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Der Atem
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"Der Atem" ist der letzte von Heinrich Manns Romanen. Er wurde von 1946 bis zum 25. Oktober 1947 im kalifornischen Exil geschrieben und 1949 veröffentlicht.Erzählt werden die letzten zwei Tage im Leben der "Kobalt", einer verarmten, schäbig angezogenen Dame, die früher in Frankreich für die Kommunisten agitierte. Die "Synarchisten" wollen die verhasste lungenkranke Frau in Nizza umbringen. Die Kobalt aber überlebt mehrere Attentate und stirbt an ihrer Krankheit. Zuvor hat diese Adelige, eine gebürtige Gräfin Traun aus Klostergmund/Österreich, noch Glück am Spieltisch. Im Casino von Monte Carlo sprengt sie die Bank.
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Erster Teil.
Die Straße und das Ziel
Ein aussichtsloser Gang
Die Frau fiel auf, aber sie bemerkte es nicht. Von weitem wirkte ihr Anzug prunkhaft, wenn auch altertümlich. Kenner bemerkten: die Mode von 1910. Eine Welt liegt zwischen ihr und der Tracht von 1939. Kam die Passantin näher, erwies das seidene Schleppkleid sich als ermüdet, die Spitzen des Umhanges als sorgfältig zusammengenäht. Nur die Schuhe waren neu, sogar kostbar. Die Strümpfe hatten, sooft die Person genötigt war den Rock aufzuheben, eine Masche verloren. Dies war die Erscheinung am frühen Morgen, als wenige sie sahen.
Sie ging, heute und täglich, entschlossen ihres Weges. Sie wendete niemals den Kopf. Alles sprach dafür, daß sie ein bekanntes Ziel verfolgte. Sie tat es mit Augen gleichgültig und leer. Die Stadt Nice an der Côte d'Azur hat einige sehr lange Straßen. Ob man aus dem Mittelpunkt oder, wie diese Einzelne, von draußen kommt, die rue de France verliert sich in der Ferne. Nach dem Ende, das außer Sicht, daher kein Ende war, blickte die Auffallende, nichts konnte sie ablenken. Ereignisse der Straße überging sie. Um so weniger Beachtung erreichten die seltenen Begegnenden, die unter den weitläufigen Hut spähten. Seine Federn hingen geknickt.
Da sie mittags unweigerlich zurückkehrte, kannte die Straße sie, wie ein zugehöriges Vorkommnis. Eine Frage war es nicht mehr, ob das kleine blasse Gesicht mit der zu feinen Nase noch immer den unbegründeten Hochmut ausdrückte. Man wußte Bescheid. Mehr als ihre verspäteten Gewänder forderte ihr stolzer Anstand die Überlegenheit der Leute heraus. Übrigens unterscheiden sie schwer die Verlassenheit vom Dünkel. Indessen haben sie ein untrügliches Gefühl für die Ausnahmen. Diese veranlassen nicht immer Hohn.
Die Leute lachen wohl, aber auf zivilisierte Art nach innen. Wie es ihnen eigentlich ergeht – nicht so einfach, ein unruhiger Respekt vor der Ausnahme spricht auch mit –, das könnten die Gesichter zeigen. Aber sie, die es angeht, fühlt sich nicht betroffen, sie ist so gut wie abwesend. Sollte sie, ohne daß es den Anschein hat, aufmerken, vielleicht hätte sie gerade Unglück und fände in einer Miene, was ihr ganz anders nahegehen müßte als Mißachtung oder sogar eine bedingte Huldigung. Das war das Mitgefühl, das selten auftrat, aber es zeigte sich. Der peinlichen Begegnung mit dem Erbarmen wich sie ohne Absicht aus. Es war, was sie am wenigsten bemerkte.
