I Historische Essays
1 Wem das Posthorn blĂ€st â zur Konstruktion und Konjunktur des Nationalen
Wiederholt sich die Geschichte? 1917/18 â nach der revolutionĂ€ren bzw. militĂ€rischen Beseitigung des zaristischen Reiches, der Donaumonarchie und der letzten Reste des osmanischen Reiches auf dem Balkan â erschien der Nationalstaat als Zauberformel: jedem Kind einen Lampion und jeder Nation ihren eigenen Staat. Das deckt sich mit der »Burlesken TrĂ€umerei« des unvergleichlichen Erik Satie: »Ich finde, dass alle Franzosen, die auf französischem Gebiet geboren sind, von französischen Eltern oder solchen, die diesen Anschein erwecken, ein Anrecht auf eine Anstellung bei der Pariser Post haben sollten.« Mit der Post hat der moderne Begriff Nation immerhin so viel zu tun, dass er von Paris aus seine Reise antrat und dass Lenin auĂer fĂŒr »nationale« Selbstbestimmung fĂŒr die deutsche Post schwĂ€rmte.
Wenn man die Reaktionen auf den Untergang der Sowjetunion durchsieht, so scheint es, als hĂ€tten die Kommentatoren nicht Post aus Paris, sondern aus Washington erhalten. Haben sie Woodrow Wilson persönlich zum ghost-writer erkoren? »Nationale Selbstbestimmung« und »National«staat, die sich als Volksvorurteile in den Hirnen festgefressen haben, gelten auf jeden Fall wieder einmal als erstrebenswerter globaler politischer Normalzustand. Die abenteuerliche Prognose, die Völker der ehemaligen Sowjetunion wĂŒrden jetzt gleichsam normalisiert und in die europĂ€ische Tradition des vermeintlich selbstverstĂ€ndlichen und demokratischen Nationalismus zurĂŒckgeholt, mĂŒsste der Redlichkeit halber die Tribute nennen, die die Menschen in Europa seit etwa 200 Jahren entrichtet haben fĂŒr derlei NormalitĂ€t.
Wohin man heute zwangslĂ€ufig gerĂ€t, wenn man noch einmal versucht, die Welt nach Nationen, Nationalstaaten oder der Fiktion des nationalen Selbstbestimmungsrechts einzurichten, fĂŒhren die politischen und militĂ€rischen Eliten im ehemaligen Jugoslawien praktisch vor, und groĂe Teile der deutschen Presse sowie das Stammtischgerede begleiten das Geschehen mit wohlfeilen, also serbenfresserischen Kommentaren. Allen voran trabt die FAZ. Schon am 12.12.1990 entdeckte J. G. ReiĂmĂŒller bei den Serben eine SpezialitĂ€t, die es ihm so angetan hat, dass er nun bald tĂ€glich darauf zurĂŒckkommt: »die uneuropĂ€ische Politik des UnterdrĂŒckens anderer Völker«. Im Baltikum genauso: »die ganze UnterdrĂŒckungsaktion in Litauen ist uneuropĂ€isch« bzw. »asiatisch«, vulgo: »sowjetisch« (15.1.1991). Wem das alles irgendwie bekannt vorkommt, ist auf der richtigen Spur. Was authentisch europĂ€isch ist, hat Treitschke lĂ€ngst beschrieben: »Wenn die EnglĂ€nder ... die Hindus vor die MĂŒndungen der Kanonen banden und sie âșzerbliesenâč, daĂ ihre Körper in alle Winde zerstoben, so kann man das, da doch der Tod sofort eintrat, nicht tadeln. DaĂ in solcher Lage Mittel des Schreckens angewendet werden mĂŒssen, ist klar.« Bei ReiĂmĂŒller ist auch alles klar â im Namen des »nationalen Selbstbestimmungsrechts« klagt er die nationale »Anerkennung« ein, deren Verweigerung ebenso unterhalb des »europĂ€ischen« Standards liegen soll wie die Skepsis gegenĂŒber dem »nationalen Selbstbestimmungsrecht«, das nun als Krone der »europĂ€ischen Rechtskultur« (FAZ 17.7.91) herhalten muss.
