Religiöse wie nicht religiöse Zeitgenossen setzen den biblischen Schöpfungsglauben mit einer Aussage ĂŒber die Entstehung der Welt gleich. Die Naturwissenschaft hat eine Welt entworfen, die nicht geschaffen, sondern aus sich selbst geworden ist. An dem Reizwort Evolution hat sich zwischen religiösem und naturwissenschaftlichem WeltverstĂ€ndnis eine Front aufgebaut, an der verbissen gekĂ€mpft wird. Helmut Fischer erklĂ€rt, in welcher Hinsicht die biblischen Schöpfungsgeschichten und die Naturwissenschaften von Weltwirklichkeit sprechen, und zeigt die Schnittpunkte und Grenzen dieser Aussagen. Die nĂŒchterne Information ĂŒber das SelbstverstĂ€ndnis, das den jeweiligen Aussagen zugrunde liegt, erweist die Konfrontation als ĂŒberholt und macht die Basis fĂŒr einen offenen und fruchtbaren Dialog sichtbar. Ein theologisch fundierter, gut verstĂ€ndlicher Text fĂŒr alle, die sich auf eine zuverlĂ€ssige Ăbersicht stĂŒtzen wollen.

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Schöpfung und Urknall
KlĂ€rendes fĂŒr das GesprĂ€ch zwischen Glaube und Naturwissenschaft
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KlĂ€rendes fĂŒr das GesprĂ€ch zwischen Glaube und Naturwissenschaft
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Philosophy of Religion|59| Welt in der Sicht der Naturwissenschaften
Naturverstehen vor der Zeit der Naturwissenschaften
Wir erklÀren uns Welt in Modellen
Seit es Menschen gibt, die ĂŒber sich selbst und ĂŒber ihr Sein in der Welt nachdenken, wird auch die Frage gestellt, wie es kommt, dass nicht nichts ist, sondern ein Gebilde wie unsere Welt existiert. In allen alten Religionen wird die Antwort auf die Frage nach dem Ursprung unserer Welt in der Gestalt von ErzĂ€hlungen (Schöpfungsmythen) gegeben. So unterschiedlich die Antworten sein mögen: gemeinsam ist ihnen, dass alle Modelle von Weltentstehung der Anschauung jener Lebenswelt entnommen sind, in der die Menschen sich bereits vorfinden. Menschliches Denken kann gar nicht anders, als sich das Unbekannte in Modellen des Bekannten vorzustellen.
Schöpfungsmythen sind Denkmodelle
Wir hatten gesehen: die Hochreligionen der Alten Welt sehen das Universum durch Götter hervorgebracht. In ihren Schöpfungsmythen kommt zum Ausdruck, wie Menschen ihre Welt und sich selbst in ihr verstanden. Diese ErzĂ€hlungen geben Antwort auf die beiden elementaren menschlichen Fragen nach dem Sinn und dem Grund des Daseins. Im Handeln der Götter wird der Sinn und der Grund von Welt, von Völkern, von Geschichte und von Menschsein offenbar. Was im Mythos als vorzeitiges oder als urzeitliches Geschehen erzĂ€hlt wird, das hat sinnstiftende und |60| bleibende Bedeutung fĂŒr jede Gegenwart und wird in diesem Sinn als »wahr« erfahren.
Denkmodelle sind in Gesamtparadigmen eingebettet
Was ist ein ParadĂgma? Das Wort kommt aus dem Griechischen. Es bedeutet »Beispiel« und »Muster«. Auf eine ganze Kultur bezogen, versteht man unter einem Paradigma ganz allgemein das Grundmuster der leitenden Vorstellungen, nach denen in einer Kultur die Menschen ihre Welt und sich selbst verstehen und dieses VerstĂ€ndnis ausdrĂŒcken.
Im Bereich polytheistischer und polydĂ€monischer Religionen sieht man die Welt und das menschliche Leben gewirkt und gelenkt durch das Handeln der Götter oder magischer KrĂ€fte. Die Denkmodelle, in denen sich die Menschen ihre Welt und ihr Leben vergegenwĂ€rtigen, entsprechen dem Paradigma und sind insofern fĂŒr alle Mitglieder dieser Kultur unmittelbar plausibel.
