Schweizer Geschichte ist transnationale Geschichte. Es ist die Geschichte eines Raums, der sich im Austausch und in steter Auseinandersetzung mit seinen europĂ€ischen Nachbarn nach und nach als Staat territorial abgrenzte und sich seiner besonderen IdentitĂ€t sowie seiner engen Grenzen bewusst wurde. Die Existenz der Schweiz grĂŒndet in ihrer besonderen Lage in Europa, sie ist die Resultante europĂ€ischer KrĂ€fte und Konstellationen.

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Mitten in Europa
Verflechtung und Abgrenzung in der Schweizer Geschichte
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Verflechtungen in der alten Schweiz
Die Betrachtung der vielfĂ€ltigen VerflechtungszusammenhĂ€nge der alten Schweiz mit dem europĂ€ischen Umfeld setzt bei den Wanderungsbewegungen ein. Migration ist ein historisches LangzeitphĂ€nomen der Schweizer Geschichte. Menschen aus dem nachmals schweizerischen Raum waren auf Wanderschaft, lange bevor von einer Eidgenossenschaft die Rede sein konnte, geschweige denn bevor eidgenössische Diplomaten und Politiker formelle politische Beziehungen zu anderen MĂ€chten knĂŒpften. Ein nĂ€chstes Kapitel widmet sich den Warenströmen. Als rohstoffarmes Land war die Schweiz seit je existenziell auf die Versorgung mit lebenswichtigen GĂŒtern angewiesen. Ihre Ăkonomie spezialisierte sich zudem frĂŒhzeitig auf die Veredelung von Rohstoffen, die von weit her eingefĂŒhrt wurden, sowie auf die Herstellung von Exportwaren fĂŒr internationale MĂ€rkte. Schon in der frĂŒhen Neuzeit vermarktete sie mit dem KĂ€se, den Textilien, Uhren sowie Finanz- und Handelsdienstleistungen GĂŒter und Dienstleistungen, die im Ausland das stereotype Bild der kommerziellen Schweiz prĂ€gen sollten. Schliesslich wird der Verflechtungsaspekt auch fĂŒr den Bereich der Aussenpolitik, Diplomatie und der inneren Staatsbildung angesprochen werden. SpĂ€testens mit den Burgunderkriegen in den 1470er-Jahren wurde die Eidgenossenschaft als geopolitisch exponierter Raum mitten im Spannungsfeld zwischen den rivalisierenden europĂ€ischen GrossmĂ€chten wahrgenommen. Als Ăbergangs- und Durchgangszone zwischen den SchauplĂ€tzen der grossen europĂ€ischen Kriege nördlich und sĂŒdlich der Alpen wurde sie zum Tummelfeld der europĂ€ischen Diplomatie. Ihre Lage machte sie zu einem attraktiven Partner fĂŒr Allianzen, aber auch zu einem sicherheitspolitischen Risiko fĂŒr die grossen Nachbarn. Die Kantone mussten lernen, mit den AnsprĂŒchen der konkurrierenden MĂ€chte und den sich ĂŒberkreuzenden Interessenlagen der grossen Nachbarn umzugehen. Wie fĂŒr kein anderes Land in Europa gilt, dass nicht nur die innere Staatsbildung in den Kantonen in der frĂŒhen Neuzeit, sondern auch die schiere Existenz einer souverĂ€nen Nation Schweiz bis auf den heutigen Tag nur mit RĂŒcksicht auf deren Verflechtung mit der europĂ€ischen Staatenwelt verstĂ€ndlich gemacht werden kann â die EigenstĂ€ndigkeit der Schweiz grĂŒndet letztlich im Interesse Europas.
Verflechtung durch Migration
Migrationsbewegungen sind elementare PhĂ€nomene sozioökonomischer Verflechtung. Migranten verlassen die vertrauten sozialen und familialen Netzwerke ihrer Heimat fĂŒr eine gewisse Zeit oder auf Dauer. Sie mĂŒssen sich in den Zielgebieten ihrer Wanderung orientieren, in einer neuen, sozial und kulturell fremden Umgebung bestehen und ein Auskommen finden.
