Im Alltag ist uns die Einheit von Körperlichem und Seelischem selbstverstĂ€ndlich und das Wort "Seele" aus unserer Sprache nicht wegzudenken.Aber welche RealitĂ€t verbirgt sich eigentlich hinter diesem schillernden Begriff? Ist die Seele mehr als das Gehirn? Wie sind dabei die PhĂ€nomene der Nahtoderfahrungen zu deuten? Ist der christliche Glaube an die Auferstehung der Toten vollkommen unvernĂŒnftig?Hans Gollers Buch bietet uns die erste umfassende Darstellung - von den Seelenvorstellungen der alten Völker ĂŒber die Deutungen durch Philosophie und Theologie bis hin zu den Aussagen heutiger Psychologie und Hirnforschung.Eine spannende und erhellende Zeitreise durch ein noch immer unerschlossenes Gebiet!

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III. Macht das Gehirn die Seele?
âHabâ viele Leichen seziert, aber nie eine Seele gefunden â
Immer jedoch den Saum ihres Kleides berĂŒhrt.â
(Gustav Sauser 1899â1968, Anatom und Histologe Innsbruck)
Ist die Seele etwas EigenstĂ€ndiges, etwas vom Gehirn UnabhĂ€ngiges? Bringt das Gehirn die Seele hervor? Verursacht das Gehirn unser Erleben, Verhalten und Handeln? Sind seelische VorgĂ€nge letztlich nichts anderes als Gehirnprozesse? Kann die Seele neurowissenschaftlich erklĂ€rt werden oder umfasst der Begriff âSeeleâ mehr als das, was Hirnforscher und Neurowissenschaftler empirisch untersuchen können?
Die Suche nach dem Sitz der Seele
Die Deutungen des Seelenbegriffs im Laufe der Geschichte sind vielfĂ€ltig und komplex. Es fehlt zudem nicht an BemĂŒhungen, nach dem Sitz der Seele im Körper zu suchen. Die Geschichte der Suche nach dem Ort der Seele ist zugleich die Geschichte vom Verschwinden der Seele in der neuzeitlichen Medizin (vgl. Steger & Brunner 2015). Bereits in der Antike gab es zwei gegensĂ€tzliche Auffassungen ĂŒber den Sitz der Seele, die sich bis heute im allgemeinen Bewusstsein als Gegensatz von Kopf und Bauch, von Gehirn und Herz, erhalten haben. Die einen, die Cerebrozentristen, lokalisieren die Seele im Gehirn, die anderen, die Kardiozentristen, im Herzen.
Der antike Philosoph Platon verortete die Seele im Gehirn. Er betrachtete sie als ein komplexes PhĂ€nomen, das aus drei Teilen, einem vernĂŒnftigen, einem mutigen und einem begehrenden Seelenteil, besteht. Diese drei Seelenteile oder Seelenvermögen stehen miteinander in Konflikt. Jeder Seelenteil verfolgt seine eigenen Ziele und steht der Zielsetzung der anderen Seelenteile entgegen. Den vernĂŒnftigen Teil, die unsterbliche Vernunftseele, lokalisierte Platon im Gehirn und schrieb ihr eine fĂŒhrende und kontrollierende Funktion zu. Er wollte die Herrschaft der unsterblichen Vernunftseele ĂŒber die beiden unteren sterblichen Seelenteile, in denen sich mĂ€chtige Leidenschaften regen, erklĂ€ren. Einer dieser Seelenteile ist besser, der andere ist schlechter. Der bessere, der mutige und edle Teil, wohnt im Herzen, der schlechtere, triebhafte und begehrende Teil sitzt im Unterleib. Platon vergleicht die drei Seelenteile mit einem Pferdewagen. Lenkerin des Wagens ist die Vernunft. Sie muss die beiden Pferde, von denen das eine fĂŒgsam und das andere wild ist, leiten und bĂ€ndigen. Nur die Vernunft kann erkennen, ĂŒberlegen, abwĂ€gen und vorausschauen. Der Körper ist der Seele untergeordnet. Platon bezeichnet ihn sogar als GefĂ€ngnis der Seele. Körper und Seele