Das Verheimlichen hört notwendig auf, wenn die Selbstbeaufsichtigung aussetzt. Eine andere Frau hat es heute gesehen. Es war sehr früh am Tage, die abgeladenen Marktwagen rollten bis jetzt allein und mit Lärmen ihren Heimweg aus der Stadt. Die Inhaberin einer angesehenen Bäckerei, Madame Vogt, schloß eigenhändig ihren Laden auf. Nur was man selbst besorgt, ist pünktlich getan. Sie hatte hinter sich mehr als vierzig, wenn sie genau sein wollte siebenundvierzig Jahre; davon ein Drittel unschuldig, die reichliche Mitte unbesonnen, dann die gediegen bürgerlichen Jahre, deren sie schon fünfzehn zählte. Sie war genau unterrichtet, wenn eine Bekannte aus ihrer mittleren Zeit im gleichen Alter stand.
Diese war reich gewesen und unbesonnen nur aus Laune, das heißt, verrückt schon damals, mindestens piquée. »Da ist sie wieder«, sagte Vogt, als der Federhut in Sicht kam. Die Mühe geringschätzig zu lächeln unterließ sie nachgerade. »Wohin Kobalt will, weiß sie nicht. Unsereiner dagegen kann höchstens erraten, was sie seit gestern getrieben hat, da sie von Mittag bis nächsten Morgen aus dem Verkehr verschwindet. D'ailleurs, ce sont les cadets de mes soucis.« Hiermit schloß sie den beiläufigen Gedanken oder glaubte damit fertig zu sein, während der eiserne Vorhang, den sie losmachte, polternd nach oben fuhr.
Das Geräusch verfehlte jede Wirkung auf Dame Kobalt, eigentlich Kowalsky, wie Madame Vogt aus alten Zeiten wußte. Von den langen Schatten des Morgens umgeben, die mageren Schultern manchmal von Sonne gestreift, näherte sie sich wie – die Bäckerin wollte nicht sagen »wie ein Gespenst«. Der Eindruck erklärt sich: der Gehsteig ist völlig unbenutzt; im Augenblick erschüttern keine Lastfuhrwerke die verschlossenen Häuser, grüne Jalousien vor allen Fenstern. Wenn späterhin das Gedränge der Straße die Person zum Ausweichen nötigen wird, bleibt im Grunde nichts an ihr zu beachten. »Einer anspruchsvollen Armseligkeit sollte man nicht den Gefallen tun hinzusehen«, meinte die Bürgersfrau.
»Jedem, wie er es gewollt hat!« meinte sie weiter und ging daran, auch die Glastür zu öffnen, unterbrach sich aber, da Kobalt stehenblieb. »Sie bleibt niemals stehen. Wird sie mich ansprechen? Das wäre!« Es war auch nicht dies, was die Genannte im Sinn hatte. Sie hielt den Schritt nur an, um den Kopf vornüberzuneigen und leise zu stöhnen. Ihre rechte Hand verschwand unter dem Hutrand, der vom Alter ermüdet über das halbe Gesicht klappte.
Vogt hatte gleichwohl die Hand überrascht. Immer noch schmal und weiß, sah Vogt. Ausnahmsweise entblößt, sah sie; lang daneben baumelte ein schadhafter Handschuh. Soviel von dem kleinen blassen Gesicht unter der Bedeckung sichtbar blieb, bebte es, schwach, aber nicht stillzuhalten. Vogt hätte am wenigsten geglaubt, gerade mit diesem unbeherrschten Mund werde Kobalt sprechen. Niemals sprach sie, das war ein Zug ihrer Maskerade; nur jetzt, nach geschehenem Stöhnen, mitten im Zittern mußte sie, deutlich genug, aussprechen: »Oh! mein Kopf.«
Vogt erschrak – ohne daß es sie gewundert hätte, wenn einer Verrückten der Schädel weh tat. Uber die Stimme war sie erschrocken. Die Stimme Kobalts hatte sich nicht verändert in aller der Zeit, daß sie nicht mehr gehört wurde, außer von Zudringlichen und dann nur einmal. Die Stimme schwankte, schien umschlagen zu wollen; wie früher aber hielt sie ihren Klang, der von innen bereichert wurde, aus der Brust, im Grunde tiefer her. Die Stimme versprach; kein Mann, der darauf nicht geantwortet hätte. Jeder, der jetzt über das leere Pflaster gekommen wäre, jeder hätte haltgemacht und seine Hilfe angeboten. Frauen hätten es auch getan.
