Die Banken und ihre Schweiz
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Die Banken und ihre Schweiz

Perspektiven einer Krise

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Die Banken und ihre Schweiz

Perspektiven einer Krise

About this book

Erfolg und Bedeutung ihres Finanzplatzes gehören zur IdentitĂ€t der Schweiz. In den letzten Jahrzehnten konnten die (Gross-)Banken die öffentliche Meinung immer stĂ€rker beeinflussen und die offizielle Schweiz fĂŒr ihre gigantischen ExpansionsplĂ€ne gewinnen. Die Turbulenzen auf den FinanzmĂ€rkten haben die Schweiz auf dem falschen Fuss erwischt. Die Krise macht uns zu dem, was wir eigentlich sind: ein kleines Land inmitten Europas, das existenziell vom internationalen Umfeld abhĂ€ngig ist. Der nationale Mythos unserer politischen UnabhĂ€ngigkeit wird demontiert.Der Autor zeigt die Entwicklung des Finanzplatzes als Teil unserer jĂŒngsten Geschichte auf - er kombiniert ökonomische und sozialwirtschaftliche Fragen, um die Finanzmarktkrise in grössere ZusammenhĂ€nge einzuordnen. Peter HablĂŒtzel plĂ€diert dafĂŒr, die Chancen der Krise zu erkennen, das Bild der Schweiz ernsthaft zu ĂŒberprĂŒfen und neue Schritte in die Zukunft zu wagen. Unser Land darf kein politischer Sonderling werden. Es muss aus der selbst konstruierten Falle des Sonderfalls ausbrechen!

