Logos Gottes und Logos des Menschen
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Logos Gottes und Logos des Menschen

Der Vernunftbegriff Joseph Ratzingers und seine Implikationen fĂŒr Glaubensbeantwortung, MoralbegrĂŒndung und interreligioösen Dialog

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Logos Gottes und Logos des Menschen

Der Vernunftbegriff Joseph Ratzingers und seine Implikationen fĂŒr Glaubensbeantwortung, MoralbegrĂŒndung und interreligioösen Dialog

About this book

Seit Joseph Ratzingers Wahl zum Papst hat seine Theologie in der wissenschaftlichen Welt neue Aufmerksamkeit erhalten. Dabei gilt besonders die spannungsreiche VerhĂ€ltnisbestimmung von christlichem Glauben und neuzeitlicher Vernunft als ein charakteristisches Merkmal seines Denkens. Heiko NĂŒllmann untersucht den Vernunftbegriff, den Ratzinger dieser VerhĂ€ltnisbestimmung zugrunde legt. Der philosophische Hintergrund der Konzeption wird beleuchtet, die wichtigen Anliegen Ratzingers werden bestĂ€rkt und die Grenzen seines Ansatzes aufgezeigt. Auf der Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse plĂ€diert NĂŒllmann fĂŒr ein anthropologisch begrĂŒndetes VernunftverstĂ€ndnis. Dies ermöglicht es seines Erachtens, die StĂ€rken von Ratzingers Ansatz zu bewahren und gleichzeitig der PluralitĂ€t der Vernunftkonzepte im heutigen Denken gerecht zu werden.

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Information

Publisher
Echter
Year
2012
Print ISBN
9783429035143
eBook ISBN
9783429060589
Edition
1
Subtopic
Religion
I. Analyse des Vernunftbegriffs Ratzingers