»Hier ist es umsonst. Macht sie das öfter, und wozu? Nun also, ich frage, was ihr fehlt.« Diesen Entschluß, wenn es einer war, faßte die Bäckerin zu spät, der Gegenstand ihrer guten Regung war vorüber. Kobalt hatte ihren Aufenthalt so plötzlich beendet wie angefangen. Keine Spaziergängerin, vielmehr ganz bei ihrer wenn auch imaginären Sache, erstrebte sie ein Ziel, wo sie nichts versäumte. Unterwegs, nach ihrer Gewohnheit, sah sie nichts, auch keine Vogt, so groß die alte Bekannte vor ihrem Laden stand. Vogt drehte endlich den Schlüssel um, trat ein, musterte den Laden: alles war wie gestern.
Sie veränderte etwas. Von der Auslage nahm sie übriges Brot, was ohnedies geschehen wäre, um dem frischen Platz zu machen. Man legt es in einen Korb oder mehrere, sie haben feste Abnehmer. Das ist keine Sorge: Vogt machte sie sich. Sie ordnete einiges Gebäck zur Seite des Eingangs, das Gestell reichte bis auf die Straße. Inzwischen trafen ihre Angestellten ein. »Madame Yvonne!« sagte die dicke Canaille, nahezu entrüstet. »Quelle idée! Jetzt sollen die Kunden altes Brot mitnehmen?«
»D'abord, c'est sain le pain rassis. Et puis …« Die Fortsetzung mußte der Patronne erst einfallen. »Hier kommen zu viele Hunde herein. Die Fleischer haben gegen sie eine Katze. Lieber lege ich ihnen gleich draußen hin, was sie wollen.«
»Aber warum das englische Brot? Nur Weiches ohne Kruste mag kein französischer Hund.«
»Schweigen Sie!«
Hiermit begab Vogt sich nach dem Hinterhaus, wo seit Stunden gebacken wurde. Die fertige Ware ließ sie unter ihrer Aufsicht hinauftragen und einräumen. Die erste Käuferin war angekommen, eine femme de ménage, die viel Pernod trank, sonst aber fleißig und sparsam über jedes gebräuchliche Maß. Ihr Sohn konnte in Eton studieren: so vielen Leuten, meistens Fremden, die hoch zahlten und gegen einen vernünftigen Alkoholismus nichts einwendeten, besorgte sie Küche und Haus mitsamt den schmutzigen Arbeiten.
Die Patronne hinter ihrer erhöhten Kasse fragte, während sie Geld herausgab: »Madame Antoinette, was macht Paul?«
»Mein Popol! Er macht seinen Weg. Im Tennis, denken Sie nur, Madame Yvonne, im Tennis ist er der Erste. Wollen Sie lesen?« Die stämmige Antoinette wurde im Wesen zart, wenn sie Popol sagte. Sie holte einen seiner Briefe hervor, denn seiner Mutter, der Aufwärterin, schrieb er täglich. Das erste, was in ihrem großen Sack zum Vorschein kam, war der Hals der Pernod-Flasche. Die roten, verquollenen Finger mit den schwärzlichen Rillen der Haut entfalteten vorsichtig das Blatt.
