Im dunkelsten Wien / Im unterirdischen Wien
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Im dunkelsten Wien / Im unterirdischen Wien

Reportagen. Mit einer autobiographischen Skizze aus dem Nachlass

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Im dunkelsten Wien / Im unterirdischen Wien

Reportagen. Mit einer autobiographischen Skizze aus dem Nachlass

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Beklemmend, aufrĂŒttelnd und schonungslos fĂŒhrt der Journalist und spĂ€tere VizebĂŒrgermeister von Wien, Max Winter, in die Hinterhöfe und StĂ€tten des sozialen Elends. Er zeigt jene MissstĂ€nde auf, von denen andere nichts wissen wollen: Kinderarbeit, Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit. Seine Reportagen, gesammelt in den BĂ€nden "Im dunkelsten Wien" (1904) und "Im unterirdischen Wien" (1905), sind mit dieser Ausgabe wieder zugĂ€nglich. ErgĂ€nzt wird dieser Band durch eine bislang unveröffentlichte autobiographische Skizze "Von 1870 bis 1890. Mein Lebenslauf" aus dem Nachlass von Max Winter.

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Information

StreifzĂŒge durch die Brigittenau
Wohl kein zweiter Wiener Bezirk bietet dem, der das Leben des werktĂ€tigen Volkes schauen, sein Elend kennen lernen will, so viel wie der jĂŒngste Wiener Bezirk, wie die Brigittenau.
»Am Wasser« kann man das eigenartige, fĂŒr diesen am Donaukanal gelegenen Bezirk charakteristische Treiben der Schiffsleute und Uferarbeiter beobachten. Hier wird auch der, der zu suchen versteht, die Unterschlupfe der Obdachlosen entdecken und unvergeßliche Einblicke in ihr hartes Leben voll Elend und Entbehrung gewinnen können.
Klopft er dann in den modernen Zinsburgen an die TĂŒren, so wird er das Elend der einheimischen Bevölkerung ebenso schauen wie das der »Zugvögel«, der Bauarbeiter und Slowaken, die der herannahende Winter zum Ziehen nötigt, und macht er endlich in den ebenerdigen HĂ€uschen Rast, die da und dort als Überbleibsel der alten Brigittenauer Ansiedelungen die öde, eintönige Flucht der modernen Wucherburgen unterbrechen, dann wird er das schlimmste Wohnungselend mit seiner unerlĂ€ĂŸlichen Begleiterscheinung: Kinderelend, in seinen krassesten Erscheinungsformen schauen. Hier kann er auch sehen, wie so mancher »kernige Brigittenauer« gemeinsten Wucher mit dem TrĂŒmmerhaufen seines Besitzes treibt, noch schlimmeren oft wie der jĂŒdische Bauspekulant, der diesen Bezirk lĂ€ngst zum ertragreichen Feld gemacht hat.
Dies alles und noch manches andere ist zu schauen. Es ist eine weite Wanderung, die wir vorhaben. Wer mitkommen will, ist eingeladen.
Am Wasser
Ende Oktober, Anfang November wird der Magen von Wien mit »sauren RĂŒben« versorgt. Da herrscht dann ein Leben und Treiben am Brigittenauer Ufer des Donaukanals wie an wenigen Tagen des Jahres. Hunderte von Kindern umschwĂ€rmen die mit weißen RĂŒben hochangefĂŒllten »Trauner« und PlĂ€tten und die Schiffsleute brauchten Falkenaugen, um alle die vielen kleinen Diebskniffe zu schauen, die die lauernde Kinderschar anwendet, um in den Besitz einiger dieser vielen, vielen tausend RĂŒben zu kommen.
»Es is grad’, wia wann s’ Hakeln an die Finger hĂ€tten«, meint ein Bauer aus Aschau zu mir. »Wann S’ da von der PlĂ€tten auf a Stund’ weggeh’n, brauchen S’ kane Leut’ mehr zum Außatrag’n!
Lachend bestÀtigt dies ein Markthelfer.
»Da schau’n S’ hin, wia s’ den Wagen nachrenna.«
