Geistlicher und sexueller Machtmissbrauch in der katholischen Kirche
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Geistlicher und sexueller Machtmissbrauch in der katholischen Kirche

About this book

Missbrauch ist immer Missbrauch von Macht.Als sexualisierte Gewalt geschieht er an vielen Orten, auf eigene Weise in der katholischen Kirche. Dabei drĂ€ngt sich in wachsendem Maße die Frage nach spezifisch geistlichem Missbrauch auf. Denn viele Betroffene schildern sexualisierte Gewalt, ohne dass sich diese fĂŒr sie zwingend mit geistlichem Missbrauch verbunden hĂ€tte, wĂ€hrend andere in ihrer spirituellen Selbstbestimmung Verletzungen und Gewalt erfahren haben, die nicht mit sexuellen Übergriffen einhergingen.Gleichwohl sind geistlicher und sexueller Machtmissbrauch oft sehr eng miteinander verwoben. In diesem Buch geht es daher um beides: um die Frage, was Machtmissbrauch zu einem geistlichen macht und welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind; um sexualisierte Gewalt und die Aufgabe, den Schutz von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen weltkirchlich und weltweit zu gewĂ€hrleisten.

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Information

Publisher
Echter
Year
2021
Print ISBN
9783429056070
eBook ISBN
9783429065294
Sexueller Missbrauch an Kindern, Jugendlichen und erwachsenen Schutzbefohlenen
Tatorte – SĂŒndenböcke – Fragen an Kirche und Theologie – Antwortversuche
1. Ein paar leise Töne zu Beginn
In meiner Heimatregion hat sexueller Missbrauch Kirche und Gesellschaft erschĂŒttert, und diese ErschĂŒtterung hĂ€lt weiter an, nicht nur in Deutschland – unter den Opfern in erster Linie, aber nicht allein bei ihnen, denn dank dieser ErschĂŒtterung setzen sich auch Menschen, die nicht selber sexuellem Missbrauch zum Opfer gefallen sind, damit auseinander.
Sexuelle Gewalt widerfĂ€hrt Kindern und Jugendlichen vorwiegend in ihren eigenen Familien – bis heute. Zugleich sind unter den TĂ€tern katholische Priester – in einem bisher massiv unterschĂ€tzten Ausmaß. Ich gehe fest davon aus, dass gerade die Kirchen sich damit noch lange werden befassen mĂŒssen, zumal dann, wenn ich mich den damit zusammenhĂ€ngenden Fragen weltkirchlich nĂ€here: Als LĂ€nder des Bösen outeten sich zunĂ€chst die USA, Irland und Deutschland, seit 2010 kamen viele weitere hinzu, beispielsweise Chile, aber weltweit werden weitere EnthĂŒllungen folgen – mit dramatischen Folgen und bedrĂ€ngenden Fragen, die gestellt werden mĂŒssen und denen wir uns stellen mĂŒssen.
Angesichts international verbreiteter sexueller Gewalt48 darf die Sorge um die Opfer nicht unter der Hand wieder der Sorge um die Kirche weichen, braucht die vielfach geforderte Kultur des Hinschauens und Hinhörens weiterhin Pflege. Als Kirche kommen wir unserem Auftrag nach, wenn wir mit der Option fĂŒr die Armen, Traumatisierten und Ausgestoßenen Ernst machen. Diesem Auftrag nachzukommen ist erst recht dann unsere Pflicht, wenn die Kirche diese Armen, Traumatisierten und Ausgestoßenen selber produziert hat. Wer nur den Imageschaden der Kirche im Blick hat, verfehlt die Opfer.
