Bildung. Was sonst?
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Bildung. Was sonst?

Ermutigung zum Handeln - Strategien und Perspektiven

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Bildung. Was sonst?

Ermutigung zum Handeln - Strategien und Perspektiven

About this book

"Bildung, Was sonst?" beleuchtet das unerschöpfliche Thema Bildung aus unterschiedlichen Perspektiven und macht Lust auf gesellschaftspolitisches Engagement und die bewusste Gestaltung des eigenen Bildungs- und Lebensweges.In diesem Buch fokussierten sich fünf Autorinnen und Autoren auf unterschiedliche Schwerpunkte: - Bildung- Soziale Ungleichheit, lebensweltliche Bildung und die Bedeutung des Selbstwertgefühls bei Lern- und Bildungsprozessen- Finanzbildung - Ansätze, Umsetzung, Kritik und Ausblick- Bildung in der Arbeitswelt- Bewegung als Bildung von Beginn an

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Information

Year
2021
Print ISBN
9783754329962
Edition
4
eBook ISBN
9783754364109

Bildung

Karl Garnitschnig

1. Einleitung

Wer nach Bildung fragt, stellt vorbehaltlos die Frage nach dem Menschen, der er ist und werden könnte, wohin er sich also entwickeln und bilden kann und will. Die Frage nach dem, wer er ist, steht in der Spannung zwischen dem, wer er zu einem gegebenen Zeitpunkt geworden ist und der er werden könnte. Die Vorstellung, wer man werden könnte, ist grundsätzlich offen zu halten, denn sonst würde man sich in seinen Möglichkeiten einschränken. Schon dieses Bewusstsein der Spannung muss nicht da sein. Aber es ist klar, dass Bildung jeweils anders konzipiert werden wird, je nach dem, wovon man ausgeht. Entweder man begnügt sich mit dem so und so gewordenen Dasein, fragt also nach dem, wie eine Person sozialisiert worden ist, wozu sie geworden ist, oder nach dem, wozu sie werden will, wie sie sich als Mensch darstellen möchte. Es ist die Spannung zwischen Fremd- und Selbstbestimmung.

