Das FlĂŒstern Gottes
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Das FlĂŒstern Gottes

Begegnungen auf inneren Reisen

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Das FlĂŒstern Gottes

Begegnungen auf inneren Reisen

About this book

Gottessuche, GottesnĂ€he, Gotteserfahrungen. Darum geht es Freddy Derwahl, der nicht nur von persönlichen Erlebnissen berichtet. Denn er hat Nonnen, Mönche und Einsiedler besucht, dem nĂ€chtlichen Schweigen hinter den Mauern und in der Natur, dem kaum wahrnehmbaren FlĂŒstern Gottes "zugehört". Mit angemessen leiser doch kraftvoller Stimme lĂ€dt er ein, ihm ins Schweigen zu folgen, das "den großen schöpferischen Pausen des Lebens entspricht". Der Autor nimmt uns mit zu heiligen, aber auch ganz irdischen Orten in Belgien, Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, Algerien, auf dem Berg Athos und in der Ă€gyptischen WĂŒste. In der Ruhe der Worte schenkt er uns RastplĂ€tze des Schweigens, um die Kraft und Freude des Glaubens an Gott mitzuteilen: vor allem den Suchenden, den an ihm Leidenden oder nichts von ihm wissen Wollenden.Zitat"Wenn man das Wesentliche nicht verpassen will, muss man Ja sagen. Ja in das FlĂŒstern Gottes hinein."(Gastschwester Julienne, Karmelkloster Mazille/Burgund)

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Information

Year
2021
eBook ISBN
9783897109575
Die WĂ€lder waren, nach dem gĂŒtigen morgendlichen LĂ€cheln meiner Mutter, mein erstes Erlebnis auf Erden. Eine Mischung aus Freiheit und Furcht. An sich eine Gotteserfahrung. Ich spĂŒrte große Stille, große Weite. An den RĂ€ndern verbreitete die Moorlandschaft des Hohen Venn eine Ahnung von Abenteuer, eine Sehnsucht nach NĂ€he und Ferne. Vielleicht sogar nach mehr. Sie bleibt fĂŒr immer.

