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Der Haß
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"Der Haß" ist ein 1933 erschienener essayistischer Text des deutschen Schriftstellers Heinrich Mann.
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Nachher
Auch eine Revolution
Ihren Machern liegt offenbar viel daran, daß es auch wirklich eine Revolution ist. November 1918, das war für sie keine; es war ein Verbrechen, von einzelnen willkürlich begangen. Sie fühlen sich berufen, es auszutilgen mit dem glänzenden Schwung ihrer nationalen Erhebung. Allem Anschein nach sind sie selbst entzückt von ihren Taten, die Verfolgungen und Greuel mitgerechnet. Sie finden Gefallen daran, sich allgemeine Mißbilligung zuzuziehen, und bleiben um so fester überzeugt, was sie tun, sei echt deutsch.
Ich glaube, sie irren, und das wahre Deutschland, das für sich die Zukunft hat, sind sie nicht. Es ist allerdings schwer, die einzelnen Bestandteile dieses Landes auseinanderzuhalten. Deutlich voneinander getrennte Rassen bewohnen es, aber wichtiger ist, daß sie zu ganz verschiedenen Zeiten zivilisiert worden sind. Das erklärt zum Teil den Haß, der hier herrscht. Außerdem bestehen eng beisammen kulturelle Einflüsse, die einer vom andern abweichen und jeder seinen besonderen Sinn hat. Die Deutschen haben sich selbst immer nur schwer verstanden; daher ist ihre ständige Sorge die nationale Frage, und daher wissen sie immer noch nicht, was eigentlich deutsch ist.
Zweitausend Jahre sitzt die Nation auf ihrem Grund und Boden; die Sache könnte, sogar in ihren eigenen Augen, allmählich geklärt sein. Aber nein, von Zeit zu Zeit gibt es ihr einen Ruck und sie äußert erregt: »Endlich bin ich eine Nation geworden!« Diesen Ruck haben Hitler und seine famose Bewegung ihr soeben wieder mal verschafft. Sein Anfangserfolg liegt gewiß auch daran, hat aber natürlich noch andere Ursachen.
Der große Mann hatte es zu tun mit einer gleich eingeebneten, wenn auch nicht gleich gerichteten Masse; das Land kannte ihresgleichen erst seit kurzem. Gebildet wurde sie von heruntergekommenen, verarmten Schichten. Das kleine und mittlere Bürgertum war unlängst proletarisiert worden, und es fühlte nur Gegnerschaft für seinen nächsten Gefährten, den Proletarier, der seine Klasse schon vorher bewußt vertreten hatte. Inzwischen allerdings hatten die Arbeiter, infolge der langen Arbeitslosigkeit, viel eingebüßt von ihrem Klassenbewußtsein. Alles war geschwächt, ihr Glaube an den sozialen Gedanken und ihr ganzer einstiger Stolz. Der große Mann brauchte den weichen Teig nur zu kneten.
Überdies aber mußte die Luft mit Revolution geladen werden. Auch tief gesunkene Massen geben sich nicht gern her für Interessen, die das genaue Gegenteil ihrer eigenen sind, für die Interessen einiger reichen Leute, ob Industrielle, Großgrundbesitzer oder frühere Herrscherhäuser. Grade die aber zahlten für die nationalsozialistische Bewegung. »Das dürfen sie nicht merken«, sagten die Macher. »Wir behaupten einfach, daß es Klassengegensätze gar nicht gibt. Die Nation steht als Einheit da. Ran an die Marxisten, die sie spalten! Revolution machen, heißt den sozialen Gedanken zerstören mitsamt allem, was dranhängt, Gewerkschaften, Parlamentarismus und die ganze republikanische, menschenfreundliche Geistesart. Unsere Revolution ist die Revolution der Nation gegen die Parteien, und auch gegen alle, die denken wollen. Die Vernunft ist der Feind. Rotten wir uns zusammen gegen sie! Endlich sind wir eine Nation geworden! Ruft zum Haß gegen jeden, der uns abhalten möchte, endlich eine Nation zu sein! Was wir Revolutionäres haben, ist die Wucht unseres Hasses!«
Der Haß nicht nur als Mittel, sondern als einziger Daseinsgrund einer mächtigen Volksbewegung, das ist dem großen Hitler eingefallen. Nun hat wohl jede Revolution unter ihren Kräften auch den Haß, gleichgültig, wie weit er berechtigt ist. Aber im allgemeinen richtet er sich gegen die Mächtigen und die Reichen; er unterstreicht dann nur Forderungen, die ohnedies verständlich sind. Hier, nichts dergleichen. Noch niemals hatte man ein Volk haßerfüllt gesehen gegen seine eigenen Leute, die Kleinen, Schwachen und Armen, gleichzeitig aber auch gegen die Vereinzelten, die für es denken und aus Gerechtigkeitssinn auf Seiten der Unterdrückten stehen.
