Jahrgenaue Daten für Schlachten und Regierungszeiten altgeschichtlicher Herrscher, wie sie in populärwissenschaftlichen Medien und Fachpublikationen präsentiert werden, vermitteln der interessierten Öffentlichkeit den Eindruck, unser Wissen bezüglich der Datierung Jahrtausende zurückliegender Ereignisse sei gesichert. Die Geschichte des Altertums, so wie sie gelehrt wird, weist jedoch nicht nur etliche Leer- und Dunkelzeiten auf, sondern ist auch voll von Anachronismen, Ungereimtheiten und Widersprüchen. Die Ursache dieser Probleme, von denen der interessierte Laie nur selten etwas zu hören bekommt, ist hauptsächlich in den fehlerhaften Chronologien Ägyptens und Mesopotamiens zu suchen, deren Geschichte dadurch künstlich in die Länge gezogen wird. In seiner Buchreihe ALTE GESCHICHTE NEU GESCHRIEBEN überarbeitet Frank Zimmermann das gesamte gängige Zeitgerüst der Althistorie von Grund auf und stellt ein alternatives, verkürztes chronologisches Schema vor, in dem der Vordere Orient einen Großteil seines zeitlichen Vorsprungs gegenüber dem Okzident einbüßt. Von der in Band 1 vorgenommenen Revision der Chronologie attischer und korinthischer Keramik sind auch die Frühzeit Roms und die älteste Geschichte der Etrusker betroffen, denn auch deren archäologische Hinterlassenschaften werden letztendlich über griechische Importkeramik datiert. Noch immer steht die Fachwelt zerstritten vor der Beurteilung der literarischen Quellen zur römischen Königszeit und zur frühen Republik, die erst sehr spät ab etwa 210 v.Chr. langsam zu fließen begannen. Indem er die traditionell überlieferte Frühgeschichte der Ewigen Stadt kritisch beleuchtet und mit den archäologischen Befunden und seiner revidierten Keramikchronologie in Verbindung setzt, gelangt Frank Zimmermann zu jüngeren Daten für die Meilensteine Roms auf dem Weg zur Weltmacht.

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Information
(II)
DIE
EWIGE
STADT
7-5-3 – KEIN ROM UND KEIN EI
„Man frage nach dem Gründungsjahr Roms, und man wird ein Datum genannt bekommen, das – verankert zwar noch in allen Lexika wie Schulbüchern – falsch und längst überholt ist – nämlich das Jahr 753 v.Chr. Auch die Antwort auf die Frage nach dem Gründer der Stadt wird – ebenso falsch – nicht anders lauten, als sie römische Schulknaben bereits vor 2000 Jahren gegeben haben – nämlich Romulus.“53
Die Problematik
Nach der traditionell überlieferten Geschichte wurde das auf sieben Hügeln erbaute Rom vor seiner Zeit als Republik von sieben Königen inklusive seines Gründers Romulus regiert. Die moderne Forschung hat bereits „seit dem 19. Jahrhundert den mythischen Charakter dieser erst seit etwa 200 v.Chr. schriftlich fixierten Überlieferungen freigelegt und gezeigt, daß sowohl das kanonische Gründungsdatum Roms (753 v.Chr.) als auch die sieben Könige und die sieben Hügel fiktiv sind.“54 Doch selbst noch im gymnasialen Geschichtsunterricht der 1980er Jahre hatte der Autor den allseits bekannten Merkreim „7-5-3 – Rom schlüpft aus dem Ei“ zu verinnerlichen. Zwar ist es hinlänglich bekannt, dass der schulische Lehrstoff den wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht selten um mehr als ein Jahrzehnt hinterherhinkt, doch ist dieser verzögerte Eingang wissenschaftlicher Neuerungen in den Schulstoff in diesem Fall als Erklärung völlig unzureichend und auch gar nicht der wahre Grund.