Unter den wandernden Berufsgruppen der alten Schweiz stehen zahlenmĂ€ssig die Soldaten und Offiziere an erster Stelle, die im Sold auswĂ€rtiger Kriegsherren militĂ€rische Dienste leisteten. Die Wanderungen der ReislĂ€ufer beziehungsweise Söldner hatten betrĂ€chtliche wirtschaftliche, soziale, politische und kulturelle Auswirkungen auf die VerhĂ€ltnisse im Land. Weniger bekannt als die militĂ€rische Arbeitsmigration sind die vielfĂ€ltigen Formen der zivilen Arbeits- und Siedlungsmigration. Zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert verliessen Handwerker, Gewerbetreibende, HĂ€ndler, KĂŒnstler, Gelehrte und PĂ€dagogen in grosser Zahl die Schweiz. Der Charakter und die BeweggrĂŒnde dieser Wanderungen waren sehr verschieden. Die Migranten suchten im Ausland ein Auskommen, das sie zu Hause nicht finden konnten oder das ihnen half, ihre Subsistenzgrundlage zu diversifizieren und das Leben ihrer Familien in der Heimat abzusichern. Manchen winkte in der Ferne eine Karriere, die ihnen ihre Herkunftsregion nicht bieten konnte. Die zivile Arbeitsmigration der frĂŒhen Neuzeit betraf in der Regel einzelne Spezialisten und war noch keine Massenerscheinung. Meistens war sie zeitlich oder saisonal befristet. Andere beschrĂ€nkten ihren Aufenthalt in der Fremde auf eine bestimmte Lebensphase, bevor sie in die Heimat zurĂŒckwanderten.
Die sĂŒdalpinen TĂ€ler des Tessins und GraubĂŒndens teilten mit vielen anderen Gebieten am SĂŒdabhang des Alpenbogens eine jahrhundertelange Tradition temporĂ€rer Wanderung. Die Migration bestimmte den Rhythmus der Heiraten und Geburten in den Familien, die dörfliche Sozialordnung und die lokale Wirtschaft. Lange Zeit erklĂ€rte man diese Migrationsbewegungen mit der lokalen Armut und Ăbervölkerung und ĂŒbersah dabei, dass die Migranten aus den Bergen vielmehr auf die starke Nachfrage nach ArbeitskrĂ€ften in den Metropolen der Ebene reagierten. Ihre Wanderung wurde nicht aus der Not geboren, sie war nicht die minderwertige Alternative zur sesshaften Lebensweise der Bauern, sondern ergĂ€nzte diese strategisch. Agrarische Sesshaftigkeit und gewerblich-kommerzielle MobilitĂ€t bildeten gemeinsam das Fundament der Gesellschaft und Wirtschaft der sĂŒdalpinen TĂ€ler. Erst im 18. Jahrhundert wurde die Siedlungswanderung mit dem Ziel einer dauerhaften Niederlassung in einem anderen Land wichtiger. Den Durchbruch erlebte sie im 19. Jahrhundert, als neue Verkehrs- und Kommunikationsmittel sowie die organisatorische UnterstĂŒtzung von Auswanderungsagenturen den Schritt zur Auswanderung wesentlich erleichterten.
MilitÀrische Arbeitsmigration
Bis zur Französischen Revolution stellten die ReislĂ€ufer und Söldner quantitativ und qualitativ die bedeutendste Gruppe unter den Schweizer Arbeitsmigranten dar. Ihre Zahl lĂ€sst sich nur schĂ€tzen, doch sind sich die Bevölkerungshistoriker einig, dass die militĂ€rische Wanderung vom 16. Jahrhundert bis zum Ende des Ancien RĂ©gime ein MassenphĂ€nomen war und insgesamt mehrere Hunderttausend Mann in fremde Dienste zogen.7 Seit dem spĂ€ten 17. Jahrhundert vermitteln die Kompanielisten fĂŒr die administrative Kontrolle der TruppenbestĂ€nde eine genauere Vorstellung vom Umfang der Truppen in fremden Diensten.
