Angesichts der Krisen und Defizite sĂ€kularer Gesellschaften wird die Relevanz der Religion fĂŒr zentrale und elementare Fragen menschlichen Miteinanders zunehmend wieder entdeckt. Zugleich bestreitet ein "Neuer Atheismus", dass die Berufung auf Gott im Denk- und Erfahrungshorizont der Welt noch Geltung beanspruchen kann. Allenfalls eine Gott los gewordene ReligiositĂ€t will er noch zulassen. Wie man angesichts dieser widerstreitenden Tendenzen und den damit verbundenen intellektuellen und existenziellen Herausforderungen angemessen von Gott sprechen kann, ist die Grundfrage dieses Buches. Darin greift Hans-Joachim Höhn auf die "theologia negativa" zurĂŒck - eine Denkform, welche im Bewusstsein des vielfachen Missbrauchs des Wortes "Gott" die "Entleerung" eines dogmatisch und moralisch ĂŒberfrachteten Glaubens betreibt und ebenso die Fremdheit und UnverfĂŒgbarkeit wie die verborgene Gegenwart Gottes zu wahren sucht.

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I.
Abschied von Gott?
Theologie an den Grenzen
der Moderne
Theologie ist Rede von Gott. SelbstverstĂ€ndlich! Aber versteht man deswegen auch, wovon sie spricht? SelbstverstĂ€ndlich nicht! Denn es versteht sich heute keineswegs von selbst, wer oder wie Gott ist. Darum mĂŒssen Theologen viele Worte machen, um verstanden zu werden. Sie erwecken damit den Eindruck, gut Bescheid zu wissen ĂŒber Gott. Und zugleich wird ihnen diese Beredsamkeit zur Gefahr. Es kommt zu einer unseligen Redseligkeit. Gedankenlose GeschwĂ€tzigkeit macht sich breit. Die Theologie vermag trotz ihres Redeflusses nicht mehr, Gott oder das âWort Gottesâ zur Sprache zu bringen. Beide werden totgeredet. Auf diese Weise bereitet sich die Theologie ihr Ende selbst. Es bedarf keiner religionskritischen Vehemenz, um ihr Ableben zu befördern. Das Ende der Theologie fĂ€ngt dort an, wo sie geschwĂ€tzig wird und viele SĂ€tze ĂŒber Gott schneller gesagt als gedacht sein lĂ€sst.1 Auf diesem Wege wird sie letztlich nichtssagend. Den Nichtssagenden aber gehen die Worte niemals aus. Darum setzt sich theologisches Gerede einstweilen fort, auch wenn es nichts und niemandem mehr etwas sagt.
Aber was wĂ€re die Alternative? Ihre Sache zu verschweigen, im Diskurs der Wissenschaften zu verstummen, sich aus dem Stimmengewirr der Ăffentlichkeit zurĂŒckzuziehen, nicht mehr von Gott, sondern nur noch ĂŒber âReligionâ zu reden wĂŒrde ebenfalls ihr Ende bedeuten. Ein solches Schweigen wĂ€re nicht beredt, sondern ein betretenes und verschĂ€mtes Verstummen. Da sie nicht schweigen will und darf, setzt die Theologie ihr GeschĂ€ft fort, viele und groĂe Worte von Gott zu machen. Ihr kommt dabei die Hoffnung zu Hilfe, dass sich dort, wo die Worte sind, auch die Sache einstellt, die sie bezeichnen. Allerdings ist diese Hoffnung trĂŒgerisch. Im Reich der Worte werden viele Dinge oft unbedacht ausgesprochen. Hier lĂ€sst das Reden das Denken hinter sich. Wo aber das Denken das Reden nicht mehr einholt, droht die Gefahr, dass man gedankenlos daherredet. Das gilt auch fĂŒr âBerufschristenâ, fĂŒr Religionslehrer/innen, Pfarrer und Theologieprofessoren. In ihrem Worteifer kann es passieren, dass sie sich nichts mehr dabei denken, wenn sie von Gott reden. Dann aber sind sie erst recht nicht mehr bei ihrer Sache. Und sie verfehlen auch das, was an der Zeit ist.
