PRAXIS
âDas Studium des Heiligen Buches ist gleichsam die Seele der Theologie.â (Dei Verbum 24)
Eine bibelhermeneutische Skizze
Ich erinnere mich noch sehr gut an meine Gedanken, als ich zum ersten Mal den Satz aus Dei Verbum, der dogmatischen Konstitution ĂŒber die göttliche Offenbarung des Zweiten Vatikanischen Konzils, gelesen habe: Ein wunderbarer, auch ökumenisch im Blick auf die Kirchen der Reformation ungemein hilfreicher, befreiender Gedanke, der die katholische Theologie mit Recht auf ihre eigentliche Basis verweist. Ich habe mich seitdem in mehreren BeitrĂ€gen unter verschiedenen Perspektiven immer wieder auf ihn bezogen und versucht zu zeigen, was es denn heiĂen mag, das âStudium des Heiligen Buchesâ als âSeele der Theologieâ zu verstehen. Tobias Nicklas
Vielleicht aber ist meine Freude auch einfach nur naiv. VerschlieĂt sie nicht die Augen vor anderen Perspektiven? Zum Beispiel der von James Baldwin: âMein Umgang mit Juden rĂŒckte das Thema der Hautfarbe, das ich bisher so verzweifelt gemieden hatte, ins furchtsame Zentrum meines Bewusstseins. Mir wurde klar, dass WeiĂe die Bibel geschrieben hatten. Nach Vorstellung vieler Christen war ich ein Nachkomme Hams, des Verfluchten, und deshalb zum Sklaven bestimmt. Das hatte nichts mit dem zu tun, was ich war oder in mir trug oder werden konnte; mein Schicksal war fĂŒr immer besiegelt, seit Anbeginn der Zeit.â (Baldwin, 53â54)
Oder der von Alexander J. Probst: âSeine Hand nĂ€herte sich meinem Gesicht. Nicht so, als ob er mich schlagen möchte. Eher so, als ob er es halten will. Irgendwie unten am Kinn. Ich zucke zurĂŒck, weil das so seltsam ist, und im selben Augenblick zieht er seine Hand weg. Dann sagt er etwas, das ich ebenfalls nicht verstehe: âDu wirst sie noch kennenlernen. Ich meine, die anderen.â â FĂŒr eine Weile herrscht angestrengte Stille. Dann höre ich Cornelius Hafner leise lachen: Wie sagt Jesus in MatthĂ€us 28,20: âIch bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt!â â Er hĂ€lt meinen Blick mit den Augen fest und fĂŒgt hinzu: âDas bin ich auch, du wirst sehen.ââ (Probst/Bachmann, 97).
DIE AUTORITĂT DER BIBEL UND DIE MACHT DER INTERPRETIERENDEN
Diese beiden Passagen â eine aus James Baldwins tief bewegendem und beklemmendem autobiographischen Essay The Fire Next Time, einer auch noch Jahrzehnte nach ihrem ersten Erscheinen gĂŒltigen Anklage des strukturellen Rassismus in den USA, die zweite ein Dokument ĂŒber den Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen â reprĂ€sentieren ein kaum ĂŒberschaubares Spektrum von Rezeptionen der Bibel (oder auch nur biblischer Texte), die es fĂŒr viele Menschen schwer, vielleicht sogar unmöglich machen, die Bibel als in welcher Weise auch immer befreiendes Buch, als (in Menschenworten gefasstes) Wort eines Gottes zu deuten, der Leben schaffen will. Die genannten Beispiele sind besonders herausfordernd, weil sie nicht nur auf die IrrtĂŒmer Einzelner verweisen, sondern mit Strukturen verbunden sind, die sich durch den Missbrauch biblischer AutoritĂ€t auf heillose Weise selbst erhalten und bestĂ€rken. Mit solchen Formen der Verwendung biblischer Texte werden und wurden AbhĂ€ngigkeiten und Ausgrenzungen begrĂŒndet und erzeugt, die Verstrickung in heillose SchuldgefĂŒhle gefördert, aber auch physische Gewalt gerechtfertigt. In der Geschichte der Bibelauslegung stehen sie nicht allein â der Bogen lieĂe sich von verschiedensten Formen antijĂŒdischer und antisemitischer Bibelauslegung bis hin zur Verwendung der Bibel im Zusammenhang mit spirituellem und sexuellem Missbrauch von Frauen spannen. Wie kommt es, dass sich immer wieder die AutoritĂ€t des als Gotteswort verstandenen Texts und Machtstrukturen, die menschliche Freiheit zu hindern suchen, miteinander verbinden? Ziehen sie sich vielleicht sogar gegenseitig an? Diese ganz grundlegende Frage wurde meines Wissens wenigstens in den durch weiĂe MĂ€nner geprĂ€gten Theologien sogenannter westlicher Gesellschaften bis heute weder gestellt noch angemessen diskutiert. Ruft nicht bereits die Rede vom âStudium des heiligen Buchesâ gewollt wie ungewollt die Assoziation einer Bibliothek hervor, in der der Studierende â ich formuliere bewusst maskulin â sitzt und, unterstĂŒtzt von einer Vielzahl dienender HĂ€nde â ich schreibe bewusst nicht von Personen â , den Freiraum genieĂt, zu lesen und die Welt besser zu verstehen?