Die BestÀnde der eidgenössischen Truppen in fremden Diensten im 18. Jahrhundert (1701, 1789)8

Die Geschichte der fremden Dienste erstreckt sich ĂŒber viele Jahrhunderte und lĂ€sst sich in vier Phasen gliedern. Sie wurde im Wesentlichen durch den Wandel in der KriegsfĂŒhrung, in der Kriegstechnik und in der Heeresverfassung der europĂ€ischen MĂ€chte sowie durch VerĂ€nderungen in der heimischen Wirtschaft bestimmt.
Phase 1 (13. Jahrhundert bis 1520/50): Schon im 13. Jahrhundert boten Krieger aus dem nachmals eidgenössischen Raum Kriegsherren ihre Dienste gegen Bezahlung an. Erst die militĂ€rischen Erfolge der Eidgenossen in den Burgunderkriegen (1474â1477) machten jedoch deren KriegstĂŒchtigkeit weitherum bekannt und trieben die Nachfrage nach eidgenössischen Kriegern in die Höhe. Die grossen MĂ€chte buhlten fortan um diese scheinbar unschlagbaren KĂ€mpfer, die mit ihrer Gefechtstaktik und Bewaffnung den Ritterheeren ĂŒberlegen waren. Eine hohe Gewaltbereitschaft und BrutalitĂ€t kennzeichneten diese Fusssoldaten; Schweizer MilitĂ€rhistoriker erblickten darin bisweilen die «urwĂŒchsige, auf elementarer AggressivitĂ€t beruhende Kraft der ungestĂŒmen Bauern und Hirten».9 Diese stammten aus Gegenden, die nahe bei den SchauplĂ€tzen der Kriege der GrossmĂ€chte lagen, was die AttraktivitĂ€t dieses Söldnermarkts noch erhöhte.
Ein starkes Interesse an diesen Kriegern bekundete frĂŒhzeitig der französische König. Im Krieg der antiburgundischen Allianz gegen Karl den KĂŒhnen von Burgund, dessen Reich an der Ost- und Nordgrenze Frankreichs dem französischen König viel zu mĂ€chtig geworden war, ĂŒbernahmen die Orte mit französischer UnterstĂŒtzung eine fĂŒhrende militĂ€rische Rolle. Kurz nach den Burgunderkriegen griff der König von Frankreich in den Kampf um die Vorherrschaft ĂŒber das Herzogtum Mailand und ĂŒber Italien ein. Dort stiessen Frankreich und Habsburg-Ăsterreich, die beiden grossen Kontrahenten der neuzeitlichen MĂ€chtepolitik, aufeinander. WĂ€hrend der MailĂ€nderkriege an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert schnellte die Zahl der Schweizer Söldner in die Höhe; zeitweise standen 10 000 bis 20 000 Eidgenossen allein im Dienst Frankreichs.10
In der ersten Phase des Solddienstes, der Zeit der «wilden ReislĂ€uferei», wurden die Krieger jeweils fĂŒr EinsĂ€tze von einigen Wochen oder wenigen Monaten angeworben. Sie zogen mit eigenen Waffen (Spiess, Hellebarde, Dolch) und ohne jede Uniform all jenen Kriegsherren oder Werbern zu, die lukrative Angebote machten. Die Ăberlebenden kehrten bald einmal mit Beute und Sold zurĂŒck, die hĂ€ufig mehr wert waren als die Löhne der Gesellen und Arbeiter zu Hause. Mit Truppenwerbungen erlangten MilitĂ€runternehmer wie der spĂ€tere ZĂŒrcher BĂŒrgermeister Hans Waldmann (um 1435â1489) die Gunst auslĂ€ndischer Kriegsherren und finanzierten mit deren EntschĂ€digungen (Pensionen) ihren sozialen Aufstieg.
