1. Wo ist das Problem?
Freitagnachmittag im Supermarkt: Alle Kassen sind geöffnet und doch haben sich sehr lange Schlangen gebildet. Und natĂŒrlich steht man mit dem vierjĂ€hrigen Thomas in der falschen Schlange. âWoanders ist es immer besser!â, sagt die Frau hinter mir. Die Kassiererin schaut zu uns. Sie hat einen hochroten Kopf. Wenn Blicke töten könnten. Thomas hat derweil die Kinderschokolade entdeckt. Ich ignoriere das erst einmal. Hinter mir fragt ein junger Punk, ob man ihn nicht vorlassen könne. Er habe nur eine Flasche mit Kraftstoff. Die Kassiererin reagiert inzwischen recht laut und in dialektischer Wortwahl: âJa, nee nicht! Ja?â Bei einem reizenden Rentnerehepaar funktionieren weder Bank- noch Kreditkarte, Bargeld hat es nicht genug dabei. Eingescannt ist allerdings alles. Die Kassiererin muss den Einkaufswagen hinter sich deponieren. Das hĂ€lt auf. Danach kommt eine elegante Dame mit Hut, die den fĂŒrchterlichsten aller fĂŒrchterlichen SĂ€tze ausspricht: âIch glaub, ich hab es passend!â Es fehlen allerdings fĂŒnf Cent. Die Kassiererin verdreht die Augen. Also bezahlt die hilfsbereite Dame die 10,47 ⏠mit dem Hunderter. âHaben Sieâs nicht noch gröĂer? Gibtâs die 500er Scheine nicht mehr?â, kommentiert die Kassiererin. Die Mutter zwei Einkaufswagen vor mir stellt fest, dass ein Ei im Dutzend fehlt. âKönnen Sie denn nicht vorher aufpassen! Alt genug sind Sie doch?â, wird sie von der Kassiererin angefahren. Jetzt muss gerechnet werden: Kaufpreis durch zwölf mal elf. â âAlle Teile aufs FlieĂband! Alle! Euch kenn ich!â, meckert die Kassiererin die zwei rotblonden Jungs vor mir an. Und zu mir sagt sie, als ich zu all meinen Kleinigkeiten den Sechserpack mit je 1,5 Liter Mineralwasser aufs Band hieve: âJa, hallo? Glauben Sie, ich kann das heben? Sie mĂŒssen mir schon den Strichcode zudrehen. Sonst kann ich den Preis nicht einscannen, und Sie stehen noch morgen hier.â Ich drehe das Flaschen-Paket um, dabei reiĂt die Zellophanverpackung, eine Flasche fĂ€llt vom FlieĂband, schlĂ€gt auf und platzt. Thomas findet das recht lustig. Die Kassiererin nicht so sehr: âJa, nee, nicht! Bezahlen Sie schon mal âŠâ Ich habe 24,80 ⏠zu zahlen, lege 25 ⏠auf den Wechselteller, sie hat das Wechselgeld schon in der Hand, und ein Azubi kommt, um den Mineralwassersee aufzuwischen, der sich um mich gebildet hat. Ich will irgendwie helfen, mit PapiertaschentĂŒchern âŠ: âLassen Sie es lieber!â So packe ich meine Sachen zusammen und gehe. Hinter mir höre ich: âUnd TschĂŒss!â Ich stelle beim NachzĂ€hlen fest, dass mir die Kassiererin statt der 20 Cent Wechselgeld eine MĂŒnze im Wert von 50 Cent gegeben hat. Ich drehe mich um und sehe, dass sie schon den ĂŒbernĂ€chsten Kunden abfertigt und angeregt unterhĂ€lt: âJa, nee, nicht!â
Sollte ich zurĂŒckgehen? Die wartenden Kunden in der langen Schlange noch mal aufhalten? Mir noch einen Kommentar anhören? Bei dieser doch recht energischen Kassiererin? Sie auf den Irrtum hinweisen? Sie war so unfreundlich zu mir! Ach was, zu allen! Ist das professionell? Ist der Kunde nicht König? Und alles wegen 30 Cent? Aber kommt es darauf an, ob man 30 Cent unberechtigterweise kassiert oder 30 Euro oder 30 Millionen? HĂ€ngt Moral von der GröĂe der Summe ab? Man muss doch ehrlich sein. Macht man sich nicht sogar strafbar? Ist das sittlich? Und wie hĂ€tte ich gemeckert, wenn sie mir nur 10 Cent rausgegeben hĂ€tte! Allerdings werden nun der Kassiererin bei der Abrechnung 30 Cent fehlen, die sie bestimmt aus eigener Tasche bezahlen muss. Es sind schon Angestellte wegen solch geringfĂŒgiger AnlĂ€sse abgemahnt und sogar entlassen worden. Da kann ich nicht mittun. Und darf man sein Handeln danach richten, ob der andere einem sympathisch ist oder nicht? Was soll ich tun?