»Er wird Offizier werden«, entschied sie. »Bei seiner englischen Erziehung ist er sicher, in der französischen Armee schnell vorwärtszukommen.« Diese großartige Mitteilung blieb vorläufig ohne Antwort. Madame Yvonne nahm die Zahlungen mehrerer Käufer entgegen, Leute, die auf dem Wege ins Geschäft ihren Croissant aßen und die Zeitung lasen. Sie kannte jeden, darunter war keiner, den sie auszeichnen mußte. Eine Inhaberin wie sie ist den meisten ihrer Kunden sozial überlegen, sie hat nur die Güte, ihnen Brot zu verkaufen.
Madame Antoinette war eine Ansprache wert, wegen ihres achtbaren Bankguthabens und eines Sohnes, der ihr Ehre machte. Wie andere ordentliche Personen bemaß sie die Zeit, die sie verlor, und ging schon. »Auf bald!« rief die Patronne ihr nach. Die brave Frau nickte; sie begriff, daß es ernstgemeint und daß etwas zu besprechen war, natürlich ging es Popol an.
Vogt indessen hegte, bis jetzt noch undeutlich, die Absicht, nach Kobalt zu fragen. Die Zugeherin kommt überall herum; wenn eine, muß gerade sie über eine sonst ungeklärte Existenz etwas wissen. Vogt kannte die Umrisse: sie waren öffentlich sichtbar und machten niemand mehr neugierig. »Mich etwa?« Dies Wort richtete die Bäckerin mehrmals an sich selbst. Hinter ihrer erhöhten Kasse, in ihrem wohlabgestuften Verkehr mit dem Publikum, kehrten ihre Gedanken unweigerlich zu der Entgleisten zurück.
»Oh! mein Kopf«, hörte sie, erblickte auch die Gestalt in aller ihrer Kümmernis. Gerade ihr, Vogt, hatte sie sich unversehens enthüllen müssen. »Coincidence?« Vielleicht Improvisation, da die Gelegenheit, diese völlig einsame Begegnung, dergleichen herausforderte. »War die kleine Szene wirklich mir bestimmt?« Vogt zweifelte. »Es wäre eine unentschuldbare Abweichung von dem Charakter, den sie, mehr oder weniger freiwillig, sonst durchhält. Abstand, ist die Vorschrift. In ihre traurige Gegenwart nicht einblicken lassen, aus hartnäckiger Anhänglichkeit an ihre Vergangenheit, die groß gewesen ist.«
Vogt, beim schriftlichen Eintragen der wichtigen Lieferungen an Hotels, überraschte sich selbst: sie hatte geseufzt. Unzufrieden schlug sie auf das Buch, als ob etwas darin falsch gewesen wäre. »Wie? Ich soll die ganze Zeit an Kobalt denken? Elle, se fout de moi. Oh! mein Kopf … für mich hat sie es nicht gesagt, kennen wir uns denn? Ni d'Adam ni d'Eve. Das war einmal. An mir sah sie vorbei wie gewöhnlich. Ihre Perspektiven sind blaue Luft. Dort erwartet sie, ihre Millionen wiederzufinden. Alle die Jahre schon. Ich bin dumm, so alte Geschichten!«
Aber wahre Geschichten: Vogt, in ihrem noch unbesonnenen Abschnitt, hatte einen glänzenden der anderen aus der Nähe miterlebt. Seit manchem Jahr nun verhielt es sich derart mit Kobalt, daß sie jeden Morgen zu dieser Stunde ihren einstigen Verlusten nachhing und die Bank aufsuchte. Vogt und andere wußten darum. Kobalt aber tat es – wozu etwas gehört. Auf einer Bank nach Geld fragen, obwohl keines da sein kann. Indessen glaubte sie wohl, ihr einstiges Vermögen werde wieder eintreffen. Das Ganze oder noch mehr, glaubte sie zuversichtlich, solange es sehr früh am Tage war. Die Gewißheit, mit der sie morgens aufstand, nahm gegen Mittag ab. Vorläufig hatte die Bank noch nicht einmal eröffnet.