Nation â in jeder Hinsicht ein Gemachtes
Mangels tragfĂ€higer Grundlagen in der Gegenwart wichen die Ideologen des Nationalstaats immer auf die Geschichte aus. Die fehlende KohĂ€renz des Prinzips sollte sich angeblich aus menschlicher Natur, gemeinsamer Abstammung, gemeinsamer Sprache, Geschichte und Kultur ergeben. Schon bei oberflĂ€chlicher Betrachtung erweist sich jedoch das Nationale als ein in langen und komplizierten Prozessen entstandenes historisch-politisches Konstrukt und nicht als quasi-natĂŒrliche Gegebenheit.
Bei Licht besehen, ein Gebirge von papierner Vergeblichkeit, denn fĂŒr die Begriffe Volk und Nation sieht die Bilanz in der kritischen Forschung trĂŒbe aus. FĂŒr kein einziges GroĂvolk kann man ein hohes Alter, ungebrochene KontinuitĂ€t oder gar â liebstes Kind der Nationensucher und NationalitĂ€tenbastler â ethnische HomogenitĂ€t belegen. Und was die AnfĂ€nge, Wiegen und Geburtsstunden von GroĂvölkern und Nationen betrifft, so liegen sie nicht im geheimnisvollen mythologischen Dunkel, im KyffhĂ€user, auf den Schlachtfeldern vor Troja, beim Merowinger HĂ€uptling Chlodwig im FrĂŒhmittelalter, sondern ganz profan zwischen Buchdeckeln bzw. auf der platten Hand: »In einem gewissen Sinne sind es die Historiker, die die Nationen schaffen« (Bernard GuenĂ©e 1971).
VerkĂŒrzt und vereinfacht: Am Anfang stand nirgendwo ein groĂes Volk und schon gar nicht eine ethnisch oder sprachlich homogene Nation, sondern eine Vielfalt von »bunten« gentilen VerbĂ€nden. Diese VerbĂ€nde StĂ€mme zu nennen, verbietet die Tatsache, dass mit dem Begriff Stamm immer noch die legendĂ€re gemeinsame Abstammung, Sprache und Kultur verbunden wird. Genau das war jedoch nicht der Fall. Die gentile Entwicklungsphase ist ĂŒberall gekennzeichnet durch eine Vielfalt von Siedlungsformen, inneren sozialen Beziehungen, HerrschaftsverhĂ€ltnissen und ethnischen MischungsverhĂ€ltnissen. Erst relativ spĂ€t bilden sich gentile VerbĂ€nde zu Völkern und GroĂvölkern, wobei deren einzelne Bestandteile in Sprache, Kultur und Sitten sehr lange resistent bleiben gegenĂŒber den vereinheitlichenden (»Nationalisierungs«-)Tendenzen.
So ist es z. B. nichts als ein GerĂŒcht, die Franken seien das Urvolk und die BegrĂŒnder Frankreichs. Der Anteil eingewanderter (!) Franken am bunten Völkergemisch aus Römern, Galliern, Kelten, Bretonen, Normannen, Burgundern etc., aus dem zwischen Mittelalter und Neuzeit, von dem kleinen Gebiet der Ăle de France ausgehend, Frankreich heranwĂ€chst, ist minimal. Einzig im Seinebecken dĂŒrfte der Anteil der Franken im 6./7. Jahrhundert um zehn Prozent betragen haben, sonst bedeutend weniger (Karl Ferdinand Werner 1984). Nicht die Franken ethnischer Herkunft bilden Frankreich, sondern Herrschergeschlechtern und sozialen Eliten mit zum Teil frĂ€nkischen Vorfahren ist es im Laufe der Jahrhunderte gelungen, die anderen in »Frankreich« siedelnden, einwandernden und sich vermischenden gentilen VerbĂ€nde, Völkerschaften und »StĂ€mme« sowie deren herrschende Schichten zu einem Gemeinwesen zu formen. »Unterwerfung gegen Schutz vor inneren und Ă€uĂeren Feinden« lautete die Formel, nach der im Laufe der Jahrhunderte so etwas wie ein Staat im modernen Sinne und nationaler Zusammenhalt geschaffen wurden; dieser »nationale« Zusammenhalt umfasste jedoch in Frankreich bis zur Revolution explizit nur die oberen StĂ€nde. Von der nachrevolutionĂ€ren Nation unterscheidet sich dieser Begriff grundsĂ€tzlich, obwohl ihm dasselbe Wort zugrunde liegt. Das einfache Volk dagegen blieb, was es war: normannische, acquitanische, gaskognische, elsĂ€ssische Magd, BĂ€uerin oder Handwerkersfrau; provenzalischer, bretonischer, burgundischer etc. Bauer, Knecht oder Handwerker; und genauso redeten sie vielerlei Sprachen, nur nicht Französisch. »Frankreich« erschien dem menu peuple noch bis ins 18. Jahrhundert hinein als ein ebenso unverstĂ€ndliches und kĂŒnstliches Produkt wie die dazugehörige Hochsprache Französisch: eine Sache der weltlichen und kirchlichen Herren, mit der das gemeine Volk nichts zu schaffen hatte. Bei den anderen europĂ€ischen GroĂvölkern und Nationen verhielt es sich nicht anders.