2. Was sollen wir tun?
Das ist die klassische Frage der Ethik: âWas soll ich tun?â Das meint: Ich habe die Wahl. Was soll ich wĂ€hlen?
Bevor ich eine Antwort versuche, möchte ich kurz meinen Wortgebrauch offenlegen. Denn viel Unheil ist in die Welt gekommen, weil man nicht klar sagte, wovon genau man sprechen wollte.
Ein Blick ins Wörterbuch
Moralisch, sittlich, ethisch ⊠ist das eigentlich alles das Gleiche? Nein. Man muss die Bedeutungen unterscheiden. Dabei hilft sehr gut das âLexikon der Ethikâ von Otfried Höffe (* 1943). Moral und moralisch bezeichnen danach die jeweils vorzufindenden Sitten, von der die Sittlichkeit zu unterscheiden ist. Mit sittlichen Urteilen werden Handlungen begrĂŒndet. Sittlichkeit bezeichnet also nicht, was faktisch gilt, sondern was gĂŒltig sein soll. Ethik ist die systematische Auseinandersetzung mit dem, was sittlich gelten soll.
Allen Ernstes
ZurĂŒck zum Beginn: Beabsichtige ich allen Ernstes in solch einer banalen Situation wie jener im Supermarkt eine wissenschaftliche Ethik zu Rate zu ziehen? FĂ€ngt Ethik nicht erst bei der Frage an, ob man Kriege mit Gewalt verhindern oder Freiheit mit Bomben erzwingen darf? Ob man ein vollbesetztes Passagierflugzeug abschieĂen darf, wenn ein Terrorist es in ein ausverkauftes FuĂballstadion steuern will? Entschieden: Nein. Sittlich relevant kann alles Handeln sein. Auch die Reaktion auf das zu viel herausgegebene Wechselgeld. Auch, wenn man der kleinen Schwester Schokolade vom Weihnachtsteller stibitzt. Ethische Regeln mĂŒssen sich in jeder Situation bewĂ€hren. Bei Schokolade und 30 Cent ebenso wie beim Einsatz der Atombombe. Warum das so ist, will ich gerne erklĂ€ren. DafĂŒr brauche ich aber die nĂ€chsten 200 Seiten. Ich werde erst einmal bei meinem Beispiel bleiben ⊠Wenn es sehr schlicht ist, umso besser: Dann machen wir es uns nicht unnötig kompliziert. Aber Sie können selbstverstĂ€ndlich meine Schlussfolgerungen immer an einem umfassenden Problem passender GröĂe ĂŒberprĂŒfen.
Showdown
Stellen wir das Beispiel gleich mal auf die Probe. Viele meiner Freunde sagten: âIn einer solch banalen Situation wie jener im Supermarkt zieht man doch keine Ethik zu Rate! Man handelt spontan, aus dem Bauch heraus. Oder aus der HĂŒfte. Wie beim Pistolenduell im Western. Showdown. Man wird ihr doch sofort âŠâ
⊠aber kann man solch spontane Entscheidungen rechtfertigen? Aus dem Bauch heraus betrachtet, war mir die Kassiererin nicht sehr sympathisch. Da hĂ€tte ich ihr gerne fĂŒr all die DemĂŒtigungen einen DĂ€mpfer gegeben. Statt das Geld zu geben, hĂ€tte ich es ihr gern heimgezahlt! Wie sie mit der alten Dame umgegangen ist oder mit den Kindern. Aber darf man sich rĂ€chen? Kann man immer aus dem Bauch heraus handeln? Und wenn nein, wann dann nicht? WĂŒrde diese Regel gelten, dann ĂŒbrigens hĂ€tte bereits die Kassiererin richtig gehandelt. Sie war schlecht gelaunt, mochte uns nicht und hat es uns allen gezeigt! Sie wĂ€re der Innbegriff von Sittlichkeit! Prima!
