Das Drama des AnthropozÀns
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Das Drama des AnthropozÀns

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Das Drama des AnthropozÀns

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Auf keinen Fall kann das Theater es sich leisten, den Beginn jener gewaltigen kulturellen Transformation zu verschlafen, die mit dem AnthropozĂ€n einhergeht. Die kulturelle Neuordnung wird allein durch die unhintergehbare Tatsache, dass das Klima wie die Weltmeere nicht an den nationalen Grenzen halt macht, die globale Zukunft bestimmen.Auch wenn Theater-Urgott Dionysos einem Hang zur Metamorphose nachging und sich vor den Augen der Zuschauer in ein Tier verwandelte, operiert die BĂŒhne seit Jahrhunderten mit einem sozialen Kosmos, den fast ausschließlich Angehörige der Gattung Homo sapiens bespielen. Heute lĂ€uten die ökologischen Katastrophen das Ende des Anthropozentrismus ein. Damit stellt das einsetzende planetarische Zeitalter das Theater vor völlig neuartige Aufgaben."Das Drama des AnthropozĂ€ns" reflektiert die tektonischen Verschiebungen, welche das AnthropozĂ€n, die erstmalige Kreuzung von Erd- und Menschengeschichte, fĂŒr die BĂŒhne mit sich bringt, taucht Motive tradierter StĂŒcke in ein fremdes Licht und bahnt kĂŒnftigen Konzeptualisierungen den Weg.Neben seinem Essay enthĂ€lt der Band auch ein GesprĂ€ch von Frank-M. Raddatz mit Antje Boetius, Leiterin des Alfred-Wegener-Instituts, und dem Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger.

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Information

Year
2021
eBook ISBN
9783957493590
Topic
Art
Subtopic
Art General
Die Frage, warum ausgerechnet das Theater, das sich gerne als Seismograf preist, als mit unzĂ€hligen feinen Antennen ausgestattete, stets auf der Höhe der Zeit agierende Apparatur, mit dem Themenfeld der ökologischen Krise(n) seine Schwierigkeiten hat, ist leicht zu beantworten. Der Kosmos, den die BĂŒhne eröffnet, ist vornehmlich sozialer Natur. Menschen geraten in – wodurch auch immer bedingten – Konflikten aneinander und verkörpern zugleich die mitunter tragische oder zwiespĂ€ltige, jedenfalls zumeist nicht fĂŒr alle Beteiligten gleichermaßen glĂŒckliche Lösung des Problems. Genau diese anthropozentrische Lesart der Welt steht in der Ära des AnthropozĂ€ns zur Disposition.
Das Argument ist von einem stofflichen Ansatz zu unterscheiden, wie ihn etwa der Theaterregisseur Tobias Rausch vorbringt, der bezweifelt, dass sich „NaturphĂ€nomene wie zum Beispiel das Artensterben oder Fluten, DĂŒrren und StĂŒrme zum bĂŒhnentauglichen Stoff machen“ (2019) lassen. Dem widerspricht, dass komplexe Geschehen wie Kriege seit Jahrtausenden von Aischylos, ĂŒber Christoper Marlowe bis zu Heinrich von Kleist oder Bertolt Brecht dem Theaterspiel als Sauerteig dienen, ohne dass sich ein derartiger Inhalt abnutzt. Zudem besaß das antike Theater durchaus, wie das Tragödienmodell König Ödipus zeigt, die Möglichkeit, Erdbeben oder PestausbrĂŒche auf menschliche AktivitĂ€ten zurĂŒckzufĂŒhren, mithin zu subjektivieren. Zwar sind auch heute, wie der Name des anbrechenden Zeitalters besagt, die Verursacher des AnthropozĂ€ns in den Reihen der Hominiden zu suchen. Doch existiert momentan noch keine ĂŒberzeugende theatrale Grammatik, die in Bewegung geratenen planetarischen Parameter – wie die ErderwĂ€rmung, den anhaltenden Verlust von BiodiversitĂ€t, die schmelzenden Polkappen – in dramatische Kontexte zurĂŒckzubinden und als Folge von Handlungen bestimmter Figurengruppen darzustellen beziehungsweise in einzelnen psychischen Segmenten