Ludwig XIV.: »Die Nation ist kein Staatsstand (corps dâĂ©tat) in Frankreich«, und »die Nation ist vollstĂ€ndig in der Person des Königs verkörpert«. Keine hundert Jahre spĂ€ter wird Emmanuel Joseph Sieyes seinen fulminanten Traktat mit dem Satz beginnen: »Der dritte Stand ist eine vollstĂ€ndige Nation« (AbbĂ© Sieyes 1789). Das war keine empirische Beschreibung, sondern ein bĂŒrgerlich-revolutionĂ€res Programm â in seiner ganzen WidersprĂŒchlichkeit zwischen Emanzipation und erneuter Ausgrenzung derer, die man zur Nation nicht, nicht mehr oder noch nicht zĂ€hlen mochte. Die Französische Revolution schuf den modernen, der Tendenz nach demokratischen Nationsbegriff. Die Beziehung zwischen moderner Nation und moderner Demokratie ist zwar genetisch unbestreitbar, aber praktisch lose und extrem provisorisch, theoretisch irrelevant und juristisch kriminell.
Anachronistische RĂŒckprojektionen: »Deutschland«
Es ist ein fast unauflösbares Volksvorurteil und ein Anachronismus, im Blick auf Frankreich von einer »alten« Nation zu reden, obwohl sich diese ĂŒber fĂŒnf Jahrhunderte langsam und mit RĂŒckschlĂ€gen entwickelte und erst in und nach der Revolution von 1789, vor allem in den Kriegen gegen das aristokratisch-monarchische Europa regelrecht geschaffen wurde. Carnot, der Kriegsminister, gilt nicht nur als »organisateur de la victoire«, sondern auch als einer der Schmiede der modernen Nation, als deren Kinderstube Schule und Kaserne fungieren (»die Schule wird zum Vorraum der Kaserne«, Hippolyte Taine 1893). Das ist nicht falsch, greift aber zu kurz, denn es dauerte noch eine ganze Weile, bis der französische Zentralstaat mit seinen PrĂ€fekten, Offizieren und Schulmeistern als nationalen RasenmĂ€hern die ĂŒberkommenen sozialen, kulturellen und sprachlichen GewĂ€chse einheitlich zurechtgestutzt und zur Grande Nation (uni-)formiert hatte. Dazu mussten die Volkssprachen und Dialekte systematisch herabgesetzt werden, bis in der Ăffentlichkeit nur noch das akademisch normierte Hauptstadtidiom Französisch aufzutreten wagte; dazu mussten vor allem die allgemeine Schulpflicht und mit ihr eine verbindliche Nationalsprache »eingefĂŒhrt« werden; »eingefĂŒhrt« verharmlost die BrutalitĂ€t, mit der der Pariser Zentralismus regionale Sprachen und Dialekte buchstĂ€blich ausrottete.
Es ist schon ein schwieriges GeschĂ€ft, nachzuzeichnen, wie die französische Nation in Schule und Kaserne herangezĂŒchtet, von national eingestellten Intellektuellen herbeigeschrieben und wie die französische Hochsprache staatlich verordnet wurde; fĂŒr das Deutsche ist das noch etwas dornenreicher, weil man es nicht nur mit nationalistisch eingefĂ€rbten Anachronismen zu tun hat, sondern seit Beginn der deutschen Geschichtswissenschaft mit einer militanten Ideologieproduktion, die sich â pragmatisch entschĂ€rft â in Teilen der deutschen MediĂ€vistik und Rechtsgeschichte bis heute durchhĂ€lt.