2. Bildung als Weg von Fremd- zu Selbstbestimmung

Selbstbestimmung/Selbstbewusstsein ist eine notwendige Bedingung für Handeln. Bestimmt man sich nicht selbst, wird man von anderen, von außen bestimmt. Man handelt nicht, sondern verhält sich bloß. Erst wenn wir unser Handeln selbst bestimmen, sind wir frei und kommen zu einem geglückten Leben. Reflektiert man, wodurch man bestimmt ist, was einen hindert, der zu sein, der man ist, wird es möglich es zu verändern und so sein Handeln und Leben selbst zu gestalten. In dieser Tätigkeit der Suche nach einer letzten Bedingung des Handelns ist sowohl ein hypothetisches als auch ein kategorisches Moment gegeben. Es besteht keine Notwendigkeit nach einer letzten Begründung zu suchen (hypothetisch), aber wenn ich es tue, was gerade jetzt der Fall ist, dann ist es nur unter der Bedingung möglich (kategorisch), dass ich mich dazu bestimme – ich könnte auch etwas anderes tun – und dass ich mir dessen bewusst bin.
In unserem normalen alltäglichen Handeln taucht zunächst diese Frage nicht auf, außer wir werden uns faktisch einer Begrenzung unseres Handelns bewusst. Dann auch formuliert sich erst das als Norm, was Bedingung von Handeln ist, nämlich dass wir unser Handeln selbst steuern, selbst bestimmen. Es gilt also die Regel, verhilf dir selbst und anderen von Fremd- zu Selbstbestimmung. Im Fall, dass diese Bedingung nicht erfüllt ist, sprechen wir von einem bloßen Verhalten. Im alltäglichen Handeln geschieht es häufiger, dass wir uns verhalten, als dass wir handeln. Nochmals: Handeln ist ein Verhalten mit dem Bewusstsein davon. Wir verhalten uns dann nochmals zu uns selbst und handeln selbstreflexiv und können es auch selbstverantwortet tun.
Wollen wir nun Selbst- und Fremdbestimmung weiter konkretisieren, dann müssen wir alle jene Bezugsgrößen zu erfassen suchen, denen wir unterworfen sind:
  • Natur, einschließlich unseres Körpers
  • Soziale Umwelt: Recht, Sitte, Arbeit, Politik usw.
  • Selbst: sofern ich mir auch selbst vorgegeben bin, meine Geschichtlichkeit, meine Lerngeschichte, aber auch sofern ich mir aufgegeben bin, meine Handlungsentwürfe in Bezug auf die Natur und die soziale Umwelt, mich selbst und welchen Sinn ich meinem Handeln gebe. Der Sinn, den jemand seinem Handeln zugrunde legt, muss offengehalten werden, denn man würde sich selbst beschränken, wollte man sich auf einen bestimmten Sinn festlegen und sei er zu einem gegebenen Zeitpunkt von einer Person noch so stimmig.
In den ersten beiden Bezügen stehen wir faktisch in jedem Fall, wir sind uns auch vorgegeben, wann immer wir uns auf uns selbst beziehen. Aber darüber hinaus besteht die Möglichkeit zu Reflexion und Selbstbestimmung. Diese sind uns nicht mehr bloß vorgegeben. Zu ihnen müssen wir uns selbst bestimmen, sollen sie für unser gesamtes Handeln real werden. Es ist ein Sprung über Grenzen, die wir uns selbst gesetzt haben.
Alle sozialen Systeme bestehen aus einer komplizierten Struktur von Positionen, die untereinander in Relation stehen. Die Positionen sind durch Rollen gekennzeichnet, die wiederum durch die Verhaltenserwartungen definiert sind, die mit einer Position verbunden sind. Gegenseitige Erwartungen leisten einen wesentlichen Beitrag zur Erfüllung bzw. Darstellung der Rollen. Bei komplementären Rollen, die nicht unabhängig voneinander existieren können, wie z. B. die Eltern-Kind-Rolle oder die Lehrer-Schüler-Rolle wird dies besonders deutlich. Individuen entsprechen nicht immer den Erwartungen, sondern können sie unter- oder überbieten. Sie können aber auch zu einer individuellen Rollenrepräsentanz kommen, wenn sie eigene Vorstellungen entwerfen, wie sie eine bestimmte Rolle leben möchten. Aber nicht nur das, sondern wie sie überhaupt ihr Leben gestalten möchten. Dies bedeutet aber, dass man zu sich selbst kommt. Versteht man sich, kann man andere besser verstehen. Sehr klar hat diesen Sachverhalt der Dichter Novalis ausgedrückt: „Die höchste Aufgabe der Bildung ist, sich seines […] Selbst zu bemächtigen, „das Ich seines Ichs zugleich zu sein“. […] Ohne vollendetes Selbstverständnis wird man nie andere wahrhaft verstehen lernen.“ (Novalis 1978, S. 80) Andere und überhaupt anderes zu verstehen, erfordert also ein Verstehen seiner selbst. Wer bin ich, ist die immer wieder zu stellende und für sich selbst zu beantwortende Frage, wollen wir unser Menschsein in seiner höchsten Ausformung erreichen.
Bildung kann als Prozess oder nominal als Ergebnis, Produkt verstanden werden. Wir können Bildung aktiv und reflexiv als sich bilden oder passiv als gebildet werden fassen. Dass das jeweils erstere erwünscht ist, versteht sich von selbst.
Im Prozess sein und sich bilden, kann nur ein freies, sich selbst reflektierendes Subjekt, lebenslang fortdauernd. Wir haben die Möglichkeit, uns ständig neu zu bilden, uns ständig neu zu entwerfen, wenn wir uns für Entwicklung offenhalten. Wenn wir uns bilden wollen, werden wir immer wieder Vorstellungen entwerfen, wie wir leben wollen, wie wir sein wollen, immer über das Erreichte, wer wir jetzt sind, hinaus.
Bildung hat wie alles eine inhaltliche Seite, das worin wir uns bilden, und eine formale Seite, mit welcher Intensität wir das tun wollen und unter welchen Voraussetzungen. Wir können uns mit uns selbst, mit den anderen, mit der Welt immer weiter und auch immer intensiver auseinandersetzen. Je tiefer wir uns mit uns selbst, mit anderen und mit der Welt befassen, desto besser wird es uns gelingen, uns zu entwickeln und unsere Welt zu gestalten.
So gesehen ist es selbstverständlich, dass wir von Bildung als aktives fortdauerndes Sich-Bilden sprechen, auch wenn man zuweilen Zuhörender ist. Auch da ist es wieder möglich, bloß passiv oder aktiv zuzuhören. Als aktiv Zuhörender versucht man das Gehörte in seinem Bewusstsein zu verankern, indem man Zusammenhänge mit dem bereits Gewussten herstellt. Erst dann wird es zu einem Wissen in dem Sinn, dass es zur Lebensgestaltung, zur Entwicklung von Wissenschaft, Kultur und Religion beitragen kann.
Im Prozess-Sein bedeutet immer auch offen für Neues zu sein, wenn wir uns mit anderen und mit unserer Welt, auch mit Literatur auseinandersetzen. Menschsein bedeutet eben auch, immer wieder miteinander Ideen eines guten Zusammenlebens zu entwerfen. Wir wollen es mit Johann Wolfgang von Goethe halten: „In der Idee leben heißt das Unmögliche behandeln, als wenn es möglich wäre. Mit dem Charakter hat es dieselbe Bewandtnis: treffen beide zusammen, so entstehen Ereignisse, worüber die Welt vom Erstaunen sich Jahrtausende nicht erholen kann.“ (1857, 3. Band, S. 195)