Ein Zwischenfall
»Eine Kundin wie ich«, denkt Kobalt auf ihrem aussichtslosen Gang. »Jahrelang hat die Bank mit meinem Vermögen nach Gefallen manipuliert. Jetzt hat sie neue Kapitalien für mich. Es ist klar, daß man schon gestern versucht hat, die angesehene Klientin telephonisch zu benachrichtigen. Man ist entschuldigt; umständehalber unterlasse ich vorläufig, meine Rufnummer und Adresse anzugeben. Morgen, spätestens übermorgen werde ich es nachholen. Das kleine Detail ist im Begriff sich zu ändern mit allem sonst.« Hiermit hatte sie die Place Masséna erreicht; mehrmals machte sie, in Traum verloren, um den Platz die Runde.
Endlich erwärmte sie sich auch, mag sein von der leichten Morgensonne, noch sicherer von ihren glücklichen Gedanken, den einzigen des Tages. Vor dem Café Monot waren die fünfzig Tische leer, bis auf einen, mit Skiläufern, die zeitig nach den Bergen aufbrachen. In der Eile entging ihnen die befremdliche Gestalt. Wenn aber fünfzig besetzte Tische sie beachtet hätten, sie in ihrem Geist sah andere Verzehrer, die nicht mehr von dieser Welt waren. Nachtfalter, die Damen in Roben, bis auf die Füße eng gespannt wie ihr eigener Rock. Pariser Gäste der Art, die für ein Zimmer im Royal vierhundert echte Francs zahlt. Keine langweiligen hivernants dabei.
Es ist Karneval oder Segelregatta, von der ephemeren Gesellschaft damals kennt jeder den anderen. Alle verließen, munter obwohl übermüdet, um acht Uhr früh den Ballsaal, Stil Dixhuitième, wo die Blumen über den Plätzen hängen, man wirft sie nach Personen, die man zu kennen wünscht. »Ich warf Rosen auf Fernand, so fing es an«, denkt der verlorene Blick einer späten übriggebliebenen. »Auch ein Café in der rue d'Angleterre wurde um diese Stunde besucht, pour s'encanailler, mit Straßenmädchen, die, wie wir, ihren Teil weghatten, samt ihren besoffenen Männern.«
An dieser Stelle lachte die einsam Irrende, eine große Szene der Eifersucht war ihr eingefallen, sie selbst die Heldin. Ihr Freund schwang die Champagnerflasche, der Zuhälter hatte sein Messer erhoben, alle sahen zu und applaudierten. Nur die Heldin nicht. In die erwartungsvolle Stille sprach sie wenige Worte, ihre unwiderstehliche Stimme nötigte die Kämpfer, so sehr beide nach ihr begehrten, einander die Hände zu reichen. Dann Aufbruch und zur Abkühlung ein Gang über den Quai, bis vor das Casino de la Jetée. Geschlossen, kein Frühstück: dieser Verstoß gegen die einstigen Sitten der schönen Welt veranlaßte ihren Widerspruch noch jetzt.
Quand même. Monot hielt damals ohne Unterbrechung offen. Alsbald, um zehn Uhr, trat draußen das Orchester an, um mehr oder weniger den ganzen Tag zu spielen. Eines Morgens war sie eingeschlafen, bei der Barkarole, die sie so sehr liebte, und in ihrem Bett fand sie sich wieder. Fernand hatte sie hingetragen. Sie war schwerer damals. Ihre heutige Magerkeit wurde ihr leider bewußt, dies beendete alle Erinnerungen. Zur Sache! Auf die Bank, ihr Geld erheben!
Bei Monot, wie überall, bleibt die Musik aus. Öde beginnt der Tag und endet freudlos. Auch die neue Sorte von Gästen spielt wohl, billige Roulette natürlich, und weiß nicht, wozu. Dem ganzen Elend kann abgeholfen werden, nun sie ihre Millionen wiederhat. Sie wird ein erfahrenes Beispiel geben. Soll sie den eingegangenen Ballsaal Martell neu aufmachen? Die schöne Welt kann erstehen, wie sie war, nicht umsonst hat sie selbst ihren Freund zurück. Fernand schickt ihr Geld: um so eher sehnt er sich in Person herbei, war im Grunde bei ihr alle Zeit, mit seinen Wünschen unstillbar wie ihre. Sie und er haben dasselbe Temperament! Er findet keine zweite. Ihr ist jeder andere fremd.
