Ignatianische Schulpastoral
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Ignatianische Schulpastoral

Anregungen fĂŒr eine spirituelle Praxis an konfessionellen Schulen

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Ignatianische Schulpastoral

Anregungen fĂŒr eine spirituelle Praxis an konfessionellen Schulen

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Wer mit jungen Menschen zu tun hat und will, dass Kinder und Jugendliche in Freiheit wachsen und reifen und ihren eigenen Weg finden, muss an sie glauben und sie ermutigen, "nach den Sternen zu greifen". In jedem Heranwachsenden liegt ein Potential, das geweckt und gefördert werden will.Diese Vision steht am Anfang aller Überlegungen zu einer Konzeption ignatianischer Schulpastoral und Kollegsseelsorge. Damit werden u.a. folgende Fragen berĂŒhrt: Wie muss ignatianische Schulpastoral konzipiert sein, damit Heranwachsende ĂŒber sich hinauswachsen können? Welche Konzepte dienen Jugendlichen und anderen Adressaten fĂŒr ihr menschliches, geistiges und geistliches Wachstum? Und welche Angebote und Maßnahmen tragen dazu bei, dass ein Jesuitenkolleg bzw. eine konfessionelle Schule humaner, sozialer und gerechter wird, sowie offener fĂŒr die Frage nach Gott?Mit dem Band bietet Philipp Görtz vielfĂ€ltige Anregungen fĂŒr den Auf oder Ausbau von Schulpastoral vor Ort.

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Information

Publisher
Echter
Year
2014
Edition
1
eBook ISBN
9783429061593

1Allgemeine Entwicklung und religiöse Bildung Heranwachsender

Ein professionelles Engagement im Bereich der Schul- und Jugendpastoral setzt voraus, dass man sich ausfĂŒhrlich mit den Personen beschĂ€ftigt, mit denen man zu tun hat. Wer sind die Kinder und Jugendlichen, die heute unsere Schulen besuchen und an unseren Jugendarbeiten teilnehmen? Was sind die wichtigsten Faktoren ihrer Entwicklung? WofĂŒr interessieren und mit was beschĂ€ftigen sie sich? Wie bildet sich ihr Glauben und was prĂ€gt ihre Überzeugungen? Die Beantwortung dieser und weiterer Fragen haben Auswirkungen auf die Art und Weise, wie ignatianische Schul- und Jugendpastoral zu konzipieren ist und was man dabei zu berĂŒcksichtigen hat.

1.1Entwicklungspsychologische Aspekte

Die Entwicklungspsychologie des Jugendalters befasst sich vor allem mit der detaillierten Beobachtung von LebensbewĂ€ltigungsprozessen Jugendlicher. Sie versteht Entwicklung als einen Prozess, der vom Heranwachsenden selbst getragen und gestaltet wird. Wie dieser verlĂ€uft, hĂ€ngt besonders „von den personalen und sozialen Ressourcen“ ab, „die fĂŒr die BewĂ€ltigung von Entwicklungsaufgaben zur VerfĂŒgung stehen“ (FEND 2003, 21 f). Im Laufe der Geschichte der Entwicklungspsychologie setzte man zunĂ€chst auf sogenannte endogene Theorien, die sich der Entwicklungsdynamik der Person annahmen.3 SpĂ€ter konzentrierte man sich auf sogenannte exogene Theorien, denen die Annahme zugrunde liegt, dass Entwicklung maßgeblich durch soziale Kontexte geprĂ€gt wird.4 Beide AnsĂ€tze sind mittlerweile abgelöst worden von einer interaktiven Theorie, die sich auf die Erkenntnisse der beiden Ă€lteren Theorien stĂŒtzt und sie gleichsam in sich aufnimmt. Sie beschreibt die Entwicklung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen vor allem mit Hilfe von Entwicklungsaufgaben.

