Paulus, Apostolat und AutoritÀt oder Vom Lesen fremder Briefe
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Paulus, Apostolat und AutoritÀt oder Vom Lesen fremder Briefe

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Von keiner anderen Person des entstehenden Christentums, ĂŒber ihr Leben und Denken, wissen wir so viel wie von Paulus aus Tarsus. Seine Briefe sind einzigartige und authentische Zeugnisse. Auch deshalb erhielt Paulus im Protestantismus einen besonderen Stellenwert als Apostel und AutoritĂ€t, ja als Vorbild im Amt.Nicht selten jedoch fehlt der Paulusrezeption die Distanz, nicht nur bei Luther, der sich mit Paulus identifizierte; auch heute werden seine Anreden in Briefen gern direkt auf 'uns' bezogen. Die Studie möchte ins GedĂ€chtnis rufen, dass wir fremde Briefe lesen, die fernen Menschen des Altertums galten und einen prĂ€modernen AutoritĂ€tsanspruch des Paulus voraussetzen. Nur in der Wahrnehmung von Distanz und Fremdheit können wir die Paulusbriefe angemessen fĂŒr die Gegenwart interpretieren.

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Information

Year
2012
Print ISBN
9783290176969
eBook ISBN
9783290176969
Edition
1
Subtopic
Bibles

|35| III »Bin ich nicht Apostel?« (1Kor 9,1) – zur Bedeutung des Apostolats

»Bin ich etwa nicht Apostel?«, so fragt Paulus in 1Kor 9,1. Diese Frage ist eigentlich rhetorisch gemeint – Paulus suggeriert, dass er sich der Zustimmung sicher ist. Doch die Apostelgeschichte wird spĂ€ter mit Nein antworten. Paulus, der SpĂ€tberufene (s. Apg 9), ist fĂŒr die Apostelgeschichte, da er keiner der Zwölf ist, nicht Apostel, sondern nur der »dreizehnte Zeuge«71. Paulus selbst jedoch beansprucht fĂŒr sich, »Apostel« zu sein. FĂŒr ihn ist die Vision des Auferstandenen entscheidend, nicht die Begleitung Jesu zu Lebzeiten. »Bin ich nicht Apostel? Habe ich nicht Jesus, den Herrn gesehen?« (1Kor 9,1). Darum zĂ€hlt er sich als letzten unter die Zeuginnen der Auferstehung Jesu (1Kor 15,9) und nennt sich »Apostel Jesu Christi«72. Nicht die Erfahrung des Auferstandenen allein, sondern die fĂŒr ihn damit verbundene Berufung zur VerkĂŒndigung des Evangeliums, insbesondere unter die Völker, ist dabei offenbar fĂŒr seinen persönlichen Apostolat wichtig: Er ist »Apostel der Völker« (Röm 11,13).
Zwei Beobachtungen sind fĂŒr die folgenden Überlegungen zentral: Einerseits erkennen wir deutlich, dass Paulus seinen Apostolat durch seine Berufung in einer Vision des »Sohnes Gottes« begrĂŒndet sieht (Gal 1,15). Andererseits gibt es jedoch offenbar bis gegen Ende des 1. Jh. n. Chr., die Zeit, in der wir die Abfassung der Apostelgeschichte ansetzen, und darĂŒber hinaus kein einhelliges Konzept davon, wer und was ein »Apostel« ist.73
In unserer Beschreibungssprache ist die Rede vom »Apostel Paulus« ganz selbstverstĂ€ndlich, und fĂŒr die Ekklesiologie der Kirchen spielt der Apostolat eine zentrale Rolle (s. u.). Umso wichtiger ist es, die mit diesem vertrauten |36| Sprachgebrauch verbundenen Assoziationen nicht unbedacht in die LektĂŒre der Paulusbriefe einzutragen, sondern von der Verwendung in den authentischen Paulusbriefen auszugehen: Was verbindet sich in den Briefen des Paulus mit dem Begriff apostolos tatsĂ€chlich – und was offenbar nicht?
Ich unterstreiche damit eine Forderung aus der exegetischen Zunft der letzten Jahrzehnte: Die Auslegung und Rekonstruktion des Textsinns muss sich des Unterschieds zwischen Quellensprache und Beschreibungssprache bewusst sein. Begriffe unserer Beschreibungssprache wie »Apostel« und auch »Kirche«, »SĂŒhne«, »Opfer« oder lexikalisierte Metaphern wie »Gott Vater« oder »Versöhnung« sind nicht mit denen der Quellensprache bedeutungsgleich, selbst wenn es zunĂ€chst Übersetzungsbegriffe gewesen sind. Der Gebrauch in den zwischen den Texten und uns liegenden Jahrhunderten hat die Begriffe und Metaphern mit Bedeutungen aufgeladen, die wir nicht unreflektiert in die historisch orientierte LektĂŒre der Quellentexte einspeisen sollten.74
Ein Beispiel möge das verdeutlichen, die fĂŒr uns Ă€lteste literarische ErwĂ€hnung von apostolos in 1Thess 2,7. Im BriefprĂ€skript hatten sich die drei Absender, Paulus, Silvanus und Timotheus, nicht als Apostel vorgestellt, sondern nur mit Namen.75 Was also meinen die Missionare, wenn sie rĂŒckblickend auf ihren Aufenthalt in Thessalonich schreiben:
»Wir haben auch nicht Ehre gesucht bei den Leuten, weder bei euch noch bei andern – obwohl wir unser Gewicht als Christi Apostel hĂ€tten einsetzen können –, sondern wir sind unter euch mĂŒtterlich gewesen: Wie eine Mutter ihre Kinder pflegt [...]« (1Thess 2,6f in der LutherĂŒbersetzung). FĂŒr die Auslegung ist in der Regel klar: Man bzw. Paulus habe auf die ihm als Apostel zustehende AutoritĂ€t verzichtet, als man das Evangelium dort erstmals verkĂŒndigte. »Mutter« steht, so verstanden, als Gegensatz zum AutoritĂ€tsanspruch. Allerdings ist diese Übersetzung sehr ungenau; im Griechischen ist die Rede von einer Amme (trophos), die ihre eigenen Kinder (ta heautes tekna) hegt. Auch dass die Missionare in einer Erinnerung an ihren ersten Aufenthalt schreiben, sie hĂ€tten auf die AutoritĂ€t, die Aposteln zusteht, verzichtet, ist nicht sinnvoll. Denn wenn man als Missionar zum ersten Mal ĂŒberhaupt in einer Stadt unter andersglĂ€ubigen Menschen wirbt fĂŒr die Bekehrung »zu |37| Gott, weg von den Götzen, um zu dienen dem lebendigen und wahren Gott« (1,9), dann wĂ€re ein AutoritĂ€tsanspruch als Apostel kaum zu stellen.
Im Folgenden soll daher die Bedeutung des Begriffs »Apostel« nach allgemeinen Beobachtungen zur Semantik von der Begriffsverwendung in den authentischen Paulusbriefen her geklĂ€rt werden, ohne ein bereits klar umrissenes Konzept zu unterstellen. Das Ergebnis wird sein, dass die Paulusbriefe den Begriff in nur wenigen, aber inhaltlich klar erkennbaren ZusammenhĂ€ngen verwenden – und sich bei dieser LektĂŒre auch die GegenĂŒberstellung von Apostelanspruch und Mutter in 1Thess 2,7 besser verstehen lĂ€sst.

