II. Die Suche nach den neurobiologischen Grundlagen des religiösen Erlebens und Verhaltens
âNeurotheologieâ ist ein Ausdruck, den Aldous Huxley in seinem utopischen Roman âIslandâ (1962) als Erster gebrauchte. Im engeren wissenschaftlichen Kontext verwendete James Ashbrook diesen Begriff erstmals 1984 in seinem Aufsatz The Working Brain and the Work of Theology (Das arbeitende Gehirn und die Arbeit der Theologie). Neurotheologie verbindet Gehirn und Theologie zu einem gemeinsamen Forschungsgegenstand. Sie wagt einen BrĂŒckenschlag zwischen Religion und Hirnforschung, indem sie das religiöse Erleben und Verhalten von seiner neurobiologischen Grundlage her zu verstehen und zu erklĂ€ren versucht. Dabei geht sie davon aus, dass religiöse Erfahrungen und spirituelle Erlebnisse mit bestimmten neuronalen AktivitĂ€tsmustern im Gehirn einhergehen, und fragt: Was geschieht im Gehirn, wenn Menschen beten, meditieren, religiöse Rituale vollziehen oder ĂŒber Gott nachsinnen? Nicht alle Neurotheologen bekennen sich zum Naturalismus.
Nach der These des Naturalismus sind BewusstseinsphĂ€nomene, und mithin auch alle religiösen Erfahrungen und Erlebnisse, völlig natĂŒrliche Dinge. Sie beruhen auf neuronalen AktivitĂ€ten im Gehirn und sind im Grunde elektrochemische VorgĂ€nge. Der Harvard-Professor fĂŒr Zoologie und Spezialist fĂŒr Soziobiologie, Edward O. Wilson, erhofft sich von der Entdeckung der neurobiologischen Grundlage des religiösen Erlebens und Verhaltens die Entzauberung der Religion. Dieses Ziel sei dann erreicht, wenn es gelinge, Bewusstsein und Religion als rein materielle PhĂ€nomene zu erklĂ€ren. Wenn die Wissenschaft beweist, dass der Glaube an Gott lediglich eine NotlĂŒge der Natur ist, um die Angst des Menschen vor dem Tod zu mindern, dann könne kein vernĂŒnftiger Mensch mehr religiös sein. Wilson empfiehlt Alpers Buch ĂŒber den göttlichen Teil des Gehirns allen Studierenden als exzellente PflichtlektĂŒre (vgl. Alper 2008; Wilson 1998).
Was liegt an empirischen Untersuchungen zum Thema Neurotheologie vor? Zu welchen Ergebnissen sind diese gekommen und welche Schlussfolgerungen ziehen ihre Autoren daraus? In diesem Kapitel werden die empirischen Befunde der Neurotheologie erörtert: die Untersuchungen von Andrew Newberg und Richard Davidson zum verĂ€nderten Selbsterleben in der mystischen Erfahrung, Mario Beauregards Studie mit Karmelitinnen, das Experiment von Nina Azari ĂŒber die neuronalen Korrelate einer religiösen Erfahrung, die Untersuchung von Ogata und Miyakawa, Vilayanur Ramachandrans Untersuchung an Patienten mit SchlĂ€fenlappenepilepsie und Michael Persingers Experimente zur Simulation religiöser Erlebnisse.
Meditation und HirnaktivitÀt
Der Ausdruck âMeditationâ bezeichnet ein breites Spektrum an Techniken und Praktiken. Diese reichen von bloĂen Entspannungsmethoden bis zu langjĂ€hrigen Ăbungen mit dem Ziel, einen besonderen geistigen Zustand zu erreichen. Jede Form der Meditation beginnt mit einem Willensakt. Die passive Methode beginnt mit der willentlichen Absicht, den Geist von allen Gedanken, GefĂŒhlen, Fantasien und Erinnerungen zu entleeren. Aktive Formen der Meditation hingegen wollen den Geist nicht entleeren, sondern die Aufmerksamkeit intensiv auf einen Gedanken, ein Mantra, ein Symbol, einen Vers aus der Heiligen Schrift oder einen Gegenstand, wie z. B. eine brennende Kerze oder eine Schale mit Wasser, richten. Dadurch soll ein völliges Absorbiert-Sein des Geistes durch den Gegenstand der Aufmerksamkeit erreicht werden. Andrew Newberg, der mit seinen Mitarbeitern seit Jahren den Zusammenhang zwischen meditativen ZustĂ€nden und Gehirnfunktionen erforscht, zĂ€hlt zu den aktiven Methoden die transzendentale Meditation und verschiedene Meditationsformen des tibetischen Buddhismus.