Der Beginn der deutschen Historiographie fĂ€llt zeitlich zusammen mit der Wahrnehmung nationaler, nationalstaatlicher Defizite in den Staaten des Deutschen Bundes gegenĂŒber dem nachrevolutionĂ€ren Frankreich. Das sollte kompensiert werden mit einer programmatisch deutschnationalen Lesart der mittelalterlichen Quellen: Die Probleme der Gegenwart bestimmten die Wahrnehmung und Aufbereitung der Vergangenheit.
Der »deutschen Nation«, einer geschichtsphilosophischen und politischen Konstruktion par excellence, verliehen national gesinnte Historiker den Charakter eines Naturtatbestandes, indem sie »Germanen« und »Deutsche« nicht nur gleich-, sondern als »von Anfang an« vorhandenes, homogenes GroĂvolk voraussetzten, das im mittelalterlichen Kaiserreich eine »deutsche Einheit« angeblich verwirklicht hatte und dann fahrlĂ€ssig (»Italienpolitik«) verspielte. Die richtige Voraussetzung, dass gentile VerbĂ€nde, Völkerteile, Völkerschaften, »StĂ€mme« und Völker Ă€lter sind als »Staaten«, »Reiche« und »Nationen«, verlĂ€ngerte die deutsche Historiographie und Rechtsgeschichte zur Vorstellung eines immer schon existierenden »deutschen Volkes«, das eben nur Pech gehabt habe mit seinen von Italien berauschten Herrschern und herrschsĂŒchtigen PĂ€psten und deshalb in punkto Staatlichkeit und NationalitĂ€t gegenĂŒber »Frankreich« (das es damals so wenig gab wie ein »deutsches« Kaiserreich) ins Hintertreffen geraten sei.
Germania und Gallia waren von der römischen Antike bis ins Mittelalter und die Neuzeit hinein geographische Begriffe. Der Rhein bildete die Ost-West-Grenze. Das Wort Germania in mittelalterlichen Quellen zielt immer auf diese geographischen Grenzen und nicht auf die ethnische Abstammung der Bevölkerungen oder politische Substrate. Die nach Gallien gewanderten Franken waren ebenso Germanen wie die diesseits des Rheins verbliebenen. Als »Deutsche« bezeichneten sich freilich weder die einen noch die andern.
Anders verhĂ€lt es sich mit der Sprachenbezeichnung; »deutsch« bzw. »theodiscus«, gebildet aus althochdeutsch diot (Volk), meint alle nicht-romanischen Volkssprachen. Die nationes theodiscae umfassen z. B. nicht-romanisch sprechende Franken in den heutigen LĂ€ndern Flandern, Deutschland und Frankreich, Sachsen in England, Goten und Langobarden in Italien; hier heiĂen Franken, die nicht-romanisch reden, deshalb teutonici oder tedeschi, und umgekehrt nennen diese die romanische Sprachen verwendende Umgebung »Welsche«. Nicht-romanisch sprechende Sachsen in England oder Franken in Flandern bzw. Italien tauchen in den Quellen als nationes theodiscae auf, können jedoch nicht »deutsche StĂ€mme« oder gar »Deutsche« gewesen sein, da sie niemals dem politischen Gemeinwesen angehörten, das â 962 als ostfrĂ€nkisches Reich gegrĂŒndet â erst im 11. Jahrhundert gelegentlich als regnum Teutonicum (1073) auftaucht. Die anderen Franken, Sachsen usw. gehören selbstverstĂ€ndlich zu den konstituierenden Bestandteilen der anderen im Entstehen begriffenen GroĂvölker in »England« bzw. »Frankreich« (K. F. Werner 1992).