der Conditio humana festzumachen. Tektonische Verschiebungen auf dem Kontinent des Wissens bedingen, dass sich im Moment kaum ein Bogen von Euripides’ Tragödien, Shakespeares Königsdramen, den Trauerspielen des 18. Jahrhunderts, dem bĂŒrgerlichen und sozialistischen Realismus oder dem Epischen Theater zu dem sich verdunkelnden Zeithorizont schlagen lĂ€sst, an dem MĂ€chte ihre Regentschaft ankĂŒndigen, die vom ĂŒber zehntausend Jahre herrschenden holozĂ€nen Klimaregime aus betrachtet vollkommen unberechenbar erscheinen. Wie Ödipus ist James Watt, als er 1783 das RĂ€tsel der Optimierung der Dampfmaschine löste und das Tor zum Industriezeitalter mit seinem unersĂ€ttlichen Hunger nach Kohle und fossilen EnergietrĂ€gern aufstieß, vollkommen unschuldig dem Schicksal auf den Leim gegangen. Wie die antike Tragödie wird auch das AnthropozĂ€n von einer „Dramaturgie der Blindheit“ (Foucault 2020: 45) orchestriert. Als eine keineswegs intendierte Folge löst die schottische Erfindung eine katastrophale Entwicklung aus, sodass aufgrund dieses von Aristoteles’ Tragödientheorie hamartia genannten Fehlers die gesamte menschliche Spezies wenige Generationen spĂ€ter irreversibel aus dem holozĂ€nen Zeitfenster gestoßen wird.
Aber man muss nicht auf die Antike rekurrieren, um hybride, aus Mensch und Geologie zusammengesetzte Konstruktionen, auf der BĂŒhne zu entdecken. So findet sich in der neuzeitlichen Dramatik an Ă€ußerst prominenter Stelle platziert eine anthropogen induzierte Naturkatastrophe. Ein Sturm bespielt das erste Bild von William Shakespeares gleichnamigem Drama. Auch wenn Klaus Theweleit darauf hinweist, dass The Tempest jeder „Glaube an die Erfaßbarkeit [
] durch lĂŒckenlose Datenerhebung“ (Theweleit 2020: 195 f.) abgeht, glaubt Rausch, dass die in Bewegung geratenen ökologischen Parameter „ein viel zu abstrakter, nur ĂŒber statistische HĂ€ufungen und naturwissenschaftliche Vermittlungen zu beschreibender Gegenstand [seien], um ihn szenisch anschaulich zu erzĂ€hlen“. Jede kompetente Beschreibung einer alarmierenden Entwicklung stellt auf der BĂŒhne nichts anderes als einen Botenbericht dar, ganz gleich, ob er von den Schlachtfeldern der Geschichte oder aus der Welt der Wissenschaft stammt. Allerdings verzeichnen die BĂŒhnen gegenwĂ€rtig nicht einmal ein vermehrtes Aufkommen von szientifisch grundierten Kassandra-Figuren. Ebenso wenig kann Rauschs Befund: „Eigentlich fehlt alles, was in Begriffen des Theaters als ‚Vorgang‘, ‚Konflikt‘ oder ‚Zuspitzung‘ zu beschreiben wĂ€re“ angesichts der theatergeschichtlichen wie der empirischen Faktenlage zugestimmt werden. Wenn auch (noch) nicht auf der TheaterbĂŒhne, geraten die politischen Akteure doch nahezu tagtĂ€glich bei der Debatte aneinander, wie ökologische Zielsetzungen mit ökonomischen Interessen korreliert werden sollen oder können. Dass diese Konfrontationen ĂŒber kurz oder lang an SchĂ€rfe zunehmen dĂŒrften, scheint absehbar. Auch eine damit verbundene politische Kontinentaldrift rĂŒckt immer stĂ€rker in den Bereich des Möglichen. Die Klimakatastrophe impliziert Konflikte von historischen Ausmaßen, welche die nĂ€chsten Generationen beschĂ€ftigen werden. Was heute emittiert wird, existiert noch in mehr als 120 Jahren, da es sich bei der AtmosphĂ€re genauso wie beim Ozean um Speichermedien handelt, sodass die heute angestoßenen Transformationsprozesse Jahrhunderte in Anspruch nehmen werden. Evident geht mit dem anthropozĂ€nen Klimaregime ein neues Zeitregime einher, in dem sich die anthropozentrischen Skalierungen als inadĂ€quat gegenĂŒber den realen ökologischen Prozessen erweisen.