1. Provokationen:
Die Passion des Wortes âGottâ
Das Ende der Theologie beginnt dort, wo sie nur noch redet, aber nicht mehr hinhört auf das, was ihr die Zeit auftrĂ€gt. Das Wort âGottâ gibt in dieser Zeit mehr zu denken als zu reden. Es ist ein in höchstem MaĂe âbedenklichesâ Wort geworden. FĂŒr den jĂŒdischen Religionsphilosophen MARTIN BUBER (1878â1965) ist es das am meisten belastete aller Menschenworte: âWelches Wort der Menschensprache ist so miĂbraucht, so befleckt, so geschĂ€ndet worden wie dieses! All das schuldlose Blut, das um es vergossen wurde, hat ihm seinen Glanz geraubt. All die Ungerechtigkeit, die zu decken es herhalten muĂte, hat ihm sein GeprĂ€ge verwischt. Wenn ich das Höchste âGottâ nennen höre, kommt mir das zuweilen wie eine LĂ€sterung vor.â2 Dennoch will M. Buber auf dieses Wort nicht verzichten â um des Menschen willen. Die Blutspur, die sein Missbrauch in der Geschichte hinterlassen hat, erzĂ€hlt von der Passion des Menschen. FĂŒr dieses Wort wurden Menschen getötet und mit diesem Wort auf den Lippen haben Menschen getötet. An diesem Wort klebt Blut. Bereits um der Erinnerung an die Passion des Menschen willen darf dieses Wort nicht vergessen werden. Was das Wort âGottâ bedenklich macht, ist aber nicht allein die Leidensgeschichte des Menschen und die Kriminalgeschichte einer Religion, sondern auch die Passion Gottes.
die passion des wortes GOTT
das blutet aus allen wunden
das wird vergewaltigt noch und noch
das ist verraten zertrampelt zerschossen geköpft
gerÀdert gevierteilt gezehnteilt
verlorene glieder wurden durch monströse prothesen ersetzt
das ist sich selber und uns und allem entfremdet
ist schizo und neuro und psycho
zerstochen ĂŒber und ĂŒber von nadeln mit denen
fremde substanzen injiziert worden sind
das agonisiert ohne ende
ist vielleicht schon tot oder noch nicht oder
das consilium der Àrzte diskutiert noch zur zeit
und ALSO wurde das wort GOTT
zum letzten der wörter
zum ausgebeutetsten aller begriffe
zur gerÀumten metapher
zum proleten der sprache3
Dem Wort, das in der Geschichte der Menschen dazu verwandt wurde, dem höchsten Wert, dem Grund allen Seins und dem Ziel der Geschichte einen Namen zu geben, ist Gewalt angetan worden, weil mit ihm Menschen vergewaltigt wurden. Der Missbrauch des Wortes âGottâ ist aber nicht nur ein Vergehen am Menschen und an seiner Sprache, sondern auch ein Fall von âGottesmissbrauchâ. Mit dem Wort âGottâ vergeht sich der Mensch an Gott. Gott selbst wird hintergangen, betrogen, ausgenutzt, wo man das Wort âGottâ zum BedeutungstrĂ€ger fĂŒr reichlich âgottloseâ Unternehmen macht. Dabei handelt es sich um ein doppeltes Vergehen, denn es fĂŒhrt in die religiöse Blasphemie und ist ebenso ein Akt der Unvernunft: Es ist ein Akt der âGotteslĂ€sterungâ, ihn zum ErfĂŒllungsgehilfen menschlicher Vorhaben zu machen â erst recht dann, wenn sie die InhumanitĂ€t des Menschen bezeugen.4 Es bedeutet einen Anschlag auf die Vernunft, wenn ihr Fragen, die grundsĂ€tzlich in die Kompetenz rationaler Weltauslegung und Weltgestaltung gehören, entzogen und in den Bereich des Glaubens ĂŒberwiesen werden. Zwar gilt, dass man das, was man glaubt, auch widerspruchsfrei denken können muss. Aber daraus folgt nicht, dass man Glauben und Denken gleichsetzen darf oder dass der Glaube das Denken ersetzen kann.
Gegen diesen doppelten Grundsatz ist von den Glaubenden immer wieder verstoĂen worden â vom Ruf âGott will esâ als Auftakt der KreuzzĂŒge ĂŒber das so genannte âGottesgnadentumâ feudaler Herrscher bis hin zur Inschrift âGott mit unsâ auf dem Koppel deutscher Weltkriegs-Soldaten. Blasphemisch war auch die ausdrĂŒckliche Berufung auf eine göttliche Mission seitens der sich zum Islam bekennenden Terroristen vom 11. September 2001. Die von evangelikalen Predigern in den USA aufgebotene Rhetorik fĂŒr einen Kreuzzug gegen den Terrorismus war es nicht minder.5 Man muss sich nicht wundern, dass angesichts dieses Gottesmissbrauchs viele Menschen das Wort âGottâ fĂŒr ein korrumpiertes und kontaminiertes Wort halten.