des Menschen sind nur wĂ€hrend des Erdenlebens zusammengespannt. Im Tod löst sich die Seele vom Körper. PsychĂ© (Seele) steht bei Platon fĂŒr Leben, Körper (soma) fĂŒr Tod. Soma nennt er den von der Seele verlassenen Körper, den Leichnam. Die Vernunftseele ist unsterblich. Sie muss bereits vor der Entstehung des Körpers im Reich der Ideen existiert haben. Platon zufolge wissen wir Menschen nĂ€mlich vieles, was wir nie gelernt haben, und wir setzen vieles voraus, von dem wir nie eine Erfahrung gemacht haben. Zum Beispiel mĂŒssen wir uns die Begriffe des Gleichen, des Schönen und des Gerechten durch etwas erworben haben, was uneingeschrĂ€nkt gleich, uneingeschrĂ€nkt schön und uneingeschrĂ€nkt gerecht ist. In unserer Welt der Erfahrung sind nĂ€mlich zwei Dinge nie uneingeschrĂ€nkt gleich, sondern in gewisser Weise immer auch ungleich; keine zwei Dinge sind nur schön und keine Handlung ist nur gerecht. Wir können uns dieses Wissen also nur durch die Schau des Gleichen, des Schönen und des Gerechten selbst erworben haben. Da es nicht aus der Erfahrung stammt, mĂŒssen wir es uns vor der Geburt durch die Schau der Ideen angeeignet haben. FĂŒr Platon sind die konkreten Dinge unserer Erfahrung nur Abbilder der Ideen, die letztlich viel realer sind als ihre Abbilder. Er spricht von der Verwandtschaft der Seele mit den Ideen. Die Seele strebt nach Erkenntnis, sie interessiert sich fĂŒr das eigentlich Wirkliche, fĂŒr den Bereich des Unsichtbaren. Der Körper hingegen ist auf die vergĂ€nglichen Dinge gerichtet. Es gibt eine Verwandtschaft zwischen dem Körper und der vergĂ€nglichen Welt einerseits und zwischen der Seele und der Ideenwelt andererseits. Sichtbares verĂ€ndert sich stĂ€ndig, Unsichtbares bleibt unverĂ€ndert.
Der antike Philosoph Aristoteles lokalisierte die Seele, im Gegensatz zu Platon, im Herzen. Er betrachtete die Seele als Teil der Natur des Lebewesens, als Form des Organismus. Die Seele formt die Materie zu einem lebendigen menschlichen Leib, belebt und beseelt ihn. Ausgangspunkt seiner Ăberlegungen war das Staunen darĂŒber, dass es in der Welt des Materiellen ĂŒberhaupt Lebendiges gibt. Ein Körper wird erst durch die Seele zu einem lebendigen Leib. Mit dem Ausdruck âSeeleâ bezeichnete Aristoteles vor allem den Grund fĂŒr das Lebendigsein. Leben ist das, was das Beseelte vom Unbeseelten unterscheidet. Beseelt sind Pflanzen, Tiere und Menschen. Lebendige Körper unterscheiden sich von unbelebten Objekten durch ErnĂ€hrung, Wachstum, Fortpflanzung, Altern und Zerfall.
Aristoteles unterscheidet in seiner Schrift De anima drei Seelenvermögen: das vegetative, das sensitive und das rationale. Das vegetative Vermögen, das ErnĂ€hrungsvermögen, ist fĂŒr die grundlegenden LebensvollzĂŒge zustĂ€ndig; das sensitive Vermögen fĂŒr die sinnliche Wahrnehmung und die spontane Ortsbewegung; und das rationale Vermögen fĂŒr Verstand und Vernunft. Dem Begriff nach lassen sich zwar verschiedene Seelenvermögen unterscheiden, aber die menschliche Seele ist eine Einheit. Die unteren Seelenvermögen sind in den höheren verwirklicht. Wir Menschen haben das vegetative Leben der ErnĂ€hrung und des Wachstums mit den Pflanzen und Tieren gemeinsam, das sinnliche Leben der Wahrnehmung und des Begehrens mit den Tieren, doch das Leben gemÀà der Vernunft ist nur uns eigen (vgl. Aristoteles, De anima).