Gewiss braucht es LĂ€uterung und Erneuerung aus der Kraft des Heiligen Geistes. Aber die zu hĂ€ufig geschwungene Rede von Krisen als Chancen und von einem Neuanfang, der fĂŒr Opfer wie Hohn klingen muss, weil sie nie neu anfangen können, erscheint mir unpassend, ja gefĂ€hrlich, wenn sie aus der gegebenen ErschĂŒtterung heraus den allmĂ€hlichen Übergang zur gewohnten kirchlichen Tagesordnung einlĂ€uten soll, den es nicht geben kann und nicht geben darf. Vieles davon klingt in meinen Ohren eher wie verzweifelte Kraftmeierei in kirchlich grauenvoller Zeit. Ich schlage lieber leisere Töne an.
Worauf ich abziele, kĂŒndigen die vier Stichworte im Untertitel an: zunĂ€chst auf Tatorte, also darauf, die Opfer ins Zentrum der Auseinandersetzung zu rĂŒcken, die TĂ€ter aus der Deckung zu holen und fĂŒr Missbrauch zu sensibilisieren; sodann auf SĂŒndenböcke, nach denen Schuldbeladene gern Ausschau halten; auf Fragen an Kirche und Theologie, denn die EnthĂŒllungen der letzten Jahre machen auch eine Auseinandersetzung mit der SĂŒndigkeit der Kirche unumgĂ€nglich; schließlich auf Antwortversuche, also auf LösungsansĂ€tze fĂŒr strukturelle Problemlagen und darauf, insbesondere kirchlichen VerĂ€nderungsbedarf selbstkritisch zu benennen.
Mit anderen Worten geht es um die drÀngende und bedrÀngende Aufgabe, den Schutz von Kindern und Jugendlichen, aber auch von erwachsenen Schutzbefohlenen weltkirchlich und weltweit wahr zu machen.
2. Elternhaus, Pfarrhaus, Schulhaus – Tatorte sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen
2.1 Missbrauch und Gewalt
Formen sexualisierter Gewalt erfahren in Deutschland etwa 15–20% der MĂ€dchen und etwa 5–10% der Jungen.49 Die landlĂ€ufige Rede vom sexuellen Missbrauch lĂ€sst fĂ€lschlicherweise vermuten, es gebe einen legitimen sexuellen Gebrauch von Kindern. Darum spreche ich von Gewalt, die maximal in jedem dritten Fall jener böse Fremde ausĂŒbt, der seine ahnungslosen Opfer von der Straße lockt und ins GebĂŒsch zieht. Mehrheitlich hingegen stammt der TĂ€ter aus der Familie50 des Kindes oder zumindest aus ihrem nĂ€chsten Umfeld: sei es der Vater, der Stiefvater oder der Großvater, sei es ein vĂ€terlicher »Freund«; und in einem von zehn FĂ€llen ist der TĂ€ter eine Frau.
Findet sexuelle Gewalt außerhalb der Familie statt, können die Opfer zumindest im vertrauten Klima ihrer Eltern und Geschwister Zuflucht suchen angesichts mitunter schwerer Grenzverletzungen, die ihnen anderswo angetan wurden. Findet sexuelle Gewalt aber innerhalb der Familie statt – meist ĂŒber Jahre hinweg –, wird diese selbst zum Tatort. MachtgefĂ€lle51, wie sie gesellschaftlich zwischen Starken und Schwachen, Großen und Kleinen, MĂ€nnern und Frauen vorherrschen, kulminieren innerhalb einer Familie auf tragische Weise in einem VerhĂ€ltnis von Vater und Tochter, in welchem der Vater seine Macht und das Vertrauen seiner Tochter zu seiner eigenen Befriedigung missbraucht. So umschriebene sexuelle Gewalt tritt in der Vater-Tochter-Beziehung am hĂ€ufigsten und am krassesten auf.
EinwĂŒrfe wie »Ein normales Kind wehrt sich« verkennen die Lage gĂ€nzlich: Normal ist allenfalls, dass kleine MĂ€dchen sich nicht wehren können, sondern das entsetzliche »Geheimnis« sexueller Übergriffe schweigend bewahren, weil sie auf die Beziehung zum Vater angewiesen sind, den Bestand der Familie nicht gefĂ€hrden wollen und oft gar nicht wissen können, dass es in anderen Familien anders zugeht. Sexuelle Gewalt durch den eigenen Vater kommt einem Totalangriff auf das Menschsein eines MĂ€dchens gleich – und lĂ€sst sich darum treffend als Seelenmord52 bezeichnen.
2.2 Sexuelle Gewalt in der Familie