Vielmehr ist es die moderne Forschung, die hinsichtlich der schriftlichen Überlieferung zur Frühzeit Roms ständig irgendwo zwischen übertriebener Kritik und naiver Leichtgläubigkeit hin- und herschwankt. Während etwa Ettore Pais bereits um die Wende vom 19. zum 20. Jh. die komplette annalistische Überlieferung zur Königszeit und zur frühen Republik verwerfen wollte und sogar so weit ging die Existenz Roms als Stadt vor dem – 4. Jh. zu leugnen, schwärmte – nachdem man in der ewigen Stadt archäologische Belege für die Herrschaft der Etrusker entdeckt hatte – Giorgio Pasquali vom „großen Rom der Tarquinier“, das schon im – 6. Jh. Mittelitalien beherrscht habe.55 Wiederum erfolgte eine Gegenreaktion, in der die kritischen Stimmen die Überhand gewannen, doch mittlerweile neigt sich die Waagschale wieder in die andere Richtung, wie Frank Kolb erläutert: „Man könnte die Geschichte der Forschung zum frühen Rom in den vergangenen ca. 150 Jahren mit den Worten kennzeichnen: <Romulus ist tot! Es lebe Romulus!“> Der bis vor kurzem von der quellenkritischen Forschung totgesagte mythische Gründer Roms beginnt wiederaufzuerstehen – bisweilen fast in dem Gewand, in welchem ihn die antike Überlieferung präsentiert, zumindest aber in Gestalt einer Allegorie für ein historisches Ereignis bzw. gar für eine Persönlichkeit, welche eine geschlossene Siedlung auf dem Boden Roms geschaffen haben soll. Unter Archäologen und Althistorikern setzt sich immer stärker eine Richtung durch, welche mit dem Auftreten griechischer Einflüsse im Bereich des Handwerks und des Handels, die sich im 8. Jh. in Rom und im übrigen Latium feststellen lassen, nicht nur eine Neuorganisation im Bereich des Siedlungswesens in Verbindung bringt, sondern im archäologischen Befund die Bestätigung eines historischen Realitätsgehalts der antiken Überlieferung zur römischen Frühgeschichte sehen möchte.
Die erwähnten Forscher haben dabei das erst von dem spätrepublikanischen Antiquar Varro im 1. Jh. v.Chr. endgültig auf 753 festgelegte Gründungsdatum Roms vor Augen, welches von der Quellenkritik eigentlich längst als Resultat spekulativer Kalkulationen statt als Reflex historischer Verhältnisse erwiesen worden ist.“56 Diese fast schon besorgniserregenden Tendenzen innerhalb der Fachgelehrtenwelt nötigen uns dazu, in diesem Kapitel noch einmal auf das an sich schon längst verworfene Gründungsdatum, auf die Mythen zur Gründung Roms und auf die ersten Könige näher einzugehen.
Gründungsdaten
Bei griechischen und römischen Autoren waren verschiedene Daten und Mythen zur Gründung Roms im Umlauf und das Gründungsdatum der Stadt blieb in der Antike stets umstritten.57 Alle diesbezüglichen Angaben stammen erst aus der Zeit nach der Etablierung der sogenannten Olympiadenrechnung, die im – 3. Jh. von Timaios von Tauromenion und Erathosthenes von Kyrene eingeführt worden war und von der man noch heute das Jahr – 776 des Julianischen Kalenders als einheitliche Basis und Jahr der ersten Olympischen Spiele annimmt.58 Dementsprechend werden die verschiedenen Gründungsdaten bei den antiken Chronographen stets mit der Formel „im x. Jahr der y. Olympiade“ ausgedrückt. Somit ist also klar, dass die antiken Historiker, wenn sie über das Gründungsdatum Roms spekulierten, ein Ereignis zeitlich festzulegen versuchten, dass mehr als ein halbes Jahrtausend, teilweise mehr als 700 Jahre vor ihrer eigenen Zeit lag. Wenn man sich dies vor Augen führt, erscheinen ihre ohnehin schon willkürlich und ohne genaue Begründung präsentierten Daten noch spekulativer.