Das vegetative und das sensitive Seelenvermögen lokalisierte Aristoteles im Herzen. Er hielt das Herz fĂŒr den Ort der LebenswĂ€rme und des Wahrnehmens. Diese beiden Seelenvermögen machen das âSoseinâ des Organismus aus. FĂŒr sich allein können sie nicht existieren und gehen deshalb gemeinsam mit dem Organismus zugrunde. Durch ihr Sterben machen sie den lebendigen Organismus zu einem toten Körper. âDer Tod ist der Tod der Seele und nicht zu allererst der Tod des Leibes.â (Oeser 2002, 29) Die höchste Form der Seele, die tĂ€tige Vernunft (intellectus agens), benötigt zur AusĂŒbung ihrer TĂ€tigkeiten keine organische Grundlage. Aristoteles wies der denkenden Geistseele daher auch keinen bestimmten Ort im Körper, weder im Kopf noch im Herzen, zu. Die Geistseele kann ohne den Körper weiterexistieren, sie ist vom Körper abtrennbar, unsterblich und ewig. Damit meint Aristoteles jedoch nicht die individuelle Unsterblichkeit des Menschen, sondern die Unsterblichkeit der allgemeinen oder göttlichen Vernunft, an welcher die menschliche Geistseele, beispielsweise im Erkenntnisvollzug, teilhat.
Weite Teile der aristotelischen Schriften sind rein biologisch ausgerichtet. Dass ein Organismus eine Seele hat, heiĂt demnach, dass er fĂ€hig ist, gewisse Lebensfunktionen auszuĂŒben wie Essen, Trinken, Wahrnehmen, FĂŒhlen und im Falle des Menschen auch Denken. Mit âSeeleâ erklĂ€rt Aristoteles zunĂ€chst bestimmte Arten der Bewegung, welche die physikalische Bewegungslehre nur unzureichend erklĂ€ren kann. Bewegungen lebloser Objekte werden durch Ă€uĂere Ursachen erklĂ€rt. Bewegungen von Lebewesen lassen sich auf diese Weise nicht erklĂ€ren. Lebewesen bewegen sich, ohne durch Ă€uĂere Ursachen bewegt zu werden. Sie mĂŒssen die Ursache ihrer Bewegung in sich tragen. Seele ist das Sich-selbst-Bewegende, der Ursprung der Körperbewegungen. Die Seele leitet die Bewegungen des Körpers und richtet sie auf ein Ziel aus. âDie Seele als interne Ursache der Bewegung von Lebewesen kann nicht eine bloĂ theoretische EntitĂ€t sein; ihr muss ebenso etwas in der Wirklichkeit entsprechen wie den externen Ursachen der Bewegung nicht-lebendiger Dinge.â (Quitterer 2010 b, 277)
Mit dem Begriff âSeeleâ erklĂ€rt Aristoteles das Lebendig-Sein, alle biologischen VorgĂ€nge und Prozesse sowie sĂ€mtliche körperlichen und geistigen AktivitĂ€ten des Lebewesens. Mit dem Leben taucht auch die Welt des Bewusstseins auf.
Aristoteles betrachtet den Menschen, im Gegensatz zu Platon, als Einheit, als eine einheitliche Substanz, die aus Körper und Seele besteht. Körper und Seele stehen zueinander wie Stoff und Form. Der Körper ist der Seele weder untergeordnet noch dient er ihr als GefĂ€ngnis wie bei Platon. Körper und Seele sind vielmehr gleichberechtigt, sie sind wie die zwei Seiten einer MĂŒnze. Die Unterscheidung von Seele und Körper ist nur begrifflich-sprachlich. Ein bestimmter Typ von Seele kann nur in einem bestimmten Typ von Körper sein, weil die Seele das âSoseinâ des Körpers ist. Die Seele eines Menschen kann nur im Körper eines Menschen sein, jedoch nicht im Körper einer Eiche oder eines Wolfes (vgl. Haeffner 2015, 560).
Die Art, wie Aristoteles die biologische Grundlage des Lebens, Erlebens und Bewusstseins beschrieb, entspricht im GroĂen und Ganzen der modernen Hirnforschung. Die Seele definierte und beschrieb er anhand der Funktionen, mithilfe derer beseelte Wesen etwas tun. Als Subjekt des Handelns betrachtete er immer das gesamte Lebewesen. Nicht die Seele des Menschen handelt, sondern der Mensch als ganzer. Sich bewegen, sich freuen, denken und planen, ein Tuch weben oder ein Haus bauen, das alles leistet nicht die Seele des Menschen, sondern der Mensch durch die Seele. Obwohl Aristoteles eine kardiozentrische These vertrat und dem Gehirn alle empfindenden und kognitiven Funktionen absprach, kann seine Seelenlehre als wichtiger Beitrag zur Geschichte der Hirnforschung angesehen werden. Seine differenzierte Sicht der Seele, ihrer Eigenschaften und FĂ€higkeiten, konnte zur âGrundlage sowohl des naturwissenschaftlichen anatomisch-physiologischen als auch spekulativ-philosophischen Weges menschlicher Selbsterkenntnis bis weit in die Neuzeit werdenâ (Oeser 2002, 28).
