Sartres Existentialismus als politische Philosophie des Widerstands
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Sartres Existentialismus als politische Philosophie des Widerstands

About this book

Das Buch fĂŒhrt in den Existentialismus von Jean-Paul Sartre ein und stellt diesen ins VerhĂ€ltnis zu VorlĂ€ufern, WeggefĂ€hrtinnen und Nachfolgern. Die Philosophie der Freiheit unterstellt, dass jeder Mensch in der Lage ist, sein Leben selber zu gestalten und sich gegen eine autoritĂ€re Politik zur Wehr zu setzen. Das war ursprĂŒnglich die Philosophie der RĂ©sistance, heute ist das die Philosophie der MĂŒndigkeit, die gegen jede Art der Bevormundung Widerstand zu leisten vermag.

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Information

Year
2021
Print ISBN
9783754340998
eBook ISBN
9783754368909

VII. KAPITEL

MAUVAISE FOI UND RHETORIK
SARTRE UND MICHELSTAEDTER

„UngefĂ€hr im Dezember 1910 Ă€nderte sich die menschliche Natur“147, so die berĂŒhmten Worte von Virginia Woolf. Dann hat sich Carlo Michelstaedter am 17. Oktober 1910 auch in dieser Hinsicht zu frĂŒh erschossen, Otto Weininger bereits 1903, beide im Alter von 23 Jahren. Werk und Tod Michelstaedters haben mit dieser VerĂ€nderung des Menschen zu tun. Hat er sie angekĂŒndigt, unmittelbar bevor sie stattfindet? Just am Tag zuvor hat er seine Doktorarbeit Überzeugung und Rhetorik vollendet und er sagt TschĂŒss am Geburtstag seiner Mutter.
Den Weg zu dieser VerĂ€nderung bereitet vermutlich am Ende des 18. Jahrhundert die Salonkultur. Beispielsweise betreibt Rahel Varnhagen zwischen 1790 und 1806, dem Einzug Napoleons in Berlin, einen Salon, in dem Mitglieder des preußischen Hochadels, KĂŒnstler, Intellektuelle, Literaten, BĂŒrger jenseits ethnischer und stĂ€ndischer Grenzen miteinander frei verkehrten, Lesungen und Aktionen veranstalteten: die Morgenröte von anderen Lebensformen, als den traditionellen. Max Stirner, Sören Kierkegaard oder Friedrich Nietzsche entwickeln diese Perspektiven philosophisch. Kleine avantgardistische Gruppen versuchen sich dem sozialen und kulturellen Anpassungsdruck an die vorherrschenden Umgangs- und Lebensformen einer militarisierten Kriegergesellschaft zu entziehen. Georg Simmel prophezeit ihnen ebenfalls 1910 noch das Scheitern: individualistische Bestrebungen unterliegen dem Druck der Kulturentwicklung. Allerdings wehrt sich Michelstaedter gegen einen oberflĂ€chlichen Individualismus, wĂ€hrend es Simmel darum geht, dass sich das Individuum selbst moralisch in die Gesellschaft integriert. Damit deutet sich an, dass zwischen Michelstaedter und Sartre eine historische Verbindung besteht. Ähneln sich folglich auch philosophisch deren Gedanken?
1. Sein und Zeit: Ein Plagiat? Michelstaedter und Heidegger
Dazu gibt es seit 2019 noch ein nicht zu unterschĂ€tzendes Zwischenglied, hat nĂ€mlich Thomas VaĆĄek in seinem Buch Schein und Zeit auf enge Verbindungslinien zwischen Michelstaedter und Heidegger hingewiesen. So ist die die These von VaĆĄeks Buch durchaus geeignet, eine kleine Revolution in der Philosophie anzuzetteln. Denn zumindest der harte Kern der Heidegger-Gemeinde, nĂ€mlich jene, die sein FrĂŒhwerk Sein und Zeit (1927) als das wichtigste Werk des 20. Jahrhunderts betrachten, könnte die These schockieren. VaĆĄek stellt nĂ€mlich nicht nur abschließend fest: „Das Beste aus Sein und Zeit steht, wie ich meine, schon bei Michelstaedter.“148
