Leidenschaft und Fußball
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Ein pastoral-theologisches Lernfeld

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Leidenschaft und Fußball

Ein pastoral-theologisches Lernfeld

About this book

Der Fußball ist in Deutschland und in vielen weiteren LĂ€ndern weltweit eine omniprĂ€sente LebensrealitĂ€t und begeistert zahlreiche Menschen jeden Alters und Geschlechts leidenschaftlich. Insofern ist er ein höchstbedeutsamer theologischer Analysegegenstand. Denn das, was Menschen bewegt, muss Gegenstand der Pastoral sein (vgl. Gaudium et spes 1). Deshalb werden Fußball und Pastoral in diesem Band in ein produktives SpannungsverhĂ€ltnis gebracht - nicht im Sinne einer unzulĂ€ssigen Vermischung der beiden Felder (Fußball ist keine Religion!), sondern im Sinne der Qualifikation des Fußballs als einem pastoral-theologischen Lernfeld, das jede Menge kreatives Potential fĂŒr die Pastoral bereit hĂ€lt. Der Band bleibt nicht bei den weit verbreiteten Vergleichen von Liturgie und Fußball hĂ€ngen (so richtig diese phĂ€nomenologisch sein mögen), sondern stellt diesen tatsĂ€chlich in einer ganz eigenen Perspektive als pastoralen Lernort dar.

