Die menschliche Verwundbarkeit ist von groĂem humanem Interesse. Aus diesem Grund entwickelt sie sich in den letzten Jahren interdisziplinär zu einem innovativen Forschungsthema. Welche Machtwirkungen entfaltet die Vulnerabilität in aktuellen Debatten um Migration und Terror, sexuellen Missbrauch und interkulturellem Diskurs? Inwiefern sind Wunden ein Ort der Kommunikation, insbesondere in Liebe und Zuneigung, FĂźrsorge und Zärtlichkeit?In einer fruchtbaren Kooperation fĂźhrten die WĂźrzburger Forschungsgruppe "Vulnerabilität, Sicherheit und Resilienz" und das DFG-Projekt "Verwundbarkeiten" mit weiteren Partnerinnen zwei Ringvorlesungen an der Universität WĂźrzburg durch. Die vorliegenden Beiträge beleuchten aktuelle Themen der Verwundbarkeit jeweils im Duett aus einer theologischen und humanwissenschaftlichen Perspektive. So kommen Wissenschaften in einen gesellschaftlich relevanten Dialog.

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Theologische und humanwissenschaftliche Perspektiven zur menschlichen Vulnerabilität
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Theologische und humanwissenschaftliche Perspektiven zur menschlichen Vulnerabilität
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Information
II Liebe und Verletzlichkeit â die Wunde als Ort der Kommunikation
Familienbande â Wunden verbinden
Bereits in ihrer Herkunftsfamilie machen Menschen die Erfahrung, dass sie in sozialen Beziehungen verletzt werden und folglich verwundbar sind. Familienbande entfalten multiple, oft widersprßchliche Machtwirkungen. Sie kÜnnen Sicherheit und Schutz, Liebe und Kreativität erÜffnen, aber auch festbinden an schmerzliche Verletzungsgeschichten. In vielen Fällen werden Wunden dabei zu Orten der Kommunikation. Wunden verbinden? Der doppelten Bedeutung des Wortes gehen der Sonderpädagoge Thomas Mßller und die Fundamentaltheologin Hildegund Keul nach.
Thomas MĂźller
Familien zwischen Bindung, Verstrickung und Verrat
Wir Menschen seien âin Geschichten verstricktâ (Schrapp 2012), schreibt der Philosoph Wilhelm Schrapp und gibt damit einen ersten Hinweis darauf, dass Familienbande oft Ăźber Generationen hinweg unheilvoll miteinander verbunden sein kĂśnnen und entstandene Wunden aus lange zurĂźckliegender Zeit ihre schmerzhafte Wirkkraft auch im Heute entfalten kĂśnnen. Zugleich deutet sich mit dem Titel dieses Beitrags aber auch an, dass es mĂśglich sein kann, entstandene Wunden zu verbinden und so in einen Umgang mit diesen zu finden, wenn auch vielleicht nicht, diese zu heilen. Ob gerade Familienbande dabei hilfreich sind oder eher nicht, bleibt der Bewertung der Leserschaft Ăźberlassen.
1. Eine kurze Phänomenologie der Bindung
Folgt man den Bildern von Bindung und Verstrickung sprachlich weiter und materialisiert diese ßber Begriffe wie Faden, Schnur, Seil, Knäul oder Kette, so tut sich ein wahrer Kosmos an Redewendungen und Terminologien auf, die zeigen, welche existentielle Verwundbarkeit sich hinter den Fragen der vielfältigen Bindungen von Menschen verbergen. Einige Beispiele mÜgen dies verdeutlichen:
⢠Die Entbindung ist nach Zeugung und Heranwachsen im Mutterleib ein ganz entscheidender Moment im noch jungen, hoch vulnerablen Leben von Menschen.
⢠Die Nabelschnur verbindet die Mutter mit ihrem Embryo. Es kann einem aber auch etwas die Luft abschnßren.
⢠Man kann sich an jemanden binden ebenso, wie das Band zwischen zwei Menschen zerschnitten sein kann.
⢠Die Bande bezeichnet Begrenzungen einerseits und eine Gruppenform andererseits.