1. In den WĂ€ldern

Dem Wald war nicht zu trauen. Finster verlief seine Grenze dicht am Rand der ostbelgischen Stadt Eupen. Sie lag vor den WĂ€ldern, es war nur eine kleine Distanz, doch herrschte Spannung. Die Tannen standen hoch aufgerichtet, fast eine Wand, auf die man schaute, und manchmal war es, als starrten daraus Augen zurĂŒck. Nachts vermischte sich ihre Front mit dunklen Wolken oder dem Sternenhimmel. Kamen die StĂŒrme, wurden sie bedrohlicher, fiel das Mondlicht auf die Zweige, glich der Schein einem unheimlichen Signal aus der Höhe. Eine BlockhĂŒtte stand einsam beim Dickicht, eine Kanzel beugte sich zwischen alten Buchen ĂŒber dem Abhang, unten im Tal rauschte der Fluss, die Hill. Ihr Name klang hell und schnell, ihre Quelle lag oben im Moor, nahe einer alten Römerstraße im Hohen Venn. Andere Reviere, Wege und BachlĂ€ufe hießen Eiterbach, Blutacker oder SchwĂ€rzfeld, Unruhe stiftende Namen. Sie haben meine Kindheit geprĂ€gt, da war schon frĂŒh ein Herzklopfen, vom Wald ausgelöst, zugleich Wildnis und MĂ€rchenwald, Zuflucht und Verlies, großer Respekt.
Unsere WĂ€lder reichten bis tief hinab in die Vogesen und erstreckten sich immer mĂ€chtiger ĂŒber die Ardennen, bis sie an der belgisch-deutschen Grenze in ein grĂŒnes, nahezu heiteres Wiesen- und Heckenland ĂŒbergingen. Bei den Wanderungen der Jugendgruppe machten wir uns das, was wir als HeimtĂŒcke gefĂŒrchtet hatten, vertraut. Doch als FĂ€lle von Freitod an der Talsperren-Mauer bekannt wurden, die Mordkommission nach Gewaltverbrechern fahndete und unter Einsatz von MilitĂ€r im winterlichen Wald Verirrte gesucht wurden, kehrte das GefĂ€hrliche dieser Landschaft zurĂŒck. Zwei Kinder verliefen sich im Hilltal und wurden erst nach Tagen von einem HolzfĂ€ller entdeckt. Zugeschneite Höfe mussten mit einem Nothubschrauber versorgt werden, die Tollwut der FĂŒchse und die Wildschweinpest brachen aus.
Schlimmer als der „Schwarze Mann“ war die Weite der WĂ€lder. Als ein verheerender Brand in einer Sommernacht große FlĂ€chen vernichtete, waren die FeuerwĂ€nde, wie ein Fanal, bis auf der Straße Kaiser Karls des Großen von Aachen nach LĂŒttich sichtbar. Das Wild flĂŒchtete in die tieferen Reviere. Die Gefahr blieb bis zum nĂ€chsten starken Regen bestehen, jederzeit konnte der Wind die Funken im glĂŒhenden Torfboden wieder anfachen.
Als letztes Jahr erstmals ein Wolf im Großen Moor auftauchte, löste das Bild, das einem Meister-fotografen gelungen war, einen Schock aus. Tief in den Menschen dieser Landschaft sitzt immer noch eine Spur jener Furcht aus Kindertagen, die ihnen von den MĂ€rchen der BrĂŒder Grimm und von alten Legenden eingeflĂŒstert wurde. Der Mythos Wolf verkörperte alles, was man sich hier an drohender Gefahr vorstellen konnte.
Doch war da auch eine völlig andere Seite, die in den Bann zog: die Schönheit, die Stille und UnberĂŒhrtheit der WĂ€lder. Wer den Weg unter den Buchen des Soortales hinauf stieg, spĂŒrte den Hauch einer anderen Zeit. Auf federndem Boden ging es ins Weglose. Das Pfeifengras im Hohen Venn bog sich im Herbstwind ockerfarben wie Savanne. Heidekraut und Birken sĂ€umten die Uferpfade. Pilze, Blau- und Preiselbeeren wurden gesammelt. In den GrĂ€ben sickerte das rote Torfwasser. Im spĂ€ten November fiel der erste Schnee und verwandelte die unsichere Landschaft in einen glitzernden Hinterhalt. Kam Nebel auf, verschwand die Welt. Ging am Kreuz der Verlobten die Sonne unter, tauchte sie die StĂ€tte des tragischen Todes