Das Ich und sein Geheimnis
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Das Ich und sein Geheimnis

Philosophische Dialoge

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Das Ich und sein Geheimnis

Philosophische Dialoge

About this book

"Wer bin ich?" gehört zu den Urfragen des Menschen. Zuletzt wurde sie von Richard David Precht in seinem Bestseller gestellt. Thea und Bruno Johannsson wenden sicih in ihrem 5. Band neo-sokratischer Dialoge dem Ich und seiner Identität mit einer Reihe sehr spezieller Thesen zu. Sie greifen das beliebte Gleichnis des inneren Schweinehundes auf und betrachten die zahlreichen Formen innerseelischer Konflikte und ihrer Lösungsperspektiven. Besonders zugespitzt treten diese Problemstellungen im Bereich der Sexualität auf, wo es um Gefallen, Verliebtheit, Begehren und Lust, um Partnerschaft und Ehe geht. Die menschliche Wahl erweist sich oft mehr als eine Qual, die unter dem Damoklesschwert der Verantwortung steht, der man sich allzu gern entziehen möchte. Zum Thema Identität enthält der Band neben dem Dialog auch ein Interview, das Helmuth Müller, Redakteur bei Radio Darmstadt, mit dem Philosophenpaar geführt und auch gesendet hat."Ich habe in Eurem Dialog eine Reihe von Hinweisen bekommen, wie ich mich damit beschäftigen kann, wer ich bin."(Helmuth Müller im Interview mit dem Philosophenpaar)