1.1.1Entwicklungsaufgaben

Interaktive Theorien betrachten den Jugendlichen als Werk seiner selbst. Ihrer Untersuchung liegen handlungstheoretische Modelle von Entwicklung zugrunde, die von selbststĂ€ndigen Verarbeitungsprozessen des Individuums ausgehen und dabei nach Verarbeitungsformen innerer und Ă€ußerer Handlungsbedingungen und deren Niederschlag in der Persönlichkeit fragen. Verhaltens-Psychologen sprechen bei der zu untersuchenden Lebensphase von der Adoleszenz. Die menschliche Entwicklung wird nun nicht mehr nur deskriptiv und theoretisch analysiert, sondern normativ weitergefĂŒhrt. Angezielt wird eine pĂ€dagogische Leitidee, die besagt, dass der Entwicklungsprozess der Adoleszenz darauf zielt, dass der Heranwachsende mehr und mehr selbstverantwortlich seine Entwicklung gestaltet, indem er die altersspezifischen Entwicklungsaufgaben5 bewĂ€ltigt. Auf die Frage, wer diese Entwicklungsaufgaben stellt, stĂ¶ĂŸt man auf eher implizite denn explizite Erwartungen der Umwelt, der Gesellschaft und der Erwachsenen (speziell der Lehrer, Erzieher und Eltern). In Abgrenzung zu expliziten Entwicklungsnormen ist allerdings zu betonen, dass Entwicklungsaufgaben zugleich eine individuelle Setzung des Jugendlichen sind: Sie hĂ€ngen ab von seiner individuellen LeistungsfĂ€higkeit, von pluralen soziokulturellen Normen, mit denen er konfrontiert wird, und von selbst gesetzten individuellen Zielen.
Die im Folgenden dargestellten Entwicklungsaufgaben scheinen mir von besonderer Relevanz im Hinblick auf heutige SchĂŒler an weiterbildenden Schulen in Deutschland. Sie decken das Spektrum des sozialen Kontextes weitgehend ab, rekurrieren auf GesetzmĂ€ĂŸigkeiten der inneren Entwicklung und nehmen Bezug sowohl auf die hĂ€ufigsten Herausforderungen und Probleme des Alltags von Jugendlichen als auch auf die ko-konstruktiv einzusetzenden personalen und sozialen Ressourcen der ProblembewĂ€ltigung, der Normalentwicklung und der Risikoentwicklung, die ihnen zur VerfĂŒgung stehen.
1.1.1.1Umgang mit inneren VerÀnderungen
Umgang mit dem Körper: Mitten in der Schulkarriere einer SchĂŒlerin bzw. eines SchĂŒlers verĂ€ndert sich mit einem mal etwas, was bisher eher langsam und kontinuierlich gewachsen war. Der Körper zeigt Anzeichen einer selbst-beobachtbaren und massiv geschlechtsspezifischen Metamorphose vom Kind zum Erwachsenen. Jugendliche haben den Eindruck, in ihrem Körper gingen Dinge vonstatten, die ihnen bislang unbekannt waren, und sie beschleicht das GefĂŒhl, ihr Körper habe mehr Macht ĂŒber sie als sie ĂŒber ihn. Was im Körper eines Jugendlichen genau vorgeht, lĂ€sst sich nicht simplizistisch beschreiben, sondern stellt vielmehr einen komplexen Vorgang dar, bei dem hormonelle VerĂ€nderungen einhergehen mit der Entwicklung der Geschlechtsmerkmale sowie der Entfaltung der FortpflanzungsfĂ€higkeit.