1. Positivistische Vernunft

1.1 Wahrheit des Faktums: Historische Vernunft

FĂŒr Ratzinger ist die Wende vom metaphysischen Denken der Antike und des Mittelalters hin zum positivistischen Denken der Neuzeit besonders mit der Person des italienischen Philosophen Giambattista Vico (1688–1744) verbunden, der Ratzingers Ansicht nach „wohl als erster eine völlig neue Idee von Wahrheit und Erkenntnis formuliert und in einem kĂŒhnen Vorgriff die typische Formel des neuzeitlichen Geistes hinsichtlich der Wahrheits- und Wirklichkeitsfrage geprĂ€gt hat.“1 Der Inhalt dieser Formel lautet ‚verum quia factum; dies bedeutet, dass fĂŒr den Menschen nur das als wahr erkennbar ist, was er selbst gemacht hat. Hinter dieser Überzeugung steht der aristotelische Gedanke, dass man, um eine Sache wirklich zu kennen, ihre Ursache kennen muss. Weil das Sein selbst sich aber der vollen Kenntnis des Menschen entzieht, fĂŒhrt zu gesicherten Aussagen deshalb nach Ansicht Vicos eben nicht die metaphysische Spekulation, sondern nur die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem vom Menschen Gemachten. „Nicht dem Sein nachzudenken ist die Aufgabe und Möglichkeit des menschlichen Geistes, sondern dem Faktum, dem Gemachten, der Eigenwelt des Menschen, denn nur sie vermögen wir wahrhaft zu verstehen.“2 Nach der Infragestellung des metaphysischen Denkens des Mittelalters und der Antike sucht der Mensch nun Gewissheit in dem, was er selbst erzeugt hat. „Die Herrschaft des Faktums beginnt, das heißt die radikale Zuwendung des Menschen zu seinem eigenen Werk als dem allein ihm Gewissen.“3 Wahrheit wird von der so umschriebenen historischen Vernunft also nicht mehr in metaphysischer Spekulation gesucht, sondern im historischen Faktenwissen.
Diese neue Sichtweise hat zur Folge, dass als die einzigen anerkannten Wissenschaften nur noch die Mathematik und die historische Wissenschaft ĂŒbrig bleiben, denn nur in ihnen kann der Mensch sich seiner Erkenntnis noch sicher sein. Die „Historie verschlingt gleichsam den ganzen Kosmos der Wissenschaften in sich hinein und verwandelt sie alle grundlegend.“4 Ratzinger sieht diese Entwicklung in der Philosophie bei Hegel, in der Nationalökonomie bei Marx und schließlich in der Naturwissenschaft bei Darwin vollzogen. Bei Letzterem „wird das System des Lebendigen als eine Geschichte des Lebens begriffen; an die Stelle der Konstanz dessen, was bleibt, wie es geschaffen ist, tritt eine Abstammungsreihe, in der alle Dinge voneinander kommen und aufeinander rĂŒckfĂŒhrbar sind“5.
Das Prinzip des geschichtlichen Denkens fĂŒhrt auch im philosophischen Bereich zu einem grundlegenden Umdenken. Hier wird die Welt nun „nicht mehr als das feste GehĂ€use des Seins, sondern als ein Prozess, dessen bestĂ€ndige Ausbreitung die Bewegung des Seins selber ist“6, verstanden. Das statisch-rĂ€umlich gedachte SeinsverstĂ€ndnis der Antike und des Mittelalters weicht also nun einem VerstĂ€ndnis, bei dem das Sein selbst als Zeit begriffen wird: „Zeit ist nicht nur die Ă€ußere Umdrehung des Kosmos, sondern ist die Form des Seins selbst, das nur als Werden besteht und uns nur deshalb als stehendes Sein erscheint, weil wir einen so geringen Ausschnitt ĂŒberblicken, dass wir nur die KontinuitĂ€t der scheinbar bleibenden Gestalt, nicht deren stilles Unterwegssein zu neuen Gestalten wahrnehmen.“7 Der Bezug des Menschen auf ein Vernunftprinzip des Seins ist unter diesen Bedingungen natĂŒrlich nur noch innerhalb des Prozesses möglich, als welcher das Sein nun gedacht wird. Ratzinger sieht diese Konsequenz in der Philosophie Hegels verwirklicht: Der „Logos wird in Geschichte zu sich selbst. Er kann also an keinem einzelnen Punkt der Geschichte angesiedelt, er kann nie ĂŒbergeschichtlich als in sich selber Seiendes gesichtet werden.“8 So lĂ€uft fĂŒr Ratzinger ein Historismus, der sich absolut setzt, auf die Auflösung von Wahrheit in Geschichte hinaus. Die Wahrheit steht nicht ĂŒber der Geschichte, sondern ist ihr immanent, auch sie ist der Zeitlichkeit unterworfen.
Der Mensch findet sich und sein SelbstverstĂ€ndnis durch diese Einsicht in die Zeitlichkeit allen Seins und die damit verbundene Reduktion aller Wissenschaft auf die Historie in einer „eigentĂŒmlichen Situation“ wieder: „In dem Augenblick, in dem eine radikale Anthropozentrik einsetzt, der Mensch nur noch sein eigenes Werk erkennen kann, muss er doch zugleich lernen, sich selbst als ein bloß zufĂ€llig Gewordenes, auch nur als ‚Faktum‘, hinzunehmen.“9 Das SelbstverstĂ€ndnis des Menschen als ein sinnvoll im Ganzen des Kosmos integriertes Wesen ist somit innerhalb des historischen Denkens fragwĂŒrdig geworden. Seine scheinbare kosmische Seinsnotwendigkeit ist der Einsicht in seine geschichtliche Kontingenz gewichen.