Die erste Phase bezahlten eidgenössischen Kriegertums warf enorme innere Ordnungsprobleme auf. Die eidgenössischen Obrigkeiten hatten keine Kontrolle ĂŒber die davonlaufenden Krieger, sodass sich ihre BĂŒrger und Untertanen mitunter bei verfeindeten Kriegsherren engagierten und sich im Feld gegenĂŒberstanden. So liefen nach der Schlacht von Nancy und dem Tod Karls des KĂŒhnen 1477 die arbeitslos gewordenen Krieger aus den Orten sowohl dem König von Frankreich als auch Maria von Burgund (1457â1482) und deren Gemahl Maximilian von Habsburg zu, die um den Besitz der Freigrafschaft Burgund kĂ€mpften. Kaum erinnert wird auch die Tatsache, dass Krieger aus eidgenössischen Orten in der Schlacht bei Murten 1476 auch im Heer Karls des KĂŒhnen anzutreffen waren. Die Versuche der Obrigkeiten, mit Reislauf- und Pensionenordnungen das GeschĂ€ft mit dem bezahlten Kriegen zu regulieren und die militĂ€rische Gewalt in der Hand der Obrigkeit zu monopolisieren, scheiterten in dieser Phase an den ökonomischen Interessen des gemeinen Mannes wie auch der Elite. Gleichzeitig sorgten die sozialen und wirtschaftlichen Folgekosten des Reislaufs fĂŒr Unmut in der Bevölkerung: Bauern und Handwerker beklagten den Mangel an ArbeitskrĂ€ften; die Hinterbliebenen der Gefallenen und die Angehörigen der physisch und psychisch angeschlagenen RĂŒckkehrer litten unter zerrĂŒtteten FamilienverhĂ€ltnissen. Die gesellschaftliche Integration gewalterfahrener MĂ€nner bereitete Schwierigkeiten. Weil die Gewinne und Kosten des GeschĂ€fts mit dem bezahlten Kriegen sozial sehr ungleich verteilt waren, brachen 1513â1516 in mehreren eidgenössischen Kantonen massive Protestbewegungen der Untertanen gegen die stĂ€dtischen RĂ€te aus, die nur dank weitgehenden Konzessionen der Obrigkeiten an die AufstĂ€ndischen und gegenseitiger militĂ€rischer und politischer Hilfe der verbĂŒndeten Orte beigelegt werden konnten.
Phase 2 (um 1520/50 bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts): Um die problematischen Folgen des ungeordneten Reislaufs in den Griff zu bekommen und die politische Kontrolle ĂŒber dieses GeschĂ€ft durchzusetzen, ergriffen die eidgenössischen Obrigkeiten Massnahmen. Effizienter als die Verbote des unerlaubten Wegziehens in fremde Kriege waren diesbezĂŒglich die Sold- und AllianzvertrĂ€ge mit den auslĂ€ndischen Kriegsherren. Die Orte erkannten, dass sie den heimischen Söldnermarkt nur ĂŒber VertrĂ€ge mit den auslĂ€ndischen Kriegsherren unter ihre Kontrolle bringen konnten. Wollten sie Kapital aus dem SoldgeschĂ€ft schlagen, mussten sie verhindern, dass die Kriegsherren auch ohne ihre Zustimmung zu Kriegern kamen. Langfristige VertrĂ€ge zwischen Abnehmern und Anbietern regelten die politischen und finanziellen Rahmenbedingungen des SoldgeschĂ€fts. Solche Allianzen und Kapitulationen bildeten seit der ersten HĂ€lfte des 16. Jahrhunderts und bis zum Ende der fremden Dienste die Grundlage fĂŒr das SoldgeschĂ€ft der eidgenössischen Orte. Die wichtigste und dauerhafteste Allianz war jene mit Frankreich, die 1521 erstmals geschlossen und 1777 ein letztes Mal vor der Entlassung der Schweizer Regimenter in Frankreich 1792 erneuert wurde.