Timaios hatte die Gründung Roms in das 38. Jahr vor den ersten Olympischen Spielen, also ins Jahr – 813, verbracht, um sie mit dem (vermeintlichen) Gründungsjahr Karthagos zeitlich gleichsetzen zu können. Eratosthenes und Cato plädierten für das 1. Jahr der 7. Olympiade (- 752). Polybios und ebenso Diodor bevorzugten das 2. Jahr der 7. Olympiade (- 751) und Varro eben das 3. Jahr der
6. (- 753).59 Durch Umrechnung der Olympiadenangaben des Dionysios von Halikarnassos wissen wir zudem, dass Quintus Fabius Pictor, der früheste römische Historiker, das Jahr – 747 und sein jüngerer Zeitgenosse Lucius Cincius Alimentus – 729 als Jahr der Gründung Roms ansahen.60
Die antiken Angaben zum Gründungsdatum der ewigen Stadt schwanken also zwischen – 813 und – 729, doch wenn wir die beiden extremen Ansichten als Streichergebnisse ansehen, liegen alle anderen Daten um die Mitte des – 8. Jhs. Nach dem archäologischen Befund aber gab es um diese Zeit, ja selbst noch ein halbes Jahrhundert später, im Gebiet des heutigen Rom, auf dem Palatin, dem Kapitol und dem Quirinal nicht mehr als ein paar Hüttensiedlungen mit wenigen Dutzend Einwohnern, die von Ackerbau und Viehzucht lebten und das spätere Forum Romanum als Friedhof nutzten.61 Dass das legendäre Gründungsdatum der Stadt in etwa mit der heutigen Datierung dieser ersten eisenzeitlichen Hütten auf dem Stadtgebiet zusammenfällt, ist reiner Zufall und zudem „vollkommen irrelevant, denn das Jahr 753 war niemals auf realer Evidenz, sondern lediglich auf Spekulationen begründet.“62
Die sieben Hügel
Auch die sieben Hügel, auf denen Rom erbaut worden sein soll, gehen auf Marcus Terentius Varro zurück, der die Herkunft des Namens eines alten Festtages, des Septimontium, zu erklären suchte und ihn von septem montes („Sieben Berge“) ableitete.63 Hernach findet man immer wieder Verweise auf diese septem montes64, die jedoch bei keinem Schreiber explizit alle Sieben erwähnt werden.65 Aus vergleichenden Betrachtungen und den Bemerkungen einzelner Autoren ergibt sich jedoch, dass man zur Zeit Caesars als die „klassischen“ sieben Hügel jene von der sogenannten Servianischen Mauer eingeschlossenen Erhebungen Palatin, Kapitol, Esquilin, Aventin, Caelius, Quirinal und Viminal ansah. Da Rom keine auf dem Reißbrett entworfene Stadt, sondern vielmehr erst nach und nach gewachsen war, wobei auch die umliegenden Hügel in das Stadtgebiet miteinbezogen wurden, konnte von einer Erbauung auf sieben Hügeln keine Rede sein; und schon gar nicht – wie Varro ebenfalls meinte – von Septimontium als ursprünglichem Namen Roms.66 Sich auf Marcus Antistius Labeo berufend nennt Festus (284,20 L) als ursprünglich für die Feier relevante Hügel Palatium, Velia, Fagutal, Subura, Cermalus, Oppius, Caelius und Cespius. Aufmerksame Leser werden bemerkt haben, dass hier acht

Abb.7. Karte des antiken Rom (aus Forsythe,2005,81)
Hügel genannt sind und sich somit entweder bei Festus ein Fehler eingeschlichen haben muss oder aber die Herleitung des Festnahmens von septem montes falsch ist. Tatsächlich waren Palatium und Cermalus kleinere Erhebungen auf dem Palatin und Fagutal, Oppius und Cespius gehörten zum Esquilin. Die Velia war ein Höhenrücken, der den Palatin und den Esquilin miteinander verband. Er existiert heute nicht mehr. Labeo muss also ein viel kleineres, nur die Hügel Palatin, Velia, Caelius und Esqui...
Table of contents
- Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- I – Geographischer und geschichtlicher Rahmen
- II – Die ewige Stadt
- III – Anhang: Die Keramikchronologie
- Literaturverzeichnis
- Impressum
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