2.1 Bildung als „sich in Beziehung setzen“

„Bildung meint eigentlich Selbstbildung. [...] Der Mensch ist frei und darf von niemandem zu irgendetwas gemacht oder gebraucht werden.“ (Krautz 2011, S. 14) Bildung verweist also auf Selbstbildung, Erziehung „auf die notwendige Führung in einer Beziehung“ (Krautz 2011, S. 15). Wohlgemerkt auf die notwendige Führung und nicht mehr. In Beziehung mit Personen und indem wir uns mit ihnen und Sachverhalten in Beziehung setzen, lernen wir und bilden wir uns. In diesem Prozessmodus entwickeln und gestalten wir uns, werden wir zu Menschen in ihrer höchstmöglichen Form.
Ferner dürfen wir auf die lange pädagogische Tradition verweisen, Hermann Nohl, Martin Buber, auf die derzeitige Neurobiologie (besonders auf Manfred Spitzer, Joachim Bauer und Gerald Hüther) und auf Alfred Adler, dass wir nur in Beziehung lernen. Für Adler ist „das Gemeinschaftsgefühl das Ziel von Erziehung überhaupt“. Wörtlich heißt es bei ihm: „Man muss mit den Augen des anderen sehen, mit den Ohren des anderen hören und mit dem Herzen des anderen fühlen, man muss sich mit ihm identifizieren.“ (Adler 1974, S. 176, zit. nach Krautz 2011, S. 15)
In dem Beitrag zum „Interesse der Psychoanalyse“, in dem Sigmund Freud über das „pädagogische Interesse“ zu sprechen kommt, schreibt er: „Das gewichtige Interesse der Erziehungslehre an der Psychoanalyse stützt sich auf einen zur Evidenz gebrachten Satz. Ein Erzieher kann nur sein, wer sich in das kindliche Seelenleben einfühlen kann, und wir Erwachsenen verstehen die Kinder nicht, weil wir unsere eigene Kindheit nicht mehr verstehen.“ (Freud 1913, S. 419) Was hier für Kinder ausgesprochen ist, gilt auch für Erwachsene.
Die folgenden Prozessmerkmale unter anderen kennzeichnen den Menschen:
  • Selbstbestimmung: Verursacher des eigenen Handelns
  • Selbstwirksamkeit
  • Selbstverantwortung
  • Entwerfen von Vorstellungen für einzelne Handlungen/ Handlungsabläufe bis hin zu Vorstellungen eines guten Lebens mit anderen in wechselseitiger Anerkennung
  • Ideen entwickeln
  • Selbstreflexion: Bilden einer eigenen Identität
  • sich bilden = sich mit sich selbst, mit anderen, mit Dingen, Ereignissen in Beziehung setzen
  • Metareflexion
  • Zusammenhänge herstellen
  • kreativ sein
  • Intuition
Wir bilden uns, wenn wir mit uns selbst, mit anderen und mit unserer Welt in Beziehung treten (vgl. Dörpinghaus/Poenitsch/Wigger 2013, S. 10). Mit je mehr und je intensiver wir uns in Beziehung setzen, desto gebildeter werden wir. Frage sich also jeder:
  • Wie stehe ich mit wem in Beziehung?
  • Mit wem sollte ich noch in Beziehung treten?
  • Womit setze ich mich auseinander?
  • Womit sollte ich mich noch auseinandersetzen?
  • Mit welcher Intensität mache ich dies?
  • Wie könnte ich die Intensität steigern?
Abstrakt könnten wir fordern: Wir müssten mit allen Bereichen von Bewusstsein und Erfahrung und das mit einer gewissen Breite und Tiefe in Beziehung treten (vgl. dazu Hirst/Peters 1972). Konkret werden wir sagen, das müsste jeder für sich je nach seiner Lebenswelt, seiner Ausbildung, seinem Beruf, seinem Familienstand, seinem öffentlichen Engagement usw. entscheiden. Dabei müsse man aber bedenken, wie man in seinem Umfeld das Menschsein zur höchsten Ausformung bringen könne. Wilhelm von Humboldt hat von Bildung in diesen Sinn gesprochen und definiert Bildung über die „proportionierlichste“ Aneignung aller Fähigkeiten, damit das Menschsein durch die Beziehung zur Welt zur höchsten Entfaltung kommen könne (Humboldt 1903).

