Dies Buch beschreibt die Geschichte der ersten 20 Jahre eines christlichen Vereins, des Café Jerusalem, in Neumünster. Christen haben hier Gottes Auftrag angenommen, Menschen, die am Rande unserer Gesellschaft leben, Lebensraum zu schaffen und, wenn möglich, Glauben und Hilfen zur Wiedereingliederung zu vermitteln. In unserem Cafe entstand schon 1995 in Schleswig-Holstein die erste Straßenzeitung, die «Jerusalëmmer». Es waren unsere «Gäste vom Rande», die sie redaktionell machten und auf den Straßen verkauften. Wir gründeten schon im zweiten Jahr als Selbsthilfeeinrichtung ein Möbellager und einen Kleiderladen. Wir halfen damals zum Beispiel sogar Kleidung nach Polen und Nähmaschinen nach Afrika zu vermitteln, und unsere prekär lebenden Gäste erfuhren etwas von der Würde, die Helfen verleiht. Dadurch, daß wir uns bei der Suche nach geeignetem Gast- und Arbeitsraum nicht aus dem Zentrum der Stadt verdrängen ließen, waren wir Anwälte der Armen, die man nicht aus ihren Lebensräumen an den Rand verdrängen darf.Unsere Arbeit war aber nicht allein einfühlsame Sozialarbeit, sie war vor allem Glaubensabenteuer und Test der Treue Gottes. 1994 stürzten wir uns in das Wagnis mit festen Spendenzusagen von weniger als 1.000 DM pro Monat und notwendigen Ausgaben von rund 5.000 DM monatlich, und das in einem Abbruchhaus, das uns von den Besitzern nur für ein halbes Jahr zur Nutzung garantiert war. Im Vertrauen auf Gott fingen wir einfach an. Und wir erfuhren, daß Gott uns nicht abstürzen ließ.

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Information
Teil II.
2001-2014
Beschneiden,
um gesunder zu wachsen
Das Café Jerusalem
geleitet von Andreas Böhm
4. BESCHNEIDEN DER WUCHERUNGEN
UND VERTIEFENDE
PROFESSIONALISIERUNG
2001 - 2005 – Auf Sicht weiter mit Gott
Gottes präzise Fürsorge für seine „Filiale der Barmherzigkeit im Namen Jesu Christi“ erfuhren wir erneut, als sich in Andreas Böhm der genau passende Nachfolger für Stefan Burmeister bewarb, und er sofort aus der Bewerbergruppe herausstach. Wir wählten ihn. Nach seiner geistlichen Ausbildung hatte er mit seiner Frau ein intensives Jüngerschaftstraining absolviert und persönlich die Erfahrung gemacht, was es bedeutet, von Spenden zu leben. Er hatte eigentlich eine Gemeinde gesucht, der er als Pastor dienen wollte. Aber Gott schob ihn in unsere, eines neuen Leiters dringend bedürftige „Familie der Armen“, wo neben viel Seelsorge und Sozialarbeit, viel Planen, Verhandeln und Konzipieren, auch viel Kochen und Organisieren, aber wo nötig auch WC-Desinfizieren und Fußbodenreinigen auf ihn warteten. Er war der stabile „Bruder in Christus“, der vor Energie strotzte, und geistlich zur Jüngerschafts-Demut trainiert, sich für nichts Notwendiges zu schade war. Für uns, die in Vorstand und Verein nicht immer auf Glaubens-Abenteuer gestimmten Verantwortungsträger, war Andreas Böhm ein herausforderndes, manchmal auch nervendes, weil glaubensstark, aber eben auch eigenwillig voran stürmendes Gottesgeschenk, dem wir in den Grenzen unseres Glaubens glaubten, bisweilen leichte Zügel anlegen zu müssen.