Ein interaktives Verarbeitungsmodell geht davon aus, dass Jugendliche puberale Prozesse wahrnehmen und zunĂ€chst subjektiv interpretieren. Je nachdem, in welchem Maße ein Jugendlicher ĂŒber persönliche und soziale Ressourcen im Sinne von Selbstbewusstsein und sozialer UnterstĂŒtzung verfĂŒgt, kann er ein mehr oder weniger positives Konzept der eigenen AttraktivitĂ€t entwickeln, was sich wiederum auf sein emotionales Befinden auswirkt. DarĂŒber hinaus versuchen die meisten Jugendlichen das eigene Ă€ußere Erscheinungsbild aktiv zu gestalten und sich zu „inszenieren“, um den eigenen Körper zur Kontaktaufnahme einzusetzen, was sich auf die soziale Stellung und Akzeptanz auswirkt. Gelingt dieser Prozess in den Augen des Jugendlichen, so wird dies sein Selbstbewusstsein stĂ€rken. Wenn nicht, so drĂŒckt sich dies in mangelnder Selbstakzeptanz aus und kann bis hin zu Depressionen fĂŒhren.
In der PubertĂ€t schenkt die Natur dem Heranwachsenden einen „neuen Körper“, den zu „bewohnen“ gelernt sein will. Dazu gehört, dass Jugendliche sich mit der eigenen Körperlichkeit und Geschlechtlichkeit auf der einen sowie mit Schönheitsidealen und Allmachtsfantasien auf der anderen Seite auseinandersetzen. Sie stehen vor der Aufgabe, ein diszipliniertes und zugleich natĂŒrliches Ess-, Hygiene- und Gesundheitsverhalten einzuĂŒben und sich genĂŒgend körperlich zu betĂ€tigen. Will der Heranwachsende bei der Verarbeitung seiner PubertĂ€t selber Verantwortung ĂŒbernehmen und will er diese rational und verantwortlich steuern und gestalten, so muss er lernen, auf verschiedene Ressourcen zuzugreifen und sich neue FĂ€higkeiten anzueignen: Er sollte sich von wohlwollenden Erwachsenen unterstĂŒtzen lassen, statt sich zurĂŒckzuziehen und sich zu distanzieren. Er sollte sich nicht allein ĂŒber meinungsmachende Medien aufklĂ€ren lassen, sondern fundierte Informationen z. B. von Eltern oder aus dem Sexualkundeunterricht annehmen, sich in gesundem Maße disziplinieren (lassen), statt „herumzuhĂ€ngen“ und sich treiben zu lassen, und er sollte die hĂ€ufig dramatische Kluft zwischen Ă€ußerem Verhalten und innerer Stimmungslage aushalten, annehmen, ausdrĂŒcken und nach und nach ĂŒberbrĂŒcken lernen.
Auch von PĂ€dagogen, Erziehern, Lehrern und Eltern wird im Umgang mit den körperlichen VerĂ€nderungen bei Jugendlichen einiges verlangt: Sie sollen sich ĂŒber die Inhalte der AufklĂ€rungsangebote von Medien, an denen sich Jugendliche orientieren, informieren, Hilfreiches betonen und unterstreichen, UngenĂŒgendes ergĂ€nzen sowie Falsches richtigstellen. Wichtig ist, dass sie die Probleme und Nöte von Jugendlichen kennen und ernst nehmen, vor allem in Bezug auf den Entwicklungsvorsprung bzw. EntwicklungsrĂŒckstand6 einzelner. Im Hinblick auf Schulklassen und noch mehr auf Jugendgruppen ist zu beachten, dass zwischen dem Einsatz der PubertĂ€t von FrĂŒhentwicklern und SpĂ€tentwicklern bis zu sechs Jahre liegen können.
Umgang mit der SexualitĂ€t: „Liebe, Sex und Partnerschaft“ ist eine Thematik, die auf Besinnungstagen der Jahrgangsstufen 8 und 9 am hĂ€ufigsten gefragt ist, wenn Jugendliche frei wĂ€hlen können. Das ist fĂŒr diese Altersgruppe nicht verwunderlich, sind doch die körperlichen VerĂ€nderungen eng mit der fortschreitenden Entwicklung der SexualitĂ€t verknĂŒpft: die IntensitĂ€t sexueller BedĂŒrfnisse nimmt zu, Jugendliche werden reproduktionsreif und empfĂ€ngnisfĂ€hig. Kaum etwas anderes ist in der PubertĂ€t so interessant, als was man mit seinem Körper eben auch „machen“ kann. Kulturell unterliegt SexualitĂ€t normativen Regulierungen. War sie frĂŒher ĂŒber Gebote und Verbote eher institutionell geregelt, so orientierte sie sich seit dem 19. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts immer stĂ€rker an persönlicher Zuneigung. In der modernen und postmodernen Gesellschaft sind Regulierungsnormen von SexualitĂ€t Ă€ußerst individualisiert, ihr moralischer Wertemaßstab ist die Selbstentfaltung der Person.
