Markus Roschitz zeigt in dieser Studie, wie sich der Nationalsozialismus Anfang der 1930er Jahre in der weststeirischen Region Schwanberg etablieren und trotz des BetĂ€tigungsverbots fĂŒr die österreichische NSDAP im Juni 1933 ein bedeutender politischer Faktor bleiben konnte. Eingebettet in eine groĂe RahmenerzĂ€hlung werden unter anderem der gescheiterte Putschversuch im Juli 1934, die darauffolgende StrategieĂ€nderung der lokalen NS-Organisation, die Situation der "österreichischen LegionĂ€re", die GegenmaĂnahmen des autoritĂ€r regierten Staates und die weiteren wesentlichen Entwicklungen und Ereignisse bis zur nationalsozialistischen MachtĂŒbernahme im MĂ€rz 1938 modellhaft dargestellt. Anhand des gewĂ€hlten mikrohistorischen Ansatzes und der Heranziehung einer Vielzahl bislang unbekannter oder nicht verwendeter Quellen aus verschiedenen Archiven werden die Spezifika und Besonderheiten lokalpolitischer PhĂ€nomene in den Landgemeinden der agrarisch und vom Bergbau dominierten historischen Region Schwanberg eingehend analysiert und bisher vernachlĂ€ssigte Aspekte der Geschichte des Nationalsozialismus auf lokaler Ebene kritisch und detailreich aufgearbeitet.

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20th Century HistoryIndex
History1. Mikrogeschichte und Nationalsozialismus in der Region â Positionen und Forschungsstand
âInsgesamtâ, schrieb der Sozialhistoriker JĂŒrgen Kocka in einem Diskussionsband 1994, âzeichnet sich keine helle Zukunft fĂŒr die theoriearme, mikrohistorisch verengte, einseitig auf Erfahrungen konzentrierte, von unten und gar âvon innenâ fragende Alltagsgeschichte ab.â1 Den gröĂten Mangel der mikrohistorisch orientierten Geschichtsschreibung sah Kocka darin, dass diese kein Interesse an den âgroĂen Strukturen und Prozesse[n]â der Geschichte hĂ€tte und daher auch nicht in der Lage sei, eine âZusammenhangerkenntnisâ â eine Erkenntnis der groĂen politischen und gesellschaftlichen ZusammenhĂ€nge in der Geschichte â hervorzubringen. Statt eines solchen makrohistorischen Ansatzes glaube die âbloĂe Mikrohistorie ohne allgemeine Fragestellungenâ auskommen zu können, sich auf ein âmikrohistorisches Klein-Kleinâ beschrĂ€nken zu können.2
Die Vertreterinnen und Vertreter der Alltags- und Mikrogeschichte richteten und richten an die âklassischeâ Sozialgeschichte indes gerne den Vorwurf, dass in makrohistorisch geleiteten Untersuchungen die âeinzelnen Individuen als hilflose Figuren an den FĂ€den der anonymen Strukturen und Prozesse hingenâ,3 oder sogar, dass der âMensch aus der Geschichte verschwundenâ sei.4 Die Sozialgeschichte wĂŒrde ĂŒbersehen, dass der Mensch zwar eingebunden sei in eine bestimmte Gesellschaftsordnung, sich aber innerhalb dieser Ordnung mit ârelativer Freiheitâ bewegen und entfalten könne, dass seine Entscheidungen also nicht zur GĂ€nze von den erkannten gröĂeren Strukturen und Prozessen (wie etwa ökonomischen Grundgegebenheiten oder dem herrschenden politischen System) bestimmt seien.5 AuĂerdem beruhe die Ansicht, Mikrohistorie betreibe ein bloĂes âKlein-Kleinâ, auf einem grundsĂ€tzlichen MissverstĂ€ndnis: Der Erkenntnisgegenstand (zum Beispiel âder Nationalsozialismusâ) sei bei einem mikrohistorischen Zugriff nicht ein anderer als bei einem makrohistorischen Zugriff auf ein und dasselbe Thema, lediglich die Erkenntnisperspektive unterscheide sich; der Erkenntnisgegenstand werde ââim Kleinenâ betrachtet, es werden nicht âkleine Dingeâ betrachtetâ.6