Newberg und seine Mitarbeiter fragten sich: Was geschieht im Gehirn im Moment eines intensiven meditativen Erlebnisses? Solche Erlebnisse gehen hĂ€ufig mit einer verĂ€nderten Wahrnehmung der eigenen Person, des Raumes und der Zeit einher. Den Betroffenen fĂ€llt es schwer, ihr unbegreifliches und höchst persönliches Erlebnis in passende Worte zu fassen. Sie spĂŒren in solchen Momenten, dass sie keine isolierte Einheit, sondern ein Teil von jedem und allem sind, was existiert. Ihr Raum- und ZeitgefĂŒhl ist völlig verĂ€ndert, und ein intensives GefĂŒhl tiefer Ruhe stellt sich ein. Newberg meint, traditionelle Naturwissenschaftler wĂŒrden derartige Beschreibungen als unbrauchbar fĂŒr die empirische Forschung betrachten. FĂŒr sie gelte nur das als real, was objektiv erfassbar, messbar und berechenbar ist. Was mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht bewiesen werden kann, sei folglich nicht wirklich real. Newberg und sein inzwischen verstorbener Kollege Eugene dâAquili gelangten in ihren Studien zur Ăberzeugung, dass mystische Erfahrungen mit einer Reihe neurologischer Prozesse einhergehen, die zwar ungewöhnlich sind, aber innerhalb des Spektrums normaler Gehirnfunktionen liegen. FĂŒr sie sind diese Erfahrungen biologisch real und naturwissenschaftlich wahrnehmbar (vgl. Newberg et al. 2003 a, 17).
Warum Gott nicht fortgeht: Experimente Andrew Newbergs
In einem kleinen dunklen Raum im Labor einer UniversitĂ€tsklinik zĂŒndet Robert, ein glĂ€ubiger Buddhist und Praktiker der tibetischen Meditation, Kerzen und ein RĂ€ucherstĂ€bchen an, verschrĂ€nkt seine Beine zum Lotussitz und begibt sich auf eine meditative Reise nach innen, die er schon viele Hunderte Male unternommen hat. Gewinnt Robert den Eindruck, sich dem Höhepunkt seines meditativen Zustandes zu nĂ€hern, zieht er an einer Schnur. FĂŒr Newberg und seinen Mitarbeiter im Nebenraum, wo diese Schnur endet, ist dies das Signal, eine radioaktive Substanz in den langen intravenösen Schlauch zu spritzen, der in eine Vene in Roberts linkem Arm fĂŒhrt. âWir warten noch einige Augenblicke, bis Robert seine Meditation beendet hat, und bringen ihn dann rasch in einen Raum in der Abteilung fĂŒr Nuklearmedizin, in dem eine wuchtige, hochmoderne SPECT-Kamera bereitsteht. Kurz darauf streckt sich Robert auf einem Metalltisch aus, und die drei groĂen Kristallköpfe der Kamera surren in prĂ€zisen, roboterhaften Kreisbewegungen um seinen SchĂ€del.â (Newberg et al. 2003 a, 11 â 12)
SPECT steht fĂŒr âSingle Photon Emission Computed Tomographyâ, ein bildgebendes Verfahren, das radioaktive Strahlung registriert. Weil die radioaktive Substanz sich durch den Blutkreislauf bewegt und sich innerhalb kĂŒrzester Zeit in den Gehirnzellen festsetzt, kann man mit SPECT-Aufnahmen die regionale zerebrale Durchblutung sichtbar machen. VerstĂ€rkte Durchblutung in einer Gehirnregion, so die Annahme, geht in der Regel mit erhöhter AktivitĂ€t der Nervenzellen in dieser Region einher, und umgekehrt. Das SPECT-Verfahren besitzt eine relativ gute rĂ€umliche Auflösung, erfordert jedoch die Injektion eines radioaktiven Markierungsstoffes. Andere bildgebende Verfahren, wie die funktionelle Magnetresonanztomografie und die Positronen-Emissionstomografie, wĂ€ren, so Newberg, zu lĂ€rmintensiv. Meditation erfordere eine ruhige und ablenkungsfreie Umgebung. Es dĂŒrfte schwierig sein, in einem Scanner zu meditieren.
