »dann will er heute nur erreichen, daß wir unsere Karten aufdecken. Nachher hat er Zeugen gegen uns und nimmt uns hoch. Dann fängt bei ihm das Geschäft erst an.«
»Ein gemeiner Erpresser, mein Freund Birk?« Schattich war empört, er sprang auf. »Und bei mir! Bei mir wird er auf Granat pissen. Auf Granit beißen, meine ich natürlich.«
»Regen Sie sich nicht auf, lieber Freund! Ich kann Ihnen immer nur meine Eindrücke übermitteln. Ich habe das bestimmte Gefühl, daß ein Geschäft wie dieses sich uns nicht empfiehlt.«
»Sie werden wohl moralisch, List?«
»Ich halte es für unerheblich, eventuell für unernst.«
»Als Sie mir Ihr Haus anboten, waren Sie anderer Meinung.«
»Vorhin sah ich mir auch Ihren Ehmann an.«
»Er tut vorzügliche Dienste. Ich werde ihn befördern.«
»Der befördert Sie – sonstwohin, sobald er kann. Lieber Schattich, Sie befremden mich durch Ihre Verbindungen mit Außenseitern.«
»Wenn sie aus angesehenen Ställen sind, kosten die Leute mehr.« Schattich meinte ihr gemeinsames Baugeschäft mit allen Zugeständnissen an eine freiere Lebensauffassung, die es nun einmal erforderte. Er wurde boshaft, weil List sein Vertrauen zu Birk und den Wert der Birkschen Erfindung nicht teilte.
»Nun gut«, sagte List. »Mögen Sie in Ihrer Menagerie auch ein gehetztes Wild wie diesen Bausch haben. Aber gleich einen Berufsboxer? Ich bin übrigens Amateur.« Er spannte vor Schattich, dem das ferner lag, seine Muskulatur an.
»Den Schauspieler haben Sie selbst beigesteuert«, wendete der frühere Reichskanzler ein.
»Ihnen zu Gefallen, Exzellenz. Ich sah, Sie waren in Stimmung für einen Bummel durch die Nachtlokale.«
»Wissen Sie, was ich finde, List? Sie verlieren das Gefühl dafür, wo Sie eigentlich stehen – und wo Sie schon gesessen haben.«
Wie gereizt mußte Schattich nachgrade sein durch den Ton des anderen! Dies »gesessen haben« entschied leider sein Schicksal. Da aber sein Freund sich nichts anmerken ließ, redete er unbeirrt weiter.
»Sie halten es mit der Zeit für ein höchst normales Geschäft, daß wir zusammen den Tiergarten bebauen; daß es glatt durchgeht; daß sie uns nicht einsperren, sondern im Gegenteil unser –«
»Geld nehmen, sprechen wir es ruhig aus. Aber das sind Männer in Stellungen, getragen von dem Vertrauen ihrer Wähler. Sollten wir mal ausrutschen, wissen wir wenigstens, wer uns hält. Ihr Boxer ist nicht stark genug für solche Unglücksfälle.«
Schattich blieb dabei, er sehe nicht den kleinsten Unterschied hinsichtlich Abenteuerlichkeit und Unwahrscheinlichkeit – zwischen der Bebauung des Tiergartens und dem, zugegeben, etwas rücksichtslosen Erwerb einer umstürzenden Erfindung.
»Bis auf weiteres«, entgegnete List, »halte ich sie für durchaus harmlos, soweit ein Sprengstoff harmlos sein kann.«
List kam schon wieder darauf zurück, daß der Name Birks ihm noch lange für nichts bürgte. Jetzt wurde aber sein Freund tiefernst, ja, verhängnisvoll anzusehen.
»Hören Sie, List, was ich Ihnen zu sagen habe, ist eine Sache auf Leben und Tod.«
»Alle Sachen sind mehr oder weniger auf Leben und Tod.«
»Die Wirtschaftslage wird nachgrade verzweifelt. Um meinen Verpflichtungen nachzukommen, bin ich erstmalig so weit gegangen, meine Auslandsguthaben anzugreifen.«
»Wissen Sie, daß dies in unserer ganzen Unterhaltung das erste ist, was ich unmoralisch finde?«
»Meine Frau droht mir, und tatsächlich kann sie mir gefährlich werden.«
»Genug, Sie sind mit allen Hunden gehetzt.«
»Das sage ich nicht, um Ihnen Vergnügen zu machen – sondern damit Sie wissen, mit wem Sie es zu tun haben.«
List dachte: ›Zum Glück mit einer halben Begabung.‹ Schattich rollte die Augen.
»Mit der großen Sache will ich mich liquid machen. Die große Sache ist die Erfindung meines Freundes Birk. Aus den Einnahmen meiner Gesellschaft zur Ausbeutung der Erfindung finanziere ich die Bebauung des Tiergartens. Dies stellt meinen Anteil dar. Begreifen Sie, List, daß ich entschlossen bin, das Geschäft zu machen mit jedem Risiko? Soll schon was durchsickern! Wer wagt sich an einen der hervorragendsten Vertreter der deutschen Öffentlichkeit. Mich müssen sie decken wie ein Mann. Ich biete den Ereignissen die eiserne Stirn. Unsere Zukunft ist verankert in der Konzentration aller gesunden bürgerlichen Kräfte …«
Schweißbedeckt brach er ab. List stellte fest: »Sie ...

Table of contents

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Erstes Kapitel
  3. Zweites Kapitel
  4. Drittes Kapitel
  5. Viertes Kapitel
  6. Fünftes Kapitel
  7. Sechstes Kapitel
  8. Siebtes Kapitel
  9. Achtes Kapitel
  10. Neuntes Kapitel
  11. Zehntes Kapitel
  12. Elftes Kapitel
  13. Zwölftes Kapitel
  14. Dreizehntes Kapitel
  15. Vierzehntes Kapitel
  16. Fünfzehntes Kapitel
  17. Sechzehntes Kapitel
  18. Siebzehntes Kapitel
  19. Achtzehntes Kapitel
  20. Neunzehntes Kapitel
  21. Impressum

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