Der große Mann nennt diese schlankweg ein Intellektuellen- und Professorengesindel. Der Weltruf eines Einstein oder eines Thomas Mann stört ihn nicht. Sollen alle machen, daß sie fortkommen, das Volk sieht dann nur noch ihn. Dann hat er es. Sogar die Marxisten werden zusammenknicken, werden niederbrechen unter dem Haß, der auf ihnen lastet. Das sah gradezu halsbrecherisch aus, all der erbitterte Haß, den man gegen Natur und Wahrscheinlichkeit, bloß mit Lügen, in den Leuten erzeugte. Es mußte aber gelingen bei einer verarmten, besonders geistig verarmten Masse. Fragte jemand einen armen Teufel, einen Studenten oder Arbeiter: »Wie kommt es, daß du in derselben Partei bist wie Prinz Sowieso von Preußen?« – der arme Teufel konnte nur die Achseln zucken. Unwissend und kulturlos wie er war, gelang es spielend, ihm die Republik verhaßt zu machen, zu dem ausgesprochenen Zweck, damit er nicht merkte, wer eigentlich schuld an seinem Unglück war. Zwanzig Jahre früher und vom Elend noch nicht geschwächt, hätten alle den Schwindel gerochen.
Diese junge Generation wußte von den Vorkriegszeiten nichts. Von Marx kannte sie nicht die Lehre, nur den Namen, und den nur zur Abschreckung. Manche hielten ihn für einen Bolschewistenführer in Moskau, andere hofften, eines Tages werde er gefaßt werden, und zwar auf der Redaktion eines Judenblattes! Marxismus und Judentum verschmolzen in den beschränkten Köpfen, so kam ihre Erbfeindschaft gegen die Juden zu neuen guten Gründen. Von den Gesetzen des Kapitalismus verstanden sie nichts und hielten sich daher bereitwillig an die Juden allein. Denn deren Rasse war der ihren fremd und drohte ihre Einheitlichkeit zu zerrütten – als wenn tatsächlich bewiesen wäre, daß es eine deutsche Einheitsrasse überhaupt gibt.
In dieser Volksbewegung wurde das wirkliche Problem des Kapitalismus weggeschwindelt, und an seine Stelle trat ein Phantasieerzeugnis, die Rassenlehre. Dem »Menschenmaterial«, mit dem die Führer ihr Glück versuchten, mußte vor allem die Mühe des Denkens erspart werden. Darin waren ja auch die Führer selbst ohne Übung. Keinen Augenblick untersuchten sie den Zusammenhang der Tatsachen, ihren Sinn und Ursprung. Ihre Sorge waren immer nur einzelne Menschen: die Novemberverbrecher, die Juden, die Intellektuellen. Haßt! Heil bringt euch der Haß!