⢠Man kann sich nicht nur in Geschichten, sondern auch in Emotionen, Zwänge oder sich selbst verstricken.
⢠Manche Menschen sind ähnlich gestrickt.
⢠Es kĂśnnen alle Stricke reiĂen.
⢠Man kann sich vom Leben im wahrsten Wortsinn entbinden, indem man sich den Strick nimmt.
⢠Der Faden lässt sich verlieren, ebenso wie sich ein roter Faden durch das eigene Leben ziehen kann.
⢠Bisweilen hängt etwas am seidenen Faden.
⢠Manche Menschen sind geschickt darin, etwas einzufädeln oder gar die Fäden im Hintergrund zu ziehen.
Das Bild von Bindung und Entbindung, von Halten und Loslassen, von Sicherheit und Exploration ist so stark, dass es sogar einen Niederschlag im Gnadenbild âMaria KnotenlĂśserinâ in der Wallfahrtskirche St. Peter am Perlach in Augsburg gefunden hat.
Das Gebet zu Maria mĂśge dazu fĂźhren, dass sie hilfreich dabei ist, die Knoten, die sich als scheinbar unlĂśsbar in der Lebensschnur gebildet haben, zu lĂśsen, und dazu beizutragen, dass das Leben wieder leicht und frei werden kann. Nicht zuletzt finden sich in allen groĂen Religionen Gebetsketten, PerlenschnĂźre o.ä., z.B. in Form des Rosenkranzes, welche auf Aspekte von Bindung und Entbindung verweisen.
2. Bindungstheorie âlightâ â Annahmen zur seelischen Bindung von Menschen
Schaut man genauer auf die Familienbande, so erscheint insbesondere der Blick auf die Bindungstheorie hilfreich, um sich der Frage anzunähern, inwieweit Wunden Familien verbinden bzw. inwieweit Wunden von Familien verbunden werden kĂśnnen. Die Bindungstheorie (Bowlby 2016) erklärt verschiedene Formen menschlicher Selbst- und Weltverhältnisse Ăźber frĂźhkindliche Erfahrungen und widmet sich damit stärker dem inneren Erleben von Kindern und weniger dem beobachtbaren Verhalten. Dabei spielt vor allem die Art und Weise, wie âfeinfĂźhligâ (Ainsworth & Salter 1978) Eltern mit ihrem Kind umgehen, eine besondere Rolle, und infolge davon das Verhältnis von Sicherheitsempfinden und Explorationsbereitschaft. Die seelische Bindung wird als grundlegender emotionaler Bezug zwischen Menschen und zwischen Menschen und Umwelt angesehen. Sie geschieht meist unbewusst und basiert auf Erfahrungen mit KĂśrperkontakt und GefĂźhlen. Die Bindungstheorie geht davon aus, dass sich die seelische Bindung ab dem Zeitpunkt der Zeugung entwickelt und sich besonders bei und nach der Geburt ausprägt. Das ist auch der Grund, weshalb es Ăźblich ist, dass MĂźtter ihr Baby sofort nach der Entbindung zum Aufbau einer sicheren Bindung auf die Brust gelegt bekommen.
Entscheidend ist, dass Eltern feinfĂźhlig mit ihrem Kind umgehen und dabei seine Signale richtig lesen und angemessen beantworten. Dies bedeutet, das Kind weder unter- noch Ăźberzuversorgen, also weder zu vernachlässigen noch ĂźberzubehĂźten sind. Ein strenges oder genaues MaĂ gibt es dafĂźr nicht. Entscheidend ist aus Sicht der Bindungstheorie, dass die Reaktionen der Eltern auf die Signale des Babys in einer angemessenen Frustrationszeit erfolgen. Die Gefahr, die stets besteht, ist, dass Signale falsch interpretiert, verzerrt oder umgedeutet werden und darĂźber beispielsweise eigene, elterliche BedĂźrfnisse auf das Kind Ăźbertragen werden â z.B. nach dem Motto: âDu sollst es mal besser haben als ichâŚâ. Es wird angenommen, dass die Qualität der Bindung besonders in den ersten drei Lebensjahren von Bedeutung ist und sich nach und nach als Bindungsmuster verfestigt. Damit sind sehr frĂźhe Bindungserfahrungen wesentlich dafĂźr verantwortlich, wie im späteren Leben mit GefĂźhlen wie Liebe, Angst, Wut, Scham, Stolz usw. umgegangen werden kann.