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Information

Publisher
Oesch
Year
2012
Print ISBN
9783035090062
eBook ISBN
9783035040104
1. Finanzmarktkrise, Sonderfall Schweiz und Zeitgeschichte
Die jĂŒngste Finanzmarktkrise hat uns unsanft aufgeschreckt. Ein zyklisches Auf und Ab mit Bildung finanzieller Blasen, die plötzlich platzen, ist zwar lĂ€ngst nichts Neues mehr. Wer die Entwicklung der letzten zwanzig Jahre nur einigermassen aufmerksam verfolgt hat, wird bei den Turbulenzen 2007 bis 2009 kaum von einem «Schwarzen Schwan» sprechen wollen, der völlig unerwartet aufgetaucht sei (Taleb 2008). Dass der Boom auf dem amerikanischen Liegenschaftsmarkt irgendwann ein Ende haben wĂŒrde, war fĂŒr die meisten Beobachter klar. Dass das Platzen der Immobilienblase in den USA die FinanzmĂ€rkte global erschĂŒttern und an den Rand des Abgrunds fĂŒhren wĂŒrde, war das Überraschende. Eine weltweite Systemkrise von solcher Vehemenz und mit dermassen verheerender Wirkung auf die Realwirtschaft hĂ€tte wohl kaum jemand erwartet.
Krise und Krisenwahrnehmung in der Schweiz
Die Schweiz ist von der Finanzmarktkrise besonders hart getroffen worden. Seit Ausbruch der Krise im Sommer 2007 bis Februar 2009 hat der Finanzplatz Schweiz Abschreibungsverluste von 75 Mrd. USD hinnehmen mĂŒssen. In Relation zum Bruttoinlandprodukt von 2007 sind das 17,9 Prozent, verglichen mit 5,4 Prozent fĂŒr die USA oder nur 2,3 Prozent fĂŒr die Bundesrepublik Deutschland. Sind wir uns dessen voll bewusst, dass die schweizerische Volkswirtschaft also gut dreimal mehr einbĂŒsste als diejenige der USA und fast achtmal mehr als jene Deutschlands? Die Schweizer Banken haben in derselben Zeit 53,8 Prozent ihres Eigenkapitals von 2007 verloren und stehen mit dieser verheerenden Einbusse an der Spitze aller LĂ€nder (vgl. Sinn 2009, 190 und 216).
Dabei sind wir noch nicht am Ende des gefĂ€hrlichen Tunnels angelangt. Im April 2009 rechnete der Internationale WĂ€hrungsfonds (IWF) mit einem zusĂ€tzlichen Abschreibungsbedarf im Bankensystem von weltweit 1000 Mrd. USD; inzwischen hat der IWF seine Warnung zwar etwas abgeschwĂ€cht, aber er hat noch keineswegs Entwarnung gegeben (IMF 2009). Im Sommer 2009 schĂ€tzte auch die Schweizerische Nationalbank die Möglichkeit von kĂŒnftigen Bankverlusten als sehr hoch ein. Im Dezember 2009 stellt sie einen fragilen Aufschwung fest, sieht aber immer noch ein Deflationsrisiko und will eine erneute Verschlechterung der Lage nicht ausschliessen (SNB 2009). Die Situation hat sich in der zweiten JahreshĂ€lfte 2009 zwar etwas aufgehellt. Aber ob das Licht, das wir zu erkennen glauben, vom Tunnelausgang oder von einem entgegenkommenden Zug stammt, liess sich auch im Herbst 2009 noch nicht mit Sicherheit bestimmen (Weder di Mauro, in Avenir Suisse 2009). Und fast alle Ökonomen sind sich einig, dass wir gegenwĂ€rtig die schwerste Wirtschaftskrise seit den 1930er Jahren durchleben, deren Ă€usserst problematische Auswirkungen auf BeschĂ€ftigung und Staatsfinanzen erst noch bevorstehen.
Die Schweiz als kleines Land gehört zu den grössten Finanzzentren der Welt. Sie ist mit sieben Billionen Franken der drittstĂ€rkste Vermögensverwalter und in Bezug auf die Verwaltung auslĂ€ndischer Gelder (Offshore Banking) der weltweit wichtigste Tresor. Die Bedeutung des Bankenplatzes fĂŒr die Volkswirtschaft ist in der Schweiz wesentlich höher als beispielsweise in den USA oder Grossbritannien; der ganze Finanzsektor (inkl. Versicherungen) generiert hierzulande nach den Berechnungen des Eidg. Finanzdepartements (EFD Kennzahlen 2008, 2009) einen ausnehmend grossen Anteil am Bruttoinlandprodukt (12 %), an der BeschĂ€ftigung (6 %) und am Steueraufkommen aller Staatsebenen (13 %).
Noch eine andere Eigenheit des Finanzplatzes Schweiz hat grosse wirtschaftliche und politische Bedeutung: Die Finanzindustrie ist so hoch konzentriert wie nirgendwo sonst. Die beiden Grossbanken hielten 2005 90 % der Bilanzsumme aller hiesigen Banken, was mehr als dem achtfachen Betrag der gesamten Jahreswertschöpfung der schweizerischen Volkswirtschaft entsprach (SNB 2007 429f.). Im Vergleich dazu entspricht die Bilanzsumme aller amerikanischen Banken zusammen nur gerade einem Jahres-BIP (Bruttoinlandsprodukt) der USA. Die Schweiz hat mit den zwei Grossbanken also ein gefĂ€hrliches Klumpenrisiko am Hals, das sie im Falle eines GAU wohl kaum zu stemmen vermöchte. Aber die beiden sind so gross geworden, dass man sie in einer Krise auch nicht fallen lassen kann; ihre Insolvenz wĂŒrde den Zahlungsverkehr lahmlegen und die ganze Volkswirtschaft erschĂŒttern. Die UBS allein fĂŒhrt gut 70 000 Kontokorrentkonti von KMUs; wer möchte schon verantworten, dass sie alle die Löhne nicht mehr auszahlen könnten?