Solche Tatortfamilien53 fallen sozial nicht auf und schotten sich mit ihrem Innenleben nach außen hin ab. Schichtspezifika lassen sich nicht feststellen. Die Binnenkonstellation aber zeigt oft einige Charakteristika: einen auffĂ€llig bedĂŒrftigen Vater in problematischer Beziehung zu einer Mutter, die sich von ihm zurĂŒckzieht; einen Vater mit schwach ausgeprĂ€gtem SelbstwertgefĂŒhl, der sexuelle AktivitĂ€ten braucht, um sich stark zu fĂŒhlen, dessen Ideale und Ängste es ihm aber verbieten, dafĂŒr den familiĂ€ren Rahmen zu sprengen, und eine Tochter, die ihn idealisiert – und welche Tochter tut dies nicht wenigstens eine Zeitlang?; eine Mutter, die nichts sieht oder sehen will, möglicherweise selbst Opfer sexueller Gewalt war und darum blind und fĂŒhllos ist fĂŒr das, was ihrem Kind geschieht. Vater und Tochter bilden eine dĂŒstere Koalition der von der Mutter Verlassenen und EnttĂ€uschten.
Das chronisch ĂŒberforderte und gedemĂŒtigte MĂ€dchen entwickelt heftige SchuldgefĂŒhle54, weil es seiner Mutter nicht gerecht werden kann, dem Vater schon gar nicht, sich selbst auch nicht, also allen etwas schuldig bleibt. Schon darum zeigt sich das MĂ€dchen nach außen hin in höchstem Maße solidarisch mit allen Mitgliedern seiner Familie. Es gewĂ€hrt keinen Einblick ins Familieninnenleben und erschwert damit massiv den Zugang zum Tatort.
Eine solche Familie gleicht einer Festung, die sich von Feinden umgeben fĂŒhlt – das Böse lauert ja allenfalls draußen – und innerhalb dieser starren Außengrenzen keine zwischenmenschlichen Grenzen kennt.
Das Kind ist am stĂ€rksten von SchuldgefĂŒhlen geplagt – doch trifft gerade es keine Schuld. Ist also der Vater schuld? Schließlich ist er der TĂ€ter! Oder die Mutter? Denn sie hat den Vater zurĂŒckgestoßen und ihr Kind nicht vor ihm geschĂŒtzt.
Dabei sind die Eltern eines Opfers nicht selten selbst Opfer sexueller Gewalt. Sie können das Unrecht, das sie ihren Kindern antun, dann kaum wahrnehmen. VĂ€ter, die selbst Gewaltopfer sind, werden leichter als andere zu TĂ€tern. 55 MĂŒtter, die ihrerseits Opfer sexueller Gewalt sind, suchen sich auf unbewusster Ebene oft wiederum »TĂ€ter« als MĂ€nner, bleiben also Opfer. Sie sehen nicht, was ihrem Kind geschieht, weil sie diesen Sachverhalt vor sich selbst fernhalten. Solche Elternpaare können ihre Beziehung und die Erziehung ihrer Kinder kaum gelingend gestalten. Sie vermögen ihren Nachkommen nicht zu geben, womit diese sich nĂ€hren können, denn solche Eltern sind selbst Hungernde und fĂŒhlen sich als Zukurzgekommene. Seelenmord anzugehen heißt zunĂ€chst, ihn in SchuldzusammenhĂ€ngen zu entdecken.
2.3 Symptomatik bei Seelenmord
Ein BĂŒndel von Symptomen, die bei Opfern sexueller Gewalt in unterschiedlicher Gewichtung frĂŒher oder spĂ€ter auftreten, fĂŒhre ich an: depressive Verstimmungen, scheinbar »grundloses« Weinen; SchuldgefĂŒhle, die das Opfer auf sich nimmt, um sich das gute Bild vom eigenen Vater trotz allem erhalten zu können; umfassende SchamgefĂŒhle, die am betroffenen MĂ€dchen kleben wie die HĂ€nde des GewalttĂ€ters; Verachtung gegen den eigenen – geschĂ€ndeten – Leib, in dem es sich lebt wie im Exil; selbstzerstörerische Handlungen bis hin zu SelbstverstĂŒmmelungen und Suizidfantasien; körperliche und seelische Verletzungen sowie LĂ€hmungserscheinungen; auffĂ€llige GefĂŒgigkeit, der Eindruck, verraten und gebrochen zu sein; RĂŒckzug von Gleichaltrigen, das GefĂŒhl, nicht dazuzugehören, und ein Sich-unwirklich-Vorkommen.