Das letzte Mal, daß Brüning, der letzte Kanzler der Republik, öffentlich sprach, versicherte er, daß man nicht glauben dürfe, ihn beschäftigten Personalfragen. Er sei mit allen seinen Gedanken bei den Millionen Arbeitslosen und bei den sozialen Maßnahmen, auf die sie das Anrecht hätten. Zur gleichen Stunde aber, als er in aufrichtigem, natürlichem Ton diese Worte sprach, brüllten Tausende anderer Stimmen durch Lautsprecher, und die setzten ganz Deutschland unter Haß. Längst schon hatten die nationalsozialistischen Hetzer dies Volk damit durchsättigt, jetzt waren sie nah am Ziel, die Republik hing nur noch an einem Haar. Der Hohepriester des Hasses, der bald an die Stelle des wohlmeinenden Brüning treten sollte, Hitler, der Nationalheld, durchraste das Land im Auto, flog in der Luft umher, verzehnfachte sich, trat an mehreren Orten zugleich auf – und aus seinem Munde, der beständig schäumte, drangen Laute, die eher nach dem Balkan als deutsch klangen; aber soviel vermochten sie dennoch, daß Deutsche anderen Deutschen zu Tode verhaßt wurden.
Lange Jahre hindurch ist mit vervollkommneter Technik nur Haß gesät worden: das ergab zuletzt den Sieg des großen Mannes und seiner Bewegung. Er ist auf wenig Widerstand gestoßen, und Verräter haben ihm geholfen. Gleichviel, sein unerschöpflicher Haß und seine nackte Gier ergossen sich in Strömen, alle bewunderten seine Schamlosigkeit und lernten von ihr. Wenn er in den Lautsprecher brüllte »Ich hasse sie! Ich will ihre Stellungen haben! Die ganze Macht will ich!«, dann verstanden ihn seine Zeitgenossen. Sie selbst haben nur zu oft eine Vorliebe für ungerechtfertigte Erfolge, während alles, was wahr und gerecht ist, sie wenig kümmert. Die Person des Führers gehört wohl mit Recht in ihre Zeit, und diese deutsche Abart der Revolution kennzeichnet ihr Jahrhundert.
Der Haß
Wir erdulden, was in Deutschland geschieht, und machen dabei die Wahrnehmung, daß wir vorher das Phänomen des Hasses kaum gekannt hatten. Unter normalen Verhältnissen begegnet ein Zivilisierter bei seinesgleichen nur einem gemäßigten, sehr relativen Haß; und auch er selbst, mit allem, was er vom Leben weiß, fühlt sich nur schwer imstande, zu hassen ohne Vorbehalt und Hemmung. Man hat wohl Feinde und ist sich darüber klar, kann aber nicht glauben, daß sie zu allem fähig wären. Die Freunde wären es doch auch nicht. Diese wie jene sind genau wie du, denn auch du liebst oder haßt sie nur bis hierher und nicht weiter. Dann dringt dein Skeptizismus wieder durch, und das ist zu begrüßen für dein leibliches wie auch für dein geistiges Wohl. Ein überspannter Haß wäre dir nicht gesund. Außerdem wäre er unwürdig deiner Intelligenz. Du vergleichst den Feind mit dem Freund und stellst fest, daß beide schließlich Menschen sind.
Man muß manches hinter sich gelassen haben, bevor man sich entschlossen dem unbegrenzten Haß ergibt. Oder aber, man war überhaupt nicht vorgeschritten bis zur menschlichen Einsicht und zum Zweifel, und war gar nicht richtig zivilisiert. Wirklich sind in der Partei, die Deutschland besiegt hat, zwei Menschenklassen deutlich zu unterscheiden. Das ist erstens die Bestie und dann der abtrünnige Zivilisierte, der sich Gewalt antun mußte, um wieder Barbar zu werden. Anzunehmen ist, daß der zweite Haß zum mindesten so weit gehen wird wie der erste, denn der muß sich selbst nicht erst beweisen, daß er eine Bestie ist.