Tobias Nicklas
Dr. theol., Prof. fĂŒr Exegese und Hermeneutik des Neuen Testaments an der UniversitĂ€t Regensburg.
Klar scheint: Das Wort Gottes kann nicht so an Menschenworten, die wir in der Bibel finden, kleben, dass in jedem Zitieren der Bibel einfach Gott spricht.
TROTZ ALLEM GOTTES WORT?
Die folgenden Gedanken bieten keine Antwort auf dieses Problem, sie verĂ€ndern sich aber schon deswegen, weil sie sich in die offene Frage einschreiben, wen denn ein deutscher, an der UniversitĂ€t beschĂ€ftigter Ausleger der Bibel tatsĂ€chlich reprĂ€sentieren kann, fĂŒr wen er â erneut bewusst im Maskulin formuliert â sprechen mag und fĂŒr wen nicht. Gleichzeitig sollen die einleitenden Gedanken vor Augen fĂŒhren, wie notwendig es ist und bleibt, darĂŒber nachzudenken, was es denn heiĂt, die Texte der Bibel und das Wort Gottes in Bezug zu setzen. Wo wir praxisrelevante christliche Theologie betreiben wollen, die menschliche Erfahrungen wie die oben angedeuteten wirklich ernst nimmt, mĂŒssen wir uns radikaler als bisher die Frage stellen: Ist es möglich, dass die Texte der Bibel fĂŒr Gottes Wort stehen, wenn sie in der Geschichte ihrer Auslegung so oft dafĂŒr herangezogen wurden, menschliche Freiheit einzuschrĂ€nken, UnterdrĂŒckungssysteme zu unterstĂŒtzen, ja menschliches Leben zu zerstören? Sind die Schriften weiterhin trotz allem als Gottes Wort, das sich in menschlichen Worten ausdrĂŒckt, zu verstehen? Oder gibt es eine Grenze, ab der dieser Gedanke nicht mehr verantwortbar ist? Ich stelle diese Fragen nicht als rein rhetorische. Eine solche Grenze wĂ€re das Ende christlicher, nicht nur römisch-katholischer Theologie.
Texte aber sind immer der Interpretation aufgegeben, ja man könnte so weit gehen, dass sie als Zeichensysteme erst dann zu Texten werden.