Newberg und seine Mitarbeiter untersuchten acht gesunde Personen, vier Frauen und vier MĂ€nner im Alter zwischen 38 und 52 Jahren, die eine Form tibetisch-buddhistischer Meditation praktizierten. Alle blickten bereits auf mehr als fĂŒnfzehn Jahre Meditationserfahrung zurĂŒck, einschlieĂlich dreimonatiger und jĂ€hrlicher einmonatiger Exerzitien. Sie meditierten tĂ€glich circa eine Stunde lang, und das mindestens an fĂŒnf Tagen der Woche. Alle acht Teilnehmer der Studie wurden der gleichen Prozedur unterzogen. Zuerst fĂŒhrten Newberg und seine Mitarbeiter 45 Minuten lang ein SPECT-Scanning der Meditierer im Ruhezustand durch, um das Ausgangsniveau (baseline) der Hirndurchblutung zu erheben. Dasselbe machten sie bei den neun gesunden Personen der Kontrollgruppe, die fĂŒr andere Untersuchungszwecke rekrutiert worden waren, um deren Ausgangsniveau (baseline) mit dem der Meditationsgruppe vergleichen zu können. Nach der Erhebung des Ausgangsniveaus meditierte jede der acht Personen in ihrer gewohnten Art zirka eine Stunde lang, wĂ€hrend der letzten dreiĂig Minuten der Meditation mit geschlossenen Augen. Nach der Injektion des Markierungsstoffes auf dem Höhepunkt der Meditation meditierte jede Person noch zehn bis fĂŒnfzehn Minuten in derselben IntensitĂ€t weiter. DreiĂig Minuten nach der Injektion wurden eine halbe Stunde lang SPECT-Aufnahmen gemacht (vgl. Newberg et al. 2001).
SpÀter untersuchte Newberg drei Franziskanerinnen beim Gebet mit der gleichen Technik (vgl. Newberg et al. 2003 b).
Bei praktisch allen Teilnehmern der Studie zeigten die SPECT-Aufnahmen in den Spitzenmomenten der Meditation und des Gebetes einerseits eine erhöhte regionale Durchblutung im Stirnhirn (PrĂ€frontalkortex und Orbitofrontalkortex) auf beiden Seiten und andererseits eine Abnahme der regionalen Durchblutung im linken, oberen Scheitellappen, dem sogenannten Orientierungsareal. Es bestand eine auffallende Umkehrbeziehung zwischen der erhöhten Durchblutung im Stirnlappen, dem Hirnbereich, der fĂŒr die Willensbildung, die Konzentration der Aufmerksamkeit und die GefĂŒhlskontrolle zustĂ€ndig ist, und dem Orientierungsareal im Scheitellappen. Die Zunahme der Durchblutung im linken PrĂ€frontalkortex korrelierte signifikant mit der Abnahme der Durchblutung im linken oberen Scheitellappen. Die Untersuchung erfasste die regionale Hirndurchblutung nur zu einem einzigen Zeitpunkt der Meditation und nicht wĂ€hrend ihrer gesamten Dauer. Die Aufnahmen wurden nur wĂ€hrend des angenommenen Höhepunktes der Meditation gemacht. Es kann tatsĂ€chlich sein, dass sie einen anderen Aspekt der Meditation widerspiegeln (Newberg et al. 2001, 118 â 121). Bei den Franziskanerinnen zeigten die SPECT-Bilder Ă€hnliche VerĂ€nderungen, die wĂ€hrend der intensivsten religiösen Erfahrung auftraten. Es gab keine signifikanten Unterschiede zwischen den Baseline-Scans der Meditationsgruppe und der Kontrollgruppe.
Die Meditierenden beschrieben den Höhepunkt ihrer Meditation als ein Aufgehen des Selbst in etwas GröĂerem, als ein GefĂŒhl, eins zu sein mit dem Ganzen oder mit Gott, und als den Verlust des normalen Raum- und ZeitgefĂŒhls. âIm Gegensatz zu den Buddhisten beschrieben die Schwestern diesen Moment jedoch meist als ein greifbares GefĂŒhl der NĂ€he zu Gott und der Verschmelzung mit ihm.â (Newberg et al. 2003 a, 16) Im mystischen Erleben, so Newberg, verschwinden die Grenzen zwischen Innen und AuĂen.
