Dieses Buch dient der Selbstvergewisserung in ungewöhnlichen Zeiten mithilfe von Impulsen durch zwei Bibelverse. Die Texte gehen zurĂŒck auf den Blog "Gedankensplitter" von Pastorin Wiebke Köhler, der an vierzig Tagen des ersten Lockdowns im FrĂŒhjahr 2020 im Netz erschien. Beim Nachlesen entsteht ein farbiges Bild davon, wie sich damals Tag fĂŒr Tag die neue Situation fĂŒr Christinnen und Christen in Einbeck entfaltete.

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Information
Losung und Lehrtext am 1. April
Ich will mich freuen ĂŒber mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.
Jesaja 65,19
Jesus sprach zu den JĂŒngern: Ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.
Johannes 16,22

Heute habe ich bei schönstem Sonnenschein im Pfarrgarten von Stiftplatz 9 Blumen gepflĂŒckt. Bevor der kleine Bagger des StadtarchĂ€ologen darĂŒber rollte, habe ich die zarten BlĂŒtenbĂŒndel der WiesenschlĂŒsselblume gepflĂŒckt. Mir ging der erste Satz der Losung nicht aus dem Kopf. Ich will mich freuen ĂŒber mein Volk. Ich wollte mich auch freuen. Und nun habe ich eine kleine Vase voller kleiner âHimmelsschlĂŒsselchenâ, wie man auch sagen kann.
Wenn Gott sich ĂŒber uns freuen will, dann schafft er auch die Voraussetzungen. So lese ich das 65. Kapitel des Jesaja-Buches, in denen unser Vers zu finden ist. Gott verspricht dort, AnlĂ€sse und GrĂŒnde fĂŒr Freude zu stiften. Er verspricht Heilung und Segen. Und er will sich an seinen Menschen freuen, an ihrer Freude, an ihrem Wohl und Heil. Wer in diesen Kapiteln liest, was der Prophet im Namen Gottes beschreibt, dem geht das Herz auf. Es sind die groĂen biblischen Hoffnungsbilder, voller Trost und Liebe.
Und ich ertappe mich dabei, wie ich mir die ersten Gottesdienste in unseren Kirchen ausmale, wenn wir uns wieder treffen dĂŒrfen. Wenn die TĂŒren offen sind und das gemeinsame Abendgebet den Feierabend einlĂ€utet. Wenn man wieder Kerzen am Friedensleuchter und am Kerzenbaum der Marktkirche anzĂŒndet. Wenn die Chöre wieder proben und der Bastelkreis im Hochsommer die Weihnachtskollektion erarbeitet. Wenn die KĂŒnstlerinnen von Leib & Seele leckeres Fingerfood unter das Kirchenvolk bringen. Wenn wieder Blumen auf den AltĂ€ren blĂŒhen. Wenn der Kirchenvorstand am Ende einer langen Sitzung das Vaterunser spricht.
Jesus sagt seinen JĂŒngern in der Zeit vor seinem Tod: Ihr seid jetzt traurig ... Es gibt eben GrĂŒnde fĂŒr Trauer. Es gibt auch fĂŒr uns aktuell GrĂŒnde sorgenvoll und traurig zu sein. Und dann spricht Jesus von der erhofften Freude: ich werde euch wiedersehen und euer Herz wird voll Freude sein. Das ist die Perspektive, die nur er eröffnen kann. Die Oster-Perspektive, die Voraussetzung fĂŒr echte Freude auf beiden Seiten, Gott und Mensch: der offene Himmel.
Als ich mich heute Morgen freuen wollte, habe ich gedacht: sehr passend, dass es hier so viele HimmelsschlĂŒsselchen gibt.
Losung und Lehrtext am 2. April
Gott, du hast mich von Jugend auf gelehrt, und noch jetzt verkĂŒndige ich deine Wunder.
Psalm 71,17
Simeon nahm das Kind Jesus auf seine Arme und lobte Gott und sprach: Herr, nun lÀsst du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.