Betroffene blenden ganze Kindheitsphasen aus, mit denen sie keinerlei Erinnerung verbinden. Auf fatale Weise scheint sich zu bestĂ€tigen, was TĂ€ter gern glauben: dass Kinder sowieso vergessen. Sie entwickeln jedoch stark konflikthafte Beziehungen, die von massiven Ambivalenzen geprĂ€gt sind. Ferner kommt es zur Sexualisierung, also zur sexuellen Aufladung von nichtsexuellen Beziehungen, zu Verquickungen von SexualitĂ€t und Gewalt sowie zu dem PhĂ€nomen, dass sexuelle Kontakte vorrangig mit fremden Menschen möglich werden – bis hin zur Prostitution. So lassen sich AbhĂ€ngigkeiten gegenĂŒber emotional Nahestehenden wie dem Vater fortan vermeiden. Oft sind es ĂŒberfallartig auftretende Flashbacks im jungen Erwachsenenalter, also plötzlich einsetzende sensorische Erinnerungen an bislang verdrĂ€ngte Gewalterfahrungen, vor deren Aufdeckung sich das Kind seither um seines bloßen Überlebens willen schĂŒtzen musste. Diese »GedĂ€chtnisfetzen« bringen einen sehr schmerzhaften Prozess in Gang, den Betroffene niemals allein bewĂ€ltigen können. Professionelle UnterstĂŒtzung ist unerlĂ€sslich. Welche Formen des Beistands sind aus praktischer Erfahrung hilfreich? Ist Versöhnung – etwa mit der eigenen Geschichte – ĂŒberhaupt möglich?
2.4 Möglichkeit und Unmöglichkeit von Versöhnung
Einander-Verzeihen und Sich-miteinander-Versöhnen sind zentrale, aber praktisch nicht oder nur sehr schwer erreichbare Ziele im Umgang von TĂ€ter und Opfer. Dabei darf der Wunsch nach Versöhnung56 das Opfer nicht des Rechts berauben, Wut zu empfinden und zu artikulieren sowie Rachefantasien zu entwickeln. Einige Fragen tauchen auf: Kann ein Mensch ĂŒberhaupt jemandem verzeihen, der ihm die Lebensgrundlage weggezogen hat, der Seelenmord an ihm begangen hat? Kann ein Mensch seiner Mutter verzeihen, die ihn davor nicht bewahrt hat? Kann ein Mensch seinem Vater verzeihen, der seine Taten möglicherweise selbst verdrĂ€ngt hat und dem es an Einsicht in seine Schuld fehlt? Kann ein Mensch sich mit sich selbst, seiner Geschichte, seiner zerbrochenen Kindheit und seiner gebrochenen Existenz versöhnen? Kann er mit dem Kind, das er war und an dem Seelenmord begangen wurde, in Kontakt kommen? Dieses Kind kann nur leben, wenn das Gewaltopfer seine Opferrolle eines Tages fahren lĂ€sst. Oft erliegen Betroffene – verstĂ€ndlicherweise – der Gefahr, sich in ihrer Opferrolle dauerhaft festzuschreiben. Diese hindert zwar am Leben, verleiht dem Nicht-Leben aber eine orientierende Struktur. Manche Frauen halten an ihrer Opferrolle fest, weil sie fĂŒrchten, das verletzte Kind zu verraten, wenn sie ihre Opferrolle aufgeben. Sie haben viele Jahre gebraucht, um einen Zugang zur Wahrheit dieses Kindes zu finden und sich diese zuzumuten, und spĂŒren nun starke WiderstĂ€nde dagegen, sich davon zu verabschieden. Dabei geht es letztlich jedoch nicht darum, das beschĂ€digte Kind im Stich zu lassen, sondern darum, ihm ein neues Haus zu bauen, in dem es sich fr...

Table of contents

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Inhalt
  5. Vorwort
  6. Geistlicher Missbrauch in der katholischen Kirche
  7. Sexueller Missbrauch an Kindern, Jugendlichen und erwachsenen Schutzbefohlenen
  8. Anmerkungen
  9. Literatur

Frequently asked questions

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