Mag sich momentan auf der Ebene des Erscheinungsbilds noch nicht allzu viel geĂ€ndert haben und lĂ€sst sich ein geschmolzenes StĂŒck Arktis wohl kartieren, aber nicht betrachten, so handelt es sich ĂŒberdies bei den anthropozĂ€nen Problemstellungen mitnichten um Fragen sinnlicher Evidenz. Diese Schwachstelle jedes Dokumentartheaters basiert auf der unumstĂ¶ĂŸlichen Tatsache, dass der Augenschein seit dem 17. Jahrhundert, seit den Analysen von Astronomen und Physikern wie zum Beispiel Nikolaus Kopernikus, Giordano Bruno, Galileo Galilei, lĂ€ngst nicht mehr die Basis des WeltverstĂ€ndnisses ist. Bereits 1931 konstatierte Brecht das Ende des Abbildungsrealismus: „Eine Photographie der Kruppwerke oder der AEG ergibt beinahe nichts ĂŒber diese Institute“ (Brecht 1967: 161). Dessen Renaissance resultiert aus dem Umstand, dass das Projekt Geschichte im 20. Jahrhundert an den SandbĂ€nken einer breiten oder unendlichen Gegenwart strandete, die aber erweist sich mit dem AnthropozĂ€n als Phase eines historischen Übergangs.
Im AnthropozĂ€n zeigt sich aufgrund von Simulationen, Messungen und Skalierungen der Wissenschaften, dass die Wetterereignisse nicht lĂ€nger holozĂ€nen Charakter besitzen, sondern durch menschliche AktivitĂ€ten hervorgerufen werden und/oder sich verstĂ€rken. Nicht die PhĂ€nomene haben sich verĂ€ndert, sondern die KausalitĂ€ten. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass ein Unwetter nicht mehr der Immanenz der Erdgeschichte entspringt, sondern aus der Kreuzung der geologischen Entwicklung mit den AktivitĂ€ten der erfinderischen menschlichen Spezies hervorgeht. Diese Überschneidung der bislang unabhĂ€ngig voneinander verlaufenden Vektoren macht, so Dipesh Chakrabarty, das SingulĂ€re der heutigen Situation aus, wobei sich sogenannte untypische PhĂ€nomene signifikant hĂ€ufen.
Zeigt sich das AnthropozĂ€n den Theatertieren als Black Box, resultiert dieser Umstand aus der Tatsache, dass nicht lĂ€nger wie im herkömmlichen Drama der Mensch dem Menschen handelnd Grenzen setzt. Vielmehr bekommt es diese Primatenart im AnthropozĂ€n mit einem Amalgam aus geologischen KrĂ€ften und einer Entfaltung der in der Wissenschaftsgeschichte gespeicherten Potenzen zu tun. Im seit mehr als 11 000 Jahren andauernden holozĂ€nen Klimaregime waren die Rahmenbedingungen stabil, konnten sich Hochkulturen und Zivilisationen entwickeln, Aufschreibesysteme und Wissenschaften entworfen werden. Heute tritt eine anthropogen getriggerte Natur ihre Herrschaft an. In immer kĂŒrzeren AbstĂ€nden muss die im Global Village ansĂ€ssige digitale Moderne erfahren, dass ihre Immanenz von einem naturwissenschaftlich verifizierbaren Außen perforiert wird, welches nach Ansicht der Theoretiker der Postmoderne, die bis vor Kurzen das Sagen hatten, nicht einmal existiert. Epistemologisch können die PrĂ€senzen der in Bewegung geratenen SphĂ€ren kaum mehr als Objekte gefasst werden. Vielmehr haben sie den Status eines Aktanten oder Quasi-Subjekts inne. Wie diese bislang unbekannte Art von Protagonisten in Szene zu setzen ist, gibt der BĂŒhne momentan RĂ€tsel auf. Zwar tragen die planetaren KrĂ€fte seit der Initiative von Lynn Margulis und James Lovelock den griechischen Namen Gaia. Allerdings kommt diese Quasi-Göttin bislang in der jahrtausendealten Theaterliteratur zumindest nicht namentlich als Protagonist vor, sieht man einmal von dem lange ĂŒberfĂ€lligen Godot ab, der offenbar gerade seine wirkliche IdentitĂ€t zu erkennen gibt. Im MĂ€rchen hilft es mitunter, den wahren Namen des GegenĂŒbers zu kennen. Warum nicht auch bei Kartografierungen im Bereich des Theaters? FĂŒr die (Theater-) Kunst, die nicht ist, wenn sie sich nicht – in welchem Kontext auch immer – mit der RealitĂ€t ihrer Gegenwart konfrontiert, geht es in diesem Fall ums Ganze. „Das Konzept des AnthropozĂ€ns enthĂ€lt die spontanen minima moralia des gegenwĂ€rtigen Zeitalters: Es impliziert die Sorge um die Kohabitation der ErdenbĂŒrger in humaner wie nicht-humaner Gestalt“, fasst Peter Sloterdijk (2016: 42 f.) zusammen, was die Stunde geschlagen hat. Langfristig dĂŒrfte die Zukunft des Homo sapiens, einer Gattung, die biologisch zu der Familie der Menschenaffen zĂ€hlt, von der Kooperation mit den nicht-menschlichen Spezies, Organismen und Landschaftsformationen abhĂ€ngen.