Lukas 2,28â30
âGenerationengerechtigkeitâ ist ein Stichwort, das in letzter Zeit hĂ€ufiger fĂ€llt. Eigentlich war es schon immer so, dass Eltern sich gewĂŒnscht haben: Den Kindern soll es einmal besser gehen. Aber jetzt ist es so, dass die Kinder hoffen (und ihre Eltern mit ihnen), dass diese Erde sich von der Ăberforderung durch die vergangenen vier Generationen ĂŒberhaupt erholen kann. Und dazu muss sich alles weiterentwickeln. Der Lebensstil aller Menschen, die im Moment da sind, muss sich neu auf dieses Ziel ausrichten.
Gerechtigkeit bezieht sich auf die gesamte Schöpfung, mit allem, was lebt, wÀchst, atmet und existiert. Das galt schon immer, wurde aber in der vergehenden Epoche der letzten 200 Jahre nicht beherzigt. Sie wurde vielmehr als ausbeutbare Ressource verstanden.
Nun sind neue Zeiten angebrochen, und die machen neue Handlungsweisen zwingend nötig. Und so zeigt uns das auch die Pandemie, der wir gerade ausgeliefert sind. Alles Àndert sich. Weil auch alles miteinander zusammenhÀngt.
Die Losung fĂŒr heute soll uns dazu ermutigen, das ernst zu nehmen, was wir wissen. Wir wissen, dass Gottes Schöpfung die heilsame und wunderbare SphĂ€re ist, die Gott fĂŒr uns, ja vielmehr fĂŒr alles, was lebt, geschaffen hat. TatsĂ€chlich muss man wohl sehen lernen, dass unsere VerhĂ€ltnisse immer noch paradiesisch sind, obwohl wir zerstörerisch mit ihnen umgehen. Glauben an Gott setzt dieses Lernen voraus.
Als der SĂ€ugling Jesus von seinen Eltern in den Tempel gebracht wurde, sah Simeon in dem Kind die Hoffnung auf den Messias erfĂŒllt. Und wir glauben und hoffen mit ihm.
Generationengerechtigkeit ist eine Hoffnungsanleihe auf die Zukunft. Die Zukunft ist ja immer schon mit viel Hoffnung angereichert und zu viel Angst und Sorge belastet gewesen. Und das gilt gerade auch fĂŒr unsere unmittelbare Zukunft im Bann der Corona-Situation.
Wenn wir mit der Losung von heute einen Schritt zurĂŒcktreten, können wir uns sagen lassen: Was wir geglaubt haben, das wird auch die Zukunft mitgestalten. Was Gott beitrĂ€gt, hat eine andere QualitĂ€t als das, was wir beitragen können. Und das Bindeglied zwischen beidem bleibt die Hoffnung.
Losung und Lehrtext am 3. April
Wohl dem Volk, das jauchzen kann! HERR, sie werden im Licht deines Antlitzes wandeln.
Psalm 89,16
Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter GĂŒte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
Epheser 5,8â9
Ja, die Sommerzeit ... plötzlich ist es abends ganz hell. In diesem Jahr war sie gar kein Thema wie sonst. Die EuropĂ€er wollen sie abschaffen, so hat eine europaweite Umfrage ergeben. Mir gefĂ€llt der Lichtgewinn, den ich immer im FrĂŒhjahr erlebe.
Die Losung von heute setzt einen deutlichen Kontrapunkt zu unserer momentanen Lage. Wir sind jetzt kein Volk, das jauchzen kann. Wir sind ein Volk in Schonhaltung, wir sehen in die Zukunft und können doch wenig in ihr erkennen. All das zielstrebige, organisierte, leistungsorientierte Handeln, das wir sonst von uns verlangen, wird schwer irritiert.
Andererseits sehe ich uns tatsĂ€chlich zu einem globalen Menschenvolk werden. Alle sind betroffen, keine Nation kann sich abschotten, das Virus ist grenzenlos durchsetzungsfĂ€hig. Vielleicht wĂ€chst die SolidaritĂ€t untereinander? Ich bin oft in Gedanken bei den Italienern, den Spaniern, den Menschen, die in den griechischen oder syrischen FlĂŒchtlingslagern auf die Katastrophe sehenden Auges zugehen mĂŒssen. Wie brutal verdunkelt sich der Horizont der Hoffnung immer mehr.