Die Allianzen bestimmten die gemeinsamen sicherheitspolitischen Interessen, regelten die wechselseitigen Leistungen der Partner und definierten den BĂŒndnisfall, der die VerbĂŒndeten zu militĂ€rischer Hilfe verpflichtete. Kapitulationen legten die Ernennung der Offiziere, die Termine der Musterungen und Soldzahlungen, die Höhe des Solds, die Dauer des Dienstes, die Gerichtsbarkeit ĂŒber die Truppenangehörigen, deren ReligionsausĂŒbung im Ausland und anderes mehr fest.
Mit der Kontrolle ĂŒber das SoldgeschĂ€ft mit dem Ausland festigten die politischen Eliten in den Orten ihre Vorherrschaft im Innern. Die Ratsgremien in den Orten schlugen die Kandidaten fĂŒr die Offiziersstellen vor und verteilten diese Posten zunehmend exklusiv an Angehörige von Ratsgeschlechtern. Der Offiziersdienst in einer Kompanie in fremden Diensten diente mĂ€nnlichen Angehörigen aus Ratsfamilien als Warteposition und Lehrzeit bis zur Wahl in den Rat und damit in ein eintrĂ€gliches Amt zu Hause. FĂŒr die fĂŒhrenden Familien wurde das MilitĂ€runternehmertum â die operative Verantwortung fĂŒr die Aufstellung, Ausbildung und FĂŒhrung grösserer VerbĂ€nde (Regiment, Kompanie) im Ausland â zu einer interessanten TĂ€tigkeit, die neben der Aussicht auf Gewinn auch wertvolle soziale Kontakte verschaffte.
Die aufkommende Artillerie und die zunehmende Bedeutung langer Belagerungen von befestigten PlĂ€tzen verĂ€nderten den Charakter des Solddienstes. Die neue KriegsfĂŒhrung erforderte die zunehmende Disziplinierung der Krieger im Rahmen einheitlicher, uniformierter TruppenverbĂ€nde. Die Dienstzeiten waren nach wie vor befristet, dauerten nun aber deutlich lĂ€nger als frĂŒher. Im DreissigjĂ€hrigen Krieg betrugen sie schon mehrere Jahre.
Die Schweizer Reformatoren verliehen der Kritik an der ReislĂ€uferei eine Wendung ins grundsĂ€tzlich Religiös-Moralische. Die InteressengegensĂ€tze zwischen den traditionell stĂ€rker im SoldgeschĂ€ft engagierten Inneren Orten und den StĂ€dteorten waren eine Ursache fĂŒr die Glaubensspaltung und fĂŒhrten zum Zweiten Kappeler Krieg 1531 zwischen den altglĂ€ubigen Orten der Innerschweiz und den reformierten StĂ€dten ZĂŒrich und Bern. Die reformierte Geistlichkeit blieb fortan der schĂ€rfste Kritiker der fremden Dienste, was mit ein Grund war, dass Bern und ZĂŒrich erst 1582 beziehungsweise 1614 der Allianz mit Frankreich beitraten.