Prima? Soll ein Richter danach urteilen, ob er den Beschuldigten sympathisch findet? Soll die pĂ€dagogische Fachkraft in der Kita die Liesl maĂregeln, weil sie sie nicht mag, beim Niklas aber alles durchgehen lassen, weil er so knuffig ist? Wirft man eine Atombombe, weil man wĂŒtend ist? Handlungen muss man doch vernĂŒnftig und verantwortlich begrĂŒnden!
Das tut man nicht
Nun gut, dann könnte man im Supermarkt-Fall sagen: Wer sich Geld unrechtmĂ€Ăig aneignet, verstöĂt gegen das, was alle Menschen als falsch ansehen. Gegen die Konventionen.
Aber allein, dass ich gezögert und das Geld nicht spontan zurĂŒckgegeben habe, zeigt, dass eben nicht alle Menschen in dieser Situation gleich handeln wĂŒrden. Ich gehöre ja auch zu allen Menschen â und wenn ich zweifle oder auch nur zucke oder zögere, deutet das an, dass es nicht immer dieses gemeinsame EinverstĂ€ndnis darĂŒber gibt, wie zu handeln ist. Manche werden sagen: âWenn du das Geld zurĂŒckgegeben hĂ€ttest, hĂ€ttest du den ganzen Laden nur unnötig aufgehalten! â Oder: âAch, bei 30 Cent! Was machst du dir da fĂŒr Gedanken! â Oder: âWenn die so unfreundlich war! Selbst schuld! Da gebe ich nichts zurĂŒck!â Sich auf die Meinung der Allgemeinheit zu berufen, geht nur, wenn die Allgemeinheit eine einzige Auffassung hĂ€tte: Mein Zögern und die Kommentare meiner Freunde zeigen aber, dass dieser Konsens fehlt. Und genau fĂŒr diese Situation brauche ich eine Antwort.
Ethik braucht man nicht, wenn alle wissen, wieâs geht âŠ, sondern nur dann, wenn man zögert und zweifelt. Wenn es unklar ist und unĂŒbersichtlich. Wenn jeder etwas anderes sagt. Ethik braucht man nur im Dissens. Im Pluralismus. In der multikulturellen Gesellschaft. In der Demokratie. In der Vielfalt. Einigkeit und Einheit brauchen keine Ethik. Ich will diesen Satz einmal festhalten. Damit man ihn nicht vergisst:
(1) Ethik braucht man nur, wenn es keine allgemein anerkannte gĂŒltige Moral gibt.
Ich sage es schon mal prophylaktisch an dieser Stelle: Wir werden nie mehr eine einheitliche Moral haben. Einen common sense. Die Menschen der Welt werden nie mehr mit einem Wort reden. Die einzelnen LĂ€nder auch nicht. Nicht mal die Familien oder Ehepartner. Meinungsvielfalt bleibt der Normalfall. Kulturelle Differenzen sind der Alltag. Deshalb brauchen wir die Ethik.
Recht und Ordnung
âAber das stimmt doch gar nicht! Es sagt doch nicht jeder etwas anderes. Die Gesetzeslage ist doch klar!â ⊠Dieser Verweis verschiebt allerdings mein Problem nur. Mein Einbehalten von fremdem Eigentum im Supermarkt wĂ€re vielleicht wegen GeringfĂŒgigkeit vom Gericht abgewiesen worden ⊠(⊠obwohl es auch schon wegen solcher GeringfĂŒgigkeiten KĂŒndigungen gab ⊠siehe oben. Es geht also nicht um die GröĂe des Vergehens, sondern ums Prinzip.) Wichtiger aber ist der Umstand, dass sich auch der Richter auf einen Grundsatz berufen muss, wenn er sein Urteil fĂ€llt. Woher weiĂ es der Richter? Aus den Gesetzen! Und wie kommen Gesetzgeber zu ihren Gesetzen? (Genaueres dazu im Kapitel 5.)
Besuch der Alten Bibliothek
FĂŒr BegrĂŒndungen aller Art sind heute die Wissenschaften zustĂ€ndig. Bei der Frage nach der GeldrĂŒckgabe im Supermarkt wĂ€re also die Ethik zustĂ€ndig. Denn Ethik ist die âphilosophische Wissenschaft vom Sittlichenâ (wie es der alte Brockhaus formuliert). Wenn man nicht weiĂ, wie man handeln soll, dann muss man sich dieser Wissenschaft bedienen. Ebenso, wie man sich der âWissenschaft vom Gesundenâ bedient, wenn man an Halsschmerzen leidet oder sich die Hand verstaucht hat.