Auch wenn sich Arbeitnehmerorganisationen und Konzernleitungen hartnĂ€ckig dagegen strĂ€uben: Jetzt heißt es nicht nur auf den Theaterschiffen „Umsteuern!“, selbst wenn noch nicht ganz klar ist, was alles auf dem Spiel steht und wohin die Reise geht. Aber dass Gewohntes den Bach runtergehen wird, darf als sicher angenommen werden. Ebenso gilt es, sich schleunigst von Gewissheiten und Koordinaten des 20. Jahrhunderts zu verabschieden. Auf keinen Fall kann das Theater es sich leisten, den Beginn jener gewaltigen kulturellen Transformation zu verschlafen, die mit dem AnthropozĂ€n einhergeht. Die kulturelle Neuordnung wird allein durch die unhintergehbare Tatsache, dass das Klima wie die Weltmeere nicht an den nationalen Grenzen Halt macht, die globale Zukunft bestimmen.
Wo aber soll oder kann das Theater ansetzen, um diesen einsetzenden, unbedingt geschichtsmĂ€chtigen Transformationsprozess zu flankieren oder sogar voranzutreiben? Nachdem der Kosmos der Metamorphose in prĂ€historischer Zeit verlassen wurde, der Theatergott Dionysos nicht lĂ€nger zwischen animalischer und menschlicher Gestalt changiert, der Beitrag nichtmenschlicher MĂ€chte zu Wahrheitsoperationen eliminiert wurden, verweigern aktuell Elementargewalten wie das Klimabeben oder die Klimapest ihre Übertragung in theateraffine Ordnungen. Die Blockade wird offenbar dadurch ausgelöst, dass das Theater mit dem neuen Klimaregime ein Jenseits des Anthropozentrismus betritt, in dem nicht mehr die gleichen Regeln und MaßstĂ€be gelten wie in der holozĂ€nen Periode, als der Mensch zumindest temporĂ€r das Maß aller Dinge zu verkörpern schien. Zwar ließe sich die anthropozentrische Illusion noch eine Weile aufrecht erhalten, indem das AnthropozĂ€n programmatisch durch das KapitalozĂ€n ersetzt wird. Allerdings wird diese bereits von Bertolt Brecht vorgenommene Besetzung der Rolle der bösen Buben mit der Profitgier nicht ausreichen, die nötigen Transformationen einzuleiten, um die dynamisierten SphĂ€ren zu beruhigen. Anstatt den Homo oeconomicus fĂŒr das ökologische Desaster verantwortlich zu machen, wĂ€re im öffentlichen Raum zu diskutieren, inwieweit ihm ĂŒberhaupt ZurechnungsfĂ€higkeit attestiert werden kann.
Vielleicht kann das Theater ohnehin nicht mehr leisten, als die Analysen der Erdsystemkunde zu repetieren. Solange es die Prognosen und TatbestĂ€nde nicht in Szene setzen kann, bleibt ihm nur, mit den HĂ€nden in der Hosentasche an der Seite zu stehen und zuzuschauen, wie mehr oder minder verzweifelte Wissenschaftler versuchen, eine abgestumpfte Öffentlichkeit wachzurĂŒtteln. FĂŒr das Theater kommt es darauf an, statt mit Ignoranz zu reagieren oder das Ende vom Lied zu pfeifen, unter anthropozĂ€nen Bedingungen den Kreis auszuschreiten, der mit der humanen Existenzform gegeben ist.