Mit regnum meinen die mittelalterlichen Quellen einen sekundĂ€ren Herrschaftsverband; man erklĂ€rt sich dessen Entstehung aus sesshaften gentilen VerbĂ€nden, die sich eben durch diese Sesshaftigkeit kulturelle, rechtliche und politische Strukturen schaffen und dabei die zu verschiedenen Zeiten eingewanderten wie die »eingeborenen« gentilen VerbĂ€nde assimilieren. Diese Teilreiche (regna oder auch patriae) umfassten also immer VerbĂ€nde unterschiedlicher Herkunft und Abstammung: Gothia, Burgundia, Francia, Saxonia, Lotharingia, Baioaria, Alemannia, Italia, Provincia sind keine homogenen Gebilde wie die anachronistischen Begriffe »Stamm« oder »Stammesherzogtum« suggerieren, sondern ĂŒber lange Zeit entstandene melting pots. Die deutsche Ăbersetzung fĂŒr regnum ist in der Regel rich oder lant regnum Baioariae, Baiernlant. FĂŒr eine Mehrzahl von regna auf dem Territorium des ostfrĂ€nkischen Reiches existiert vor dem 16. Jahrhundert fĂŒr »Deutschland« ganz selbstverstĂ€ndlich und logisch nur der Plural »deutsche Lande«. Der Alemanne, Sachse oder Baier existierte nicht von Anfang an, sondern entstand in einem geschichtlichen Prozess im Zuge der Vermischung und Verbindung von gentilen VerbĂ€nden zu Teilreichen/regna; gleichzeitig als Baier und Deutscher oder Sachse und Deutscher konnte man erst ab dem 11. Jahrhundert bezeichnet werden â gut 500 Jahre nachdem Alemannen, Baiern, Sachsen, Franken usw. belegt sind. Wie unwichtig das »Deutschsein« neben der faktischen Zugehörigkeit zu einem regionalen Teilreich und seiner Herrschaft (regnum, patria) blieb, beweist die Tatsache, dass der politische Begriff »deutsches Volk« erst nach der Französischen Revolution und in Anlehnung an die revolutionĂ€re Terminologie vom souverĂ€nen »peuple français« nachzuweisen ist (K. F. Werner 1992).
Das »Deutsche Kaiserreich«, angeblich 962 von Otto dem GroĂen gegrĂŒndet, gehört zu den Fiktionen der nationalstaatlich imprĂ€gnierten Historiographie des 19. Jahrhunderts, die bis heute in schlechten SchulbĂŒchern und im common sense fortleben. Ottos Imperium Romanum (erst seit 1157 mit dem Zusatz Sacrum und erst seit 1442 mit der PrĂ€zisierung »nationis germanicae«, also: »Heiliges Römisches Reich germanischer (!) Nation« und erst seit dem Kölner Reichsabschied von 26.8.1512 und bis zum Untergang des Reiches (12.7.1806) hieĂ es offiziell und adjektivisch »Heiliges römisches Reich deutscher (!) Nation«, war nicht eines der »Deutschen«, womöglich gar der »deutschen Nation« im modernen Sinne, sondern jenes der Franci et Saxones (Franken und Sachsen). Diese beanspruchten die Erbschaft des »Sacrum Imperium Romanum« fĂŒr sich. Franci et Saxones musste man allerdings geographisch nĂ€her bezeichnen, um sie z. B. von den französischen bzw. englischen Sachsen und Franken abzugrenzen â deshalb der spĂ€tere Hinweis auf die rechtsrheinisch gelegene Germania im Zusatz »nationis germanicae«, nicht etwa »teutonicae« oder »theodiscae«. NĂ€herhin meinte Otto der GroĂe mit den Franci et Saxones, in deren Namen er auftrat, nicht Völker im modernen Sinne, sondern den in Kirche und »Staat« Macht und Herrschaft ausĂŒbenden Adel (zusammengefasst in der Formel: regnum Francorum et Saxonum). Diese weltliche und kirchliche Elite fungiert in den mittelalterlichen Quellen unter dem Begriff populus/ Volk, das allein die Kirchenoberen und die Könige wĂ€hlte bzw. absetzte. Mit Volk war also â im Unterschied zum heutigen Sprachgebrauch â ausschlieĂlich das Kirche und Staat lenkende Volk gemeint, eine Oberschicht aus Kriegern, Adligen, Klerikern (K. F. Werner 1992).
Zu welchen Konfusionen es in Sachen »deutsch« und »Nation« trotz dieser relativ einfachen und eindeutigen ZusammenhÀnge nach wie vor kommt, soll an einem Beispiel gezeigt werden. Der ebenso verdienstvolle wie konservative Sozialhistoriker Werner Conze schrieb drei Jahre vor seinem Tod einen Aufsatz unter dem Titel: »Deutschland« und »deutsche Nation« als historische Begriffe (Werner Conze 1983).