Nachweisen kann man die Bindungsmuster von Kleinkindern durch den so genannten Fremde-Situations-Test, in dem in einer Experimentalsituation die Reaktion des spielenden Kindes auf die Trennung von der Mutter und die Reaktionen auf ihre Wiederkehr beobachtet wird. Dabei lassen sich Kinder im Normalfall einem von drei grundsätzlichen Bindungsmustern zuordnen.
âSicher gebundene Kinderâ zeigen ein deutliches Bindungsverhalten, rufen nach der Mutter und sind stark gestresst. Auf ihre Wiederkehr reagieren sie mit Freude und wollen getrĂśstet werden. Sie beruhigen sich schnell und kĂśnnen sich wieder ins Spiel vertiefen. âUnsicher-vermeidend gebundeneâ Kinder reagieren auf die Trennung mit wenig Protest und spielen weiter. Sie wollen bei der Wiederkehr eher nicht getrĂśstet werden und suchen keinen intensiven KĂśrperkontakt. âUnsicher ambivalent gebundene Kinderâ zeigen groĂen Stress und weinen heftig. Sie lassen sich kaum beruhigen und tun sich schwer, ins Spiel zurĂźckzufinden. Im KĂśrperkontakt suchen sie Nähe, um getrĂśstet zu werden, wehren sich zugleich aber auch, um ihre Wut zum Ausdruck zu bringen â nach dem Motto: âWie konntest Du mir so etwas nur antun?â. Dennoch gelten alle drei Bindungsstile als ânormalâ und sind auf unterschiedliche Erfahrungen der Kinder im Umgang mit ihren Eltern oder wichtigsten Bezugspersonen zurĂźckzufĂźhren.
Wachsen Kinder in Dauerstresssituationen auf oder erleben Traumatisches, wie beispielsweise Flucht, den Verlust von Heimat und Elternteilen, Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung oder psychische Misshandlungen, kann es zu einer BindungsstÜrung kommen, die sich durch desorganisierte Verhaltensweisen ausdrßckt. Ihr Bindungsmuster wird dann entweder als unsicher-vermeidend-desorganisiert oder als unsicher-ambivalent-desorganisiert bezeichnet (Crittenden 1995) und weist darauf hin, dass sie bei Stress keine geeigneten Verhaltensmuster zur Verfßgung haben, um mit der Situation umgehen zu kÜnnen und ihre Emotionen zu regulieren.
Kinder, die unsicher-vermeidend-desorganisiert gebunden sind, haben oft Erfahrungen der Vernachlässigung gemacht und frĂźh gelernt, dass von Erwachsenen keine Sicherheit ausgeht, ganz im Gegenteil. Ihre âErkenntnisâ lautet: auf Erwachsene kann man sich nicht verlassen, von ihnen geht Gefahr aus und man sollte sie am besten meiden. Sicher kann man sich nur fĂźhlen, wenn man fĂźr sich selbst sorgt, alles selbst macht und kontrolliert.
Dagegen haben unsicher-ambivalent-desorganisierte Kinder oft die Erfahrung gemacht, dass nicht klar ist, ob sie sich auf Erwachsene verlassen kĂśnnen. Mal wurden ihre Signale angemessen beantwortet, dann wieder gar nicht. Ihre âErkenntnisâ lautet: Man kann nicht wissen, ob man sich auf Erwachsene verlassen kann, deshalb ist es besser, die Beziehung zu Erwachsenen ständig zu prĂźfen und zu testen. Derart gebundene Kinder tun alles dafĂźr, um die Aufmerksamkeit des Erwachsenen nicht zu verlieren und damit die Beziehung aufrechtzuerhalten â selbst, wenn sie dafĂźr Strafe in Kauf nehmen mĂźssen.
