Kritische Perspektiven für die Organisationen der Sozialen Arbeit
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Kritische Perspektiven für die Organisationen der Sozialen Arbeit

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Kritische Perspektiven für die Organisationen der Sozialen Arbeit

About this book

Das Jahr 2020 ist von der weltweiten Corona-Pandemie bestimmt. Die Pandemie drängt nun auch in der Sozialen Arbeit Fragen in den Fokus, die bisher eher nur am Rand der Diskurse der Sozialen Arbeit standen. Aktuell werden neue und veränderte Perspektiven für die Soziale Arbeit nötig. Hierzu zählt unter anderem die bisher noch kaum hinterfragten Selbstverständlichkeiten der Sozialen Arbeit, wie zum Beispiel die fragwürdige Ökonomisierung, der starke Fokus auf die Fallarbeit, die kritisch zu diskutierenden Tendenzen zur Entpolitisierung und damit auch verbunden die Akzeptanz von sich immer mehr verstärkender sozialer Ungleichheit und sozialem Ausschluss. So zeigt sich in der Sozialen Arbeit schon länger ein Sich-Arrangieren mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit des Neoliberalismus, mitsamt dem neoliberalen Individualismus. Aus diesem Grund braucht es drei kritische Perspektiven für die Organisationen der Sozialen Arbeit: erstens die Macht- und Herrschaftsverhältnisse innerhalb der Sozialen Organisationen und gegenüber den Adressat*innen, zweitens die Macht- und Herrschaftsverhältnisse zwischen den sozialen Organisationen und drittens die kritische Reflexion des eigenen Aufgabenverständnisses der Sozialen Arbeit in der Gesellschaft.