Hochideologisierter Ramsch wie der Begriff »Stammesnationen« erscheint darin, aber kein einziger eindeutiger Beleg fĂŒr das Titelwort »deutsche Nation«. Das ist handwerklich gesehen ein Defizit und faktisch das EingestĂ€ndnis, dass es frĂŒhe Belege fĂŒr diesen Begriff in politischen Kontexten nicht gibt, weil man sich noch fĂŒr sehr lange Zeit zwar als »Deutscher« (d. h. deutschsprachiger Bayer, Sachse etc.) bezeichnen konnte, der Ausdruck »deutsche Nation« aber immer die Verbindung zum »Heiligen Römischen Reich deutscher Nation« herstellte, also gerade â modern gesprochen â ein supranationales Gebilde meinte, dem selbstverstĂ€ndlich Ungarn, Kroaten, Norweger, Böhmen, Luxemburger, Spanier etc. mit angehörten. Das handwerkliche Defizit gerĂ€t Conze jedoch unter der Hand zum peinlichen Lapsus, wenn er als »Beleg« den Abschied des Augsburger Reichstags vom 25.9.1555 heranzieht. Conze suggeriert, hier stĂŒnde bereits »die Teutsch Nation, unser geliebt Vaterland« in einem modernen Sinne, d. h. als ein explizit und exklusiv auf ein nationaldeutsches Substrat abzielendes Subjekt zur Debatte. Das ist natĂŒrlich nicht der Fall, und Conze konnte das auch wissen, denn er zitiert nur die obenstehenden Worte, aber nicht den klaren Kontext, aus dem hervorgeht, dass auch 1555 »deutsche Nation« nur auf die Titulatur des Reichsverbands abhebt, nicht auf eine nationale Abgrenzung, einen nationalen Staat im heutigen Sinne: »Darauf Wir uns Gott dem AllmĂ€chtigen zu Lob und zu Ehren und Jhr Liebd. und Kayserlicher MajestĂ€t zu freundlichem und brĂŒderlichem Gefallen, auch des gnĂ€digen, milden Willens und Vorhabens des Heil. Reiches Teutscher Nation, Unsers geliebten Vatterlands, Unser und des heiligen Reichs gemeiner StĂ€nde und Untertanen Nutz, Wolfahrt, Gedeyen und Aufnehmen zu befördern ...«; an anderer Stelle heiĂt es »im Reich Teutscher Nation«. Und wo ausnahmsweise von der »Teutsch Nation, unser(m) geliebt Vatterland« die Rede ist, liegt die gegen Conze sprechende Pointe genau darin, dass es im zu stiftenden Religionsfrieden darum geht, »Zertrennung und Untergang« einzelner Reichsteile zu verhĂŒten«, also gerade nicht Teile des Reichsverbandes zu modernen, andere Gebiete ausschlieĂenden »Nationen« zu machen.
Ăberhaupt musste Conze, dem Wissenschaftler, bewusst sein, was Conze, der Nationale, vergaĂ: Gens und natio können in mittelalterlichen Texten in einem einzigen Satz Familien, Adelsgeschlechter, regionale Gruppen und supragentile VerbĂ€nde bezeichnen, aber nicht »Nationen« im modernen Sinne, woraus nĂŒchterne Mediaevisten schon seit geraumer Zeit den notwendigen Schluss ziehen, »dass von diesen gentes kein gerader Weg zu den europĂ€ischen Nationen fĂŒhrt« (Horst Beumann 1986).
Das angeblich nationalstaatliche Jahrhundert
Nationen im modernen Sinne, Nationalismen und Nationalstaaten sind also eine europĂ€ische Erfindung â und eine spĂ€te obendrein. Sie entstehen, grob gesagt, erst mit der Zerstörung der agrarischlokal bestimmten Gesellschaften im Zuge der ökonomischen Modernisierung und Industrialisierung. »Der Tatbestand, eine Nation(alitĂ€t) zu besitzen, ist kein inhĂ€rentes Attribut der Menschlichkeit, aber er hat diesen Anschein erworben« (Ernest Gellner). Es handelt sich, bei der meistens staatlich mitgestalteten und mitgetragenen nationalen Territorialisierung im Augenblick des realen Substanzverlusts der Differenz zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft um eine Form von »invented traditions« (Eric J. Hobsbawm): Hymnen, Feste, Folklore, Fahnen, Kasernendrill, Erziehungsrituale â Instrumente im nationalen Baukasten. Im groĂen Schatten des Nationalen lassen sich sehr vielseitige GeschĂ€...