Zur Integration sexueller Potenz und kultureller Normen in einer selbstverantworteten Persönlichkeit gehört, dass Jugendliche ausgehend von den eher unverbindlichen Beziehungen und Freundschaften der Kindheit lernen, personale Intimbeziehungen zu einem konkreten gegengeschlechtlichen GegenĂŒber aufzubauen. Heranwachsende bewĂ€ltigen die Entwicklungsaufgabe Umgang mit der SexualitĂ€t derart, dass sie ein GespĂŒr dafĂŒr entwickeln, was fĂŒr sie und den Partner gut und stimmig ist, was sie sexuell möchten und was sie zu geben bereit sind. Sie mĂŒssen sich um sexuelle AuthentizitĂ€t bemĂŒhen. Wenn SexualitĂ€t nicht auf „Sex“ reduziert werden soll, mĂŒssen sie fernerhin lernen, dass diese mit dem BedĂŒrfnis zusammenhĂ€ngt, geliebt und akzeptiert zu werden, mit Verantwortung und gegenseitigem Respekt sowie mit der Bereitschaft, eine soziale Bindung einzugehen, auch wenn diese in der PubertĂ€t noch eher experimenteller Natur und in der Regel nicht auf Dauer angelegt ist.7 Auch der Umgang mit Ă€ußerst problematischen Aspekten der SexualitĂ€t will gelernt und eingeĂŒbt sein: Formen sexueller Gewalt, VerfĂŒhrung und Missbrauch8 dĂŒrfen nicht verschwiegen oder ausgeblendet werden; Kinder und Jugendliche mĂŒssen wissen, wie sie sich schĂŒtzen und an wen sie sich verlĂ€sslich wenden können. Nach wie vor ein wichtiges Thema bleibt, dass Jugendliche sich ein Wissen um die Wirkung und Anwendung unterschiedlicher VerhĂŒtungsmethoden erschließen. Und schließlich mĂŒssen sie sich die FĂ€higkeit aneignen, darĂŒber zu sprechen, wenn sie erniedrigt oder missachtet werden bzw. wenn eine Beziehung in die BrĂŒche geht.
Aus pĂ€dagogischer Sicht ist es wichtig, dass neben der besten Freundin bzw. dem besten Freund auch Erwachsene als authentische und unaufdringliche Ansprechpartner zur VerfĂŒgung stehen, die Jugendliche bei der Entwicklung eines soliden Selbstvertrauens unterstĂŒtzen, was wiederum Grundlage dafĂŒr ist, verantwortungsvoll mit der eigenen SexualitĂ€t umzugehen, sie in sozialen Bindungen zu verankern und in der Mitte des eigenen SelbstverstĂ€ndnisses zu platzieren. Nach wie vor sind die Eltern eine wichtige Vermittlungsinstanz in Sachen AufklĂ€rung und Vertrauenspersonen fĂŒr sexuelle Fragen. Über VerhĂŒtung wird meist im Schulunterricht informiert. Beratungsstellen sind zwar anerkannt, werden aber nur wenig genutzt. Nach wie vor besteht ein hoher Bedarf an AufklĂ€rung, Beratung und UnterstĂŒtzung.
1.1.1.2Umbau des sozialen BeziehungsgefĂŒges
Bei der Entwicklungsaufgabe Umgang mit der SexualitĂ€t wurde deutlich, welche Rollen soziale Bindungen spielen und in welchem Maß gerade Eltern als Vertrauenspersonen zu Rate gezogen werden. Diese Beziehungen stehen in dem Maße, wie Kinder zu selbststĂ€ndigeren und verantwortungsbewussteren Jugendlichen werden, vor einer Reorganisation, die bewĂ€ltigt und gestaltet werden muss.