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Information

Year
2020
Print ISBN
9783752687088
Edition
1
eBook ISBN
9783752666021

1. Soziale Organisationen in Deutschland

In der Betriebswirtschaftslehre wird unter dem Begriff der „Organisation“ das formale Regelwerk eines arbeitsteiligen Systems verstanden. Dies bedeutet, dass von einer Organisation gesprochen wird, wenn mehrere Personen4 in einem arbeitsteiligen Prozess mit Kontinuität an einer gemeinsamen Aufgabe infolge eines gemeinsamen Ziels arbeiten. (vgl. Gabler Wirtschaftslexikon 2020, Quelle Internet)5
„Die auf Einzelpersonen verteilten Arbeitshandlungen sind dabei aufeinander abzustimmen und auf das gemeinsame Ziel hin auszurichten. Es sind diese Merkmale, die Unternehmen, Vereine, Verbände, etc. als Organisationen von anderen Menschenansammlungen, wie der Warteschlange an der Bushaltestelle unterscheiden.“ (Gabler Wirtschaftslexikon 2020, Quelle Internet)6
In diesem Sinne ist ein Unternehmen eine Organisation, da es über eine innere Organisation verfügt, welche durch eine möglichst funktionale Aufgabenverteilung die Zusammenarbeit regelt. (vgl. ebd.) Dies trifft auch auf die Organisationen der Sozialen Arbeit zu, welche nachfolgend genauer betrachtet werden.
Zum Zwecke dieses Buches ist es notwendig, zunächst einmal zu definieren, was eine gemeinnützige Organisation ist. Mit dem Begriff „Nonprofit-Organisation“ (NPO, also gemeinnützige Organisation) sind einer breiten Definition zufolge alle Organisationen gemeint, die weder erwerbswirtschaftliche Unternehmen noch öffentliche Behörden der unmittelbaren Staats- und Kommunalverwaltung sind. Weiterhin sind diese Organisationen hauptsächlich nicht gewinnorientiert und haben einen als gesellschaftlich anerkannten sinnvollen und notwendigen Leistungsauftrag. Ebenso sind die NPOs durch ein Mindestmaß an formaler Organisation gekennzeichnet und weisen ein Minimum an Selbstverwaltung, Freiwilligkeit und Entscheidungsautonomie auf.
„Eine Nonprofit-Organisation ist eine nach rechtlichen Prinzipien gegründete Institution (privat, halb-staatlich, öffentlich), die durch ein Mindestmaß an formaler Selbstverwaltung, Entscheidungsautonomie und Freiwilligkeit gekennzeichnet ist und deren Organisationszweck primär in der Leistungserstellung im nicht-kommerziellen Sektor liegt.“ (Bruhn 2012, S. 21)
Zur Erfüllung ihrer Aufgaben benötigen die NPOs Finanz- und Betriebsmittel sowie Arbeitskraft, welche rational beschafft und so eingesetzt werden, dass die bestmögliche Zweckerfüllung mit geringstmöglichen Kosten erreicht wird. Hierbei gelten die Grundsätze der Wirtschaftlichkeit und Effizienz. (vgl. Gabler Wirtschaftslexikon 2020, Quelle Internet)7
In der internationalen Definition von Nonprofit-Organisationen („International Classification of Nonprofit-Organizations“) wurden 1992 insgesamt 12 Kategorien von Nonprofit-Organisationen unterschieden:
  1. Culture and Recreation
  2. Education and Research
  3. Health
  4. Social Services
  5. Environment
  6. Development and Housing
  7. Law, Advocacy and Politics
  8. Philanthropic Intermediaries and Voluntarism, Promotion
  9. International
  10. Religion
  11. Business and Professional Associations, Unions
  12. Not elsewhere classified.
Dabei sind von größter ökonomischer Bedeutung in nahezu allen westlichen Industrienationen Nonprofit-Organisationen der ersten vier Kategorien, da sie die meisten Arbeitsplätze repräsentieren und somit insgesamt das größte finanzielle Volumen aufweisen. (vgl. Gabler Wirtschaftslexikon 2020, Quelle Internet)8
Die Nonprofit-Organisationen in Deutschland sind in der Regel vom Finanzamt als gemeinnützig anerkannt und profitieren somit von gesetzlich festgelegten Steuervergünstigungen und weiteren Vorteilen im betriebswirtschaftlichen Sinn. Die Voraussetzungen zur Anerkennung der Gemeinnützigkeit durch das Finanzamt finden sich in den §§ 51 bis 68 der Abgabenordnung. Damit definiert der Staat, welche sozialen Organisationen er im Sinne des Gemeinwohls als gemeinnützig anerkennt und welche nicht. Dass dies nicht immer unumstritten ist, zeigt der Fall des Vereins „ATTAC e.V.“, welchem der Bundesfinanzhof im Jahr 2019 die Gemeinnützigkeit aberkannt hat. Der Verein ist im Bereich der Globalisierungskritik aktiv und richtet seinen Protest zusammen mit rund 90.000 Mitgliedern aus über 50 Ländern gegen die weltweit wachsende soziale Ungleichheit und gegen eine Globalisierung, welche sich nur an den mächtigen Wirtschaftsinteressen orientiert. (vgl. ATTAC e.V. 2020, Quelle Internet)9 Der Bundesfinanzhof argumentierte gegen den Verein, dass dieser versuche, die politische Meinung zu beeinflussen. Dieses trage nicht zur politischen Bildung bei und sei daher nicht gemeinnützig. Diese Tätigkeit der politischen Kampagnen seien nicht mit den in der Abgabenordnung genannten 25 gemeinnützigen Zwecken vereinbar. (vgl. Die ZEIT 2019, Quelle Internet)10 Dieses Beispiel zeigt auf drastische Art und Weise, wie der Staat hier die Gemeinnützigkeit kontrolliert und somit auch Macht über die sozialen Organisationen ausübt.
In Deutschland gibt es heute mehr als 600.000 gemeinnützige Organisationen (vgl. Die Welt 2020, Quelle Internet)11, in welchen sich mehr als 30 Millionen Menschen (Hauptamtliche und Ehrenamtliche) engagieren. Insgesamt sind in der gemeinnützigen Sozialwirtschaft mehr als 3,7 Mio. Arbeitnehmer*innen beschäftigt. (vgl. Deutscher Fundraising Verband 2020, Quelle Internet)12
Dies stellt in solch einer Größenordnung eine gesamtgesellschaftliche Relevanz dar, welche zugleich die Bedeutung von Organisationsformen im gemeinnützigen Bereich verdeutlicht. Daher lohnt es sich zu untersuchen, welche Formen der Organisationsforschung sich als sinnvoll erweisen. In dieser Arbeit wird dabei der Fokus auf die kritische Organisationsforschung gelegt.