Seit dem 1. Oktober 2001 leitete Andreas Böhm das Café Jerusalem. Er setzte Stefan Burmeisters Arbeit fort und verstärkte nach einer Beobachtungsphase die geistlichen Akzente neu, die Gott seiner Gründung eingestiftet hat. Wir waren in Gefahr, diese im Sozialen-Humanen in den alltäglichen Geschäften zu verspielen. Seine Priorität legte Andreas Böhm auf geistliche Konzentration und intensivierte Jüngerschaftstrainings für Mitarbeiter. Er stieg in Stefans Stiefel, füllte sie in neuer Kraft aus und verstärkte und weitete sie. Seine Aufgabe für den Beginn bestand vor allem darin, die gewucherten Triebe zu beschneiden, das „Glaubenswerk“ in seiner alltäglichen Wirklichkeit neu auf Jesus Christus zu konzentrieren und so geistlich zu konsolidieren. Das war von Anfang an überlastende Schwerstarbeit, die geleistet werden mußte. Denn einerseits ließen sich die Verträge, die wir mit den Arbeits- und Sozialbehörden abgeschlossen hatten, nicht einfach auflösen, andererseits durften wir die Hoffnungen der Menschen mit diversen Defiziten, die bei uns Arbeit gefunden hatten, nicht enttäuschen, und schließlich steigerte der Staat laufend die Anforderungen an die Ergebnisse der Arbeits- und Beschäftigungsmaßnahmen, deren Ziel der „Erste Arbeitsmarkt“ war. Wir stellten fest: „Die auf Leistungsmaximierung zielende neue Arbeitsförderungspolitik des Staates steht im Gegensatz zum Auftrag Gottes an den Verein, den Menschen um Christi willen auch in seiner Schwäche anzunehmen und ihm das Leben mit Gott in der Kraft des Heiligen Geistes zu zeigen.74 Der Staat verstand sich nicht primär als Sozialagentur, sondern als Arbeitsmarktmotor, sein vornehmster Auftrag ist nicht Barmherzigkeit, sondern bestenfalls Gerechtigkeit.
Die Jerusalëmmer eine Erfolgsgeschichte
Auch hier ging Andreas Böhm die bestehenden Schwächen gründlich an, indem er begann, sich in der Redaktion bis hin zum Mac-PC selbst konsequent gestaltend zu engagieren. Weil aber die Fülle der Leitungs- und Kommunikationsaufgaben in der Gesamtleitung sein Zeitfenster für Redaktionsarbeit zunehmend minimierte, suchte er je länger desto mehr kostengünstige professionelle Unterstützung zu gewinnen.
Die „Jerusalëmmer“ erfuhr vor allem 2009 eine professionelle Renovierung, die sie im Outfit in die internationale Spitzengruppe der „Straßenzeitungen“ brachte. Um mehr Leser zu gewinnen, verbreiterte die Redaktion die Themenpalette, und das Layout verwandelte sich, professioneller gestaltet, in einen „Hingucker“.
Das Café Jerusalem wurde Ende 2007 Mitglied des „International Network of Street Papers (INSP)“.75 Damit gewannen wir die vielfältigen Vorteile des großen weltweiten Netzwerks und die kostenfreien Angebote bedeutender Agenturen wie REUTERS.
Jedes zweite Jahr werden unter den mehr als 115 Straßenzeitungen, die in der INSP zusammen geschlossen sind, die besten ausgezeichnet. Schon zweimal wurde die „Jerusalëmmer“ nominiert. Ein Qualitätsbeweis!76
Die einzelnen Ausgaben der „Jerusalëmmer“ haben durch die renovierte Aufmachung, ihre vielfältigen Inhalte, den thematischen Wiedererkennungseffekt und die Möglichkeit, „über den Neumünsteraner Tellerrand“ zu schauen“, eine stabilere Käuferschicht gewonnen. Aufgrund der gewachsenen Qualität ist hier durchaus Wachstum auch in der Auflage vorstellbar.