Entwicklung der Eltern-Kind-Beziehung im Jugendalter: „PubertĂ€t ist, wenn Eltern kompliziert werden!“, so lautet ein verbreiteter SchĂŒlerspruch, der das auf den Kopf stellt, was Eltern gegenĂŒber ihren Kindern im Jugendalter empfinden. Was hier umgangssprachlich als Alltagsweisheit formuliert wird, deutet an, dass es bei der Entwicklungsaufgabe des Umbaus des sozialen BeziehungsgefĂŒges nicht um einen einseitigen Prozess geht, sondern um ko-konstruktive Interaktionen im Rahmen interner Vorgaben und kultureller Kontexte.
Das Eltern-Kind-VerhĂ€ltnis hat sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch verĂ€ndert. Die traditionelle „Kommandofamilie“, in der Kinder eine Art Altersvorsorge darstellten, die AutoritĂ€t allein bei den Eltern lag und der Generationenkonflikt ein schier unausweichliches PhĂ€nomen war, wandelte sich im Zuge des AutoritĂ€tsverlustes der Eltern und einer emotionalen Intimisierung zur „Verhandlungsfamilie“. Was Jugendliche wollen und dĂŒrfen, wird oft individuell und demokratisch ausgehandelt, wobei beide Seiten, Eltern und Kinder, sich gegenseitig beeinflussen und verĂ€ndern. Mit Blick auf die strukturelle Situation, auf die legalen Verantwortlichkeiten, Ressourcen, Sanktionen und Rechte bleibt in der Familie oder zwischen Generationen dennoch ein asymmetrisches VerhĂ€ltnis, welches auch in Aushandlungssituationen nicht ohne Konflikte ablĂ€uft. Wichtig ist, festzuhalten, dass Jugendliche vermehrt Eigenverantwortung fĂŒr den Prozess ihres SelbststĂ€ndigwerdens ĂŒbernehmen und dass Eltern sie dabei begleiten, fördern und unterstĂŒtzen.
Die hiesige Entwicklungsaufgabe zielt auf die Individuation der Heranwachsenden, bei der wachsende SelbststĂ€ndigkeit und bleibende Verbundenheit mit der eigenen Herkunft Hand in Hand gehen. Wenn Jugendliche sich von ihren Eltern emanzipieren, beginnt ein Prozess von Interessenkonflikten9: Eltern wollen das Beste fĂŒr ihre Kinder; Jugendliche dagegen wollen mehr Selbstbestimmung, mehr Freiheiten und mehr Rechte. Ausgehandelt werden diese Konflikte in einem familiĂ€ren Diskurs, der von Elternseite nicht interesselos gefĂŒhrt wird und der aus individuell-persönlicher Sicht zumeist die optimale Entwicklung der Kinder zum Ziel hat. Aufgabe der Heranwachsenden ist es, Strategien zu entwickeln, um eigene Vorstellungen in diesen Diskurs einzubringen, sie durchzusetzen und umzusetzen. Dies gelingt ihnen umso besser, je mehr ihre Eltern das GefĂŒhl haben, dass sich ihr Verhalten und die Ergebnisse, die sie damit erzielen, langfristig positiv auf ihre Entwicklung auswirken. Konfliktiv ist dieses Interaktionsgeschehen meist deswegen, weil ein großer Unterschied zwischen beiden Seiten besteht: WĂ€hrend Eltern ihre Lebenszufriedenheit davon abhĂ€ngig machen, dass sie eine positive und emotional befriedigende Beziehung zu ihrem Kind haben, ist fĂŒr Heranwachsende das Leben zusammen mit ihren Eltern alles andere als die ErfĂŒllung ihres Lebensprojektes. Ihr Blick ist in die Zukunft gerichtet, sie streben nach neuen Bindungen, nach Beziehungen zum anderen Geschlecht. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass, wenn Kinder in die PubertĂ€t kommen, sie und ihre Eltern die gegenseitigen Erwartungen und ihren Kommunikationsstil so reorganisieren, dass VerlĂ€sslichkeit und AnpassungsfĂ€higkeit gleichermaßen gewĂ€hrleistet sind. Als „normalverlaufend“ kann man eine Eltern-Kind-Beziehung in der Adoleszenz dann bezeichnen, wenn Jugendliche ihre sozialen AktivitĂ€ten auch nach außerhalb der Familie verlagern, wenn sie SelbststĂ€ndigkeit und Selbstverantwortung gerade durch Konflikte hindurch erobern, wenn sie weniger emotional in die Familie investieren und die Beziehung zu den Eltern „zurĂŒckfahren“ und wenn Eltern mit der Zeit immer weniger Einfluss auf ihre Kinder ausĂŒben.10