Der Wagen eines SauerkrĂ€utlers war eben mit voller Ladung abgefertigt worden und setzt sich nun gegen die Treustraße zu in Bewegung. Hinter ihm her eine Kinderschar, die sich nicht nur um die dank der Unebenheit des Bodens vom Wagen geschĂŒttelten RĂŒben rauft, sondern die es auch sehr gut versteht, der Unebenheit des Bodens nachzuhelfen.
»Wia die Raben stehl’n s’«, ergĂ€nzt der Markthelfer.
Der SauerkrĂ€utler wendet sich auf dem Bocksitz um und schnalzt mit der Peitsche. Wie ein gestörter Fischschwarm stieben die Kinder nach allen Richtungen, um in der nĂ€chsten Minute wieder an dem Wagen zu hĂ€ngen, und um dem Pferde die Last zu erleichtern. Der Zuruf eines der Jungen: »Der Krampen d’rzaht’s eh nöt!« lĂ€ĂŸt wenigstens darauf schließen, daß es den Jungen nur um die BetĂ€tigung tierfreundlicher Absichten zu tun ist. Daß sie darin so arg mißverstanden werden, macht ihnen anscheinend das grĂ¶ĂŸte VergnĂŒgen.
Auf dem Verkaufsplatz ist mittlerweile wieder ein Wagen angefahren und die Markthelfer gehen an ihre Arbeit. In geeichten Butten schleppen sie die weiße Feldfrucht, die auf ihrem Kopf frischgrĂŒnen Aufputz trĂ€gt, ĂŒber den Damm herauf, stĂŒrzen die Butte in aufgehaltene SĂ€cke um oder leeren sie auf den Wagen und laufen um die nĂ€chste. Ist Arbeit da, dann sind sie flink, denn Butte um Butte, die sie gefĂŒllt bringen, trĂ€gt ihnen zwölf Kreuzer ein, die der KĂ€ufer zu zahlen hat. So oft sie also die 75 Kilo RĂŒben, die die Butten fassen, den Damm hinaufschleppen, ebenso oft vervielfacht sich ihr Lohn, der trotzdem nur zur Zeit der Hochsaison (nach Allerheiligen) die ĂŒblichen zwei bis drei Kronen ĂŒbersteigt.
Im Anfang geht es langsam. Drei, vier Tage lang oft mĂŒssen die »Rubenbauern« ihre dreißig Kreuzer tĂ€glich an den Magistrat zahlen, bis das Schiff leer ist. Die Markthelfer haben ĂŒbergenug Zeit, sich zwischen dem Kommen der einen und der nĂ€chsten Kundschaft zu langweilen. Sie sitzen dann auf den Schiffen herum oder plaudern am Ufer oder sie haben ein Stichblatt, dem ihre »Frozzlereien« gelten oder aber sie vergnĂŒgen sich mit dem »Kreuzerrollen«. An eine Planke oder einen Stein oder Balken wird ein Brettchen so angelegt, daß es eine schiefe Ebene darstellt. Auf dieses setzen sie ein KreuzerstĂŒck an und lassen es hinabrollen. Der nĂ€chste muß trachten, mit seiner MĂŒnze dem am Boden liegenden Kreuzer so in die NĂ€he zu kommen, daß das »Maßl« – ein etwa fingerlanges HolzstĂ€bchen – die Entfernung deckt. Das »Kugelspiel’n« der Alten! Der Unterschied ist nur, daß es hier um Geld geht, und daß ein gemeinsames Maß die Ungerechtigkeiten ausgleicht. Die Fingerspannweite ist verschieden und wer eine Hand »wia a TotentrĂŒcherl« sein eigen nennt, wĂ€re dem anderen, der vielleicht nur »Christbambrettln« hat, ĂŒberlegen.
Am liebsten ist es freilich den Markthelfern, wenn sie recht viel zu tun haben, denn dann gibt es schönen Verdienst und den können sie, so wie jeder brauchen. Das Leben kostet Geld. Zwei reden gerade davon. Der eine will sich vom anderen ein »FĂŒnferl« ausleihen. Der schlĂ€gt es ab.
»I kann d’r nöt alle Tag’ a FĂŒnferl leihen. Du hast heut g’wiß kane achtzig Kreuzer daham hergeb’n. I hab’ aa nöt mehr wia du.«
»I hab’ a Kranl daham einbrennt ... FĂŒnf Kreuzer hab’ i dir geb’n und dann hab’ i gestern auf d’ Nacht warten mĂŒssen, bis’r kummen is, da hab’ i m’r a KrĂŒgl Bier kauft. Os seids um a halber Sechse furtgang’n, i hab’ warten mĂŒass’n und der kummt m’r erst um a viertel Siebene daher. So geh’, gib’s her dös FĂŒnferl auf a Jausen.«
»Friß a Ruab’n!«
»Geh, du stierer Bimpf, gib her, sag’ i.«
Lachend entschließt sich endlich der andere, sein Vermögen zu teilen, da die Argumente immer wuchtiger werden.