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Information

Year
2021
Print ISBN
9783753421766
eBook ISBN
9783753450025

Dialoge

1. Der innere Schweinehund – Ekel oder Liebling?
B: Heute ist Samstag der 26. Januar 2008. Ich beginne mit einer neuen These, die ich stelle und die folgendermaßen lautet:
Hinter dem "inneren Schweinehund", von dem der Volksmund spricht, verbirgt sich ein Komplex von inneren und äußeren, fein- und grobstofflichen Faktoren, die die Entwicklung von Mensch und Gesellschaft behindern.
Wie immer beginnen wir mit der Fragephase. Hast du Verständnisfragen zu dieser These?
T: Wenn ich es richtig verstanden habe, ist damit gesagt: Der "innere Schweinehund", das ist nicht nur eine Instanz in unserem Ich, sondern das ist ein Zusammenspiel mehrerer, wie du sagst, sowohl physischer als auch geistiger Elemente, die aber so zusammenwirken, dass sie etwas behindern, die in sich in eine Richtung wirken, also von daher zusammenfallen. Ich nehme an, du gehst davon aus, dass es umgekehrt auch ein Zusammenspiel von Elementen gibt, wenn das Positive zustande kommt, dass das auch ein Zusammenspiel von Elementen ist und nicht eine einzige Instanz.
B: Danke für diesen letzten Gedanken! Der hat mir insbesondere bei dem Schlussteil der These zu schaffen gemacht. Ich werde darauf zurückkommen. Aber in der Tat ist es so, dass hier meines Erachtens ein Komplex wirkt. Ich war geneigt von einem Bündnis zu sprechen, aber ein Bündnis wird normalerweise geschlossen von Personen, während es hier nicht nur um Personen geht, die wirken, sondern auch um Kräfte.
T: Ja. Du hast ja versucht, die Seele mit dem Staat zu vergleichen. So wie sich Einzeleinheiten im Staat miteinander verbünden können, gehst du davon aus, dass Kräfte, die im Menschen wirksam sind, womit man ihnen fast so etwas wie einen eigenen Willen oder zumindest eine eigene Gerichtetheit zuspricht, hier auch koalieren können. Ob das nun eine geplante und bewusste Sache ist oder sich nur so auswirkt, das lassen wir mal dahin gestellt sein, aber im Prinzip gehst du davon aus, dass da ein Zusammenwirken ist.
B: Das ist richtig. Ein Zusammenwirken verschiedener Faktoren. Ich habe bewusst diesen sehr neutralen Begriff verwendet, weil nach meiner Einschätzung es nicht nur um geistige und körperliche Kräfte geht, sondern weil buchstäblich auch Personen eine Rolle spielen, zum Beispiel Geister, die als Personen uns umgeben, die wir nicht sehen, die aber einwirken.
T: Ach so, deshalb "äußere Faktoren".
B: Richtig. Die äußeren Kräfte könnte man einteilen einerseits in Personen, die uns umgeben. Das sind Geistpersonen, die für uns unsichtbar sind, die aber anwesend sind, die gewissermaßen einen Geistkörper haben, einen eigenen Willen haben, eigene Ziele haben. Wir können ganz grob böse Geister und gute Geister unterscheiden. Aber zu den externen Faktoren gehört auch so etwas wie die Umwelt, gehören auch - jetzt komme ich etwas ins Zögern - ich wollte gerade sagen, gehören auch Personen, die uns beeinflussen. Das wird zwar immer der Fall sein, dass wir irgendwelchen Einflüssen von Freunden, von Kollegen, von Nachbarn und so weiter unterliegen, aber da ich mich auf den Volksmund beziehe, der den "inneren Schweinehund" als existent bestätigt, der Volksmund würde ja nicht das, was mein Freund sagt oder mein Kollege, dem inneren Schweinehund zurechnen. Aber der Volksmund unterscheidet nicht, was Geister, die der Mensch nicht sieht, ihm zuflüstern.
T: Lassen wir die mal außen vor! Aber man kann sagen: Menschen aus meiner Umgebung können meinen "inneren Schweinehund" eventuell noch füttern und aufpäppeln oder sie können gegen ihn arbeiten.
B: Völlig richtig.
T: Aber sie sind deswegen nicht selbst der "innere Schweinehund".
B: Durchaus nicht.
T: Wenn ich verallgemeinere: Die Alternativen, die uns als Menschen vorliegen, werden unterstützt von verschiedenen Koalitionen in unserem Inneren. Zum Beispiel: Wenn ich mir vornehme, Sport zu machen, ist es schon ein Unterschied, ob ich morgens frisch und fröhlich aufwache und mein ganzer Körper toll dasteht oder ob ich eine lange Nacht hatte, noch total unausgeschlafen bin und eventuell einen schweren Kopf habe. Dann wird wohl mein ganzer Körper eher nach Ruhe schreien. Dann wäre meine nächste Frage: Ist das sozusagen eine ziemlich beständige Koalition in meinem Innern, oder wechselt das bei jeder Art von Entscheidung? Kann dasselbe Element einmal auf der Seite des "inneren Schweinehunds" stehen und einmal auf der Gegenseite?