Die Aufnahmen der HirnaktivitĂ€t der beiden Gruppen zeigten auch markante Unterschiede. Bei den Franziskanerinnen war ein Anstieg der Durchblutung in ihren Sprachzentren zu beobachten. Das sei, so Newberg, auf das Rezitieren von Gebetsversen zurĂŒckzufĂŒhren. Im Moment der mystischen Erfahrung trat auch bei ihnen eine verminderte Durchblutung im Orientierungsareal auf, genauso wie bei den Buddhisten. Newberg zufolge ĂŒberschreiten Augenblicke intensiver religiöser Erfahrung, neurobiologisch gesehen, die Unterschiede der Glaubensrichtungen.
Wie interpretiert Newberg die Ergebnisse dieser Untersuchung?
Meditierende und Betende schalten ihre Sinne fĂŒr die AuĂenwelt ab. Die passive Methode beruhe auf dem bewussten Vorsatz, den Geist von allen Gedanken, Empfindungen und Wahrnehmungen zu entleeren. Das habe drastische Auswirkungen sowohl auf das Orientierungsareal im linken als auch im rechten Scheitellappen. Das linke Orientierungsareal trage wesentlich zur Entstehung des Selbsterlebens bei. Es erzeuge das rĂ€umliche Empfinden des eigenen Selbst, des eigenen Körpers, und unterscheide zwischen dem, was innerhalb der eigenen Haut ist und was auĂerhalb. Da es wĂ€hrend der Meditation nicht mehr die nötigen Informationen aus den Sinnesorganen erhĂ€lt, könne es die Grenzen des eigenen Körpers nicht mehr definieren. Es könne nicht mehr feststellen, wo der eigene Körper endet und die Ă€uĂere Welt beginnt. Die Wahrnehmung des Selbst sei entgrenzt. Im Grunde gebe es kein subjektives Selbst mehr, sondern nur noch ein absolutes GefĂŒhl der Einheit ohne Gedanken und Worte. Der Geist existiere ohne Ego in einem Zustand reiner, undifferenzierter Bewusstheit (vgl. Newberg et al. 2003 a, 166).
Ăhnlich verhalte es sich bei den aktiven Meditationsmethoden. Im linken Orientierungsfeld seien die gleichen Auswirkungen wie bei der passiven Meditation zu beobachten. Das intensive Ausrichten der Aufmerksamkeit auf ein Mantra, einen Gegenstand oder einen bestimmten Gedanken sorge jedoch dafĂŒr, dass das rechte Orientierungsareal zusammen mit dem visuellen Assoziationsfeld den realen oder vorgestellten Gegenstand im Geiste fixiert. Dadurch werde der normale sensorische Informationsfluss zum rechten Orientierungsfeld blockiert. Das rechte Orientierungsareal schaffe die rĂ€umlichen Koordinaten, die dem Körper eine Orientierungsgrundlage bieten, ein GefĂŒhl fĂŒr den Raum vermitteln, in dem das Selbst existiert. Durch die fehlende Stimulation dieses Areals verschwinde der Bezug zu Raum und Zeit, und ein GefĂŒhl der Zeitlosigkeit und Grenzenlosigkeit tauche auf. âWenn es jeglicher sensorischer Daten beraubt ist, bleibt ihm nichts anderes ĂŒbrig, als ein subjektives GefĂŒhl absoluter Raumlosigkeit zu erzeugen, das der Geist als GefĂŒhl des unendlichen Raums und der Ewigkeit oder umgekehrt als raum- und zeitlose Leere deuten kann.â (Newberg et al. 2003 a, 166)
Beide Orientierungsareale gemeinsam verbinden die rohen Sinnesdaten zu einer lebendigen, komplexen Wahrnehmung des Selbst und einer Welt, in der sich dieses Selbst bewegt. Der Geist kann nur mit Hilfe dieser komplexen und konstanten Leistung des Gehirns das eigene Selbst empfinden und den Unterschied zwischen Selbst und der ĂŒbrigen RealitĂ€t erleben (vgl. Newberg et al. 2003 a, 45 â 46). Im Zustand des absoluten Einsseins selbst sei keine subjektive Wahrnehmung mehr möglich. Es komme zu einer Auflösung des RaumgefĂŒhls, des ZeitgefĂŒhls und des SelbstgefĂŒhls. Einerseits bestehe kein subjektives Selbst, das etwas wahrnehmen könnte, andererseits gebe es nichts Bestimmtes wahrzunehmen. Der Beobachter und das Beobachtete sind ein und dasselbe, es gibt kein âdiesâ und kein âdasâ, wie der Mystiker sagen wĂŒrde (vgl. Newberg et al. 2003 a, 170). Die Abnahme der NeuronenaktivitĂ€t in beiden Orientierungsarealen habe eine verminderte Körperwahrnehmung zur Folge. Der Meditierende empfinde sich nur noch als reinen Geist, losgelöst von seinem Körper.