Wie können wir, denen es im Vergleich wirklich viel besser geht, als Kinder des Lichts handeln? Wie können GĂŒte, Gerechtigkeit und Wahrheit sich bei uns entfalten? Politisch wird um SolidaritĂ€t innerhalb der EuropĂ€ischen Union gerungen. Was können wir auf privater Ebene besteuern?
Ich persönlich versuche viele kleine Signale zu senden: Telefonanrufe, Postkarten, Spenden, Gebete, Emails, gute Gedanken und die nicht zu unterschÀtzende Alltagsdisziplin.
Luther hat den Vers aus dem Epheserbrief sehr genau ins Deutsche ĂŒbersetzt: Dort steht tatsĂ€chlich im Griechischen ein Verb, das âumhergehenâ heiĂt. Und zwar drauĂen â da, wo das helle Sonnenlicht ist. Die Christen sollen sich sehen lassen mit ihren Möglichkeiten.
Auch wenn im Moment zum Jauchzen keinerlei Anlass ist, das Licht der Liebe Gottes scheint in unsere Tage so wie immer und gibt uns FrĂŒchte zu ernten. Auch wenn man eigentlich nur zum Einkaufen und zum Spazierengehen das Haus verlassen soll. Sommerzeit einmal ganz anders und neu.
Beim Schreiben ging mir ein Choral im Kopf herum:
Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit; brich in Deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann. Erbarm Dich, Herr.
Und auch noch:
Gib den Boten Kraft und Mut, Glauben, Hoffnung, Liebesglut, lass Du reiche Frucht aufgehân, wo sie unter TrĂ€nen sĂ€en. Erbarm Dich, Herr.â
Losung und Lehrtext am 4. April
Warum sollen die Heiden sagen: Wo ist denn ihr Gott? Unser Gott ist im Himmel; er kann schaffen, was er will.
Psalm 115,2â3
Gottes unsichtbares Wesen â das ist seine ewige Kraft und Gottheit â wird seit der Schöpfung der Welt, wenn man es wahrnimmt, ersehen an seinen Werken.
Römer 1,20
Ach ja, die Gottesfrage â wer sie stellt, hat schon verloren ... Sie ist eine logische Falle. Könnte man Gott beweisen, ihn einem Beweisverfahren unterwerfen, wĂ€re er kein Gott, bzw. was fĂŒr ein Gott wĂ€re er dann? Und die gegenteilige Fragerichtung funktioniert genauso: Wenn man fragt: Wie kann Gott das zulassen? hat man schon Kriterien fĂŒr einen Gott und seine Taten aufgestellt. Auch das widerspricht der SouverĂ€nitĂ€t, der Freiheit Gottes. Auch wer seinen eigenen Glauben stĂ€ndig auf die Probe stellt, hat dieses Problem. Denn zu entscheiden, ob der Glaube Gott genĂŒgt oder nicht, liegt nicht in der Hand der Glaubenden, sondern muss Gott ĂŒberlassen bleiben.
Die Losung von heute feiert Gottes Freiheit und seine KreativitÀt, seine Macht sich als Gott zu erweisen. Kommt das bei uns im Alltag an? Im Moment wÀchst die Unsicherheit. Wir gucken nach vorne, und dort herrscht keine klare Sicht. Genau das ist eine Lage, in der Menschen sich mit der Gottesfrage beschÀftigen. Warum ist alles so gekommen? Warum sind wir nicht handlungsfÀhig, was haben wir falsch gemacht, dass es so kommen konnte? Warum greift Gott nicht rettend ein? Gibt es ihn?
Ich verstehe die biblischen Texte so, dass genau diese Bewegungen im Denken und im Sprechen, im Hoffen und auch im Bezweifeln und Verzweifeln das sind, was den Glauben kennzeichnet. Wer glaubt, ist in dieser Weise in ein GesprĂ€ch vertieft. Wer glaubt, steht in einer so geprĂ€gten Beziehung zu âGottes unsichtbarem Wesenâ, wie Paulus es beschreibt; und diese Beziehung schlĂ€gt sich in GefĂŒhlen, Gedanken und Handlungen nieder. Und wer glaubt, erlebt Momente, in denen er die Welt als von Gott beseelt erlebt oder es gibt Phasen, in denen sich alles in Unsicherheit auflöst.