Phase 3 (Mitte des 17. bis Mitte des 18. Jahrhunderts): Das 17. Jahrhundert und die beiden ersten Drittel des 18. Jahrhunderts sind in der Geschichte Europas eine Zeit fast ununterbrochener Kriege. Die GrossmĂ€chte begannen seit der zweiten HĂ€lfte des 17. Jahrhunderts mit dem Aufbau stehender Heere. Mit dem Wandel der Kriegstechnik wurden die Soldaten mit Gewehren mit aufpflanzbaren Bajonetten fĂŒr den Nahkampf ausgerĂŒstet. Die Taktik des Schlachthaufens mit Kurzwaffen und Langspiessen war definitiv ĂŒberholt. FĂŒr die Schlacht wurden die Fusstruppen in kleinere Einheiten eingeteilt und auf lange Kampflinien ausgedĂŒnnt, damit diese dem Feuer der Artillerie möglichst wenig AngriffsflĂ€che boten. Diese linienförmigen, lang gezogenen VerbĂ€nde mussten im Gefecht auf Kommando mechanisch genaue Bewegungen ausfĂŒhren, die in Friedenszeiten in der Garnison mit unablĂ€ssigem Exerzieren und Drill eingeĂŒbt wurden. Die militĂ€rischen Einheiten wurden grösser, die Dienstdauer lĂ€nger und genau festgelegt. Strengere Dienstreglemente betonten Rangordnung und Disziplin. Hatte die Beute lange einen Teil der Entlöhnung des Söldners abgegeben, so setzte sich das Verbot der PlĂŒnderung immer mehr durch.
Die Allianzen im Allgemeinen und das SoldgeschĂ€ft im Besonderen waren seit dem 17. Jahrhundert zunehmend mit strukturellen Problemen konfrontiert. Die exorbitanten Kosten fĂŒr den Unterhalt der stehenden Heere und fĂŒr die zahlreichen Kriege belasteten die GrossmĂ€chte. Immer hĂ€ufiger blieben die jĂ€hrlichen Pensionen an die Orte und deren politische Elite aus, oft erhielten Offiziere und Soldaten in den Schweizer Regimentern ihren Sold nicht oder nur verspĂ€tet. Bisweilen nahmen die auslĂ€ndischen Kriegsherren selbst bei den Orten und bei Privatpersonen in der Eidgenossenschaft Kredite auf, um dringlichsten Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. In die LĂŒcke sprangen in solchen Situationen seit der zweiten HĂ€lfte des 17. Jahrhunderts auch Bankiers und Financiers, die in der Lage waren, kurzfristig grosse Summen Bargeld an die Truppen im Feld zu liefern und damit zu verhindern, dass die VerbĂ€nde meuterten und kampfunfĂ€hig wurden. In der Kriegsfinanzierung betĂ€tigten sich auch Financiers aus Schweizer HandelsstĂ€dten, so etwa die St. Galler Familie Högger in Frankreich unter Ludwig XIV.
Die Kriegsherren intensivierten wegen der enorm steigenden MilitĂ€rausgaben die bĂŒrokratische Kontrolle ĂŒber ihre auslĂ€ndischen TruppenverbĂ€nde und schrĂ€nkten die unternehmerische Freiheit der Soldunternehmer ein. Mit ausgabenseitiger Rationalisierung, das heisst durch die verschĂ€rfte Ausbeutung ihrer Soldaten, reagierten die Regiments- und Kompanieinhaber auf die sinkenden Gewinnmargen und auf steigende Werbekosten. Der Solddienst wurde auch fĂŒr die Soldaten finanziell unattraktiver, weil die Handwerker- und Arbeiterlöhne in der Heimat nun vielfach höher lagen als der Sold. Die MilitĂ€runternehmer bekundeten zunehmend MĂŒhe, die vertraglich vereinbarten TruppenbestĂ€nde fĂŒr die Kriegsherren zu rekrutieren, zumal die Zahl der Deserteure sehr hoch war. Zahlreiche Söldner nahmen Reissaus, sobald sie ihren ersten Sold, das sogenannte Handgeld, erhalten hatten, oder sie machten sich auf den FeldzĂŒgen davon. Es mehrten sich Zwangsrekrutierungen: Bettler und Landstreicher wurden verhaftet und in die fremden Dienste