Zur RealitÀt mystischer Erfahrungen
Betroffene beschreiben ihre mystische Erfahrung als geistige Vereinigung mit etwas GröĂerem als dem eigenen Selbst. Mystische ZustĂ€nde werden hĂ€ufig von widersprĂŒchlichen GefĂŒhlen begleitet, von groĂer Angst und ĂŒberwĂ€ltigender Freude. Zeit und Raum werden als nicht existierend wahrgenommen, und das Denken weicht intuitiven Formen des Verstehens. Mystiker haben nicht selten den Eindruck, die eigentliche Bedeutung der Dinge erkannt zu haben, âwas zu einer VerzĂŒckung fĂŒhrt, die mitunter als ein inneres Aufleuchten der Wirklichkeit beschrieben wird, das zu absoluter Freiheit fĂŒhrtâ (Newberg et al. 2003 a, 143). Sie sind ĂŒberzeugt, die materielle Existenz ĂŒberwunden und sich geistig mit dem Absoluten vereinigt zu haben. Der erste Schritt zur mystischen Vereinigung besteht darin, das Bewusstsein zum Schweigen zu bringen und den Geist von den beschrĂ€nkenden Leidenschaften und TĂ€uschungen des Ichs zu befreien.
In der Antike und im Mittelalter wurden die Mystiker hĂ€ufig als die weisesten Mitglieder der Gesellschaft geschĂ€tzt und verehrt. Die rationalistischen und empirischen Erfordernisse der westlichen Naturwissenschaften scheinen dem wissenschaftlichen Beobachter indes keine andere Wahl zu lassen, als die Mystiker fĂŒr geistig verwirrt oder gestört zu halten. Sie wĂŒrden unter einer Psychose, einer funktionalen Störung des Gehirns, leiden und hĂ€tten den Kontakt zur RealitĂ€t verloren. Empirische Beweise dafĂŒr fehlen allerdings. NatĂŒrlich können Psychotiker religiöse Wahnvorstellungen haben, doch reagieren sie auf ihre Erlebnisse völlig anders als Mystiker. Mystiker schildern ihre Erfahrungen fast durchwegs als freudvoll und entzĂŒckend, und die spirituelle Vereinigung umschreiben sie mit Worten wie âKlarheitâ, âGanzheitâ, âTranszendenzâ und âLiebeâ. Psychotiker hingegen fĂŒhlen sich von ihren religiösen Halluzinationen zutiefst geĂ€ngstigt. Beide deuten ihre Erfahrungen unterschiedlich. Psychotiker haben hĂ€ufig einen religiösen GröĂenwahn, ein ĂŒbersteigertes GeltungsbedĂŒrfnis, sehen sich als Gesandte Gottes mit einer Botschaft an die Menschheit oder im Besitz einer spirituellen Kraft zu heilen. Mystische ZustĂ€nde bewirkten in der Regel ein Ablegen des Stolzes, eine Einkehr in die Stille und eine Auflösung des Egos (vgl. Newberg et al. 2003 a, 153 â 154).
Menschen seien von Natur aus Mystiker und besĂ€Ăen eine angeborene Gabe zur mĂŒhelosen Selbsttranszendenz. Wer erlebt habe, wie ein MusikstĂŒck ihn verzauberte oder wie er sich von einer patriotischen Rede mitreiĂen lieĂ, habe im Ansatz das Wesen der mystischen Einheit gekostet. Wer sich verliebt habe oder von der Schönheit der Natur ergriffen sei, wisse, wie es sich anfĂŒhlt, wenn das Ego entweicht und man fĂŒr ein paar beglĂŒckende Augenblicke lebhaft begreift, dass man Teil eines gröĂeren Ganzen ist.