Das Paradigma des Mythos
Die Religionen der Alten Welt artikulieren sich alle im Paradigma des Mythos. Gott und Welt bilden hier eine Einheit, ohne aber miteinander identifiziert zu werden. In den Worten und Taten der Götter kommt das VerstĂ€ndnis von Welt und Mensch zur Sprache. Die Götter werden zwar anthropomorph (menschengestaltig) oder theriomorph (tiergestaltig) vorgestellt; sie werden aber nicht als eigenstĂ€ndige jenseitige Wesenheiten wahrgenommen, die der Welt gegenĂŒberstehen, sondern als die Lebenswirklichkeiten verstanden, mit denen es der Mensch in seiner Welt zu tun hat. |61| Wir sagen aus der AuĂensicht: Die Götter stehen fĂŒr bestimmte Lebensbereiche oder reprĂ€sentieren sie. Aus der Innensicht stehen sie eher fĂŒr die Begegnung mit dem Göttlichen, in dem, was sich in der erfahrbaren Wirklichkeit ereignet und dem Menschen darin begegnet und widerfĂ€hrt.
Israels Monotheismus sprengt das mythologische Paradigma
Israel bekennt sich zu dem einen und einzigen Gott. Die Gestirngötter werden zu Lampen degradiert (Gen 1). Die Götter und Götterbilder der Nachbarvölker werden zu Nichtsen erklĂ€rt. »Sieh, sie alle sind nichtig, nichts sind ihre Werke, Wind und Nichts ihre gegossenen Bilder« (Jes 41,29 â Zeit des babylonischen Exils). Indem der eine Gott als der Schöpfer verstanden wird, der seiner Schöpfung gegenĂŒbersteht, ist zwar der polytheistische Hintergrund ĂŒberwunden, aber die mythologische Denkweise als Anschauungsform beibehalten.
Das Paradigma der griechischen Naturphilosophie
Der Wechsel zu einem nichtmythischen Paradigma wird in Griechenland vollzogen, und zwar in Gestalt einer ganzen Reihe unterschiedlicher, ja gegensĂ€tzlicher EntwĂŒrfe, die aber eines gemeinsam haben: Gott wird nicht mehr anthropomorph, gegenstĂ€ndlich und personal verstanden, sondern abstrakt als ein transzendentes Seiendes. Der Götterglaube wird zunĂ€chst offen als menschliche Projektion kritisiert und spĂ€ter gar nicht mehr diskutiert. Xenophanes (580â485 v. Chr.), der frĂŒheste Religionskritiker, schreibt: »Die Ăthiopier stellen sich die Götter schwarz und stumpfnasig |62| vor, die Thraker dagegen blauĂ€ugig und rothaarig, ⊠wenn KĂŒhe und Pferde oder Löwen HĂ€nde hĂ€tten âŠ, dann wĂŒrden Pferde pferde-, die KĂŒhe kuhĂ€hnliche Götterbilder malen âŠÂ« Xenophanes postuliert einen einzigen Gott, der freilich nichts Menschliches an sich hat, sondern sich als perfekte Kugelform darstellt, ein Gott zudem, der unverĂ€nderlich, unvergĂ€nglich, jeglichem Leid entrĂŒckt ist und das gröĂte, mĂ€chtigste und weiseste Seiende darstellt, das gedacht werden kann. Dieser von allen polytheistischen Vorstellungen gereinigte Monotheismus sollte zum Leitbild des abendlĂ€ndischen GottesverstĂ€ndnisses werden. Es wurde erst nach mehr als zwei Jahrtausenden erkannt, dass wir es auch hier mit einer menschlichen Projektion zu tun haben.
Parmenides (539â480 v. Chr.), SchĂŒler des Xenophanes, geht noch einen entscheidenden Schritt ĂŒber seinen Lehrer hinaus. Er streift nicht nur die anthropomorphen Anschauungsformen aus dem Umgang mit den griechischen Göttern ab; er schlieĂt sogar alle Elemente der Erfahrung aus und lĂ€sst allein das Denken als den Weg zur Wahrheit gelten. Selbst die Bezeichnung »Gott« wird vermieden. Was Xenophanes noch »Gott« nennt, das bezeichnet Parmenides als das »Sein«. Er entfernt alles Individuelle aus dem SeinsverstĂ€ndnis und setzt die Wahrheit des Seins mit der Ă€uĂersten Abstraktion des Denkens gleich. Wie die reinen Begriffe, so stellt sich ihm auch das Sein als unverĂ€nderlich, als ĂŒberzeitlich, als ungeworden und als ewig dar. Auf diese Weise ergeben sich zwei Welten: die Welt der Sinneserkenntnis und der Erfahrung, in der wir unseren Alltag leben, und die Welt der Verstandeserkenntnis; das ist die Welt des Seins und der ewigen Wahrheit. Diese Zweiteilung der Welt sollte die Gestalt der Philosophie, |63| der Theologie und der Kultur des Abendlandes ebenfalls tiefgreifend prĂ€gen.