Aber nun entsteht ein Problem: Sie erkennen es sofort, wenn Sie einmal die Abteilung Ethik in der Bibliothek eines philosophischen Instituts in Ihrer NĂ€he aufsuchen. Sie sehen mit einem Blick, dass Sie all diese BĂŒcher in ihrem Leben nicht werden lesen können, auch wenn sie nichts anderes tĂ€ten, als nur diese BĂŒcher zu lesen. (Ist es sittlich, nur zu lesen und nicht zu handeln?) Es sind nicht tausende, es sind hunderttausende, und dazu noch in allen Sprachen der Welt. In Altpersisch zum Beispiel, denn die Ethik ist eine alte Wissenschaft. Vielleicht â zusammen mit der Theologie und der Heilkunst, der Politik, der PĂ€dagogik und der Poetik â die Ă€lteste Wissenschaft. Sobald man nĂ€mlich merkte, dass man nicht nur etwas tun muss, sondern etwas tun kann, stellte sich die Frage, was man tun soll: Soll ich, was ich kann? Und: Was soll ich von dem tun, was ich tun könnte? (Und diese Fragen haben die ersten Menschen recht bald gestellt. Vermutlich gleich am ersten Tag. Mehr davon im Kapitel 7.)
Die Ethik entsteht aus dieser Differenzerfahrung: Soll ich, was ich kann?
Dabei gilt: Auch wenn ich keine Entscheidung treffe, habe ich eine Wahl getroffen. Auch das sĂŒĂe Nichtstun ist fĂŒr den Ethiker ein Handeln: Wer einem Mitmenschen, der auf dem Glatteis ausgerutscht ist, nicht wieder auf die Beine hilft, sondern zuschaut, der handelt. Er unterlĂ€sst etwas, nĂ€mlich die Hilfeleistung. Daraus folgt: Wir können nicht Nicht-Handeln. Und das heiĂt: Wir können gar nicht ohne Ethik leben. WĂ€re das die zweite Regel einer Ethik?
(2) All unser Handeln ist immer schon ethisch relevant, ob wir es nun wollen oder nicht.
Die grundlegende Frage der Ethik stellte sich demnach in dem Augenblick, in dem ein Mensch sich aus den SelbstverstĂ€ndlichkeiten löste und begriff, dass es mehrere Wege zum Ziel gibt. Und dass es mehrere Ziele gibt. Welchen Weg sollte er zu welchem Ziel wĂ€hlen? Den Umweg ĂŒber ungenutztes Land â oder den kĂŒrzeren ĂŒber das Land, auf dem andere Menschen wohnen, deren Felder man dann beim Durchzug allerdings ein wenig platt tritt und als Weide unbrauchbar macht?
Suchen wir nach Antworten fĂŒr jenen ersten Menschen. Gehen wir in die Bibliothek. Nur zu Besuch. Nehmen wir nach und nach einige BĂŒcher aus dem Regal, blĂ€ttern und lesen wir. Zum Beispiel in jenen, die erklĂ€ren, dass Ethik gar nicht möglich sei: Es könne gar keine allgemeine Ethik geben, weil man es immer selbst wissen mĂŒsse.
Buchausleihe: Ein Do-it-yourself-Ratgeber
Muss jeder selbst wissen: Ist das ein Argument gegen die Ethik? Keinesfalls! NatĂŒrlich muss man es selbst wissen. Auch wenn man ein Auto fĂ€hrt, muss man selbst wissen, wie man es zum Fahren bringt. Das spricht aber doch nicht dagegen, dass man ein Auto nach den Anweisungen der Bedienungsanleitung fĂ€hrt. Es fĂ€hrt fĂŒr alle nach den gleichen Mechanismen, die der Mechaniker genau kennt. Vielleicht ist die Ethik eine solche Mechanik? Sie will uns die Regeln sittlichen Verhaltens erklĂ€ren. In Einzelschritten. Von Level zu Level.
Wir mĂŒssen immer alles selbst wissen und tun. Denn nur dann können wir verantworten, was wir tun. Aber das schlieĂt ja nicht aus, dass es Regeln fĂŒr unser Tun gibt â wie in ...