Die Auflage des Straßenmagazins, die z.B. 2011 verkauft wurde, lag leider nur zwischen 780 und 1400 Exemplaren je Nummer der „Jerusalëmmer“.77
Seit Bestehen der Jerusalëmmer, des ersten Straßenmagazins in Schleswig-Holstein 1995, haben sich aus dem Gästekreis des Café heraus mehr als 60 Straßenmagazin-Verkäufer registrieren und mit einem Ausweis legitimieren lassen. Die Zahl der aktuell arbeitenden Verkäufer war von

Abbildung 4.1.: Titelseite der Jerusalëmmer 2009, Nr. 99.
Jahr zu Jahr sehr unterschiedlich. 2011 arbeiteten von acht aktuell eingetragenen Verkäufern regelmäßig vier.
Einen Quantensprung in der Professionalisierung bedeutete das Angebot, das am 14.11.2011 Dr. Frieder Schwitzgebel unterbreitete. Dr. Schwitzgebel, ein Jugendfreund Böhms aus Jungscharzeiten, betrieb erfolgreich ein Pressebüro in Rheinland-Pfalz. Er bot eine Komplettbetreuung zur Herstellung des Magazins an. Das bedeutete eine radikale Entlastung für Andreas Böhm in diesem Arbeitsbereich. Zusätzlich wurden die Kosten gegenüber dem damaligen Zustand minimiert.78 Wieder ein unerwartetes Geschenk Gottes?
Fast alle Straßenzeitungen erscheinen monatlich, die „Jerusalëmmer“ schaffte es nur sechsmal im Jahr. Das aber macht es den Verkäufern natürlich schwer, ausreichend Geld zu verdienen. Und das wiederum demotiviert. Dies war auch ein Grund für die Redaktion die Produktpalette für die Verkäufer um selbst entworfene Postkarten und attraktive Kalender zu erweitern. Diese Medien, die wir auch für Glaubensanstöße nutzen können, waren immer wieder gerade zu Weihnachten beachtliche Verkaufserfolge. Jahreskalender mit alten Bildern von Neumünster waren binnen weniger Wochen vergriffen.79
Wir konnten als Verein immer einer uns wohlgesonnen unterstützenden Presse dankbar sein. So war die Redaktion des Holsteinischen Couriers beispielsweise 2005 bereit, mit werbenden Berichten beim Absatz der „Jerusalëmmer“ zu helfen: Im Jahresbericht 2006 heißt es: „Wann immer eine neue Ausgabe der Straßenzeitung auf den Markt kommt, ist der HC bereit, mit einem Extrabericht auf den Verkauf hinzuweisen.“
Das Möbellager unser Problemkind
Ein Licht schien aufzuleuchten, als die Sozialpädagogin Sabine W.-S. 2000 die Aufsicht im Möbellager übernahm und wir in Beate K. eine kompetente Sozialmanagerin gewonnen hatten. Hoffnung auch für das Möbellager keimte auf. Aber schon 2001 ließ sich der Verdacht nicht mehr ausräumen, daß sich im Möbellager heimlich nicht nur Mobbing ausgebreitet, sondern „mafiose“ Strukturen im Kleinformat unter der Dominanz eines gewalttätigen „Paten“ organisiert hatten. Einem Mitarbeiter, dem „Paten“ nämlich, mußten wir fristlos kündigen und Hausverbot erteilen. Auch aus einem „Glaubenswerk“ läßt sich die Sünde leider nicht ausschließen. Danach kehrte einstweilen Ruhe ein.