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Information

Publisher
Echter
Year
2017
Print ISBN
9783429043148
eBook ISBN
9783429063115
I. SEHEN: FUSSBALL ALS REALITÄTSMODELL
Der erste Hauptteil bildet zum einen die Grundlage, auf der die weiteren Überlegungen dieser Arbeit aufbauen. Zum anderen hat er den Anspruch, den Menschen, die mit dem Fußball leidenschaftlich verbunden sind und fĂŒr die der Fußball ein RealitĂ€tsmodell ist, wertschĂ€tzend zu begegnen.
Ziel ist dabei nicht, diese Leidenschaft beim Fußball in all ihren Facetten vollumfĂ€nglich zu erfassen. Dies wĂŒrde den Rahmen der folgenden AusfĂŒhrungen sprengen. Vielmehr soll die Leidenschaft exemplarisch, aber dennoch anhand wesentlicher Merkmale beschrieben werden – ohne sie dabei unzulĂ€nglich zu ĂŒberhöhen.
1. Grundlagen der Leidenschaft des Fußballs
1.1 Die Geschichte des Fußballs – eine Geschichte der Leidenschaft
Zu Beginn soll die Geschichte dieses Sports in groben ZĂŒgen beschrieben werden. Es ist letztlich eine Geschichte der Leidenschaft, denn ohne diese hĂ€tte es der Fußball aus historischer Sicht nicht zu der PopularitĂ€t gebracht, die er heute besitzt.
1.1.1 Erste VorlÀufer im alten Rom
Schon im alten Rom gab es, vorsichtig formuliert, VorlĂ€ufer dessen, was wir heute mit Fußball bezeichnen. Diese Vorsicht rĂŒhrt daher, da es keine Belege dafĂŒr gibt, dass sich der Fußball heutiger Disposition aus der Zeit der alten Römer bis heute entwickelt hat28, auch wenn William Andrews 1891 kurz und bĂŒndig meinte: „Fußball wurde von den Römern nach England eingefĂŒhrt und ist unser Ă€ltester Sport.“29
Vielmehr ist Andreas Merkt beizupflichten, der lakonisch bemerkt: „So vieles haben wir den alten Griechen und Römern zu verdanken, die Philosophie, die Schrift, das Rechtssystem, aber eben eines nicht: den Fußball.“30
Ballspiele jeglicher Art gab es in der Antike allerdings. So erfreuten sich die Griechen etwa besonders am sogenannten himmlischen Ballspiel Urania, wo es auf hohes Werfen und sicheres Fangen ankam und der Ball im besten Fall nicht den Boden berĂŒhren sollte. Urania wurde meistens, begleitet durch Tanz und Gesang, von jungen Frauen gespielt.31
Zudem gab es auch Mannschaftsspiele, die teilweise schon erstaunlich klar geregelt waren, wie zum Beispiel das unter jungen MĂ€nnern weit verbreitete Episkyros, das wie folgt beschrieben werden kann: „Gespielt wurde mit zwei gleichstarken Mannschaften auf einem Feld, das man mit Gips (‚Skyros‘) markierte: Man zog eine Mittellinie und jeweils weit davon entfernt je eine Grundlinie. DarĂŒber, wie das Spiel genau ablief, kann man nur Vermutungen anstellen. Logisch wĂ€re etwa folgende Variante: Ein Spieler der einen Partei warf einen kleinen Ball weit in das gegnerische Feld; dort mussten die Spieler nun versuchen, den Ball zu fangen; gelang dies, wurde der FĂ€nger zum ZurĂŒckwerfer. Ziel des Spiels war möglicherweise eine laufende Reduktion der Spieler, das heißt, dass immer dann, wenn ein Ball nicht gefangen werden konnte oder außerhalb landete, ein Spieler das Feld verlassen und hinter der eigenen Grundlinie das Ende des Spiels abwarten musste. Sieger war also, wer das Feld des Gegners geleert hatte.“32
Ansonsten sind die ĂŒblichen Regeln römischer Ballspiele bis heute kaum geklĂ€rt. Immerhin weiß man mit Sicherheit, dass es drei unterschiedliche Spieltypen gab:
  • Wurf- und Fangspiele (datatim ludere)
  • Schlagspiele (expulsim ludere)
  • Kampfspiele (raptim ludere)33
Bis hierhin bleibt zu konstatieren, dass es aller Wahrscheinlichkeit nach keine VorlĂ€ufer des Fußballs gab, „sondern nur brutale, wenig geregelte BallwettkĂ€mpfe (
). Rom (
) war also nicht der Ursprungsort des Fußballspiels.“34
Schaut man sich außerhalb Roms nach uralten Belegen fĂŒr mögliche Fußstoß-Spiele um, kann man durchaus fĂŒndig werden.35 So waren zum Beispiel in Asien Kreisfußballspiele verbreitet, bei denen sich die Spieler BĂ€lle mit dem Fuß zuspielten: „Ein Blick auf diese Spiele lehrt, dass Menschen vermutlich schon seit Tausenden von Jahren komplexe BewegungsvorgĂ€nge mit Fuß und Ball beherrschen.“36 Hier finden sich also erste AnsĂ€tze einer Technik im Umgang mit dem Fußball, so dass sich nicht behaupten lĂ€sst, dass dies ausschließlich fĂŒr die europĂ€ische Moderne typisch ist.37
In diesem Sinne ließen sich hier noch weitere PhĂ€nomene benennen, die Elemente beinhalten, von denen aus BrĂŒcken zu unserem heutigen Fußball geschlagen werden könnten. Doch unseren Fußball auf außereuropĂ€ische Wurzeln zurĂŒckzufĂŒhren, wĂ€re laut Christoph Bausenwein „verwegen“38. WeiterfĂŒhrend ist deshalb der Blick nach England, dem Mutterland des Fußballs.
1.1.2 Zur Etymologie des Begriffs „Fußball“
ZunĂ€chst einmal soll sich dem, was wir Deutschen Fußball und die EnglĂ€nder football nennen, etymologisch genĂ€hert werden. Woher kommt diese Bezeichnung?
Eine von William Fitzstephens stammende Notiz aus seiner Beschreibung Londons aus dem Jahre 1174 wird als erster Hinweis auf ein Fußballspiel in England gedeutet. Fitzstephens beschreibt hier, dass die ganze Jugend der Stadt nach dem Mittagessen hinaus auf die Wiese zieht, um das berĂŒhmte Ballspiel auszuĂŒben. Leider wird aber nicht erwĂ€hnt, um welches Ballspiel es sich genau handelt.39 Erst ĂŒber 100 Jahre spĂ€ter findet sich eine zweite ErwĂ€hnung in einer Gerichtsakte aus dem Jahr 1280, in der von einem tödlichen Unfall berichtet wird: „Henry (
) rannte, wĂ€hrend er in Ulkham am Sonntag Trinitatis mit David Le Ken und vielen anderen mit einem Ball spielte, gegen David und wurde durch dessen Messer unabsichtlich so verletzt, dass er am folgenden Freitag verstarb.“40 Aber auch in diesem Text wird das Ballspiel nicht weiter spezifiziert.
Der Name Fußball ist historisch erstmals im Jahre 1314 erwĂ€hnt. Da der König auf einem Feldzug war, bat er seine Vertreter fĂŒr Ruhe und Ordnung zu sorgen. Als in London die Stimmung hochkochte, griff BĂŒrgermeister Nicholas Farndorne ein und stellte fest, dass die Unruhen mit „gewissen WutausbrĂŒchen, die von großen FußbĂ€llen auf öffentlichen PlĂ€tzen herrĂŒhren“41 zu erklĂ€ren seien. Deshalb wurde das Spiel in der Stadt verboten. Wer sich nicht daran hielt, musste mit der Strafe der Einkerkerung rechnen. Diese Worte gelten bis heute als erster Hinweis auf ein Fußballspiel in England42, obwohl hier immer noch nichts auf ein geregeltes Spiel hindeutet, bei dem ein Ball mit dem Fuß geschossen wird. Sichere Quellen, in denen von geregelten Spielen mit begrenzter Teilnehmerzahl die Rede ist, stehen erst fĂŒr das 16. Jahrhundert fest.43
Im Laufe der Jahrhunderte lassen sich noch weitere Ball-Spielformen ausmachen44, von denen hier lediglich der Königliche Fastnachts-Fußball, der sogenannte Royal Shrovetide Football aus Ashbourne erwĂ€hnt werden soll. Dieses Volksfußballspiel findet etwa seit dem 12. Jahrhundert am Faschingsdienstag und am Aschermittwoch statt.45 Von dem ursprĂŒnglichen Spiel in Ashbourne und den VerhĂ€ltnissen rund um dieses Spektakel ist uns Folgendes ĂŒberliefert: „Wer am Fastnachtsdienstag dort hinkommt, wird Szenen erleben, die an einen BĂŒrgerkrieg erinnern. Alle GeschĂ€fte sind geschlossen, ihre Schaufenster sind mit dicken Holzbalken verriegelt, die Innenstadt ist fĂŒr den Autoverkehr gesperrt. Nur die Pubs haben geöffnet und sind gut besucht (
). Di...

Table of contents

  1. Cover
  2. Titelblatt
  3. Urheberrecht
  4. Inhaltsverzeichnis
  5. Einleitung
  6. I. Sehen - Fußball als RealitĂ€tsmodell
  7. II. Urteilen: Die Leidenschaft des Fußballs – ein höchst bedeutsamer theologischer Analysegegenstand
  8. III. Handeln: Die Leidenschaft des Fußballs als Lern-Ort pastoral-theologischer SprachfĂ€higkeit und die sich daraus ergebenden Haltungs- bzw. Handlungs-Impulse
  9. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel
  10. Literaturverzeichnis

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