Dies gilt auch fĂŒr die zahllosen Versuche, Gott als âMoralverstĂ€rkerâ ins Spiel zu bringen. Wenn der kategorische Imperativ der praktischen Vernunft in seiner Verbindlichkeit nicht ĂŒberbietbar ist, welchem Ziel dienen dann Versuche, eine solche autonome Moral bzw. Moral der Autonomie mit religiösen Mitteln in Frage zu stellen? Kritische Beobachter dieser BemĂŒhungen fragen an, ob es ĂŒberhaupt eine moralisch gute Tat gibt, die exklusiv religiösen Motiven zugeschrieben wird, ohne dass sie auch von âgottlosenâ Menschen vollbracht werden könnte. VerhĂ€lt es sich nicht eher umgekehrt, dass auch ohne Gott anstĂ€ndige Menschen anstĂ€ndig und unanstĂ€ndige Menschen unanstĂ€ndig sind, aber dass es der Berufung auf Gott bedarf, um anstĂ€ndige Menschen dazu zu bringen, andere zu unterdrĂŒcken, zu bespitzeln, zu tyrannisieren?6
Jedes Reden von Gott birgt in der Tat ein VerfĂŒhrungspotential. Dagegen ist es nur gefeit, wenn es sich erhebt gegen jeden âGottesmissbrauchâ im Sprechen und Handeln unserer Zeit â gleichgĂŒltig ob in seinen zynisch-politischen oder fromm-bigotten Versionen, die sich auch in Christentum und Kirche eingenistet haben. Denn nicht wenige âGottesglĂ€ubigeâ haben auf ihre Weise dazu beigetragen, Menschen- und Gottesverachtung im Namen Gottes zu praktizieren. Aus einem Wort, das etwas zu bedenken gibt, hat auch die Kirche zu oft ein Wort gemacht, das etwas beglaubigt. Sie benutzte dieses Wort bedenkenlos zur Rechtfertigung ihrer Selbstbehauptungsinteressen, die sie als Sache Gottes ausgab.7 Die Theologie hat dabei oft mitgespielt oder tatenlos zugesehen. Sie hatte keine EinwĂ€nde, weil ihr in der Rolle als Pflichtverteidigerin der Kirche keine Einspruchsmöglichkeit blieb. Eine starre Dogmatik lieĂ zudem kaum mehr etwas ĂŒbrig, was es theologisch noch zu bedenken gab. An die Stelle des StreitgesprĂ€ches und des Diskurses trat der Kommentar, das Selbstzitat, die willfĂ€hrige Unterweisung.
Jedes Reden von Gott hat heute verspielt, das nicht in Opposition steht zu einer Einstellung, die nicht mehr â im positiven Sinn â âbegriffsstutzigâ sein will. Auch die Theologie muss immer wieder stutzig werden, AnstoĂ nehmen an den vielen Formen, Gott fĂŒr eine irritationsresistente Praxis in religiösen und sĂ€kularen Angelegenheiten in Anspruch zu nehmen und die eigentliche Zumutung dieses Wortes auszuschlagen, die jeglichen Redefluss unterbricht und in Frage stellt. Theologinnen und Theologen sollten es als Ehrentitel auffassen, wenn sie von kirchlichen WĂŒrdentrĂ€gern als âBedenkentrĂ€gerâ kritisiert werden, womit in der Regel eine unwirsche Beschreibung fĂŒr unbequeme und nachdenkliche Mitmenschen verbunden ist. Man hĂ€lt sie fĂŒr Nörgler, Beckmesser und Querulanten. Viele ihrer Kritiker können gar nicht verstehen, warum es etwas zu kritisieren gibt. Sie halten ihre Sache fĂŒr eine groĂe SelbstverstĂ€ndlichkeit. BedenkentrĂ€ger aber erinnern daran, dass sich keineswegs alles von selbst versteht. Das ahnen auch ihre Kritiker unter den KirchenfĂŒrsten und im Kirchenvolk. Sie merken, dass die traditionelle Gottesrede auf Probleme stöĂt. Aber sie reagieren meist anders â jedenfalls selten mit Nachdenklichkeit und Selbstkritik. Denn fĂŒr sie ist die Wirklichkeit Gottes etwas Fragloses, Unstrittiges, Unbezweifelbares. Gott ist fĂŒr sie ĂŒber jeden Zweifel erhaben. Diese Ăberzeugung ist heute jedoch immer schwerer vermittelbar. Das wissen auch die Ăberzeugten und darum bekrĂ€ftigen sie immer wieder das, wovon sie ĂŒberzeugt sind. Das ist auf den ersten Blick auch verstĂ€ndlich: Wer auf Anhieb nicht verstanden wird, obwohl er/sie meint, etwas SelbstverstĂ€ndliches zu sagen, sieht sich genötigt, dasselbe noch einmal zu sagen. Man wiederholt sich. Wiederholungen aber langweilen. Und wer sich langweilt, schaltet ab.