1. Zur Bedeutung von apostolos76

Apostolos ist eine maskuline Nominalbildung zum Verb apostellein, das u. a. »absenden, ausschicken« bedeutet. Apostolos kann in nichtchristlichen Kontexten verschiedenes »Ausgesandtes« bezeichnen, mitnichten nur Menschen, sondern auch die Flottenexpedition oder den Lieferschein.77 Erst in frĂŒhchristlichen Texten wird der Begriff spezifischer und letztlich exklusiv fĂŒr Gesandte der ersten christlichen Generation verwendet.
Weil die »Apostel« fĂŒr das SelbstverstĂ€ndnis der spĂ€teren Kirchen so relevant wurden, findet die Frage großes Interesse, woher dieses frĂŒhchristliche Konzept kommt. Steht trotz der uns erkennbaren Divergenz des neutestamentlichen Gebrauchs am Anfang ein einheitliches VerstĂ€ndnis von Apostolat? Geht dieses womöglich auf Jesus selbst zurĂŒck?78 Besonderen Reiz hatte die These, dass apostolos analog dem hebrĂ€ischen schaliach (Gesandter) gebildet wurde und mit diesem das altsemitische Botenrecht erinnert:79 »Der Gesandte eines Menschen ist wie dieser selbst«80. Das zeige, dass mit |38| apostolos das Konzept von ReprĂ€sentanz verbunden sei, apostolos »ein formaler Autorisationsterminus« gewesen sei, der im christlichen Kontext spezifiziert wurde.81 Neu sei vor allem gewesen, dass hier die Sendung eine lebenslange Beauftragung implizierte.
Die Verwendung im Neuen Testament lĂ€sst allerdings diese ReprĂ€sentanzfunktion kaum erkennen82 und auch keinen Anschluss an die hebrĂ€ische Rede von schaliach. Dass die Bezeichnung »Apostel« auf Jesus zurĂŒckgeht, ist mehr als zweifelhaft.83 Darum wird hier eine andere Ableitung favorisiert, die gerade keine den Begriff prĂ€gende Vorgeschichte voraussetzt.84 Vielmehr scheint es, dass das griechische Wort zur Verwendung im frĂŒhchristlichen Kontext gerade wegen seiner semantischen Unscheinbarkeit brauchbar war. Als es darum ging, eine neue Form der Aussendung von Menschen zu beschreiben, das gelĂ€ufige Wort fĂŒr Bote aber, angelos, als Bezeichnung fĂŒr den »himmlischen Boten« nicht mehr zur VerfĂŒgung stand85, bot sich apostolos an.
Ein Apostel bzw. eine Apostelin ist nach diesem Sprachgebrauch zunĂ€chst ein Ausgesandter bzw. eine Ausgesandte; die Bezeichnung impliziert eine Beauftragung und ein Ziel, ohne diese bereits inhaltlich zu spezifizieren. So spricht Paulus z. B. im Zusammenhang einer Geldsammlung, die im Bereich der Paulusmission fĂŒr die erste Gemeinde in Jerusalem erbracht werden soll, von »Geschwistern, Aposteln der Gemeinden« (2Kor 8,23), also Abgesandten von Gemeinden.86 Diese hatten gewiss einen zeitlich befristeten Auftrag. Wenn Paulus sich in Gal 1,1 als »Apostel nicht von Menschen noch durch einen Menschen« prĂ€sentiert, meint er es offenbar anders. Deshalb ist die Annahme, dass der Begriff »Apostel« im frĂŒhen Christentum nicht klar |39| definiert war, am plausibelsten. Um zu verstehen, was Paulus in Bezug auf seine Person damit verband, ist daher von der Frage auszugehen, wann er den Begriff gebraucht – und auch, wann nicht. Dass Paulus bereits seit seiner Bekehrung ein festes Konzept von einem »Apostel« und seinem Apostolat gehabt hĂ€tte, ist dabei nicht zu unterstellen. Wahrscheinlicher ist, dass er es erst schĂ€rfte in kritischen Situationen, wie sie die Briefe jeweils voraussetzen.87