eines jungen Paares in das Licht eines sakralen Ortes. Im FrĂŒhjahr blĂŒhten Narzissen und Wollgras. Dann wagte sich das junge Rotwild aus dem Dickicht, beim geringsten GerĂ€usch die Lauscher gespitzt, die feuchten Riecher in die Windrichtung, die nicht trog und die Muttertiere mit ihren Kitzen in eleganten, federleichten SprĂŒngen zurĂŒck in die Verstecke trieb. Die Stille kehrte zurĂŒck und nur noch die VennbĂ€che, die von der ehemaligen Baraque Michel und der Eifelgrenze zu Tal eilten, verrieten mit ihrem monotonen Rauschen die Wegstrecke. Ihr im Altweibersommer zu folgen, war ein grandioses Erlebnis, die WaldgĂ€nge fĂŒhrten auf Holzwegen ins Unbegangene.
Die Stille der WĂ€lder war gewaltig. Sie wirkte wie ein Schock. Auch ihr traute man alles zu, so als beginne an ihren Nahtstellen ein unheimlicher Bezirk. Unsere Kinderphantasie malte sich darin eine rĂŒckzugslose Tiefe aus, die Welt hatte ihr letztes Wort gesprochen. Kein Wort mehr, kein Wort. Selbst wenn die hohen Tannen eine Handbreit Himmel freigaben, auf dem der Kondensstreifen eines Flugzeugs verkĂŒmmerte, drang der DĂŒsenlĂ€rm nicht bis in die Tiefe. Am Rand des Verlorenseins nur Waldesstille, die im Spiel des Windes ihre tieferen Schichten preisgab. Noch ein Grillengezirp, noch ein Fliegenschwarm, ein stĂŒrzendes Blatt, dann ergriff die Stille radikal Besitz.
Es herrschte das Reich einer Verborgenheit, die alles zulĂ€sst. So waren die MordfĂ€lle, die manchmal erst nach Monaten aufgedeckt wurden, von bestĂŒrzender Grausamkeit, ĂŒberfallartig wurde erstochen und erschlagen, selten fiel ein Schuss, er hĂ€tte verraten. Auch ließen sich die TĂ€ter in der Abgeschiedenheit Zeit, um ihre Spuren zu verwischen, manche Leiche wurde erst durch ihren Verwesungsgeruch tief im Unterholz entdeckt. Wer hier dieser Untaten gedenkt, spĂŒrt Unruhe, vielleicht ist man selbst ein lĂ€ngst erspĂ€htes Opfer, vielleicht grinst drĂŒben hinter den mĂ€chtigen BĂ€umen bereits das Böse mit geschliffener Waffe.
Als ich bei Hemingway las, die WĂ€lder seien „Gottes erste Kirchen“, habe ich das als eine starke BestĂ€tigung empfunden. Da war eine AnnĂ€herung an das Mysteriöse. Die hohen Buchen erschienen wie gotische SĂ€ulen abendlĂ€ndischer Kathedralen, die Sonne im Blattwerk wie das Leuchten vor dem Allerheiligsten. Ich war glĂŒcklich zu spĂŒren, dass es nur Gott sein konnte, der seine Hand im Spiel hatte. Es war ein Gott der Urzeiten, der an der geduldigen Stille unserer Kirchen Gefallen fand. Hier herrschte die Macht seiner NĂ€he, das Verborgene und das Weite, das im Dunkel glĂŒhende Heilige. Die WĂ€lder waren voller Gottesspuren. Stille als biblisches Zeichen: Wie vor dem brennenden Dornbusch. Die VerklĂ€rung reichte bis in die Geschichte des Elias zurĂŒck, dem ein „sanftes verschwindendes SĂ€useln“ blieb, als Gott an seiner Höhle vorĂŒberzog. Jesus ist im Schutz der Nacht auf den Berg Tabor in GalilĂ€a gestiegen um zu beten. Welch erschĂŒtternde Szene: Der Sohn Gottes will nichts als die Stille und zieht sich in sein Eigenes zurĂŒck.
Mariawald war meine erste Liebe. Bereits mit 14 wollte ich in die strenge Trappistenabtei in der Eifel eintreten. Der einzige Beweggrund war nach schmerzlichen Todeserfahrungen die Losung „Gott allein“. Die Angst vor einem Leben ohne Gott hatte diese extreme Neigung ausgelöst. Nichts schien mich aufzuhalten. Ich wollte gleich dahin aufbrechen. Es sollte anders kommen, doch die Sehnsucht blieb und das Kloster ein existenzieller Ort.