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Baptiste Morizot beruft sich in seiner Philosophie der Wildnis auf den französischen Anthropologen Philippe Descola, um die herrschende Weltauffassung als die „unfreundlichste Kosmologie“ (Morizot 2020: 8) einzustufen. Einen weitaus glĂŒcklicher gestimmten Gegenentwurf bietet, so Claude LĂ©vi-Strauss, der Mythos an, den diese Gallionsfigur des Strukturalismus mit der indigenen Bevölkerung Amerikas eine „Geschichte aus jener Zeit“ nennt, „als die Menschen und die Tiere noch nicht voneinander geschieden waren“ (LĂ©vi-Strauss nach Morizot 2020: 16). Dem ĂŒberragenden Ethnologen des 20. Jahrhunderts scheint unter dieser PrĂ€misse
keine Situation tragischer, verletzender fĂŒr Herz und Geist als die einer Menschheit, die mit anderen, auf ein und derselben Erde lebenden Gattungen koexistiert, [
] und mit denen sie nicht kommunizieren kann. Man begreift, daß die Mythen es ablehnen, diesen Makel der Schöpfung fĂŒr angestammt zu halten; daß sie in seinem Auftreten vielmehr das Ur-Ereignis der Entstehung eines „Wesens“ des Menschen und seiner HinfĂ€lligkeit erblicken (LĂ©vi-Strauss 2019: 201).
Der Mensch und seine Spaltung – zugleich Angehöriger einer biologischen Spezies zu sein, welcher sich die Natur als etwas Externes darstellt – gehen aus diesem anthropologischen Bruch hervor. Diesen Abgrund versucht der Mythos auf symbolischer Ebene zu heilen beziehungsweise zu ĂŒberbrĂŒcken, wĂ€hrend ihn der Monotheismus befestigt und vertieft.
Durch die Verwendung des Attributs „tragisch“ legt LĂ©vi-Strauss eine Spur zum Theater und dessen GlĂŒcksversprechen. In Die Bakchen fĂŒhrt Theatergott Dionysos als Stier einen Dialog mit dem thebanischen König Pentheus, wie auch von der rĂ€tselaufgebenden Sphinx berichtet wird, dass sie problemlos mit dem Wanderer Ödipus in einen tödlichen Disput kommt, ohne dass Sophokles allerdings diesen Dialog fixiert hĂ€tte. Jenen kommunikativen oder anthropologischen Bruch revozieren auch die hybriden Satyrn, Mischwesen aus Mensch und Tier, die bei den alljĂ€hrlichen Dionysien in Athen nicht fehlen dĂŒrfen. Das Theater hatte es sich in seinen AnfĂ€ngen zur Aufgabe gemacht, den Riss zu heilen, der zwischen Mensch und Tier sowie zwischen dem Menschen und seiner eigenen Tierhaftigkeit verlĂ€uft. Nach dem Tod der Tragödie gerĂ€t diese Funktion aus dem Blick, sodass Heiner MĂŒller in den 1980er Jahren einen Bogen zwischen dem „Auszug aus der Tierwelt“ (MĂŒller Werke 8: 268) und jenen annihilierenden AktivitĂ€ten schlagen kann, die auf die „Zerstörung des Planeten“ (ebd.) zielen, welche in der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts vornehmlich, aber nicht nur, im Kontext militĂ€rischer Konfrontationen diskutiert wurden. Die anthropologische Fraktur gebiert in dieser Logik ein Paradox: Die Emanzipation von evolutionĂ€ren Bindungen mĂŒndet in eine unfreundliche Kosmologie, die nach Heilungsversuchen im Bannkreis der Tragödie in eine zerstörerische, zur Auslöschung ihres ökologischen Apriori neigende wie ihre Mitwelt negierende Zivilisation fĂŒhrt.
Nach dem Scheitern des geschichtlichen Projekts im 20. Jahrhundert, das davon ausging, dass allein durch Umstrukturierung des ökono...

Table of contents

  1. Cover
  2. Titel
  3. Das Drama des AnthropozÀns
  4. Literatur
  5. AnthropozÀne Kartografierungen
  6. Literatur
  7. Biografie
  8. Impressum

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