Dann geben die beiden mir Audienz. Am gegenĂŒberliegenden Ufer kreuzen eben zwei StadtbahnzĂŒge. Darauf anspielend, komme ich mit ihnen ins GesprĂ€ch.
»Wie sich die Gegend verÀndert hat?!«
»Ja, wenn die alten Leut’ aufsteh’n tĂ€ten, dö legeten si’ gern wieder nieder. Wann uns dös wer g’sagt hĂ€tt vur a paar Jahr’n, daß die Spittelau so ausschaun wird ...«
»Hat der Donauverkehr unter den Bauten stark gelitten?«
»G’litten!? ... Dös is do heut gar nix mehr. I denk’ no, wia’s die Lampeln abig’fĂŒhrt hab’n zur Lampelmaut und wia’s ’s Salz no bracht hab’n in die Trauner. Heut is ka Leben mehr auf d’r Donau. Ka Salz ... ka Holz ... kane Staner 
 All’s kummt per Bahn. Schaun S’ nĂŒber auf d’ Knöpferlbahn1 was dö heut daherzaht ... Ja, in der alten Zeit. Wann aner da g’leg’n is im Gras«, – er weist dabei mit seiner knochigen Hand auf die Böschung – »da hab’n ’n die Scheiber glei’ g’fragt, ob ’r arbeiten will. Hat ’r nöt woll’n, so hab’n s’ ’n mit’n Stecken davong’jaugt. Heut kinnen S’ bis Nußdorf naus um a Arbeit betteln gehn und Sie kriag’n kane ... Dös bissl Holz, was no kummt. A weng a Bauholz (Bretter) und a bißl a Wagnerholz und fertig san s’. Die Scheiter zĂ€hl’n heutzutag gar nix mehr.«
***
Die Böschung ist neben dem Ankerplatz der RĂŒbenschiffe etwas abgeflacht, damit die Pinzgauer die mĂ€chtigen StĂ€mme, die jetzt noch zum Floß gefĂŒgt auf dem Wasser verankert sind, aufs Land schleifen können. Mit »HĂŒÂ«, »HĂŒoh« und »HĂŒsterhoh« und Peitschenknall geht es zur Höhe. Gleich daneben besorgen Menschen die Roßarbeit. Sie tragen RustenstĂ€mme (Ulmen), die ein Zehner-Trauner von Tulln gebracht hat, zu zweit und dritt den Damm hinauf und legen sie dann auf einen kommunalen Lagerplatz, bereits sortiert nach StĂ€rke und LĂ€nge. Der Schiffsmann gibt immer den Platz an, wo der Stamm abzuwerfen ist. Sie sind fest dahinter. Besonders einer, ein kleiner, blonder Kerl, ist ĂŒberall dort, wo die Arbeit am schwersten ist. Seine krĂ€ftigen Muskeln quillen unter den aufgerollten HemdĂ€rmeln hervor, die Adern geschwollen und blau wie die TĂ€towierung, am Unterarm. Aber auch seine Beine zittern unter der Last.
»Ho hipp!« ... So fĂŒhrt er das Kommando und schon haben er und sein »G’spann« das eine Ende des Stammes dem dritten auf die Schulter gehoben. »Ho ... heb’ auf!« ... und auch das andere Ende sitzt auf einer Schulter – ohne Tragleder.
Ein alter Herr kommt vorĂŒber und sieht die beiden mit dem Stamm heraufĂ€chzen. Der voran ist bis in die Stirn rot. Sein struppiger, schwarzer Vollbart kann die Wirkung der Anstrengung nicht verhĂŒllen.
»Habt’s denn kane Lederpolster?« fragt sie der Alte, und dann zu mir gewendet: »Das â€șbeißtâ€č. I waß, was das is.«
»Wo soll’n s’ denn die Tragleder hernehmen?« frage ich zurĂŒck.
»Das is schwer. Sie krieg’n’s net z’leihen.«
»Sollt’ halt der Stroblermeister welche haben.«
»Ja, freili, sollt’ er’s haben, freili, freili«, ergĂ€nzt der alte Herr ... »Aber bitt’ Sie, wer kĂŒmmert sich denn um die armen Menschen?«
»Der Gewerbeinspektor könnt’ sich drum kĂŒmmern, das ist eine Schutzvorrichtung wie a jede andere. Diese Menschenschinderei muß net sein. Die mĂŒssen auf die Schultern ja ganz offen sein.«
»Freili ... Freili«, bestĂ€tigt der alte freundliche Herr und streicht dabei durch seinen silberweißen, kurzgestutzten Vollbart ... »So a alter Strobler hat auf der Schulter, auf der er tragt, a ganz a harte Haut. Die Stecken beißen durchs Leder aa no. Das san deutsche Stecken. Hab’n aa a G’wicht danach. Freili sollt’s nöt sein. Sollt a jeder sei’ Leder hab’n; ’s beißt ...«