1.2 Wahrheit des Verifizierbaren: Naturwissenschaftliche Vernunft

Trotz der BlĂŒtezeit des historischen Denkens im 19. Jh. geriet es Anfang des 20. Jh. in eine Krise, welche sich aus der Kritik an der Unsicherheit historischer Aussagen ergab. Immer „deutlicher zeigte sich, dass es das reine Faktum und seine unerschĂŒtterliche Sicherheit gar nicht gibt, dass auch im Faktum jedes Mal noch das Deuten und seine Zweideutigkeit enthalten sind. Immer weniger konnte man sich verbergen, dass man abermals nicht jene Gewissheit in HĂ€nden hielt, die man sich zunĂ€chst, in der Abwendung von der Spekulation, von der Tatsachenforschung versprochen hatte.“10 Der Grund fĂŒr diesen defizitĂ€ren Gewissheitsgrad historischer Tatsachen liegt in ihrer Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit. Denn historische Ereignisse liegen in der Vergangenheit und sind trotz aller Quellen und Belege dem Menschen nicht mehr vollends zugĂ€nglich.
Diese Einsicht fĂŒhrt nach Ratzinger bald zur Überzeugung, dass dem Menschen zu guter Letzt nur das wirklich erkennbar ist, was beliebig oft wiederholbar ist.11 So erscheint nun die „naturwissenschaftliche Methode, die sich aus der Verbindung von Mathematik 
 und Zuwendung zur FaktizitĂ€t in der Form des wiederholbaren Experiments ergibt, als der einzig wirkliche TrĂ€ger zuverlĂ€ssiger Gewissheit.“12 Denn die empirische Methode der Naturwissenschaft zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass sie ein Versuchsergebnis nur dann als wahr gelten lĂ€sst, wenn es sich beliebig oft durch Wiederholung des gleichen Experiments belegen lĂ€sst.
Der große Vorteil von auf diesem Wege gewonnenen naturwissenschaftlichen Gewissheiten besteht in ihrer UnabhĂ€ngigkeit von der Geschichte. Denn auch wenn naturwissenschaftliche Einsichten „in ihrem Entstehen ohne Zweifel an bestimmte geistesgeschichtliche Voraussetzungen gebunden“13 sind, so kommt ihnen doch auch unabhĂ€ngig von diesen Voraussetzungen GĂŒltigkeit zu. „Die Ergebnisse streifen ihre geschichtlichen Voraussetzungen ab und bilden zusammen den festen Bestand eines allmĂ€hlich wachsenden Wissens, in dem die Summe fester Daten von Pythagoras bis Einstein bestĂ€ndig zunimmt und als selbststĂ€ndiges geistiges GefĂŒge der naturwissenschaftlichen Forschung zuhanden ist. Die Geschichte, in der sich der jeweilige Gedanke ausbildet, gehört nicht in den Gedanken mit hinein; sie ist fĂŒr den Gedanken nicht Geschichte, sondern nur Vorgeschichte. Der Naturwissenschaftler bedarf ihrer nicht.“14
Die in der Neuzeit einsetzende Konzentration des menschlichen Denkens auf das im Experiment Verifizierbare bzw. Falsifizierbare hat wie das historische Denken tief greifende Auswirkungen auf das Weltbild des Menschen: Wenn ‚Welt‘ ihm bis dahin als metaphysisches System vor Augen schwebte, das ihm „gleichsam greifbar in der Hierarchie der SphĂ€ren“ war, „die vom Untersten und Dumpfsten, der Erd...

Table of contents

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Vorwort
  5. Inhaltsverzeichnis
  6. 0. EINLEITUNG
  7. I. ANALYSE DES VERNUNFTBEGRIFFS RATZINGERS
  8. II. PHILOSOPHIEGESCHICHTLICHE EINORDNUNG
  9. III. KRITISCHE WÜRDIGUNG
  10. IV. DARSTELLUNG DES FORSCHUNGSSTANDS
  11. V. ANTHROPOLOGISCHE BESTIMMUNG DES VERNUNFTBEGRIFFS
  12. NAMENSREGISTER

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