Die an die Mikrogeschichte gerichtete Kritik der Theoriearmut wirft die Frage auf, ob sich mikrohistorische Studien generell von einem allgemein akzeptierten Theoriekonzept leiten lassen und ob dabei durchgehend einer bestimmten Methode der Vorzug eingerĂ€umt wird. In der Forschung herrscht mittlerweile die Ansicht vor, dass das Etikett âMikrogeschichteâ fĂŒr eine âVielzahl theoretisch, methodologisch und inhaltlich unterschiedlich gelagerter Studienâ verwendet wird, die âeinzig und allein die Kleinheit des Beobachtungsausschnitts oder -gegenstands gemein habenâ.7 Aber auch wenn sich Mikrostudien nicht an einem einheitlichen theoretisch-methodologischen Leitkonzept orientieren, heiĂt das nicht, dass sie automatisch mit dem Mangel an Theoriearmut oder sogar Theoriefreiheit behaftet wĂ€ren. Mikrogeschichte interpretiert makrohistorische Theorien und Modelle nur nicht als âvorgegebene GerĂŒste zur Einordnung und kausalen VerknĂŒpfung empirischer PhĂ€nomene, sondern bestenfalls [als] Interpretationswerkzeugeâ und Hilfsmittel zur EntschlĂŒsselung mikrohistorischer Sachverhalte.8 In diesem Zusammenhang wies Ernst Hanisch bereits 1979 im programmatischen Aufsatz Regionale Zeitgeschichte. Einige theoretische und methodologische Ăberlegungen auf die Eigenheiten der mikrohistorischen Theoriebildung und deren relative UnabhĂ€ngigkeit von (sozialwissenschaftlichen) Makro-ErklĂ€rungsmodellen hin: Eine Regional- bzw. Mikrogeschichte sei keineswegs nur dazu angetan, ein âTestfeld sozialwissenschaftlicher Idealtypen, Modelle und Theorienâ zu sein, sondern sie solle grundsĂ€tzlich âvon sich aus bemĂŒht sein, selbststĂ€ndig und quellennahe, [âŠ] allgemeine Kategorisierungsschemata und ErklĂ€rungshilfen zu entwickelnâ.9
In der Praxis mikrohistorischen Arbeitens heiĂt dies konkret, dass es auf den Forschungsgegenstand, die Perspektive auf denselben und ganz wesentlich auf die Quellenlage ankommt, ob auf vorhandene Theorieangebote zurĂŒckgegriffen werden kann oder ob es notwendig erscheint, eigene Theorien und Modelle zu entwickeln. Welche Methoden im konkreten Fall zur Anwendung gebracht werden, hĂ€ngt ebenfalls von genannten Gegebenheiten ab. In Frage kommen beispielsweise kollektivbiographische, mentalitĂ€tsgeschichtliche, aber auch quantifizierende, der Sozialwissenschaft entlehnte Methoden. In letzterem Fall wird sich der Mikrohistoriker, die Mikrohistorikerin in Abhebung zur sozialwissenschaftlichen Vorgangsweise bemĂŒhen, âdas einzelne, in den Quellen aufzufindende gelebte Leben nicht im statistischen Durchschnitt untergehen zu lassen, dabei jedoch die Vorteile einer statistisch-seriellen Analyse durchaus zu nutzenâ wissen.10
Innerwissenschaftliche Auseinandersetzungen wie eben die Auseinandersetzung zwischen Sozial- und Mikrohistorikern um den adĂ€quaten Zugriff auf den Forschungsgegenstand haben auf lĂ€ngere Sicht zumeist nicht das Verwerfen des Theorie- und Methodenkonzepts in Bausch und Bogen der einer Seite und die uneingeschrĂ€nkte Anerkennung des Konzepts der anderen Seite zum Ergebnis, sondern sie fĂŒhren oftmals zur Einsicht, dass der Forschungsgegenstand nicht auf einem Königsweg erschlossen werden kann, sondern erst durch eine Vielheit verschiedener Zugangsweisen. Im besten Fall fĂŒhren solche Auseinandersetzungen sogar zu einer wechselseitigen und mehr oder minder fruchtbaren Entlehnung bzw. Heranziehung der vormals abgelehnten Theorien- und Methodenkonzepte. Die in der Mikrogeschichte mittlerweile hĂ€ufig praktizierte Quantifizierung kann hierfĂŒr als Beispiel gelten.