So unterstellt VaĆĄek darĂŒber hinaus, dass die zentralen Gehalte von Sein und Zeit weitgehend jenen entsprechen, die zuvor schon Michelstaedter in Überzeugung und Rhetorik entwickelt. Damit raubt er Sein und Zeit dessen viel gepriesene OriginalitĂ€t. So diagnostiziert Heidegger bei Platon und Aristoteles den Beginn der abendlĂ€ndischen Onto-Theologie, also der Metaphysik und wendet sich der Parmenideischen Einheit von Denken und Sein zu. Einen Ă€hnlichen Ansatz entwickelt jedoch bereits Michelstaedter, wenn mit Aristoteles die Welt zunehmend rational beherrscht werden soll, das Seiende auf den Begriff gebracht wird, ohne dass man sich darĂŒber Gedanken macht, was Sein denn eigentlich heißt.
Ein wichtiger gemeinsamer Begriff ist die Sorge, die man sich nach Michelstaedter darum macht, dass man leben kann. Heidegger versteht das Dasein – der zentrale Begriff in Sein und Zeit – als die Sorge selbst, die sich Ă€hnlich um Vorsorgen bemĂŒht. So konstatiert VaĆĄek: „Die ‚Daseinsanalysen‘ Michelstaedters und Heideggers Ă€hneln einander sowohl in begrifflicher als auch in argumentativer Hinsicht. Der Grundcharakter des Lebens liegt in der ‚Sorge‘ um unser Sein, die in unserer Endlichkeit, in unserer BedĂŒrftigkeit grĂŒndet.“149
In einem Anhang stellt VaĆĄek schematisch und trotzdem sehr aufschlussreich Begriffe und Konzeptionen von Michelstaedter und Heidegger direkt gegenĂŒber, teilweise kommentierend und in einer Schautafel. Michelstaedters Überzeugung entspricht Heideggers Entschlossenheit, die Rhetorik dem Man, der Selbstbesitz der Eigentlichkeit, die Todesfurcht dem Sein zum Tode, wĂ€hrend Sorge, Welt und Angst bei beiden gleich lauten.
FĂŒr VaĆĄek bestehen die Ähnlichkeiten zwischen Michelstaedter und Heidegger indes weniger in gemeinsamen Begriffen als vielmehr in Ă€hnlichen Themen und Denkbewegungen. FĂŒr Michelstaedter ist das Leben der Rhetorik verfallen, d.h. den sozialen Gepflogenheiten, bei denen der einzelne nicht zu sich selbst, zu seiner Überzeugung gelangt. Genauso entfremdet ist der Zeitgenosse durch Heideggers ‚Man‘, wenn man sich dem anpasst, was auch die anderen sagen und tun. Dann gelangt man nicht zur Eigentlichkeit, zu sich selbst. So ist Überzeugung und Rhetorik nach VaĆĄek „ein ontologischer Entwurf: Eine Analyse des menschlichen Daseins, die Heideggers epochales Hauptwerk in vielem vorwegzunehmen scheint.“ 150
Aber VaĆĄek geht noch einen Schritt weiter, wenn er andeutet, dass diese Parallelen sich womöglich nicht bloß einem epochalen Zeitgeist verdanken könnten. Auch schon in den zwanziger Jahren, bevor Sein und Zeit erscheint, bemerkt VaĆĄek im Denken Heideggers Parallelen zu Michelstaedter, der vom ‚Entbehren seines Lebens‘ spricht, so dass das Leben nicht als ganz erscheint. Kurz nach der Publikation der deutschen Übersetzung von Überzeugung und Rhetorik 1922 heißt es in Heideggers PhĂ€nomenologischen Interpretationen zu Aristoteles, dass der ‚Seinssinn von Leben‘ als „Darbung“ zu verstehen sei.