abgeschoben, junge MĂ€nner gerieten bei Trink- und Tanzgelagen in die FĂ€nge professioneller Werbeagenten. LĂ€ngst nicht mehr alle Soldaten in Schweizer Regimentern stammten im 18. Jahrhundert denn auch tatsĂ€chlich noch aus der Schweiz. In den bernischen Soldeinheiten stammte jeder Vierte nicht mehr aus dem Corpus helveticum. Der Anteil der AuslĂ€nder stieg jeweils dramatisch an, wenn es in den Krieg ging: WĂ€hrend des SiebenjĂ€hrigen Kriegs stieg ihr Anteil im bernischen Regiment in Frankreich von 37 Prozent (1757) auf 56 Prozent (1763) an.11 Der hohe AuslĂ€nderanteil bereitete den MilitĂ€runternehmern Kopfzerbrechen, tolerierten doch die Kriegsherren in den Schweizer Einheiten höchstens ein Drittel Nichtschweizer. Die französische und die niederlĂ€ndische MilitĂ€rverwaltung weigerten sich, Nichtschweizern den höheren Sold fĂŒr Schweizer Soldaten zu zahlen. Gewiefte MilitĂ€runternehmer fĂŒhrten deswegen mitunter auch Lombarden als Tessiner Untertanen oder Schwaben als Thurgauer Untertanen in ihren Kompanielisten, weil diese AuslĂ€nder sich nur schwer von Eidgenossen unterscheiden liessen.
Politisch-diplomatische Schwierigkeiten verursachten die sogenannten Transgressionen, das heisst vertragswidrige EinsĂ€tze der eidgenössischen Truppen in fremden Diensten. So waren Bern und Frankreich 1671 zwar ĂŒbereingekommen, dass die zwölf bernischen Kompanien in französischen Diensten nicht gegen protestantische MĂ€chte eingesetzt werden durften, doch fĂŒhrte sie König Ludwig XIV. von Frankreich dessen ungeachtet schon im Jahr darauf in einen Angriffskrieg gegen die Niederlande, und Bern protestierte vergeblich. Andere Kapitulationen untersagten den Einsatz von Schweizer Truppen in Offensivkriegen und beschrĂ€nkten ihn auf die Verteidigung des Territoriums des Kriegsherrn. Auch darĂŒber setzten sich selbstbewusste Monarchen wie Ludwig XIV. hinweg, was dazu fĂŒhren konnte, dass sich im Feld Schweizer Regimenter bekĂ€mpften. Traurige BerĂŒhmtheit erlangte in dieser Beziehung die Schlacht von Malplaquet (11. September 1709) im Spanischen Erbfolgekrieg, in der sowohl aufseiten der französischen Armee als auch aufseiten der antifranzösischen Allianz Schweizer Regimenter fochten und die Berner Patrizierfamilie von May hĂŒben wie drĂŒben mit einem eigenen Regiment involviert war. Die eidgenössische Tagsatzung reagierte. Sie drohte Offizieren und Soldaten kĂŒnftig mit Sanktionen, wenn sie sich offensiv gegen MĂ€chte verwenden liessen, die mit einzelnen Kantonen verbĂŒndet waren. Ereignisse wie Malplaquet offenbarten die politischen Konsequenzen einer schwachen, unkoordinierten Aussenpolitik der eidgenössischen Orte, deren Eliten die partikularen Interessen letztlich höher gewichteten als jene der eidgenössischen Nation, die als solche noch kaum eine handlungsleitende Kategor...
Table of contents
- Umschlag
- Titel
- Inhalt
- Verflechtung und Abgrenzung: Geschichte und AktualitÀt einer Schweizer Problematik
- Verflechtungen in der alten Schweiz
- Abgrenzungen in der alten Schweiz
- Zwischen Einbindung und Absonderung: Rollen und Rollenbilder des Kleinstaats im 19. und 20. Jahrhundert
- Mitten in Europa: TransnationalitĂ€t als «condition dâĂȘtre» der Schweiz
- Anmerkungen
- Literaturangaben zu den einzelnen Kapiteln
- Bibliografie
- Abbildungsnachweis und AbkĂŒrzungen
- Impressum
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