2.2 Der systematische Ort der Definition von Bildung

Der systematische Ort, an dem definiert werden kann, was Bildung ist und wie wir uns bilden sollen, sind die Weisen, in denen wir mit unserer „Lebenswelt“ in Beziehung sind und wie wir sie zum Glück aller bestmöglich gestalten können. Jürgen Habermas hat diesen Begriff mit dem Begründer der Phänomenologie Edmund Husserl eingeführt, um die Grundbedingung kommunikativen Handelns zu beschreiben (1981, Bd. II, S. 198–202).
Bildung wird durch die Lebensbereiche, mit denen Menschen in ihrem Handeln in Beziehung treten und welche spezifischen Fähigkeiten bzw. Kompetenzen dazu gebraucht werden, um sie zu erfassen und aktiv zu gestalten, definiert. Um diese zu beschreiben, lassen sich wiederum systematisch unterschiedliche Zugänge denken. Hartmut von Hentig formuliert in seinem Essay über Bildung lapidar als einen von 14 Grundsätzen von Bildung: „Das Leben bildet.“ (1996, S. 11)
Die beiden Londoner Erziehungswissenschafter Paul H. Hirst und Richard S. Peters (197), die von der Natural Language Philosophy ausgehen, differenzieren Bildung über die unterschiedlichen Zugänge zur Welt, die nicht aufeinander zurückgeführt werden können:
  • Formale Logik und Mathematik: Sie sind durch die Ableitbarkeit in einem axiomatischen System gekennzeichnet.
  • Naturwissenschaft: Überprüfung von Aussagen durch Versuchsanordnungen, die eine genaue Beobachtung zulassen und die Natur zwingen, in bestimmter Weise zu antworten.
  • Bewusstsein und Verstehen unserer selbst und anderer Menschen
  • Moralisches Urteilen und moralisches Bewusstsein
  • Ästhetische Erfahrung: Formen des symbolischen Ausdrucks
  • Religiöses Bewusstsein
  • Philosophisches Verstehen: Bedenken der eigenen Erfahrungen, des eigenen Wissens und Lebens (Hirst/Peters 1972, S 114)
Über jeden dieser Zugänge setzen wir uns mit der Welt in spezifischer Weise auseinander und entwickeln dabei unsere Fähigkeiten. Nehmen wir auch noch die Wirtschaft, mit ihr verbunden alle Arten von Arbeit, Technik und Sport hinzu, können die Kompetenzen, die wir uns aneignen müssen, um unsere Welt zu erkennen und zu gestalten, beschrieben werden.
Da ein Mensch unmöglich sich alles aneignen kann, konkretisiert sich dieses globale humane Ziel jeweils über die realen Handlungsfelder, in die jeder eingebunden ist bzw. sich jemand einbindet. Einige davon sind allerdings so universell, dass sie für alle bedeutsam sind:
  • Natur: dazu gehört auch unsere Leiblichkeit und was mit ihr zusammenhängt.
  • soziale Umwelt: dies schließt auch politisches Bewusstsein ein und unsere Geschichtlichkeit.
  • Wirtschaft, Technik und Informatik
  • Selbst: Freiheit als Selbstbestimmung einschließlich der wechselseitigen Anerkennung der anderen Menschen
  • Transzendenz: Achtsamkeit, Meditation und Spiritualität
Grundsätzlich müsste jeder zu diesen Handlungsfeldern Stellung nehmen können, wie weit, wie intensiv, wie elaboriert, das hängt wieder von seinem konkreten Arbeits- bzw. Betätigungsfeld ab. Und innerhalb dieser Bereiche lasse...

Table of contents

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Editorial
  3. Vorwort
  4. Artikelkurzfassungen
  5. Karl Garnitschnig: Bildung
  6. Gerlinde Grübl-Schößwender: Soziale Ungleichheit, lebensweltliche Bildung und die Bedeutung des Selbstwertgefühls bei Lern- und Bildungsprozessen
  7. Herbert Grübl: Finanzbildung – Ansätze, Umsetzung, Kritik und Ausblick
  8. Alexander Mernyi: Bildung in der Arbeitswelt
  9. Elisabeth Saribekyan: Bewegung als Bildung von Beginn an
  10. Verzeichnis der Autorinnen und Autoren
  11. Impressum

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