Untersuchungen (z.B. Julius 2009) zeigen, dass sich Kinder mit diesen Bindungsmustern vielfach in Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen finden lassen, dass ihre Eltern oft selbst erheblichen psychischen Belastungen ausgesetzt sind oder traumatische Erfahrungen, beispielsweise durch Gewalterfahrungen oder Missbrauch, gemacht wurden. Wie aber äuĂern sich BindungsstĂśrungen?
Sie lassen sich nur schwer diagnostizieren oder eindeutig festschreiben, aber es lassen sich wichtige Hinweise im Verhalten von Kindern und Jugendlichen finden, die auf eine BindungsstĂśrung hinweisen kĂśnnen. Kinder, die unsicher-vermeidend-desorganisiert gebunden sind, fallen meist durch folgende Verhaltensweisen auf:
⢠Sie zeigen kaum Verunsicherung oder Angst, was nicht heiĂt, dass diese nicht existieren.
⢠Sie bestreiten zumeist, dass sie Hilfe durch die Erwachsenen benĂśtigen und äuĂern dies auch, z.B. âKann ich schon!â oder âBrauch ich nicht!â oder âHab ich schon gemacht!â.
⢠Die emotionale und kÜrperliche Nähe Erwachsener wird nur schwer ausgehalten und abgelehnt. Ihnen geht es gut, wenn Erwachsenen ihnen nicht zu nahekommen.
⢠Sie reagieren auf Anweisungen durch Erwachsene schnell aggressiv auf diese oder andere Personen, aus Angst, die Kontrolle zu verlieren.
⢠Ihre Leistungen im sprachlichen Ausdruck und im kreativen Denken sind eher eingeschränkt, weil sie sich wenig explorativ verhalten und (daher) kaum Ăbung haben.
Kinder, die unsicher-ambivalent-desorganisiert gebunden sind, fallen meist durch folgende Verhaltensweisen auf:
⢠Sie weisen ein hohes MaĂ an Ăngsten und Unsicherheiten auf und äuĂern dies auch.
⢠Sie haben ein ßberaus hohes Bedßrfnis nach Zuwendung durch Erwachsene und nehmen auch Strafen in Kauf, wenn sie dadurch die Aufmerksamkeit gewinnen oder halten kÜnnen.
⢠Sie haben bisweilen Probleme in der selbstständigen Aufgabenbewältigung und versichern sich immer wieder bei Erwachsenen.
⢠Sie halten Phasen, in denen sie auf sich selbst verwiesen sind, meist nicht durch, weil sie Angst haben, die Aufmerksamkeit Erwachsener zu verlieren.
⢠Sie sind sprachlich meist recht eloquent, weisen aber eher schlechte schriftliche und rechnerische Leistungen auf.
3. Bindungswunden
Bindungswunden lassen sich auf verschiedene Art und Weise beschreiben. Im Folgenden werden sie mit Blick auf die Familienbande unterschieden nach dem Erleben von Verrat auf der einen Seite und den Verletzungen im System Familie auf der anderen Seite. Eine solche Unterscheidung mßht sich um unterschiedliche Perspektiven: einerseits stärker emotional, andererseits stärker strukturell fokussiert. In der Realität existieren sie wohl nicht als unterschiedliche Kategorien, sondern als eine Einheit aus emotionalem Erleben und strukturellen Prozessen und Konsequenzen.
3.1 Verletzungen durch Verrat
Bindungswunden entstehen insbesondere dann, wenn Kinder einen familiären Verrat durch wichtige Bezugspersonen erfahren. Verrat als Terminus bezieht sich dabei auf die Nicht-ErfĂźllung basaler Aufgaben bzw. die vulneranten Verhaltensweisen einer Bezugsperson in frĂźher Kindheit und die mit ihnen verbundenen Erwartungen. Erfahrungen von sexuellem Missbrauch, massiver kĂśrperlicher Gewalt, emotionaler Vernachlässigung und Verwahrlosung, aber auch von Vertreibung und Verlust kĂśnnen im Erleben von Kindern dazu fĂźhren, dass sie sich in dem verraten fĂźhlen, was sie sind: schutzbedĂźrftige Wesen, die existentiell auf fĂźrsorgende Bezugspersonen angewiesen sind. Der Mann, der sein eigenes Kind missbraucht, und die Frau, die davon weiĂ, es aber aus Angst vor dem Mann nicht unterbindet, verraten ihr Kind durch Nicht-ErfĂźllung ihrer Aufgaben als Vater ebenso wie als Mutter â und dies unabhängig von Motiven, Kausalitäten und Schuld. Im Kind entsteht eine Wunde, die Ăngste vor Vernichtung und sozialer Ăchtung auslĂśsen, es mit GefĂźhlen von Ekel und Scham Ăźberfluten, wodurch sich Verwirrung, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit breit machen kĂśnnen. Die Wunde wiederum fĂźhrt dazu, dass die emotionale Vulnerabilität wächst.