B: Das wäre Gegenstand von Forschungen, die man durchführen könnte durch Befragungen, die man durchführen könnte durch naturwissenschaftliche Messungen des Stoffwechsels, der Informationsströme im Gehirn und so weiter. Wenn ich an die physiologischen Faktoren denke, die hier eine Rolle spielen, dann vermute ich, dass es bestimmte Kräfte gibt, die normalerweise dem "inneren Schweinehund" zuzurechnen sind. Zum Beispiel kenne ich einen inzwischen verstorbenen Arzt, der die Behauptung aufgestellt hat, dass es wichtig sei, durch entsprechende Atemübungen den Stoffwechsel in den Zellen zu unterstützen. Es komme vor allem darauf an, dass genügend Stickstoff ausgeatmet wird und Sauerstoff reinkommt. Ich als Laie möchte die Hypothese in den Raum stellen, dass Stickstoff von den Zellen her eine Wirkung zu Trägheit, Müdigkeit, Nachlässigkeit, Faulheit und zu ähnlichen Dingen hat, während Sauerstoff die gegenteilige Wirkung entfaltet. Ein anderes, drastischeres Beispiel wären Drogen. Wenn ich mir bestimmte Drogen zuführe, wäre das allerdings ein äußerer Faktor, der aber dann, indem er in den Körper eingeführt wird, zum inneren Faktor wird. Dann beobachtet man, dass unter Drogen die Menschen die seltsamsten Dinge tun. Natürlich haben sie einerseits ihre Phantasien. Aber sie haben auch einen bestimmten Drang zu bestimmten Verhaltensweisen, im sexuellen Bereich aber auch in anderer Hinsicht. Unter Drogeneinfluss legen sie bestimmte Verhaltensweisen an den Tag. Das wäre der Fall, wo ein grobstoffliches Element normalerweise eine Wirkung in eine bestimmte Richtung hat.
T: Mhm.
B: Deine Frage war, ob es hier Dauerkoalitionen gibt. Ich habe jetzt für den grobstofflichen Bereich angedeutet, dass das so ist, dass im großen Ganzen bestimmte Stoffe in eine bestimmte Richtung wirken, wobei es Ausnahmen gibt, zum Beispiel Morphium für den Schmerzpatienten wäre etwas, was den Schmerz beruhigt, wodurch der Patient klarer denken kann, wenn er zum Beispiel mit dem Arzt spricht oder wenn er noch einen Brief zu schreiben hat.
T: Wenn ich das interpretiere und wieder auf dieses Gleichnis Staat zurückkomme, gehst du mehr oder weniger davon aus: es gibt feste Parteiungen, aber es gibt auch sozusagen die Gruppe unentschiedener Wähler, die fluktuieren, und möglicherweise hängt es von denen ab, wie die Entscheidung dann endgültig fällt. Könnte man diesen Vergleich da heranziehen?
B: Mit Sicherheit gibt es Kämpfe in den Zellen, in den Organen, was dominiert, welche Impulse an das Gehirn abgegeben werden. Es gibt dann auch Kämpfe im Gehirn selbst darum, welche Impulse an bestimmte Organe abgegeben werden, ob er rachsüchtig ist oder ob er einsteckt, ob er höflich ist. Eine typische Klasse von groben Stoffen, die hier bekanntlich eine große Rolle spielen für Verhaltensweisen, sind die Hormone. Da gibt es inzwischen schon weit reichende Forschungen wie man bestimmte Verhaltensweisen hier in Zusammenhang bringt mit der hormonellen Verfassung eines Menschen. Viel schwieriger und viel weniger erforscht ist die Sache bei den geistigen Kräften, die in einem Menschen wirken, obwohl da eigentlich die Psychologie die zuständige Wissenschaft ist. Und wenn ich an die Psychologie, insbesondere an die Psychiatrie, anknüpfe, dann haben wir hier auch wieder den Fall, wie dem Patienten, der psychisch krank ist, nervlich krank ist, grobe Stoffe zugeführt werden als Medikamente, was seine Verfassung verändert, was ihn stabilisiert im Idealfall.
T: Ja. Das heißt also: die Elemente können fluktuieren, aber es gibt Elemente, die ziemlich fest in einer Richtung wirken. Dann kommen wir zu diesem Begriff: "innerer Schweinehund". Da sagst du jetzt per definitionem: Das sind die "Kräfte, die dem Fortschritt des einzelnen Individuums und der Gesellschaft entgegenstehen." Im Volksmund meint man da wohl eher die Kräfte, die der Umsetzung eines Beschlusses, den das Individuum gefasst hat, entgegenstehen, wobei noch gar nicht fest steht, ob dieser Beschluss so gut ist. Es könnte durchaus auch Leute geben, die sagen: Manchmal sind die inneren Impulse, die uns hemmen, bestimmte Dinge zu tun, auch heilsam, und man sollte auf sie hören, anstatt sie unterdrücken und besiegen zu wollen. Das gilt natürlich nicht, wenn du sagst: "Per definitionem rechne ich diese Impulse nicht zum 'inneren Schweinehund', weil die sich positiv aus wirken."