Ein bekannter Fall ist der verkrachte junge Literat, der gegenwärtig Minister für Propaganda ist. Er war einst Schüler eines jüdischen Hochschullehrers, eines Kritikers von äußerster Vornehmheit und Schwerverständlichkeit, der hervorgegangen war aus dem geweihten Kreise des Dichters Stefan George. Aber die Verächter der gemeinen Menge haben sich manchmal in eine Volksbewegung gestürzt, und ob es nun ihre Verachtung für die Menge der Ungebildeten ist, sie hetzen sie dann mit besonderem Eifer gegen sich selbst auf. Es wäre so einfach gewesen, den Leuten ihre gewohnten Hoffnungen zu gönnen. Die waren allerdings marxistisch, aber wenigstens waren es Hoffnungen.
Was gab ihnen der junge Verkrachte als Ersatz? Haß, nur Haß. Kaum in der nationalsozialistischen Bewegung drin, beging er als Redner auch schon Ausschreitungen wie nur einer. Seinen israelitischen Lehrer hatte er vergessen und legte sich ins Zeug gegen den jüdischen Geist. Sein schriftstellerisches Mißgeschick hatte er sich gemerkt und empfahl die besser begabten Schriftsteller der öffentlichen Rache. Alles Vornehme, schwer Zugängliche, das er einst gelernt hatte, machte ihm das Ideal der Massen widerwärtig; daher peitschte er seine Zuhörer auf, bis sie hochgingen bei dem Wort Marxist. Seine vergangenen Mißerfolge und der Klumpfuß, mit dem er behaftet war, speisten unerschöpflich seine Rachsucht, und er konnte sie anderen eintrichtern. Darin bestand sein Talent.
Er atmete Haß, er verpestete damit die Luft, wohin immer er kam, die Luft der Säle, der Plätze, des ganzen Landes. Er zappelte sich nicht allein ab, alle Nazi-Agitatoren haben nichts weiter getan, bevor sie zur Macht kamen, und bleiben auch jetzt noch dabei. Aber er war mit am besten ausgestattet für den Haß. Allerdings hatte er mit seiner gesamten Vergangenheit aufräumen müssen, bis er so weit war, daß er alle seine Instinkte unbewacht loslassen konnte. Jahrelang jeden Tag die Köpfe der Juden, Intellektuellen und Marxisten zu fordern, war kein Kunststück für eine Gattung Mensch wie Göring, der näher an der Bestie ist, Bestie mit Mystik. Auch der große Hitler ist auf keinen Widerstand bei seinem Gewissen gestoßen, als er es übernahm, der Hohepriester des Hasses zu werden. Ihm war das selbstverständlich, man will doch rankommen.
Unsere Bewunderung gilt Goebbels, dem jungen, rührigen Propagandaminister, dem zierlichen, zarten Mann, der bewußt aus der Gesittung ausschied und sich darbrachte dem Aufstieg der Barbaren. Er hat dabei sogar Freudigkeit bekommen. Zu der Zeit, als er sich mit hoher Literatur befaßte, hatte er sie bestimmt nicht. Jetzt fühlt er sich auf dem rechten Wege, da erfaßt ihn wieder Jugendlust. Auch sein Stil hat sich verjüngt und etwas schmucklos Rauhes erlangt. Das wirkt volkstümlich. Da steht er denn angesichts der riesigen Menge, die auf ihn hört und mitgeht; reißt einen gleichfalls riesigen Mund auf und entläßt Ströme von Haß, kann aber auch lächeln. Denn Goebbels hat ein Lächeln, dessen Anmut, wie es scheint, unwiderstehlich ist und das ihm die Herzen gewinnt.
Es ist zum Weinen, aber die Tatsache besteht, daß mit Hilfe von Umständen und Gelegenheiten, die in Jahrhunderten einmal so übertrieben vorkommen, eine gewisse Menschenart alle Fesseln der Gesittung abstreifen und sich beigesellen kann denen, die sie kaum gekannt hatten. Sonst bliebe das Schauspiel, das Deutschland bietet, unverständlich. Die am wenigsten Zivilisierten für sich allein werden niemals fertig werden mit einer ganzen, vorgeschrittenen geistigen Kultur und mit sozialen Gefügen, die aufgebaut waren auf dem Begriff der Menschenpflicht, füreinander einzustehn. Dazu braucht es Überläufer.