Das Paradigma des philosophischen Naturdenkens
Seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. treten in Griechenland eigenstĂ€ndige Denker der Religion ihrer Zeit und deren religiöser Weltdeutung kritisch und mit eigenen Konzepten des WeltverstĂ€ndnisses gegenĂŒber. Sie sehen mit kritischer Distanz, dass die Götterkulte die erfahrbare Welt von göttlichen Ereignissen in einer mythischen Urzeit her deuten, also göttliches Handeln und weltliches Geschehen miteinander verbinden: Der Ursprung unserer Welt wird auf einen Götterkampf oder auf einen göttlichen Schöpfungsakt zurĂŒckgefĂŒhrt.
Thales von Milet (etwa 625â545 v. Chr.), der von Aristoteles als »Vater der Philosophie« bezeichnet wird, fragt ebenfalls nach dem Ursprung der Welt. Er antwortet aber nicht mit einem Mythos von der Weltentstehung, sondern sucht den »Urgrund fĂŒr alles Sein« in der Welt selbst. Das VerstĂ€ndnis Gottes bleibt davon unberĂŒhrt. Thales sieht im Wasser das Ursprungselement der Welt. Nicht Gott und dessen Handeln, sondern ein irdisches Element ist fĂŒr ihn letzte Ursache und ErklĂ€rungsgrund fĂŒr alles, was ist. In allem lĂ€sst sich zwar auch Gott finden, und Gott gibt der Welt und dem Leben seinen Sinn, aber kausal betrachtet, ist fĂŒr Thales der Urgrund der Welt ohne Gott begrĂŒndbar.
Anaximenes (585â528 v. Chr.) sieht die Welt aus Luft entstanden. Heraklit (535â475 v. Chr.) findet die Welt im Urfeuer und in einem immanenten Gesetz des Werdens begrĂŒndet. Dieses »Weltgesetz« (logos) kann er mit Gott oder |64| mit dem Göttlichen gleichsetzen, ohne freilich damit eine transzendente oder persönliche GröĂe zu verbinden. Empedokles (etwa 492â432 v. Chr.) nimmt vier Ursubstanzen an. FĂŒr ihn ist alles Sein durch Mischung und Trennung aus Feuer, Wasser, Luft und Erde entstanden.
Anaximander (etwa 610â545 v. Chr.), Nachfolger des Thales, erkennt das UrsprĂŒnglichste in der Materie selbst. Ihr spricht er unbegrenzte und unendliche Möglichkeiten (apeiron) und die Kraft zu, Unbelebtes und Belebtes aus sich selbst hervorzubringen. Damit ist erstmals der Gedanke des Werdens und der Evolution ins GesprĂ€ch gebracht, und zwar als ein Prozess, der aus sich selbst hervorgeht. Gott ist damit nicht aus dem Spiel, denn der Urstoff wird als das Göttliche identifiziert. Das Göttliche lĂ€sst sich aber nicht als statische GröĂe festmachen, sondern es zeigt sich im Werden als gegenwĂ€rtig.
Neu an diesem Denkansatz der philosophischen NaturerklĂ€rung ist zweierlei: Zum einen ist es der Versuch, die natĂŒrliche Welt aus sich selbst zu erklĂ€ren, ohne dabei auf Gottheiten oder ĂŒbernatĂŒrliche KrĂ€fte zurĂŒckzugreifen. Zum anderen ist hier die WelterklĂ€rung im Unterschied zum religiösen Schöpfungsmythos keine unbefragbare Wahrheit mehr, sondern ein Entwurf, der zur Diskussion steht. Beides richtet sich nicht gegen Religion und Gottesglauben. Es ist aber ein anderer Ansatz, den Ursprung und das Wesen der Welt zu verstehen. Innerhalb dieses Paradigmas sollte im Laufe der abendlĂ€ndischen Geistesgeschichte bis hin zu Hegel noch eine Vielzahl von Modellen zum VerstĂ€ndnis der Welt entworfen werden.
Bereits die alten Kulturen in Mesopotamien und in Ăgypten haben Natur und Himmel beobachtet. Sie waren auch schon in der Lage, Himmelsereignisse vorauszusagen, |65| ihren Ackerbau den Ăberschwemmungen anzupassen, erstaunliche Bauwerke zu errichten, Bier zu brauen, Tote zu konservieren, Hebelgesetze anzuwenden. Ihre Beobachtungen zielten aber nicht darauf, die UrsprĂŒnge und das Wesen der Welt zu verstehen. Sie suchten nach Techniken, um ihr Leben besser, sicherer und bequemer zu gestalten. Die genannten griechischen Philosophen hingegen befassten sich mit der Natur, um Ursprung, Wesen und Bau der Welt zu ergrĂŒnden. Sie experimentierten auch nicht mit der Natur, sondern sie dachten ĂŒber die Natur nach. Dabei dominierte die philosophische Spekulation.