Erlebt man betroffene Kinder in emotional aufwĂźhlenden Situationen, weil beispielsweise Mutter oder Vater von anderen Kindern beleidigt werden, so sind es gerade sie, die bis âaufs Blutâ bereit scheinen, den beleidigten Elternteil zu verteidigen, obgleich man rational zu dem Schluss kommen kĂśnnte, dass es keinen Grund dafĂźr gibt, â auĂer jenem eben: es ist die Mutter, es ist der Vater des Kindes, und das eigene Verratserleben soll durch Beleidigungen und Herabsetzungen durch andere Kinder nicht noch verstärkt werden. Zugleich scheint sich in einem solchen Verhalten eine wĂźtende, trauernde Vergewisserung zu verbergen: Du bist doch meine Mutter, Du bist doch mein Vater! Im Erwachsenenalter schlagen sich die gemachten Erfahrungen mehr in ĂuĂerung als in Handlungen der Loyalität nieder, wie sie beispielsweise Huber (2015, 14) eindrucksvoll zusammengestellt hat:
⢠âDa kann man gar nichts gegen machen.
⢠Aber das sind doch meine Eltern!
⢠Das ist doch lange her.
⢠So schlimm war es nicht.
⢠Ich erbe mal das HausâŚ
⢠Jetzt muss ich meinen Vater doch pflegen.
⢠Sie bezahlen die Therapie.
⢠Blut ist eben dicker als Wasser.
⢠AuĂenstehende verstehen das eben nicht.â
Fßr die Familienbande und das Aufziehen der eigenen Kinder bedeutet dies infolge oftmals eine Identifikation mit den einstigen Tätern (Huber 2015, 16) und eine Weitergabe der Wunde an die Kinder wie einen Staffelstab:
⢠Schläge haben mir auch nicht geschadet.
⢠Ich bin eben ein harter Hund.
⢠Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.
⢠Schreiende Kinder sind widerlich.
⢠Du hast es nicht besser verdient.
⢠Selbst schuld.
Dies fĂźhrt unweigerlich zu einer im Folgenden strukturelleren Betrachtung von Bindungswunden.
3.2 Verletzungen im System
Betrachtet man Bindungswunden als Verletzungen im System Familie, so hat man es oft mit Familien zu tun, bei denen sich die Eltern auf der Bindungsebene in einer Art Schockstarre befinden, beispielsweise, weil sie existentielle Verwundungen wie Vertreibung, Verfolgung oder Folter hinnehmen mussten. Dagmar von Hoff und Marianne Leuzinger-Bohleber beschreiben diese Starre mithilfe des Gemäldes âfamigliaâ des sĂźdamerikanischen Malers Botero, und zeigen darĂźber anschaulich die Weitergabe der erfahrenen Verwundung innerhalb der Familie: âDie Mutter stillt mit deanimiertem und depressivem Gesicht ihren Säugling. Der adipĂśse Vater liest beziehungslos seine Zeitung. Der grĂśĂere Junge streichelt parentifiziert Mutter und Säugling. Die negat...
Table of contents
- Cover
- Titel
- Impressum
- Inhalt
- Einleitung
- I. Vulneranz, eine humane Herausforderung
- II. Liebe und Verletzlichkeit â die Wunde als Ort der Kommunikation
- III. Widerstand aus Vulnerabilität â Blickwechsel
- Literatur
- Autorinnen und Autoren
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