B: Du hast eben zwei wichtige Dinge angesprochen, um die ich bei der Aufstellung dieser These ganz speziell gerungen habe. Und zwar einmal die Frage: Wogegen richtet sich der "innere Schweinehund", sind es nur Ziele, Beschlüsse, wie du sagtest. Und zum anderen die Frage: Geht es immer nur darum, dass der "innere Schweinehund", von mir definiert als Komplex von Faktoren, sich gegen Positives richtet, oder könnte es auch die umgekehrte Situation geben, dass da Koalitionen sind, Kräfte sind, die Negatives verhindern. Nur ganz kurz zu dem zweiten Punkt, den ich aber sehr interessant, sehr wichtig finde, so dass er noch ausgeführt werden sollte. Ich meine, das trifft zu. Es gibt da selbstverständlich auch positive Koalitionen, die ähnlich strukturiert sind, nur sich aus anderen Elementen und Personen zusammensetzen. Aber zu dieser ersten Frage, was die Ziele anbelangt zurück. Da kann man sich sehr gut jemanden vorstellen, der in Bezug auf einen anbrechenden Tag eigentlich gar kein Ziel hat, und trotzdem wirken Kräfte zusammen, dass er erst um elf Uhr aufsteht, dass er dann noch total verschlafen ist, dass er dann ordentlich isst und meinetwegen danach das Gefühl hat: "Ich gehe am besten gleich wieder ins Bett". Das heißt, diese Kräfte, die hier…
T: Denkst du da an ein Wesen namens Thea? (lacht)
B: Das war jetzt nicht auf eine bestimmte Person gerichtet. Ich selbst habe in früheren Phasen meines Lebens ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich wollte nur deutlich machen: Diese Kräfte wirken in eine bestimmte Richtung, die, nach bestimmten Maßstäben gerechnet, sich für die Person als schädlich erweist, aber noch nicht in Konflikt steht mit Zielen, die sich die Person gesetzt hat, weil die sich eventuell noch gar kein Ziel gesetzt hat. Trotzdem wirken diese inneren Kräfte. Es ist nicht so, dass der "innere Schweinehund" schweigt, wenn sich jemand keine Ziele gesetzt hat, sondern der bleibt genauso aktiv.
T: Ja. Aber es bleibt die Frage: Definieren wir den "inneren Schweinehund" als Impulse aus dem Inneren, die dem erklärten Willen des Ichs zuwiderlaufen, die darauf aus sind, das Ich zu entmachten oder sagen wir, "innerer Schweinehund" ist immer das, was der Entwicklung, der positiven Entwicklung des Ich zuwiderläuft, unabhängig davon, ob es das mit Billigung oder gegen das Ich tut. Wenn man festlegt: Nur die Impulse, die das Negative stützen, nenne ich den "innerer Schweinehund", dann würde man sich mit dieser Definition vom Volksmund vielleicht doch etwas absetzen.
B: Ich will zunächst anknüpfen an das, was du schon zweimal erwähnt hast, dass man sich nämlich auch eine Koalition vorstellen könnte von inneren und äußeren, feinen und grobstofflichen Faktoren, die das Positive bewirken wollen. Und dazu möchte ich auf C. S. Lewis zurückkommen, der ja die "Dienstanweisungen an einen Unterteufel" geschrieben hat. Aus der Sicht dieser Teufel hätte man genauso gut von einem "inneren Schweinehund" sprechen können, bei den entsprechenden Menschen, die zu betreuen waren, der aber dort die Rolle hatte, dass er die Menschen zu etwas Gutem bewegen wollte. Aber aus der Sicht der Teufel war das ein "innerer Schweinehund". Mit anderen Worten: ein Mafiaboss, der einen seiner Untergebenen zu einem Mord drängen möchte, der muss damit rechnen, dass der Gewissensbisse hat, das heißt, dass er letztlich es nicht tut, weil er sich scheut. Aus dessen Sicht sind quasi diese Gewissensbisse der "innere Schweinehund". Man kann das Ganze umdrehen; das ist richtig. Und in der Tat bin ich der Meinung, dass diese Koalitionen, egal ob sie zum Positiven oder zum Negativen drängen, eine ähnliche Struktur haben: es sind interne Kräfte und externe Kräfte, und es sind feinstoffliche und grobstoffliche Kräfte, es sind einzelne Kräfte und es sind Personen, die hier zusammenwirken. Also eine ganz komplizierte "Koalition" in Anführungsstrichen, die in die entsprechende Richtung wirkt. Wenn ich mich aber an den Volksmund anlehne, dann meine ich, kann man sagen: der Volksmund spricht vom "inneren Schweinehund“, wenn es zum Beispiel darum geht: man möchte eigentlich ein paar Kilo abnehmen, und jetzt futtert man doch schon wieder; man möchte mit dem Rauchen aufhören, und man schafft es nicht, und man schafft es wieder nicht, und man schafft es immer noch nicht; man möchte mit Alkohol aufhören; oder man möchte nicht dauernd mit dem eigenen Kind schimpfen, man möchte sich ein bisschen besser beherrschen, und schon ist es wieder passiert, dass man sich hat hinreißen lassen; oder man möchte früher aufstehen, und was tut man? Man verschläft wieder. Ich glaube schon, dass der Volksmund die Wirkung des "inneren Schweinehundes" normalerweise auf solche Situationen bezieht. All diese Dinge, diese Süchte, diese Unbeherrschtheiten, Laster oder, wie immer wir es nennen wollen, werden von diesem "inneren Schweinehund" begünstigt und behindern die Entwicklung eines Menschen, verhindern, dass seine positiven Potentiale zum Zuge kommen.