Die vor einigen Jahren noch kontrovers diskutierten Fragen nach der âNĂ€heâ und âFerneâ zum Erkenntnisgegenstand, nach der âEngeâ und âBreiteâ der Erkenntnisperspektive haben inzwischen merklich an Konfliktpotential und SchĂ€rfe verloren. So setzt sich auch bei sozialwissenschaftlich orientierten Makrohistorikern und Makrohistorikerinnen immer mehr die Erkenntnis durch, dass eine Geschichtsbetrachtung in der Makroperspektive ohne Beiziehung von Fallbeispielen und unter AuĂerachtlassung konkreter Individuen nur wenig mit der historischen RealitĂ€t zu tun hat.11 Auf der anderen Seite haben auch Mikrohistoriker und Mikrohistorikerinnen erkannt, dass eine Mikrogeschichte, die zentrale, nur in der Makroperspektive zu fassende historische VorgĂ€nge nicht hinreichend berĂŒcksichtigt, nicht verstĂ€ndlich sein kann. Beispielsweise wird es mit dem Blick auf die Mikrogeschichte ausschlieĂlich eines bestimmten steirischen Bergdorfes ein RĂ€tsel bleiben, warum die dortigen Nationalsozialisten und Nationalsozialistinnen nach dem 19. Juni 1933 â an diesem Datum erlieĂ die Bundesregierung ein BetĂ€tigungsverbot fĂŒr die NSDAP in Ăsterreich â ein wesentlich anderers Verhalten in politischen Dingen an den Tag legten als zuvor. In solchen FĂ€llen erscheint es unumgĂ€nglich, die Perspektive zu erweitern und in der Makroebene nach ErklĂ€rungen zu suchen (etwa in den von der Regierung bei einer FortfĂŒhrung der illegal gewordenen politischen TĂ€tigkeit angedrohten Strafen). Die konkreten Auswirkungen einer solchen Verordnung wiederum werden im Kleinen sehr viel besser als im GroĂen sicht- und greifbar.
Zur Notwendigkeit, die Perspektive in Mikrostudien fallweise zu vergröĂern und zu verkleinern, sollte das grundsĂ€tzliche Bestreben hinzutreten, den Forschungsgegenstand von möglichst vielen Seiten her zu untersuchen. Erst die Kenntnis verschiedener Aspekte desselben Gegenstandes, die mit der Heranziehung unterschiedlicher Quellen erreicht wird, versetzt einen in die Lage, einen profunden Ăberblick ĂŒber dessen GröĂe und Umfang gewinnen und abschĂ€tzen zu können, welche Aussagen ĂŒber den Gegenstand möglich sind und welche nicht. Oder wie es Ewald Hiebl und Ernst Langthaler formulierten: â[N]ie reicht ein einziger Blick auf das Kleine, um die KomplexitĂ€t des Mikroraumes zu erfassen. Immer wieder werden die Blickwinkel verĂ€ndert, wird gezoomt und geschwenkt, werde...
Table of contents
- Cover
- Title
- Impressum
- Inhaltsverzeichnis
- Vorwort
- 1. Mikrogeschichte und Nationalsozialismus in der Region â Positionen und Forschungsstand
- 2. Quellenlage
- 3. GrundsĂ€tzliche Ăberlegungen zum Begriff der Region Schwanbergâ
- 4. Die Region Schwanberg am Ende der 1920er Jahre â ein Stimmungsbild
- 5. Die NSDAP in der Region Schwanberg und ihre politischen Gegner 1931â1933
- 6. Die NSDAP in der IllegalitÀt
- 7. Der Juliputsch 1934 in der Region Schwanberg
- 8. Die Folgen des Juliputsches
- 9. Die Region Schwanberg im neuen Ăsterreichâ
- 10. Vom Juliabkommenâ 1936 bis zum Anschlussâ 1938
- 11. Der Anschlussâ 1938 und die Durchsetzung der NS-Herrschaft
- 12. Zusammenfassung und Fazit
- Literatur- und Quellenverzeichnis
- AbkĂŒrzungsverzeichnis
- Bildnachweise
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