Die Kontroverse zwischen denen, die das Herz, und denen, die das Gehirn als Sitz der Seele betrachteten, fand durch den griechischen Arzt und Anatom Claudius Galenus (um 129 â 215 n. Chr.) ein Ende. Galenus lehnte die Ansicht von Aristoteles, das Gehirn ĂŒbe lediglich eine KĂŒhlfunktion fĂŒr das Herz aus, als völlig absurd ab. WĂ€re dies der Fall, so argumentierte er, dann hĂ€tte die Natur das Gehirn nicht so weit vom Herzen entfernt lokalisiert, sondern um das Herz herum gelagert. Galen bekannte sich ausdrĂŒcklich zur These, dass der Sitz der Seele das Gehirn ist (vgl. Oeser 2002, 37â38). SpĂ€testens seit dem antiken Arzt Hippokrates (ca. 460 â 370 v. Chr.), dem BegrĂŒnder der wissenschaftlichen Medizin, waren die meisten Naturforscher der Meinung, das Gehirn sei der Sitz zumindest der Vernunftseele, der Intelligenz und der kognitiven FĂ€higkeiten. Hippokrates hatte sich zum Beispiel entschieden gegen die Ansicht gewandt, Epilepsie sei eine heilige Krankheit und werde von Göttern oder DĂ€monen verursacht. Er hielt Epilepsie fĂŒr nicht heiliger oder göttlicher als andere Krankheiten. Wie alle Krankheiten habe auch die Epilepsie eine ganz natĂŒrliche Ursache. Ausgangspunkt dieses Leidens sei das Gehirn.
Als Sitz der Vernunftseele galt fortan das Gehirn, wobei man ihren konkreten Ort in den Gehirnventrikeln, in den mit FlĂŒssigkeit gefĂŒllten HohlrĂ€umen des Gehirns, vermutete. âMan konnte sich nicht vorstellen, dass die schlĂŒpfrige Gehirnmasse etwas mit der Vernunftseele zu tun habe.â (Roth & StrĂŒber 2015, 28) Galen entwickelte die aristotelische Vorstellung von den drei Seelenvermögen weiter. Er unterschied eine Triebseele, eine Empfindungsseele und eine Denkseele. Die Triebseele (lat. spiritus naturalis) mit ihren vegetativen und ernĂ€hrenden Funktionen lokalisiert er in der Leber, die Empfindungsseele (lat. spiritus vitalis), welche die unwillkĂŒrlichen Bewegungen und Emotionen steuert, im Herzen, und die Denkseele (lat. spiritus rationalis), welche die geistigen Vermögen der Einbildungskraft, der Vernunft und des GedĂ€chtnisses umfasst, im Gehirn. Um seine Seelendreiteilung anatomisch zu untermauern, betonte er: Sitz der Denkseele ist das Gehirn, weil dort die Nerven entspringen; Sitz der Empfindungsseele das Herz, weil dort die Arterien entspringen; und Sitz der Triebseele die Leber, weil dort die Venen ihren Ursprung haben. âDie Seele befĂ€hige den Körper erst, sich selbst zu bewegen, wahrzunehmen und zu denken.â (Steger & Brunner 2015, 16)
Im Mittelalter bestimmte die Ventrikellehre die Vorstellungen von der Natur und dem Ort der Seele. Die Gehirnventrikel stellte man sich als drei im Kopf hintereinander liegende Zellen vor. Die erste Zelle war der Ort des Gemeinsinnes, der nach Aristoteles alle Informationen aus den Sinnesorganen zu einer einheitlichen Wahrnehmung verbindet, sowie der Ort der Fantasie und Einbildungskraft. In der zweiten Zelle wohnte der Verstand und in der dritten Zelle das GedĂ€chtnis (vgl. Oeser 2002, 39â40; Steger & Brunner 2015, 16). âAllgemein ging man davon aus, dass die Nerven, von den Sinnesorganen kommend, in den Ventrikeln enden und dort den Seelenstoff oder die unterschiedlichen Seelenstoffe abgeben.â (Roth & StrĂŒber 2015, 32)
In der Neuzeit beginnt die Debatte um den Ort der Seele mit dem französischen Philosophen RenĂ© Descartes (1596â1650). Descartes beeinflusste und beeinflusst immer noch die Diskussionen ĂŒber das VerhĂ€ltnis von Leib und Seele, von Gehirn und Geist. Descartes traf eine scharfe Unterscheidung zwischen der Innenwelt des Geistes und der AuĂenwelt der materiellen Körper. Als Innenwelt bezeichnete er die Welt des nicht ausgedehnten immateriellen Bewusstseins, als AuĂenwelt die Welt der ausgedehnten materiellen Körper. Das Bewusstsein ist uns unmittelbar von innen gegeben, die materiellen Körper können wir nur von auĂen erkennen. Innenwelt und AuĂenwelt betrachtete Descartes als zwei verschiedene Substanzen und Wirklichkeiten. Substanz definierte er als etwas, was zu seiner Existenz keines anderen Dinges bedarf. Er rĂ€umte allerdings ein, dass eigentlich nur Gott es verdiene, als Substanz in diesem Sinne bezeichnet zu werden (vgl. Descartes 1992, Meditatio III).