Könnte es sein, dass Heidegger Michelstaedters Manuskript kannte? Das lĂ€sst sich nicht beweisen. Aber VaĆĄek skizziert gewisse Wege, auf denen Michelstaedters Werk um 1920 ĂŒber dessen Doktorvater, Göttingen und Husserl schließlich in die HĂ€nde Heideggers geraten sein könnte. Sollte Husserl Michelstaedters Text zur deutschen Veröffentlichung begutachten und gab er das Manuskript an seinen Assistenten Heidegger weiter? Das ergĂ€be doch einen glatten Plagiatsfall und Heidegger mĂŒsste als Philosoph zurĂŒcktreten.
VaĆĄek verfolgt bei seiner Interpretation von Sein und Zeit indes eine andere Absicht. Er schließt an das Buch von Thomas Sheehan Making Sens of Heidegger an, fĂŒr den Heideggers großes Thema nicht das Sein sondern die Endlichkeit ist. Damit rĂŒckt er einen zentralen Aspekt von Sein und Zeit in die Mitte von Heideggers Gesamtwerk, nĂ€mlich den Vorlauf zum Tode, der von den Zeitgenossen verdrĂ€ngt wird, indem man dem Erlebnis, dem VergnĂŒgen verfĂ€llt, den Illusionen des ‚Man‘. Das ist fĂŒr Michelstaedter ebenfalls eine Degeneration, die den Zeitgenossen benommen macht, die den „Besitz seiner selbst“ verhindert, wĂ€hrend bei Heidegger derart das Dasein nicht zu seinem Sein gelangt, sondern in die Seinsvergessenheit abgleitet.
So stehen Überzeugung und Rhetorik bei Michelstaedter Heideggers Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit gegenĂŒber. Die GegenwĂ€rtigkeit des Todes wird rhetorisch verdrĂ€ngt, wĂ€hrend nur der Überzeugte wirklich dem Tod ins Gesicht zu sehen vermag und jederzeit bereit ist zu sterben. Das „Sein zum Tode“ entbehrt auch bei Heidegger jenen, die uneigentlich leben, wĂ€hrend der Tod nur in der Sorge adĂ€quate Beachtung findet. So gehört fĂŒr beide der Tod unmittelbar zum Leben.
Nur wer darauf achtet, ĂŒbernimmt fĂŒr Michelstaedter die Verantwortung fĂŒr sein Leben. FĂŒr Heidegger â€šĂŒberantwortet‘ der Vorlauf zum Tod sein eigentliches Dasein. Wie bei Michelstaedters Überzeugung bedarf es bei Heidegger dazu der Entschlossenheit, um die Existenz, wie sie ist, zu ĂŒbersteigen und um dem eigenen Selbst treu zu bleiben. So kann VaĆĄek konstatieren: „Die Ähnlichkeiten zu Heideggers ‚Vorlaufen in den Tod‘ haben Michelstaedter-Forscher immer wieder bemerkt.“151
Doch VaĆĄek geht im Anschluss an Sheehan noch einen wesentlichen Schritt weiter: „Sein und Zeit handelt nicht primĂ€r vom ‚Sein‘. Es handelt – wie vielleicht sogar sein gesamtes Denken – von einer Verwandlung, einer Wiedergeburt des Menschen – von einer Wiedergeburt als sterblicher Gott. Man kann darin ein spĂ€tes Echo auf Nietzsches Übermenschen sehen, vielleicht auch eine charakteristische Denkfigur seiner Zeit.“152 Damit erhebt er Sein und Zeit zum Organon von Heideggers Gesamtwerk. Gerade die Poststrukturalisten, die sich gerne auf Heidegger beziehen, rezipieren damit nicht nur indirekt Sein und Zeit, sondern in der Konsequenz eigentlich Michelstaedter.
Doch nicht nur hat Heidegger selbst das Programm von Sein und Zeit fĂŒr gescheitert erklĂ€rt – gut, der Autor ist nicht Herr seiner Interpretationen. Man könnte in des auch fragen, ob Heidegger vielleicht befĂŒrchtete, dass die ZusammenhĂ€nge zu Michelstaedter bekannt werden könnten.