Schritte zu einer Naturwissenschaft
Die ersten Schritte auf dem Weg zum Paradigma einer Naturwissenschaft werden ebenfalls bereits im vorchristlichen Griechenland unternommen. Von Thales an beschĂ€ftigen sich die griechischen Philosophen mit Fragen nach Ursprung und Anfang (archĂ©) des Kosmos oder des Universums, wie wir seit dem 18. Jahrhundert das Weltall als den astronomischen Gesamtkosmos nennen. Philosophie, Theologie, Kosmologie und Naturbetrachtung bilden fĂŒr viele Jahrhunderte eine Einheit. Es ist daher nicht auf Jahr und Person festzulegen, wann und wo sich eine konsequent naturbezogene Denkweise zu verselbststĂ€ndigen beginnt.
Der Philosoph Demokrit (etwa 460â370 v. Chr.) mag hier nur als Beispiel fĂŒr eine neue Denkweise stehen. Sein Grundsatz ist die These, dass sich die physische Wirklichkeit aus Atomen zusammensetzt. Die Atome (von ĂĄtomos/ unteilbar) sind letzte und kleinste Bausteine der Materie. Sie nehmen Raum ein, sind undurchdringlich, sie haben Gewicht, sie sind ewig und unzerstörbar. Ihre Zahl ist unendlich. |66| Alle Atome sind substanziell von gleicher Art, aber verschieden in GröĂe, Form und Anordnung. Da alle Atome von gleicher Art sind, sind auch alle GegenstĂ€nde des Kosmos qualitativ von gleicher Art. Die Dinge sind nur verschieden, weil sie aus verschieden vielen, aus verschieden groĂen, aus verschieden geformten und aus verschieden angeordneten Atomen bestehen. Die QualitĂ€t der Dinge beruht auf den Unterschieden quantitativer Art. Die Welt ist demnach nicht durch Eingriffe von Göttern zu erklĂ€ren. Sie ist streng kausal festgelegt durch die Zahl der Atome und durch die Mechanik, nach der diese sich miteinander verbinden oder voneinander trennen. Die Welt ist somit rational durchschaubar, sobald man sie quantitativ und damit gemÀà der Mechanik erfasst, der sie folgt. Diese quantitativ-mechanistische Naturbetrachtung sollte in der Kulturgeschichte des Abendlandes bis ins 20. Jahrhundert viele AnhĂ€nger finden.
Pythagoras (570â496 v. Chr.), Arzt, Priester und Philosoph aus Samos erklĂ€rt: »Alles ist Zahl«. Er sagt damit: Das Prinzip des Seienden ist nicht der Stoff, sondern die Form. Das Formgebende aber ist die Zahl. Das ist z.B. daran abzulesen, dass bestimmte SaitenlĂ€ngen zu bestimmten Tönen fĂŒhren, die sich in ZahlenverhĂ€ltnissen ausdrĂŒcken lassen. So verhalten sich die SaitenlĂ€ngen von Grundton und Oktave wie 2 : 1. Die Quart verhĂ€lt sich zum Grundton wie 4 : 3, die Quint wie 3 : 2. Der Leitgedanke einer in Zahlen darstellbaren SphĂ€renharmonie bleibt lĂ€nger als zwei Jahrtausende lebendig. Zweieinhalb Jahrtausende nach Pythagoras sieht auch der Physiker Werner Heisenberg (1901â1976) die sinnvolle Ordnung der uns umgebenden Natur in dem mathematischen Kern der Naturgesetze begrĂŒndet.
|67| Solange Sonne und Mond als Götter galten, konnte der Gedanke gar nicht aufkommen, sie als Himmelskörper zu sehen und sie als natĂŒrliche GegenstĂ€nde zu erforschen. Das Ă€nderte sich mit dem Auftreten des ionischen Philosophen Anaxagoras (etwa 500â428 v. Chr.) in Athen. Er bestreitet, dass Sonne und Mond Götter sind, und er versteht die Sonne als glĂŒhenden, den Mond als kalten Steinhaufen. Das trĂ€gt ihm in der Stadt, die allenthalben mit Götterstatuen geschmĂŒckt ist, einen Prozess wegen Gottlosigkeit ein.
Die Gedanken des Anaxagoras und des Pythagoras werden von deren geisti...
Table of contents
- Titelei
- Inhaltsverzeichnis
- HinfĂŒhrung
- Was Christen unter «Schöpfung» verstehen
- Welt in der Sicht der Naturwissenschaften
- Gegeneinander â nebeneinander â miteinander
- Die Basis fĂŒr einen Dialog
- Literaturhiweise
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