Descartes zufolge ist der Körper teilbar, der Geist hingegen nicht. Der ganze Geist ist mit dem ganzen Körper verbunden. Schnitte man Teile des Köpers ab, wĂŒrde der Geist dadurch nicht kleiner. Die Seele, die Welt der Gedanken, Wahrnehmungen, Emotionen und Willensakte, ist mit allen Teilen des Körpers verbunden. Von Natur aus hat die Seele weder eine Beziehung zur Ausdehnung noch zu rĂ€umlichen Dimensionen oder anderen Eigenschaften, wie der Körper sie besitzt. FĂŒr Descartes ist Seele Geistseele. Die Seele dient ihm, im Gegensatz zu Aristoteles, deshalb auch nicht dazu, biologische VorgĂ€nge und Funktionen zu erklĂ€ren. Nach Descartes lassen sich sĂ€mtliche Funktionsweisen des Körpers rein mechanisch erklĂ€ren. Trotzdem steht die Seele mit allen Körperorganen in Verbindung (vgl. Descartes 1996, 51). Wie ist das möglich? Wie wirken Seele und Körper aufeinander ein? Descartes war davon ĂŒberzeugt, dass die Seele ihren Einfluss auf den Körper ĂŒber die ZirbeldrĂŒse (Epiphyse) im Zwischenhirn ausĂŒbt. Durch diese DrĂŒse wirkt sie mithilfe der sogenannten Lebensgeister ĂŒber Nerven und Blut auf den gesamten Körper ein. Warum bestimmte Descartes ausgerechnet die ZirbeldrĂŒse zum Ort der Wechselwirkung von Seele und Körper?
âDer Grund, der mich ĂŒberzeugt, dass die Seele keine andere Stelle im ganzen Körper haben kann als diese DrĂŒse, wo sie unmittelbar ihre Funktion ausĂŒben kann, liegt darin, dass alle anderen Teile unseres Gehirns doppelt vorhanden sind, so wie wir auch zwei Augen, zwei HĂ€nde, zwei Ohren haben, und ĂŒberhaupt alle unsere Ă€uĂeren Sinnesorgane doppelt vorhanden sind. Damit wir also nur einen einzigen und einfachen Gedanken von der gleichen Sache und zur gleichen Zeit haben, ist es notwendig, dass es eine Stelle gibt, wo die zwei Bilder, die von den beiden Augen kommen, oder zwei andere EindrĂŒcke, die von einem einzigen Gegenstand durch die doppelten Organe der anderen Sinne kommen, sich zu einem verbinden können, bevor sie zur Seele gelangen, damit sie dieser nicht zwei anstatt einem Bild darbieten.â (Descartes, 1996, 53 f.)
In der ZirbeldrĂŒse, in der Mitte des Gehirns, vereinen sich Descartes zufolge die verschiedenen EindrĂŒcke, die aus den paarigen Sinnesorganen kommen, zu einem ganzheitlichen Bild. Die Seele beeinflusst ĂŒber diese DrĂŒse die Bewegungsrichtungen der Lebensgeister und verĂ€ndert dadurch die Bewegungen anderer Körperteile. RĂ€tselhaft bleibt, wie die Seele die ZirbeldrĂŒse so beeinflusst, dass ihre Handlungsabsichten in Körperbewegungen umgesetzt werden können. Descartes verabschiedete...
Table of contents
- Vorwort
- I. Die Seele in unserer Alltagssprache
- II. âSeelenkundeâ? Die Seele in der Psychologie
- III. Macht das Gehirn die Seele?
- IV. Ist der Geist die Seele?
- V. Ăberlebt nur die Seele unseren Tod?
- Nachwort
- Literatur
- Verzeichnis der Abbildungen
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