Zudem hĂ€lt Heidegger Nietzsches Übermenschen wie dessen Willen zur Macht bereits in den dreißiger Jahren fĂŒr metaphysisch. Dass der spĂ€te Heidegger gar vom Menschen selbst die Rettung vornehmlich vor der technischen Gefahr erwartete, dem widerspricht allein jener Satz Heideggers, „Nur noch ein Gott kann uns retten“, aus dem Jahr 1966, der zum Titel des Spiegel-GesprĂ€chs avancierte, das im Jahr 1976 publiziert wurde.
Gerade auch die poststrukturalistische Heidegger-Rezeption, nimmt dessen Abkehr von Sein und Zeit ernst, bei der gerade die Gedanken der Eigentlichkeit, des Daseins und des Seins zum Tode hinter sich gelassen werden, nicht zuletzt weil diese zu sehr im Bannkreis des ersten Weltkriegs stehen. Existentialismus und Poststrukturalismus stehen sich zwar nicht so fern, wie gerne von beiden Seiten getan wird. Aber so nahe sind sie sich doch auch wieder nicht.
2. Individuum und Gesellschaftsmaschine
Ein Grundthema von Philosophie und Literatur am Anfang des 20. Jahrhunderts ist die Einsamkeit, wirft die moderne Welt fĂŒr viele Zeitgenossen mehr Fragen auf, als dass sie Antworten zu geben vermag. Die damals unlĂ€ngst erst entstandene Massengesellschaft höhlt die zwischenmenschlichen Beziehungen aus, so dass sich die einzelnen just in der Masse verloren fĂŒhlen. Es wundert daher nicht, wenn Einsamkeit sowohl beim jungen Sartre in den dreißiger Jahren, speziell in seinem ersten Roman Der Ekel aus dem Jahr 1938 eine wichtige Rolle spielt, als auch Carlo Michelstaedter seinen Text Überzeugung und Rhetorik damit anheben lĂ€sst.
Die Zeitgenossen sind nicht mehr bei sich selbst, sind sie sich vielmehr selbst fremd geworden, wenn letzterer schreibt: „Die Menschen klagen ĂŒber diese ihre Einsamkeit, aber wenn sie ihnen beklagenswert ist – ist sie es deshalb, weil sie sich einsam fĂŒhlen, wenn sie bei sich selbst sind; sie haben das GefĂŒhl, bei niemandem zu sein und es mangelt ihnen an allem.“153 Sie leben nicht aus sich selbst heraus, sondern sind sich selbst fremd geworden. Die Einsamkeit verdankt sich somit primĂ€r gar keinem Mangel an Zwischenmenschlichkeit. Stattdessen erscheint sie als eine innerliche Verfassung, als innerliche Leere, als ein leeres Selbst. Allerdings verdankt sich diese Leere bei Michelstaedter den Ă€ußeren sozialen und kulturellen UmstĂ€nden, somit auch einem Mangel an Zwischenmenschlichkeit, wenn auch nicht direkt, aber indirekt.
Sartre wird diese Einsamkeit als ein Element der Fremdheit mit sich s...

Table of contents

  1. Über das Buch
  2. Über den Autor
  3. Widmung
  4. Inhaltsverzeichnis
  5. Vorwort
  6. I. KAPITEL: FREIHEIT UND VERANTWORTUNG
  7. II. KAPITEL: ENGAGEMENT STATT PFLICHT
  8. III. KAPITEL: WIDERSTAND UND EMANZIPATION SARTRE UND DE BEAUVOIR
  9. IV. KAPITEL: MORAL UND GEWALT: SARTRE UND CAMUS
  10. V. KAPITEL: DIE MACHT DES INDIVIDUUMS SARTRE UND KIERKEGAARD
  11. VI. KAPITEL: FREIHEIT ALS TRANSZENDENZ SARTRE UND NIETZSCHE
  12. VII. KAPITEL: MAUVAISE FOI UND RHETORIK SARTRE UND MICHELSTAEDTER
  13. VIII. KAPITEL: DER SUBVERSIVE UNTERTAN SARTRE UND FOUCAULT
  14. IX. KAPITEL: BEVORMUNDUNG UND MÜNDIGKEIT SARTRE UND RANCIÈRE
  15. LITERATUR
  16. PERSONENVERZEICHNIS
  17. Impressum

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