Deutschland konnte allerdings das Haßland werden, weil es in Verwirrung geraten war durch die Niederlage, durch das blödsinnige Verbrechen der Inflation, durch Krise und Arbeitslosigkeit. Der Nationalstolz kommt auch hinzu, aber erst in letzter Linie. Dieser Stolz ist eng verknüpft mit dem Haß der Deutschen rechts gegen die Deutschen links, und ohne diesen Haß wäre zu bezweifeln, daß er so wie jetzt, jedes Maß überschritten hätte. Auch die Republik gab sich mitunter nationalistisch, aber sie hatte doch begriffen, daß sie erstreben mußte, was alle ersehnten: Frieden und Verständigung in der Wirtschaft und im Geistigen. Die Völker waren gerade genug geprüft.
Manchmal widerstand ihr die Aufgabe, weil nämlich ihre Feinde sie verantwortlich machten für Verträge, die ihr doch selbst bitter weh taten. Daher das Schwanken der Republik und ihr gelegentlicher Mangel an Festigkeit, verbunden mit Rückfällen in den schädlichsten Nationalismus. Guter Wille tat es nicht immer, wenn der Mut ausblieb. Ich weiß noch, wie tief traurig Briand war, als der Stahlhelm grade wieder demonstriert hatte. Das war aber die Republik, noch auf der Höhe ihrer Macht! Mit ihrer Erlaubnis geschah dies, und grade so ließ sie Hitler groß werden und immer mehr Sturmtruppen bilden. Halb hingeneigt nach jener Seite, wollte sie doch nichts davon wissen, daß sie fallen könnte.
Die Republikaner bewahrten sich den Glauben an die Gesetzlichkeit. Sie waren darin eingefahren, dachten übrigens streng bürgerlich. Daher erfaßten sie auch niemals ganz, was Haß heißt. Wohl sahen sie ihn um sich her ansteigen. Er wurde ihnen genug ins Gesicht gebrüllt, und schon floß Blut genug, das ihn bezeugte. Sie sagten nur immer: Das wird ihnen vergehn. Diese Nationalsozialisten werden einander aufreiben. Eines Tages können dann die Gemäßigtsten von ihnen mitregieren und endlich Verantwortung lernen. Was wollen sie überhaupt? Wir tun doch schon, soviel irgend geht. – Denn die Republikaner hielten den Antisemitismus für eine abgeleierte Walze, die nicht mehr zog, und in dem Antimarxismus erblickten sie in der Hauptsache etwas, das die Industrie viel Geld kostete. Nachweisbar hat fast niemand unter ihnen die Ereignisse vorausgesehen, nicht die Aufhebung der Gesetzlichkeit zuungunsten von Sozialisten, Israeliten, Intellektuellen der Linken, und auch nicht die Konzentrationslager, den Boykott der jüdischen Geschäfte und die anderen Taten der Willkür und Gewalt, die unmittelbar gefolgt sind auf die Machtergreifung durch die Feinde der Republik.
Sogar nach all dem erfassen die Republikaner, oder wer von ihnen noch da ist, wohl kaum den Sinn des Hasses, der sie trifft. Der Grund ist, daß sie die Gesittetsten waren und in ihren Reihen manche Geister von hohen Graden zählten, ja, auch Herzen, die wahrhaft für das Volk schlugen. Die Republik hatte in einer besonders ungünstigen Lage den Versuch gemacht, dem Volk seine Lasten zu erleichtern, und dies im Sozialen wie auch nach außen. Unablässig am Leben bedroht, hatte sie dennoch, unter höchster Gefahr für sich selbst, ein System aufrechterhalten, das den Namen der Freiheit verdient. Mag es nur eine verhältnismäßige Freiheit gewesen sein, das freieste Regierungssystem war es immer noch, das Deutschland je gekannt hat.