Die Dokumentationspflichten der Arbeits- und Geschäftsabläufe bedurften neuer Präzisierung und genauerer Kontrolle. Und wir hatten uns jetzt unter gesteigertem Entscheidungsdruck zu fragen, ob wir dem wuchernd gewachsenen
Programm „Würde durch Arbeit“ in Zukunft wirklich gerecht werden können.80
Schon eineinhalb Monate später zeigte die Säuberungsaktion allerdings erste Erfolge: Beate K. berichtete dem Vorstand von einer befreiten, fröhlichen Atmosphäre im Möbellager.81
Aber die Gesamtproblemlage blieb beunruhigend. Am 13.11.2001 hielt der Vorstand im Protokoll fest:82
Nach ausführlicher Diskussion sieht der Vorstand derzeit keine Möglichkeit, das Möbellager über 2002/03 hinaus aufrecht zu erhalten. Zum einen möchte Angela Burmeister in Zukunft auf eigenen Wunsch ihre Arbeit im Café reduzieren. Es wäre somit erforderlich, einen kompetenten Verwaltungsleiter zu beschäftigen. Diesen können wir jedoch bei der nicht vorhersehbaren Entwicklung öffentlicher Zuschüsse zu unseren Gesamtkosten nicht langfristig anstellen. Darüber hinaus bestehen aber Zweifel, ob es zu verantworten ist, so viel Kraft in einen Betrieb zu investieren, den wir letztendlich geistlich und pädagogisch nicht durchdringen. Und weil im April und Mai 2002 diverse Arbeitsverträge auslaufen, müssen wir bis dahin die Entscheidungen fällen. Für den Fall einer Auflösung des Möbellagers werden wir versuchen, dieses an andere Träger weiter zu geben, um unseren Gästen die Möglichkeit der Arbeitsbeschaffung weiterhin zu bieten.83
Dies bestätigt und begründet der Vorstand in seiner Sitzung am 9.1.2002 ergänzend. Ich zitiere wieder sinngemäß:
1. Es hat sich gezeigt, daß mit einer die Geschäfte der Verwaltung führenden Sozialarbeiterfachkraft das von der öffentlichen Hand gesetzte Aufgaben- Spektrum nicht zu bewältigen ist.
2. Die Einstellung von nötigen Fachkräften, die den Qualitätsanforderungen des Staates entsprechen, hätten zur Folge, dass erheblich steigende Personalkosten in einer Größenordnung von geschätzt bis zu 120.000 DM durch weitere Spenden aufgefangen werden müßten, und das ist völlig unwahrscheinlich.
3. Die auf Leistungsmaximierung zielende neue Arbeitsförderungspolitik des Staates steht im Gegensatz zum Auftrag Gottes an den Verein, den Menschen um Christi willen auch in seinen Schwächen anzunehmen und ihm das Leben in der Kraft des Heiligen Geistes zu zeigen.
4. Dieser Teilrückzug aus dem Projekt „Würde durch Arbeit“ ist Qualitätsgewinn durch Konzentration auf unseren ursprünglichen Auftrag, den Menschen die heilende Gemeinschaft Jesu Christi zu bieten.
Beate K.s schwere Erkrankung brachte die Verwaltung unseres bis zu 1.5 Millionen schweren Haushalts erneut in schwere Turbulenzen. Wieder kam uns Angela Burmeister zu Hilfe. Am 29.5.2001 beschloß der Vorstand, auch dieses Mal ihre Fähigkeiten zur Entlastung in der hoch angespannten Verwaltungssituation zu nutzen und sie für die Zeit bis Ende 2001 in ein befristetes Arbeitsverhältnis zu übernehmen. Ihr Aufgabengebiet wurde so definiert: „Weiterführung des Haushaltsplanes, Beschäftigungsmaßnahmen und geordnete Übergabe der Verantwortung für die Verwaltung an die neue Geschäftsführung.“84
Inzwischen war eindeutig erkennbar und nicht mehr zu verdrängen, daß uns Kraft und Kompete...
Table of contents
- Motto
- Inhaltsverzeichnis
- Vorwort
- I. 1994 – 2001 Das Café Jerusalem unter Gottes wunderbarem Segen mit glaubender Leidenschaft geleitet von Stefan Burmeister
- II. 2001-2014 Beschneiden, um gesunder zu wachsen Das Café Jerusalem geleitet von Andreas Böhm
- ABBILDUNGSVERZEICHNIS
- Impressum
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