2. Mariawald

Der Name des einzigen deutschen Trappistenklosters, Mariawald, schloss sich den frĂŒhen Walderlebnissen nahtlos an. Die Kindheit war zu Ende gegangen, der Wald als Gotteszeichen, tief und mysteriös, jedoch geblieben. Maria stand fĂŒr das stille Unbegangene, sie trat weihnachtlich aus dem Dornwald, er trug ihren Namen. Die hinter hohen Mauern lebenden Schweigemönche verbreiteten wie die finsteren Reviere leise Schrecken und Faszination. Nur hinter einem hohen Gitter konnte man sie sehen, wenn sie in einer langen Prozession die Kirche verließen; manche mit dem runden Haarkranz der Tonsuren auf dem kahlen SchĂ€del oder mit hochgezogenen spitzen Kapuzen. Es war wie eine Mischung aus dem geheimbĂŒndlerischen Ku-Klux-Klan und der martialischen Fremdenlegion. Kamen oder gingen sie, brannten am Hochalter Kerzen. Die Glocke schlug heftig, sie hatte etwas Alarmierendes, wie eine Sturmwarnung.
Alles schien riskant, doch habe ich mich daran nicht satt sehen können. Noch war keine Ahnung vom eigentlichen Sinn dieser liturgischen Choreografie, doch vermittelte sie das Bild einer geschlossenen und entschlossenen MĂ€nnergemeinschaft, die couragiert aus der Welt trat. Meine Eltern, die uns zum Sonntagsausflug in die Abtei mitnahmen, hielten die Mönche fĂŒr „verrĂŒckt“; es empörte mich, sie hatten nichts verstanden. Auch ich „verstand“ nicht viel, doch schlimmer, da war eine Ahnung, milde und unheimlich zugleich, sie provozierte Ă€ngstliches Staunen und zog zugleich mĂ€chtig an. Leise bebte die Erde, als ziehe der Schatten Gottes vorĂŒber.
Auf der Eifelstraße, vom Rursee nach Monschau, habe ich mich noch Jahrzehnte spĂ€ter nach dem schon fernen Kermeter-Hochwald umgesehen, aus dessen Tannen die weiße Front der Abteikirche von Mariawald herausstach. Wald und See waren dunkel, das weiße GemĂ€uer strahlend rein. Ein flackernder Stern in finsterer Nacht, von der Welt umschlossen, blieb er sichtbar. Das demĂŒtige Licht hatte etwas mit Treue zu tun, es konnte nur die Treue Gottes sein: „FĂŒrchtet euch nicht!“
Als ich wĂ€hrend der Genesung nach einer Masernerkrankung im Sammelsurium einer alten Pralinenschachtel die BroschĂŒre „Die weißen Mönche von Mariawald“ entdeckte, sollte dies weitgehende Folgen haben, denn der Autor, P. Andreas Schmidt, gab als Grund fĂŒr dieses „verrĂŒckte“ Leben nur zwei Worte an: „Gott allein“. Es war ein Schock und eine lebenslĂ€ngliche Offenbarung. Ich war damals 12, doch wirken die beiden Worte noch immer. Dass eine RadikalitĂ€t ĂŒber mich hereinbrach, von deren Höhen und AbstĂŒrzen ich keine Ahnung hatte, liegt in dieser Offenbarung Gottes begrĂŒndet. Wer sich auf sie einlĂ€sst oder es zumindest versucht, wird es weit bringen, auch dahin, wohin er nicht will. Kindliche Ängste hatten bisher mein Leben ĂŒberschattet, vor allem der Tod erschĂŒtterte mich, nachdem ich meine Großmutter, die ich ĂŒber alles liebte, aufgebahrt im Sarg gesehen hatte. All ihre GĂŒte blass und erstarrt, die KrĂ€nze, Tannengeruch, da war er wieder, der Wald. „Gott allein“ blieb der einzige Ausweg, die Rettung.
Julien Greene, der selbst in die NĂ€he des Mönchtums geraten war, schrieb dazu in seinem Tagebuch „Was an Tagen noch bleibt“ den erschĂŒtternden Satz: „Wer berufen ist, bleibt berufen, weil er dem Ruf nicht gefolgt ist.“ Worte, die mein Leben begleiten, fast ein Verdikt, doch so ist die Erinnerung an erste Liebe. Sie ist schmerzlich und schön zugleich, kein Verrat gibt sie preis, leise wie sie kommt, verschwindet sie wieder. Ich war der Heftigkeit dieser Liebe nicht gewachsen und doch nicht ganz von ihr verlassen. Die Formen Ă€nderten sich, das Eigentliche blieb. Sie war reines Geschenk, Gott nimmt seine Geschenke nicht zurĂŒck, er verwandelt sie fĂŒr andere Feste.