PĂ€dagogisch betrachtet ist dieser Ablösungsprozess ein notwendiger Teil der Individuation von Heranwachsenden. Aufgabe der Eltern ist es, diesen als Neusynchronisierungsprozess zu erkennen und sich auf ihn einzulassen. Sie sind aufgefordert, den Weg ihrer Kinder mitzugehen, wenn diese in der PubertĂ€t das VerhĂ€ltnis von NĂ€he und Distanz, Autonomie und AbhĂ€ngigkeit, Freiheiten und Pflichten neu ausbalancieren. Sie unterstĂŒtzen ihre Kinder dabei, wenn sie (1) in der Familie bei aller Streitkultur auch fĂŒr konfliktfreie Zonen sorgen, wenn sie (2) die eigene Kommunikations- und VerhandlungsfĂ€higkeit sowie die ihrer Kinder fördern und gleichzeitig von ihrer FĂŒhrungskompetenz Gebrauch machen, wenn sie (3) gemeinsam mit ihren Kindern (bildungsintensive) Freizeit gestalten, weniger sanktionierend als vielmehr argumentierend vorgehen, einen Mittelweg finden zwischen ÜberbehĂŒtung und Desinteresse, wenn sie (4) ihre Kinder ĂŒber Zwischenstufen in die UnabhĂ€ngigkeit entlassen, an der Lebenswelt ihrer Kinder interessiert sind und diese umgekehrt – zumindest partiell – auch an ihrer eigenen teilnehmen lassen und wenn sie (5) den Jugendlichen vermitteln, dass auch deren Stimme Gehör findet und von Bedeutung ist. Wenn Eltern sich dabei MĂŒhe geben und ihnen dies ansatzweise gelingt, dĂŒrfen sie sich zusammen mit ihren Kindern noch einmal jung fĂŒhlen und die Individuation der Jugendlichen als eigene Entwicklungschance nutzen. Auf diese Weise wird Familie zu einem Ort, an dem Eltern und Kinder aneinander und miteinander lernen können, dass man fĂŒr gelingende Beziehungen etwas tun und daran arbeiten muss und dass man keine Angst haben muss, alles wĂŒrde zerbrechen, wenn dabei einmal etwas danebengeht.
Entwicklung von Freundschaften und Partnerbeziehungen: „Ein Freund ist ein Geschenk, das man sich selbst macht.“ Auch beim Umbau von Freundschaften in der Jugendzeit geht es um – nun allerdings symmetrische und kooperative – ko-konstruktive Prozesse. Freunde wollen gewonnen und Freundschaften mĂŒssen gepflegt werden. Freundschaften kommen nicht mehr – wie noch in der Kindheit – ĂŒber Altersgleichheit oder nachbarschaftliche bzw. bekanntschaftliche NĂ€he zustande. Heranwachsende wĂ€hlen sich ihre Freunde verstĂ€rkt anhand von vermuteten Ähnlichkeiten hinsichtlich der Interessen und Einstellungen aus. ...

Table of contents

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Inhalt
  5. Vorwort
  6. EinfĂŒhrung
  7. 1 Allgemeine Entwicklung und religiöse Bildung Heranwachsender
  8. 2 GrundsÀtzliches zur Schulpastoral
  9. 3 Jesuitische Erziehung und ignatianische PĂ€dagogik
  10. 4 Konzeption ignatianischer Schulpastoral
  11. Anmerkungen
  12. AbkĂŒrzungen
  13. Literaturverzeichnis

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