Lassen wir also unser GesprĂ€ch mit Gott nicht abreiĂen. Er ist da. Oder wie der Psalm sagt: Er ist im Himmel. Er wird sein GesprĂ€ch mit uns niemals abreiĂen lassen. Gerade jetzt nicht.
Andacht am Palmsonntag, 5. April
Liebe Gemeinde,
heute ist Palmsonntag, der Tag, mit dem die Karwoche beginnt. Jesus reitet auf einem Esel in Jerusalem ein. Ein strahlender Tag, er wird lauthals begrĂŒĂt von vielen Menschen, Frauen, MĂ€nner, Kinder, die von ihm Gutes gehört haben. Sie stehen dicht gedrĂ€ngt, sie bilden eine Gasse und legen ihm Palmzweige und ihre MĂ€ntel auf den Weg und jubeln: Hosianna!
Es ist ein Ruf aus den Psalmen, er bedeutet eigentlich âHilf dochâ = Hosha-na. Aber er ist durch den Gebrauch in den Tempelgottesdiensten zum Jubelruf geworden. In diesem Ruf steckt auch der Name Jesu, Jehoshua, der bedeutet: Der Herr ist Hilfe.
Uns geht es heute ganz anders. Wir bleiben zuhause, unter uns, oft auch allein. Ăberall auf der Welt verschlieĂen so Menschen der Ausbreitung des Corona-Virus den Weg. Und wer jetzt an der Krankheit leidet, ist sehr mit sich allein, besonders im Krankenhaus, trotz der Pflege, allein im LĂ€rm der Beatmungsmaschinen und unfĂ€hig zu sprechen mit einem Schlauch im Hals.
Ein Hosianna, ein Ruf nach Hilfe fĂŒr diese Situationen, mĂŒssen wir alle ...
Table of contents
- Inhaltsverzeichnis
- Nachwort als Vorwort: Was hat Corona mit uns gemacht?
- Losung und Lehrtext am 16. MĂ€rz
- Losung und Lehrtext am 17. MĂ€rz
- Losung und Lehrtext am 18. MĂ€rz
- Losung und Lehrtext am 19. MĂ€rz
- Losung und Lehrtext am 20. MĂ€rz
- Losung und Lehrtext am 21. MĂ€rz
- Andacht am Sonntag Laetare, 22. MĂ€rz, in der MĂŒnsterkirche Einbeck
- Losung und Lehrtext am 23. MĂ€rz
- Losung und Lehrtext am 24. MĂ€rz
- Losung und Lehrtext am 25. MĂ€rz
- Losung und Lehrtext am 26. MĂ€rz
- Losung und Lehrtext am 27. MĂ€rz
- Losung und Lehrtext am 28. MĂ€rz
- Losung und Lehrtext am 29. MĂ€rz
- Losung und Lehrtext am 30. MĂ€rz
- Losung und Lehrtext am 31. MĂ€rz
- Losung und Lehrtext am 1. April
- Losung und Lehrtext am 2. April
- Losung und Lehrtext am 3. April
- Losung und Lehrtext am 4. April
- Andacht am Palmsonntag, 5. April
- Losung und Lehrtext am 6. April
- Losung und Lehrtext am 7. April
- Losung und Lehrtext am 8. April
- Losung und Lehrtext an GrĂŒndonnerstag, 9. April
- Lichtblick fĂŒr Karfreitag, 10. April
- Lichtblick fĂŒr Karsamstag, 11. April
- Lichtblick fĂŒr Ostersonntag, 12. April
- Lichtblick fĂŒr Ostermontag, 13. April
- Losung und Lehrtext am 14. April
- Losung und Lehrtext am 15. April
- Losung und Lehrtext am 16. April
- Lesung und Lehrtext am 17. April
- Losung und Lehrtext am 18. April
- Losung und Lehrtext am 19. April
- Losung und Lehrtext am 20. April
- Losung und Lehrtext am 21. April
- Losung und Lehrtext am 22. April
- Losung und Lehrtext am 23. April
- Losung und Lehrtext am 24. April
- Losung und Lehrtext am 25. April
- Losung und Lehrtext am 26. April
- Impressum
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