Mein Wunsch, dem Ruf der Trappisten von Mariawald zu folgen, stieß auf den heftigen Widerstand meiner Eltern. Meine Mutter weinte bitterlich und verkĂŒndete ihren baldigen Tod. Mein Vater ging energisch vor, verbot mir jeden Kontakt und zensierte meine LektĂŒre. Es waren schlimme junge Jahre. Keine Gebete, keine Aussprache halfen, uns gemeinsam waren nur die TrĂ€nen. Etwas Fremdes war zwischen uns getreten, es verlangte einen anderen Frieden. Als ich das Risiko einging, mich 16-jĂ€hrig fĂŒr drei Tage aus einem Jugendlager zu entfernen und per Anhalter 50 Kilometer zur Abtei Mariawald zu fahren, blieb dieses Abenteuer lange unbemerkt. Das letzte StĂŒck fĂŒhrte zu Fuß durch den Wald und wie in der Kindheit fĂŒrchtete ich hinter jeder Wegbiegung die plötzliche Begegnung mit dem Schrecken. Doch dann lichtete sich das Dickicht und gab den Blick frei auf die weiße Klostermauer: Ankunft, Stunde des GlĂŒcks.
Ich folgte der Heiligen Messe und den Nachtwachen von der Empore, schuftete mit den Novizen im Heustall, erzĂ€hlte den Oberen meine sonderbare Geschichte. Sie lĂ€chelten ĂŒber mein Alter und empfahlen demĂŒtige Geduld. Die mich tief prĂ€gende Szene war ein Novize, der sich auf den Boden vor einer Kreuzwegstation hingeworfen hatte. Sie fasste alles zusammen, was ich mir unter diesem Leben vorstellte: radikale Hingabe an den „Gott allein“. Andere Entdeckungen bargen weiter den Zwiespalt meines Waldgangs, Staunen, leise Furcht, Faszination: die mit StrohhĂŒten im GĂ€nseschritt zur Feldarbeit ziehenden Mönche; ihre ĂŒberlebensgroßen Schatten kurz vor drei Uhr im Kreuzgang unterwegs zum Nachtoffizium; die anschließenden stillen Messen im Halbdunkel der Seitenkapellen; die sich in braunen Kutten vor dem Abt tief verbeugenden BrĂŒder; die Stundengebete und ihr melodisches Summen. Besonders erschrak, dass sich die Mönche freitags nach der Vigil in ihren in einem nach oben geöffneten Schlafsaal befindlichen Zellen selbst geißelten. Der Novizenmeister nannte es „Disziplin“ und sagte: „Es fließt kein Blut dabei.“ Hier herrschte militĂ€rische HĂ€rte. Sie ĂŒbten sich in einer Strenge, als wollten sie Gottes NĂ€he erzwingen.
Erst zur Nacht, die bereits um 19.30 Uhr begann, löste sich die Strenge beim Gesang des „Salve Regina“. Es ist ein flehentlicher Ruf an die „Mutter der Barmherzigkeit“. Alle Lichter erloschen, allein vor der Madonna flackerte eine Kerze. Da waren im zĂ€rtlichen gregorianischen Gesang die Worte vom „Weinen und Klagen im Tal der TrĂ€nen“. Ein letzter Gruß an „unsere Frau der Hoffnung“, sie möge „uns nach diesem Elend Jesus zeigen“. In allen Klöstern des Ordens endet mit diesem Ritual der Tag. Die Nacht ist gekommen, die Stunde der Sehnsucht.
In der Eupener Marienkirche habe ich an einem Winterabend gebetet fĂŒr die Erlaubnis, in Mariawald einzutreten. Vielleicht war es das glĂŒhendste Gebet meines jungen Lebens. Solche Gebete werden immer erhört, doch manchmal nicht auf die Weise, wie wir es uns vorgestellt haben. Die Erlaubnis der Eltern ist nie erfolgt, als sie starben, war es zu spĂ€t. Die Gnade wartet nicht, sie kehrt auf anderen Wegen zurĂŒck. Ich trat in ein Leben mit einem Riss, der so tief ging, dass er nie mehr ganz heilen wĂŒrde. Was immer auch geschah, wohin ich mich auch von dieser Sehnsucht entfernte, sie kam still und leise zurĂŒck. Viel wichtiger als das Schweigen und die strengen Observanzen der Trappisten blieb die Losung „Gott allein“. Ich hatte noch zu lernen, dass sie auf andere Weise auch in der tobenden Welt unsere Herzen berĂŒhrt.
Der Kathedrale von Chartres darf man alles zutrauen. AlljĂ€hrlich machen sich in Paris tausende Jugendliche auf den Weg. „Nur noch die FĂŒĂŸe beten“, schrieb der NobelpreistrĂ€ger François Mauriac. Tief unten in der Krypta befindet sich die „Schwarze Madonna“. Wir gehörten zur jungen 68er Generation und trugen Kreuze, die Studentinnen flochten Feldblumen in ihr Haar. Nicht Bob Dylan sang, wir sangen Marienlieder.