T: Es stimmt natürlich, dass das, was ein Mensch sich vornimmt, er selbst immer als positive Änderung einschätzen würde, sonst würde er es sich gar nicht vornehmen. Aber wie gesagt: wenn es überhaupt einen objektiven Maßstab für Gut und Böse gibt, dann könnte es möglich sein, dass das, was man sich vornimmt, gar nicht das objektiv Gute ist.
B: Nehmen wir einmal an, es nimmt sich jemand vor, er möchte einem Nachbarn einen richtigen, schönen Schaden zufügen, ihn ärgern. Dann wird es Kräfte geben, die zu diesen Gruppen gehören, die wir schon genannt haben, die bestärken ihn darin. Aber es wird auch Kräfte geben, die gelegentlich sich melden und ihm gewisse Zweifel an seinem Verhalten einreden wollen. Wenn ein Mensch ganz abgebrüht ist, wenn er sozusagen diese Kräfte schon hundert Mal zurückgewiesen hat, dann kann es sein, er kriegt von diesen Kräften gar nichts mehr zu spüren. Der nimmt sie gar nicht mehr wahr. Der rauscht in sein Verhalten hinein gerade auch bei Rachsucht gibt es schließlich genügend literarische und andere Darstellungen, wie so etwas abläuft, dass irgendwann diese von Rache erfüllten Personen gar nicht mehr gebremst werden können. Dann sind diese Kräfte abgetötet. Oder sagen wir mal: Der "innere Schweinehund" hat dann ein leichtes Spiel. Und der Volksmund spricht dann gar nicht mehr so richtig vom "inneren Schweinehund". Aber meiner Ansicht nach ist das dieselbe Koalition, die dann zu den großen Verbrechen führt.
T: Moment mal. Nun kann es auch passieren, dass nicht die Kräfte, die wir gemeinhin als positiv bezeichnen, Rücksicht und Mitleid und solche Dinge, ihn daran hindern, sondern die Tatsache, dass er bequem ist, dass er sagt: "Gut. Aber um mich zu rächen, müsste ich erst einmal mein Gehirn zermartern, was ich denn da Interessantes machen könnte, und dann müsste ich aktiv werden. Ist mir das so viel Zeit und Nervenkraft überhaupt wert?" Und dann könnte er vielleicht dazu kommen, dass er sagt: "Nee, das hätte der zwar verdient, aber bevor ich mich dafür so echauffiere, lass ich es."
B: Das wäre der Fall einer sehr gemischten Konstellation, die absolut denkbar wäre. Wenn wir wieder auf das Modell zurückkommen, die Seele als Staat zu betrachten, und stellen uns eine Situation vor in einem Staat, dass ein Feind dieses Staates ihn angreifen möchte, gleichzeitig macht dieser feindliche Staat aber auch ein Verhandlungsangebot, das allerdings äußerst ungünstig ist. Jetzt ist die Frage, was passiert innenpolitisch in diesem Staat. Einerseits könnte man sagen: "Okay, wir stellen uns, wir ziehen in den Krieg, wir versuchen, unsere Freiheit zu verteidigen." Andererseits könnte man sagen: "Lohnt sich das? Ist die Freiheit so viel wert? Sollten wir nicht lieber dann Tribut zahlen, beziehungsweise regelmäßig irgendwelche Waren liefern? Ist das denn so schlimm?" Also da gibt es gewissermaßen auch ganz wechselnde Koalitionen, natürlich auch in der menschlichen Seele. Es kann in der Tat dazu führen, dass eine gewisse angelegte Trägheit, die wir normalerweise dem inneren "Schweinehund" zurechnen können, dazu führt, dass ganz bestimmte schwerwiegende Verbrechen unterbleiben. Die Möglichkeit besteht.
Es gehört, wie wir auch im Begriff schon in der Umgangssprache formuliert haben, es gehört kriminelle Energie dazu, um das ganz große Verbrechen zu begehen, und dort wo die Konstellation in der menschlichen Seele so ist, dass er, sagen wir mal, verschlafen ist und sich lieber mit Frauen abgibt oder lieber einen kleinen Diebstahl macht oder sich irgendwie so durchs Leben schlägt, da findet dann vielleicht das große Verbrechen gar nicht statt, während häufig gerade die großen Verbrecher eine außerordentliche Disziplin an den Tag gelegt haben. Da sieht man, wie uneindeutig es ist, welche Kräfte welche Wirkung haben.
T: Wie gesagt, gerade bei diesem Beispiel kommt man mit dem S...

Table of contents

  1. Über die Autoren
  2. Widmung
  3. Inhaltsverzeichnis
  4. Vorwort
  5. Dialoge
  6. Exkurs: Interview von Helmuth Müller mit dem Philosophenpaar über den siebten Dialog
  7. Anhänge
  8. Weitere Informationen
  9. Einladung zum Leserforum
  10. Impressum

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