âIndem wir die mystische Erfahrung als neurologische Funktion erklĂ€ren, wollen wir aber nicht zu verstehen geben, dass sie nicht auch etwas anders sein könnte. Eines wollen wir jedoch ganz klar signalisieren: Wissenschaftliche Untersuchungen bestĂ€tigen die Möglichkeit, dass ein Geist ohne Ego, dass ein Bewusstsein ohne ein Selbst existieren kann.â (Newberg et al. 2003 a, 175) Die Mystiker beteuern, dass sie eine Wirklichkeit erfahren haben, die realer ist als die materielle Welt, der wir fraglos vertrauen. Die Naturwissenschaften und der gesunde Menschenverstand sagen uns aber, dass so etwas nicht möglich ist. Nichts könne realer sein als das materielle Universum, das alle realen Dinge enthĂ€lt. Newberg betont, dass er und seine Mitarbeiter bei der eigenen wissenschaftlichen Forschung zunĂ€chst von derselben Annahme ausgingen. Die Ergebnisse ihrer Studie fĂŒhrten sie jedoch zur Schlussfolgerung, dass die Mystiker möglicherweise etwas Besonderem auf der Spur sind und dass die neurobiologische Grundlage des Geistes vielleicht tatsĂ€chlich ein Fenster bereithĂ€lt, durch das wir, wenn auch nur flĂŒchtig, die absolute Wirklichkeit von etwas wahrhaft Göttlichem ausmachen können. Dieser Schluss beruhe auf deduktivem Denken, und nicht auf religiösem Glauben (vgl. Newberg et al. 2003 a, 193).
Es herrsche Einigkeit darĂŒber, dass es zwei Arten von RealitĂ€t gibt: die objektive Ă€uĂere RealitĂ€t, die wir als âdie Weltâ bezeichnen, und das subjektive innere Erleben der RealitĂ€t, das wir auf âdas Selbstâ zurĂŒckfĂŒhren. Gehen wir von der Alltagserfahrung aus, so können wir weder bestreiten, dass beide real sind, noch leugnen, dass sich die eine RealitĂ€t grundlegend von der anderen unterscheidet.
Newberg meint: â⊠entweder ist die objektive Ă€uĂere Welt oder unser subjektives Bewusstsein dieser Welt die wahre, ursprĂŒngliche Wirklichkeit. Per Definition muss die ursprĂŒngliche Wirklichkeit der Ausgangspunkt alles Realen sein; subjektive und objektive RealitĂ€t können also nicht gleichzeitig als wahr gelten. Die eine muss die Quelle der anderen sein.â (Newberg et al. 2003 a, 197) Philosophen versuchen seit Jahrhunderten, das VerhĂ€ltnis von subjektiver und objektiver RealitĂ€t zu ergrĂŒnden. Den meisten Menschen gelinge es jedoch problemlos, sich in beiden einzurichten.
ErklĂ€rtes Ziel der Autoren ist es, so gut wie möglich zu verstehen, was die neurobiologische âWirklichkeitâ der spirituellen Erfahrung bedeuten könnte. Der Begriff der âwissenschaftlichenâ bzw. objektiven RealitĂ€t beruhe auf der Ăberzeugung, dass nichts realer sein könne als die materielle Welt. Mystiker haben dagegen eine völlig andere Vorstellung davon, was wahrhaftig real ist. Sie glauben, eine ursprĂŒngliche Wirklichkeit erfahren zu haben, die sowohl die weniger bedeutende RealitĂ€t der Ă€uĂeren Welt als auch des subjektiven Erlebens einschlieĂt und beide ĂŒbersteigt. FĂŒr die Wissenschaft kann diese Wirklichkeit nicht als real betrachtet werden, weil sie objektiv nicht verifizierbar ist. Newberg und seine Mitarbeiter gelangten durch ihre Forschungsarbeiten zur Ăberzeugung, dass die Aussagen der Mystiker genauso wahr sein können. Sie glauben, dass das Gehirn ĂŒber einen neurologischen Mechanismus der Selbsttranszendenz verfĂŒgt, der im Extremfall sogar das Selbstempfinden und jedes Bewusstsein der Ă€uĂeren Welt ausschalten kann. Sie sehen diese Hypothese durch ihre SPECT-Studien bestĂ€tigt, die ein erstes Licht auf die neurologischen Korrelate der spirituellen Erfahrung geworfen haben. Ihr VerstĂ€ndnis des Gehirns erlaube es aber nicht, diese auf Hirnprozesse zu reduzieren. âWer spirituelle Erfahrung als bloĂe neurologische AktivitĂ€t abtun wollte, mĂŒsste auch all den Wahrnehmungen der materiellen Welt durch das eigene Gehirn misstrauen. Wenn wir aber unseren Wahrnehmungen der dinglichen Welt trauen, haben wir keinen triftigen Grund, spirituelle Erfahrung zu einer Fiktion zu erklĂ€ren, die nur...