3. Chartres

Das Pfingstwochenende 1969 war in Paris ein Ereignis. 15.000 Studentinnen und Studenten versammelten sich in der FrĂŒhe vor dem Bahnhof Montparnasse. Die Barrikaden des putschartigen Monats Mai des Vorjahres waren noch nicht vergessen, und doch schien alles ganz anders. Keine Demonstranten skandierten auf den Straßen, keine roten Fahnen und weltrevolutionĂ€ren SpruchbĂ€nder. Keine „Internationale“ erschallte, niemand erhob die Faust. Weder Schlagstöcke noch Wasserwerfer, noch TrĂ€nengas. Es war kein Aufmarsch, sondern eine friedliche Abfahrt im Regionalzug, der die Wartenden hinĂŒber nach Palaiseau ins DĂ©partement Essone bringen sollte, dem Wohnort des Dichters Charles PĂ©guy. Er war hier im Sommer 1913 zu einem Abenteuer aufgebrochen, das ĂŒber ein Jahrhundert hinaus Folgen haben sollte. PĂ©guy hatte ein GelĂŒbde fĂŒr die Heilung seines schwer kranken Sohnes abgelegt und pilgerte zur Schwarzen Madonna in der Kathedrale von Chartres. 100 Kilometer in glĂŒhender Hitze, vier Tage hin und zurĂŒck ĂŒber Nationalstraßen, DorfplĂ€tze und Bauernpfade. Es war ein erschĂŒtternder Pilgerweg in der Einsamkeit. Bald danach brachen befreundete Dichter und KĂŒnstler auf. Es folgten das junge Frankreich und seine europĂ€ischen Freunde.
PĂ©guy war einer der ersten, der im September 1914 in der Marneschlacht durch einen Kopfschuss fiel. Erst wenige Monate zuvor hatte er die Sakramente empfangen. Sein Tod löste nach dem Krieg neue Chartres-Wanderungen aus, der sich immer mehr Menschen anschlossen. Vor allem die Studenten der keineswegs religiös engagierten Sorbonne-UniversitĂ€t machten sich auf den langen Weg. Es herrschte Umbruchzeit: Die kurze, dramatische Lebensgeschichte des Dichters rĂŒttelte auf, seine poetischen Hymnen an die Muttergottes von Chartres kannten die jungen Menschen auswendig, sie trafen auf eine labile Ruhe. Da waren die kaum beendeten Materialschlachten und die Milde der Muttergottes, die frischen GrĂ€ber der Soldatenfriedhöfe und dann die appellierenden Marienlieder, „jetzt und in der Stunde unseres Todes“. Damals wie heute waren junge Menschen unterwegs, statt Waffen trugen sie Kreuze und Kornblumen. Über die wogenden Felder der Beauce fuhr der heiße Wind.
Die Herzen waren aufgewĂŒhlt und ringsum in der weltanschaulich umkĂ€mpften Literatur hatte eine kaum fĂŒr möglich gehaltene Bewegung begonnen, die „Katholische Erneuerung“ genannt wurde. Die Philosophen Henri Bergson und Jacques Maritain bereiteten das Feld gegen die kirchenfeindlichen Propheten der AufklĂ€rung. Sie kĂ€mpften um das Herz des Menschen, das Wesen der Person gegen die alles erklĂ€rende Wissenschaft. Es kam zu Aufsehen erregenden Konversionen: LĂ©on Bloy, Ernest Psichari, dann geriet der verarmte Sozialist Charles PĂ©guy in den Sog wie schon zuvor Jan-Yoris Huysmans und bald Paul Claudel, Georges Bernanos, François Mauriac, Julien Greene oder auch der Maler Georges Rouault.
Wenn man es kritisch bedenkt, herrscht...

Table of contents

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Inhaltsverzeichnis
  5. Vorwort
  6. 1. In den WĂ€ldern
  7. 2. Mariawald
  8. 3. Chartres
  9. 4. Der Einsiedler im Kastanienwald
  10. 5. Athos, der Heilige Berg
  11. 6. Der Versöhner FrÚre Roger
  12. 7. Stille Tage in Mazille
  13. 8. Gott hat mich gesucht
  14. 9. Auf jedem Sarg lag eine Rose
  15. 10. Stille Audienz beim schwarzen Papst
  16. 11. Unterwegs mit Anselm GrĂŒn
  17. 12. Die ZĂ€rtlichkeit einer Frau
  18. 13. Hingeworfen am Ende der Nacht
  19. 14. Über die HöllenbrĂŒcke der Jakobspilger
  20. 15. Der nackte Fuß der SĂŒnderin
  21. 16. Die Nacht mit Isaak dem Syrer
  22. 17. Der letzte Ritter von Ujué
  23. 18. Ihre leuchtenden Augen
  24. 19. Martin Luther und Mutter Oberin
  25. 20. Gott blĂŒht durch Überraschungen
  26. 21. Die BohĂšme und der heilige Paulus
  27. 22. Makarios und das leere Meer
  28. 23. Winternacht in der Kartause
  29. 24. Am Grab des Freundes
  30. 25. Zum Schluss: Die heilige Stille

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