Dies sind anstrengende Gedanken, daher atmete sie etwas beschwerlich, mußte auch ein wenig husten, nur leicht, allenfalls ließe es sich unterdrücken. Hätte sie etwas Glück – nein, viel! Sehr glücklich will sie sein, dann werden auch die Nächte besser. Gestern nacht, als ihr einfiel, er habe geschickt, kam gar kein Blut; übrigens kommt es selten. Mehr Sorge machten ihr die Kleider, hier in den Fenstern der Galeries Lafayette. »Soll ich mich wirklich anziehen wie diese lächerlichen Puppen? Die Moden sind lange genug heruntergekommen, offenbar werden die Schneider nächstens genötigt sein, uns wieder als Damen anzuziehen. Gut, daß ich die Pause überschlagen habe.«
Nicht, daß sie hinsichtlich ihrer eigenen Tracht sich Täuschungen ergab. Diese gehörte nicht unter die Leute: um so schlimmer für die Leute. Die Geldlosigkeit war eines Tages plötzlich eingetreten. In Übergängen verarmt, würde man jetzt die halben Schenkel freimachen, wie die Mädchen, die in den Morgenstunden sichtbar waren. »Qu'est-ce qu'il leur reste à montrer le soir?« Zuweilen waren es poules, die noch nicht geschlafen hatten, aber wie wenige gegen früher, als man sagte: »Il pleut des femmes.« Übrigens in Typ und Herrichtung kaum zu unterscheiden von den Verkäuferinnen, die viel zahlreicher als die Nachtarbeiterinnen vor Geschäftsbeginn aufgestanden waren.
Zwei Exemplare dieser unbestimmten Gattung, Tages - oder Nachtschicht, betrachteten gleichfalls die Auslagen und ähnlich wie die Erscheinung, die sie natürlich als Kobalt kannten, teilten auch sie ihre Aufmerksamkeit zwischen diesseits und drüben. Die Seitenstraße setzte hier die Front des Kaufhauses fort, gegenüber bog das Gebäude der Bank in sie ein. Sein abgerundeter Eingang mit dem Vorbau von Säulen blieb geschlossen, falls die Mädchen hierauf geachtet hätten. Sie sahen wohl etwas anderes, weiterhin um die Ecke.
Die Figur, die Kobalt heißt, wird nicht berührt. Aufpassen was vorgeht, widerspricht ihrer bekannten Art. Dennoch, als ob es Bestimmung wäre, folgt sie den beiden in die Straße und sieht. Sie sieht das angefahrene Automobil, den auf das Pflaster gestürzten Mann und die Frau, die ihn aufhebt. Der Mann ist ein gut angezogener Herr mit auffallend langer Nase. Das heißt, wenn er sein Gesicht bewacht, wird sie nicht so spitz vorstehen wie jetzt zwischen den erschlafften Wangen. Er wird nicht immer wie ein erstaunter Betrüger aussehen.
Übrigens fühlt er sich beobachtet, er wirft einen feindseligen Blick auf die Mädchen, die deshalb ihr Lachen unterdrücken. Die Zuschauerin dahinter, die er schwerlich bemerkt, fühlt sich nicht belustigt, sie ist in Sorge um d...
Table of contents
- Inhaltsverzeichnis
- Erster Teil. Die Straße und das Ziel
- Zweiter Teil. Die Stunde
- Dritter Teil. Die Bäckerei und das Hotel
- Vierter Teil. Das Casino
- Fünfter Teil. Die Nachtbar
- Sechster Teil. Das Sterbebett
- Impressum
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