Genauso ergeht es der Kirche seit geraumer Zeit mit ihrer Rede von Gott. Sie versteht nicht, warum sie nicht verstanden wird. Und darum wiederholt sie das oft Gesagte, sie fasst zusammen, sie beschwört, sie schĂ€rft ein, sie droht â und am Ende gibt sie fĂŒr das gleichwohl fortbestehende UnverstĂ€ndnis den Anderen die Schuld. Man macht den Anderen, den Religions- und Kirchenfernen jene VorwĂŒrfe, die man an sich selbst adressieren mĂŒsste. Ein solches Reden von Gott ist unkommunikativ. Kommunikation lebt davon, dass man sich Fragen stellen lĂ€sst. Die besten Fragen sind stets die unbequemen. Ihnen aus dem Weg zu gehen ist ebenso unklug wie feige. Es ist unklug, weil man bekanntlich durch Fragen klug wird. Und es ist feige, denn wo nicht gefragt wird, wird nichts riskiert. Und wo nichts riskiert wird, gibt es auch nichts zu gewinnen. Wer all dem aus dem Weg gehen will, ist in der Theologie fehl am Platz. Theologie beginnt mit unbequemen Fragen, die sie sich stellen lĂ€sst und die sie anderen stellt.
Jedes Reden von Gott hat in dieser Zeit verspielt, das sich nur noch an jene richtet, die noch etwas mit dem Wort âGottâ anfangen können oder wollen. Theologie, die ernst genommen werden will, braucht das GesprĂ€ch mit jenen Zeitgenossen, die dieses Wort aus ihrem Vokabular gestrichen haben. Sie muss die Ursachen und GrĂŒnde erfragen, dass es zum âGottesverdrussâ, zur Aversion oder GleichgĂŒltigkeit gegenĂŒber diesem Menschheitswort gekommen ist. Die Theologie muss solidarisch sein mit den Nachdenklichen â sowohl unter den âFrommenâ als auch unter den âUnglĂ€ubigenâ â und auf beiden Seiten um wechselseitiges VerstĂ€ndnis werben. Nur so ebnet sie dem VerstĂ€ndnis ihrer Sache einen Weg.
Den Anfang des Verstehens bildet gleichwohl das Nicht-Verstehen. Erst das Klarwerden ĂŒber das, was unklar ist, ebnet den Weg zu Einsichten.8 Dazu gehört auch die PrĂŒfung, ob das, was jeweils selbstverstĂ€ndlich erscheint, auch wirklich der kritischen Nachfrage standhĂ€lt. Erkenntnis beginnt mit dem Problematisieren des scheinbar SelbstverstĂ€ndlichen. Darum kommt es der Theologie zu, dass sie gegenĂŒber dem Umgang mit dem Wort âGottâ zunĂ€chst Bedenken anmeldet. Anders kann sie ihrer Zeit und ihrer Sache nicht gerecht werden. Sie hat mit der Frage zu beginnen, ob das, was in dieser Zeit âGottâ genannt wird oder mit diesem Wort bestritten wird, in Wahrheit verdient, so genannt und bestritten zu werden. Sie hat den Schwierigkeiten nachzugehen, welche das Reden von Gott in der Moderne in die Krise gebracht haben, und sie muss die groĂen Enteignungen des Christentums im Blick behalten. Diese betreffen den Nachweis der Entbehrlichkeit Gottes fĂŒr die ErklĂ€rung der Welt und ihres Entstehens, den Nachweis der Verzichtbarkeit Gottes fĂŒr die BegrĂŒndung einer menschendienlichen Moral und den Nachweis fĂŒr den fehlenden Bedarf des Wortes âGottâ in unserer Sprache. Eine der Wahrheitsfrage verpflichtete Wissenschaft...
Table of contents
- Cover
- Title
- Copyright
- Inhalt
- I. Abschied von Gott? Theologie an den Grenzen der Moderne
- II. Biblische AufklÀrung: Offenbarung als Bestreitung
- III. Philosophischer Kontext: Gott denken im Widerstreit von Sein und Nichts
- IV. Ăsthetische Kontroversen: Wahre Bilder? â Bilder der Wahrheit?
- V. Epilog: Gott â bestritten und vermisst
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