Klar scheint: Das Wort Gottes kann nicht so an Menschenworten, die wir in der Bibel finden, kleben, dass in jedem Zitieren der Bibel einfach Gott spricht. Wo sich ein Interpret oder eine Interpretin der Bibel in ihrer/seiner Auslegung oder Verwendung der Schrift dabei (meist implizit) an die Stelle Gottes setzt, wie dies im zweiten Eingangszitat recht deutlich der Fall ist, dĂŒrfte der Fall klar sein: Die zitierten Worte der Bibel sind hier nicht Gotteswort. Ein solcher Gebrauch der Schrift ist vielmehr diabolisch, wörtlich âzerwerfendâ. Auch die Vorstellung, dass Gott nur in der Vergangenheit, bei der Entstehung der Schriften und durch diese, gesprochen habe, fĂŒhrt nicht weiter. Dies wĂŒrde nur dann Sinn machen, wenn geschriebene Texte fĂŒr alle Zeiten eindeutig entschlĂŒsselbare und in jeder Situation jedes menschlichen Lebens gleich gĂŒltige Botschaften transportieren wĂŒrden. Texte aber sind immer der Interpretation aufgegeben, ja man könnte so weit gehen, dass sie als Zeichensysteme erst dann zu Texten werden, wo sie in RezeptionsvorgĂ€ngen interpretiert werden. Wer sich einmal ĂŒber die missverstĂ€ndliche Bauanleitung eines Ikea-Schranks geĂ€rgert hat, weiĂ, dass dies selbst fĂŒr ganz einfache Texte gilt. Umso mehr ist dies fĂŒr die vielstimmigen Texte der Bibel, die zudem Jahrtausende alt und aus einer anderen Sprachwelt ĂŒberliefert sind, der Fall.
Dies heiĂt nicht, dass Texte beliebig ausgelegt werden dĂŒrfen. Das hat aber zur Folge, dass sich in verschiedenen, vielleicht auch kontrĂ€ren Interpretationen der Schrift Gottes Wort ereignen kann.
INSPIRATION DER LESER*INNEN UND UNTERSCHEIDUNG DER GEISTER
Dies heiĂt nicht, dass Texte beliebig ausgelegt werden dĂŒrfen. Das hat aber zur Folge, dass sich in verschiedenen, vielleicht auch kontrĂ€ren Interpretationen der Schrift Gottes Wort ereignen kann: ohne inspirierte Leserinnen und Leser, Hörerinnen und Hörer, ja Betrachterinnen und Betrachter bleibt die Schrift toter Buchstabe und kann zum Tod bringenden Wort mit diabolischer Kraft werden. Was in der einen Situation fĂŒr den einen Menschen und die eine Gruppe Leben spenden und FreiheitsrĂ€ume kreieren kann, mag in einer anderen Situation blockieren. Die Vorstellung, dass jede Leserin, jeder Hörer biblischer Texte in seiner/ihrer Interpretation inspiriert sein kann, Gottes Wort in seinen/ihren menschlichen Worten zum Sprechen bringen kann, ist groĂartig. Doch was geschieht, wenn wirklich Frauen, MĂ€nner und Kinder verschiedenster Welten, Gesellschaften, Zeiten, Milieus, Sprachen und Bildungsniveaus beginnen, sich von biblischen Bildern, ErzĂ€hlungen und Gedanken inspirieren zu lassen und wenn dies auf Weisen geschieht, die sicherlich nicht immer mit dem Bild des studierenden Theologen zu tun haben? Eine solche âFreisetzungâ der Interpretation biblischer Texte alleine fĂŒhrt natĂŒrlich nicht dazu, dass nun jede Interpretation inspiriert wĂ€re. Sie könnte aber mithelfen, die Bibel aus der Hand derer zu entwinden, die versuchen, mit ihrer Hilfe bestehende Machtstrukturen zu zementieren und andere Menschen unter Kontrolle zu halten. Eine solche Freisetzung ist zweifellos riskant â doch nur sie nimmt ernst, dass der Geist Gottes weht, wo er will (vgl. Joh 3,8). Aus der Erkenntnis, dass der Umgang mit biblischen Texten keine harmlose Angelegenheit darstellt, ergibt sich eine weitere Folgerung: Wo Raum ist fĂŒr das Wirken des Gottesgeistes, darf der Wille zur Unterscheidung der Geister nicht fehlen. Auch fĂŒr diese steht keine einfache mechanisch zu befolgende methodische Richtschnur zur VerfĂŒgung. Eine kleine Orientierungshilfe mag vielleicht der Gedanke bieten, dass jede sachgemĂ€Ăe Interpretation der Bibel (im Wortsinn) evangelisch, katholisch und orthodox sein sollte. âEvangelischâ bedeutet dann, dass jede Interpretation der Bibel eine gute Botschaft vermitteln will. âKatholischâ, d. h. umfassend, steht dafĂŒr, dass diese gute Botschaft wirklich allen gilt; das Attribut âorthodoxâ (ârechtglĂ€ubigâ) schlieĂlich soll daran erinnern, dass sich diese gute Botschaft in rechter Weise am Text der Bibel zu orientieren hat (vgl. Alkier/Karakolis/ Nicklas, i. E.).