Und weiter geht er.
Bald darauf gelĂŒstet die Akkorder nach einer Jause. Sie hatten um 1 Uhr begonnen – wahrscheinlich mit leerem Magen – und nun ist es halb 5 Uhr. Das Jausengeld ist schon lange verdient. Sie gehen den Schiffsmann an und der sagt es dem Stroblermeister. Dieser gibt jedem 40 Heller auf die Hand und fort laufen sie.
»Nöt z’ lang ausbleib’n. Zeitli finster wird’s!« ruft ihnen der Stroblermeister noch nach.
Die Mahnung ist unnötig. Zehn Minuter spĂ€ter Ă€chzen sie schon wieder unter der Last der BĂ€ume, die sie die Böschung hinauftragen. Sie peitschen sich selber vorwĂ€rts. Je schneller sie fertig sind, desto schneller haben sie ihre 24 Kronen verdient, die ihnen der Stroblermeister fĂŒr das Ausladen des Trauners zahlt. Da er selbst von der Partei 38 Kronen dafĂŒr bekommt, ist sein GeschĂ€ft kein schlechtes. Er wĂŒnscht nur, daß Tag um Tag einiges »Zillenfuhrwerk« bei ihm anhĂ€lt.
Heute ist so ein Tag. Neben den Akkordern schleppen Tagarbeiter aus einer StockplĂ€tten Tischlerholz. FĂŒnf Bretter lĂ€ĂŸt sich jeder auf das Achselleder legen und steigt dann langsam die Böschung hinauf. Viel Plage auch, aber keine Hetzjagd, freilich auch nicht 6 Kronen, sondern nur 2 Kronen 80 Heller Taglohn und auch nicht das Ungebundensein. Kommt der Tagwerker am Morgen zu spĂ€t, so kommt er in der Regel ĂŒberhaupt schon zu spĂ€t, denn sein »Leder« ist dann gewöhnlich schon vergeben.
Außer dem Lohn hat der »Stroblermeister« auch fĂŒr die Kranken- und Unfallversicherung, sowie fĂŒr die Arbeitsbehelfe aufzukommen. Die Stegladen, Böcke, Karren und Tragleder hat er beizustellen. Wie die Akkorder schmerzlich empfinden, erspart er sich die Tragleder gerade bei ihnen gern, und zwar – den Akkordern zuliebe, weil diese sich durch die Tragleder in der raschen Arbeit behindert fĂŒhlen sollen. Die Akkorder sollen lieber 9 Stunden in Schmerzen als 9 œ oder 10 Stunden ohne Schmerzen arbeiten? Möglich, daß es einzelne solche SchwĂ€rmer gibt, aber die Mehrzahl wird nicht so denken.
Wenn sie Scheiter ausladen, arbeiten sie ja auch zehn volle Stunden und nicht minder angestrengt. Da sind dann ihrer fĂŒnf in der Partie: zwei »Holzscheiber« – sie laden auf und fĂŒhren den Karren –, zwei »Anzahrer« – auch sie laden auf und nehmen dann das Zugband ĂŒber die Achsel, um den Karren ĂŒber den Steg zu ziehen – und ein Holzleger, der das mit den beiden Karren gebrachte Holz geschlichtet haben muß, bis die Scheiber ihm die nĂ€chste Fuhr hinwerfen. DafĂŒr haben die Holzscheiber 5 Kronen 60 Heller, die Anzieher 3 Kronen 60 Heller und die Holzleger 5 Kronen.
Daß auch sie nichts Geschenktes haben, dafĂŒr sorgt schon der Stroblermeister.
Geschenkt bekommen nur die Kinder etwas. Sie dĂŒrfen die AbfĂ€lle, Rinden und SpĂ€ne sammeln und tragen sie dann in Körben und SĂ€cken nach Hause. Sie sind eifrig an der Arbeit, die kleinen Knirpse, die Holzklauberkinder der Großstadt.
Das Donauufer als Kinderspielplatz
So reich die Brigittenau an freien unverbauten PlÀtzen ist, die freilich als KinderspielplÀtze ebensowenig geeignet sind, der liebste Aufenthalt ist...

Table of contents

  1. Table of Contents
  2. Titel
  3. Impressum
  4. IM UNTERIRDISCHEN WIEN
  5. Zur EinfĂŒhrung
  6. Bei den Bewohnern des Wienflusstunnels
  7. SchlÀfer in den Auen
  8. Hotel Ringofen
  9. Die öffentlichen Gewalten und die Obdachlosigkeit
  10. IM DUNKELSTEN WIEN
  11. Kanalstrotter
  12. StreifzĂŒge durch die Brigittenau
  13. Erdberg
  14. Max Winter: Von 1870 bis 1890. Mein Lebenslauf
  15. Nachwort

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