Apostolos in den authentischen Paulusbriefen

Ein Blick in die Konkordanz legt nahe, dass sich mit dem Stichwort apostolos nicht das ganze Wirken des Paulus und seine briefliche AktivitĂ€t erklĂ€ren lassen. Paulus verwendet die Worte apostolos und Derivate relativ selten88 und etwa genauso oft in Bezug auf sich allein wie in Bezug auf andere bzw. allgemein. Er weiß um andere Apostel vor ihm,89 namentlich zĂ€hlt er Petrus zu den Aposteln (1Kor 9,5; Gal 2,8). Bemerkenswert ist – vielleicht nicht fĂŒr Paulus selbst, aber fĂŒr die kirchliche Tradition, die den Apostolat als MĂ€nnerdomĂ€ne kennt –, dass er in der Grußliste in Röm 16,7 wohl auch eine Frau nennt: »GrĂŒĂŸt Andronikus und Junia, meine Verwandten, meine Mitgefangenen, die hervorragend sind unter den Aposteln und die auch vor mir in Christus waren.«90 Die beiden sind also wie Paulus jĂŒdisch und bereits vor Paulus zum Christusglauben gekommen. Junia wird allerdings in vielen Bibelausgaben und -ĂŒbersetzungen bis heute als »Junias« gefĂŒhrt und ist erst in den 1970er Jahren wieder als Frau entdeckt worden.91 Die Ă€lteste HandschriftenĂŒberlieferung kannte Junia als Frau; spĂ€ter wurde dann der Name so akzentuiert, dass aus dem Akkusativ des verbreiteten Frauennamens Junia der eines MĂ€nnernamen Junias wurde, obwohl dieser Name sonst nicht belegt ist. Prinzip der Überlieferung war offenbar, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.
Im Unterschied zu diesem Lob nennt Paulus sich selbst in der Reihe der Auferstehungszeugen »den letzten der Apostel«, »gewissermaßen eine Fehlgeburt.92 |40| Denn ich bin nicht wĂŒrdig, dass ich â€șApostelâ€č genannt werde, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgte. Durch die Gnade Gottes aber bin ich, was ich bin, und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ĂŒbermĂ€ĂŸiger als sie alle habe ich gearbeitet – nicht ich aber, sondern die Gnade Gottes, die mit mir ist« (1Kor 15,8–10). Das zeigt, dass »Apostelin« zu sein kein »Amt« ist, das man anstreben kann, sondern eine Auszeichnung; fĂŒr sich spricht Paulus von charis, Begnadung, die also nicht »verdient« ist.93 Der Sprachgebrauch bei Paulus setzt voraus, dass diese nur manchem zuteil wurde und auf eine frĂŒhe Generation von JesusanhĂ€ngern bes...

Table of contents

  1. Titelei
  2. Inhaltsverzeichnis
  3. I Vom Lesen fremder Briefe – zum Thema der Studie ∗
  4. II »Wie wenn ich anwesend wĂ€re« (1Kor 5,3) – zur Bedeutung der Brieflichkeit
  5. III »Bin ich nicht Apostel?« (1Kor 9,1) – zur Bedeutung des Apostolats
  6. IV »Ich habe euch Christus verlobt« (2Kor 11,2) – die metaphorische Inszenierung der Beziehung
  7. V »Werdet meine Nachahmer!« (1Kor 4,16) – Niedrigkeit und AutoritĂ€tsanspruch
  8. VI »Was sollen wir nun hierzu sagen?« (Röm 8,31) – ein Schluss
  9. Literaturverzeichnis
  10. Fußnoten
  11. Seitenverzeichnis

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