Finanzierungsformen für die sozialen Organisationen
Die Adressat*innen der Sozialen Arbeit sind in der Regel nicht in der Lage, die Leistungen, welche sie erhalten, auch zu bezahlen. Somit muss der überwiegende Teil der finanziellen Ressourcen für die von den Adressat*innen nachgefragten Leistungen durch Sozialversicherungsbeiträge und Steuermittel finanziert werden.
Aus diesem Grund wird die Soziale Arbeit in Deutschland überwiegend durch freie, privatrechtlich organisierte Träger (Organisationen) durchgeführt. Hierfür greifen die sozialen Organisationen für ihre sozialen Dienstleistungen auf die angesprochenen öffentlichen Finanzierungen zurück. Nur in seltenen Fällen ist es möglich, soziale Dienstleistungen auf dem freien Markt zu verkaufen. Damit sind die öffentlichen Haushalte und die sozialen Sicherungssysteme (geregelt in den Sozialgesetzbüchern) die wichtigsten Finanzierungsquellen. Dabei wird diese Finanzierung durch die öffentliche Hand mittels der Gesetze oftmals sehr detailliert festgelegt. Doch es sind auch marktorientierte Finanzierungsformen eingeführt worden, sodass Leistungen öffentlich ausgeschrieben werden und der kostengünstigste Anbieter den Zuschlag erhält.
(vgl. Kohlhoff 2017, S. 1)
Laut Kohlhoff unterscheidet sich die Finanzierung der sozialen Organisationen dahingehend weiter, dass es einen Unterschied zwischen einer Subjekt-Finanzierung (indirekt) und einer Objekt-Finanzierung (direkt) gibt.
„Durch die Subjekt- (indirekte) Finanzierung werden die Kosten im gesamten Umfang gedeckt. Anspruchsberechtigt sind nicht die freien Träger, sondern anspruchsberechtigte Personen (Subjekte), die Klienten (Leistungsempfänger) der Einrichtung.“ (Kohlhoff 2017, S. 3)
Diese indirekte Finanzierung kann auf der Grundlage von Leistungsentgelten erfolgen und ist in der Sozialen Arbeit weit verbreitet. (vgl. ebd. S. 3)
Als zweite Finanzierungsform werden Einrichtungen (Objekte) der Sozialwirtschaft über öffentliche Zuwendungen von Bund und Ländern oder der Europäischen Union oder mittels Subventionen durch Gemeinden und Landkreise direkt finanziert. Diese direkte Bezuschussung kann einmalig als Projektfinanzierung erfolgen oder über einen längeren Zeitraum bzw. dauerhaft als institutionelle Förderung. (vgl. ebd. S. 4)
Fundraising als Finanzierungsform der Sozialen Arbeit
Zur Realität der Finanzierung der Sozialen Arbeit gehört auch, dass diese nicht nur durch staatliche Gelder refinanziert wird. Oftmals ist die staatliche Finanzierung nicht ausreichend oder deckt nur einen Mindeststandard ab. Wenn die Nonprofit-Organisationen zusätzliche Angebote anbieten möchten oder die bestehenden Angebote erweitern möchten, dann ist eine zusätzliche Finanzierungsquelle von Nöten.
Ein zweiter großer Punkt der Refinanzierung ist das sogenannte „Fundraising“. Fundraising, als die professionelle Mittelbeschaffung für soziale Zwecke, ist mittlerweile zu einem festen Bestandteil in der Tätigkeit von sozialen und gemeinnützigen Organisationen geworden – zumal der Staat hierfür zahlreiche Steuervorteile gewährt. Seit vielen Jahren liegt die Summe der jährlich erfassten Spenden konstant bei über 5 Milliarden Euro. Darin sind Erbschaften, Unternehmensspenden, Kirchensteuer durch freiwillige Mitgliedschaft und Großspenden noch nicht erhalten. Zählt man diese noch hinzu, kommt der Deutsche Fundraising Verband auf ein jährliches Gesamtvolumen von 33,9 Milliarden Euro Spenden in Deutschland13 an gemeinnützige Organisationen. Hier sind allerdings weiterhin noch nicht die Projektfördergelder erfasst. Dies stellt seit vielen Jahrzehnten eine feste Säule der Finanzierung der Sozialen Arbeit in Deutschland dar.
Das Fundraising, also das Einwerben von (freiwilligen) Spenden oder Projektfördergeldern, ist ein fester Bestandteil der Finanzierung der Sozialen Arbeit geworden. Dies geschah bislang ohne Widerspruch und ohne eine kritische Reflexion der Rolle des Rückzugs des Sozialstaats im Zuge des Neoliberalismus sowie des Fundraisings selbst. Weiterhin ist die Beziehung von Fundraising und Sozialer Arbeit weitestgehend unbestimmt. Ist die Soziale Arbeit der Auftraggeber für das Fundraising oder beauftragt das Fundraising die Soziale Arbeit? Es stellt sich also die Frage nach den jeweiligen Wirkungsweisen und Abhängigkeiten. In den heutigen neoliberalen Zeiten, in denen sich der Sozialstaat zunehmend aus der Finanzierung der Sozialen Arbeit herauszieht, entsteht ein Kampf um die Verteilung der benötigten Spendengelder unter den gemeinnützigen Organisationen. In den letzten Jahrzehnten ist dieser Verteilungskampf professionalisiert worden und hat mittlerweile weltweite Dimensionen.
Bereits heute ist absehbar, dass aufgrund der Corona-Pandemie die Spendeneinnahmen bei den Organisationen einbrechen werden bzw. bereits drastisch eingebrochen sind. Dies betrifft insbesondere kleine gemeinnützige Organisationen, welche nicht über ausreichende finanzielle Rücklagen verfügen und diese Krise voraussichtlich nicht überleben werden. Unter den sozialen Organisationen in Deutschland verstärkt sich nun durch di...

Table of contents

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Einleitung
  3. 1. Soziale Organisationen in Deutschland
  4. 2. Soziale Arbeit als Wissenschaft
  5. 3. Einführung in die kritische Soziale Arbeit
  6. 4. Die kritische Organisationsforschung – theoretische Einführung
  7. 5. Drei kritische Perspektiven für die Organisationen der Sozialen Arbeit
  8. Literaturverzeichnis
  9. Über den Autor Johannes Stephens
  10. Kontakt Johannes Stephens
  11. Impressum

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