Ihre Nachgiebigkeit wurde Schwäche, und es kam dahin, daß sie sich auslieferte, aufgab, zersetzte. Das erklärt noch nicht den Haß. Der wahre Haß hat in seiner unermeßlichen Tiefe mit unseren Fehlern nichts zu tun, aber viel mit unseren Werten. Die Menschenart, die sich den Namen Nationalsozialist beilegte, haßte nicht die allzu wirkliche Republik, die sie vor sich hatte mit ihrer Feigheit und Fäulnis; ein Greuel war ihr vielmehr das Ideal, das dennoch vertreten wurde von dieser Republik, sowenig sie ihm auch genügte. Der Marxismus, der jene Menschenart zum Schäumen brachte, war nichts Geringeres als der soziale Gedanke selbst. Mit dem jüdischen Geist aber meinte sie einfach den Geist. Der Aufstand der weniger Gesitteten gegen die Vernunft und ihre Verteidiger, daraus besteht diese Bewegung ganz, ihre Nahrung aber war ein Haß, so wüst, so schauerlich, daß er nicht einmal abrüsten konnte, nachdem der Feind unterlegen und vom Erdboden verschlungen war.
Treibt man den Haß zu weit, fällt er zurück auf den Hasser und hält ihn besessen an Leib und Seele. Jetzt könnten sie Ruhe geben. Alles ist vor ihnen zusammengeknickt, die Parteien haben sich in nichts aufgelöst oder sind gleichgeschaltet. Hilft nichts, sie fühlen, daß die Republik fortlebt in dem Gewissen vieler und daß der Terror schließlich nichts beweist. So bleibt ihnen nur übrig, weiter zu verfolgen, noch mehr Schrecken zu verbreiten und lebenslang zu hassen. Ihr Haß wendet sich zuletzt gegen sie selbst, sie sind Opfer ihrer Komplexe, werden heimgesucht und sehen Verräter. Dem Lande droht Verrat! Ihnen droht er!
Betrachtet diese Sieger, diese paar Diktatoren, die für sich allein selbstherrlich verfügen über eine ganze Nation! Zu den öffentlichen Ämtern lassen sie niemand zu außer ihren Kreaturen, und auch das Alleinrecht auf Propaganda haben sie sich angeeignet, Presse, Rundfunk, Film. Sie haben sich mit Vollmachten ausgestattet, wie kein Bismarck sie besaß. Für sie gilt nichts mehr, weder Verfassung noch Gesetze. Die Massen marschieren braun gekleidet und mit erhobener Hand an ihnen vorbei. Sie führen sich selbst das Scheinbild einer großen Militärmacht vor und halten damit das Volk zum Narren. Es läßt sich ja so gern die altbekannte Knechtschaft aufreden für einen neuen Ruhm. Der Geburtstag des Führers ist gefeiert worden, als wäre er Sieger in hundert Schlachten. Nach menschlichem Ermessen müßte ihnen das genügen. Keineswegs. Sobald sie unter sich sind, sinnen sie auf nichts als neue Zwangsmaßnahmen. An sichtbarer Macht bleibt ihnen nichts mehr zu unterdrücken: dann also die des Geistes brechen! Denn sie fürchten die alte geistige Überlieferung einer Nation, deren Wiedererhebung sie sich anmaßen. Gegen den Geist hetzen sie den Pöbel auf. Da ihr System nicht die Demokratie ist, herrscht bei ihnen der Pöbel. Sie sind um einen Fang gekommen, um die Einkerkerung der Denker und Schriftsteller, die gestern Deutschland waren und künftig von ihm übrigbleiben werden. Wir waren fortgegangen aus unserem Land, das ihres nie wirklich sein wird. Da verbrennen sie denn wenigstens Bücher,...
Table of contents
- Inhaltsverzeichnis
- Vor der Katastrophe. Das Bekenntnis zum Übernationalen
- Nachher
- Anhang: Szenen aus dem Nazileben
- Impressum
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