Eine solche Vorstellung lĂ€sst die Möglichkeit der Inspiration aller Interpretierenden zu. Mit anderen Worten: Jede Leserin, jeder Hörer der Bibel kann im Geist Gottes grundsĂ€tzlich in gleicher Weise inspiriert sein wie die Autoren der biblischen Schriften selbst. Aus solchen Gedanken ergibt sich eine Theologie, die sich in ihrer Orientierung an Gott und der DignitĂ€t menschlicher Erfahrungen wie eine Ellipse um zwei Brennpunkte bewegt: sie ist einerseits dem Wort des einen Gottes verpflichtet, das jedoch nie in all seiner FĂŒlle auch nur annĂ€hernd erfasst, begriffen oder gar besessen werden kann, und andererseits der Idee, dass dieses Wort menschlich in eine unĂŒberschaubare Anzahl komplexester menschlicher Lebenssituationen in unterschiedlichsten Welten hinein gesprochen hat und weiterhin sprechen will. Sie ist gleichzeitig der Struktur der Bibel angemessen, hinter deren Vielfalt wir trotz allem das Wort des einen Gottes erhoffen dĂŒrfen, deren Vielfalt aber vor allem keinen Mangel darstellt, sondern eine besondere StĂ€rke. Ich zitiere eine der Leitthesen des Bandes Sola Scriptura Ăkumenisch: âDie menschliche Formulierung von Wahrheit zwingt dazu, Wahrheit in menschlicher Vielfalt zu denken. Die durch die Transposition in den Kanon generierte ĂbersummativitĂ€t der einzelnen Schriften ermöglicht es in der Vielfalt und WidersprĂŒchlichkeit der menschlich verfassten Zeugnisse das eine Wort Gottes zu hören. Die Vielfalt der biblischen Schriften stellt keinen Abbruch ihrer WahrheitsfĂ€higkeit dar, sondern ihre historisch bedingte realitĂ€tsgesĂ€ttigte Erdungâ (Alkier/ Karakolis/Nicklas, i. E.).
THEOLOGIE ALS VIELSTIMMIGES, MENSCHLICHES SPRECHEN VON GOTT IM SINNE DER BIBEL
An die Stelle âderâ Theologie im Singular tritt dann ein im Idealfall von Gottes Wort inspiriertes, aufgrund der Vielfalt menschlichen Lebens vielstimmiges Sprechen von Gott, das sich dessen bewusst ist, dass Gottes Wahrheit unendlich gröĂer ist als das, was wir erahnen oder gar besitzen können. Auch wenn es im besten Fall dazu beitragen kann, Gottes Wort zum Ausdruck zu bringen, bleibt dieses Sprechen immer menschliches Wort. Als solches ist es eingebettet in geschichtliche Situationen und damit in eine Geschichte des Sprechens von Gott. Gebunden an konkrete Situationen und Perspektiven ist sich solches Sprechen seiner Verantwortung gegenĂŒber Gott und den Menschen, an die es sich richtet, bewusst, und deswegen offen fĂŒr jede Kritik, die die Geister zu scheiden sucht.
Ein solches Sprechen von Gott bleibt offen fĂŒr den anderen, die andere und das andere. Es vermag, auch wenn das schwerfĂ€llt, das Unerwartete, Unkontrollierbare auszuhalten und kann so tatsĂ€chlich in die Offenheit menschlicher Lebenssituationen in ihrer zum Teil radikalen Unentscheidbarkeit hineinsprechen. Dies liegt daran, dass es nicht in den Ergebnissen von Traktaten, in LehrsĂ€tzen und Normen aufgeht, sondern die vielfĂ€ltig...