Das grosse Gewicht, der hohe Konzentrationsgrad und die Auslandverflechtung unseres Bankensystems erklÀren zum Teil, weshalb uns die Finanzmarktkrise besonders hart getroffen hat. Doch was ist der Grund, dass wir das Ausmass und die Bedeutung der Krise kaum zur Kenntnis nehmen wollen?
Manche Experten und die meisten Politiker schrecken davor zurĂŒck, die spezifischen Probleme unseres Finanzplatzes zu benennen. Viele zeigen erhebliche MĂŒhe, den Stellenwert von Turbulenzen auf dem Finanzmarkt realistisch einzuschĂ€tzen. Selbst die Exekutive hat lange nicht wahrhaben wollen, in welch tiefe Krise unser Land geraten ist. Obwohl die Schweizerische Nationalbank die Lage schon 2007 als «sehr ernst» einschĂ€tzte, versuchte der Bundesrat noch am 7. MĂ€rz 2008 das Parlament zu beruhigen: «Der Bankensektor ist nicht gefĂ€hrdet. Die weltweit tĂ€tigen Grossbanken (
) können auch schmerzhafte Verluste verkraften (
) Massnahmen zum Schutz der Schweizer Volkswirtschaft sind nicht erforderlich» (Antwort auf eine Interpellation der SP-Fraktion im Nationalrat vom 5. 12. 07). Noch im Sommer 2008 konnten das Staatssekretariat fĂŒr Wirtschaft (seco) und das Volkswirtschaftsdepartement (EVD) in den Finanzmarktturbulenzen keine Bedrohung fĂŒr die schweizerische Volkswirtschaft erkennen. Dabei hĂ€tte man die speziell hohe AnfĂ€lligkeit unseres kleinen Landes auf Krisen im globalisierten Finanzsektor lĂ€ngst thematisieren mĂŒssen. Selbst der Wachstumsbericht von 2008 lĂ€sst sich durch die Blasen und die scheinbar hohe «ProduktivitĂ€t» der Finanzwirtschaft blenden. Er ortet – gleich wie seine VorgĂ€nger – die zentrale politische Herausforderung fĂŒr die Schweiz nicht in ihrer AbhĂ€ngigkeit von internationalen MĂ€rkten, sondern darin, den angeblich ĂŒberbordenden Staat in die Schranken zu weisen. Durch die neoliberale Brille erscheint die Welt manchmal doch in eigenartiger Verzerrung.
Unmittelbar vor Bekanntwerden der massiven Eingriffe seitens der Behörden haben bedeutende Exponenten einflussreicher WirtschaftsverbĂ€nde die Schweiz noch als glĂŒcklichen Sonderfall gepriesen, der Staatsinterventionen im Finanzbereich nicht nötig habe. «La crise n’existe pas!», titelte die Weltwoche am 16. Oktober 2008. War das schlichte Ignoranz oder eine schlechte PR-Übung fĂŒr ĂŒberholte ideologische Positionen? Immerhin, die Öffentlichkeit war durch die Medien ĂŒber die gefĂ€hrliche Situation der Grossbanken so weit informiert, dass der Paukenschlag des staatlichen Eingriffs zwar mit einer gewissen Konsternation des Publikums, aber doch eher mit Erleichterung als mit grundsĂ€tzlicher Ablehnung aufgenommen wurde.
Mit den BeschlĂŒssen vom 15. Oktober 2008 haben Bundesrat, Eidgenössische Bankenkommission und Schweizerische Nationalbank SNB dann doch erkennen lassen, dass sie die Probleme auf dem Finanzmarkt fĂŒr gravierend und volkswirtschaftlich gefĂ€hrlich halten. Dass sie deshalb ausserordentliche Massnahmen ergriffen und Notrecht in Anspruch genommen haben, will ich ĂŒberhaupt nicht kritisieren. Diese Überraschungsaktion zeugt immerhin von ProfessionalitĂ€t und einem politischen Mut, den man den Behörden nicht immer zutraut. Aber ich vermisse eine (selbst-)kritische Analyse, weshalb es zu einer solch «schweren Störung der Sicherheit» nach Art. 185 Abs. 3 der Bundesverfassung gekommen ist. Auch die gesetzliche Grundlage fĂŒr das elegante Handeln der Notenbank scheint mir etwas schmalbrĂŒstig zu sein. Nach Nationalbankgesetz Art. 5 soll die SNB zwar zur Systemstabilisierung beitragen; erlaubt sind ihr aber nur abgesicherte Hilfen bei LiquiditĂ€tsproblemen, nicht Ein griffe bei Insolvenzproblemen einer einzelnen Bank. Worum es sich im Herbst 2008 beim Fall der UBS konkret gehandelt hat, scheint zumindest fraglich.
In seiner Botschaft vom 5. November 2008 zeigt der Bundesrat wenig Bereitschaft, die tieferen Ursachen der Bankenkrise und ihre fĂŒr die Schweiz ganz besonders gefĂ€hrlichen Auswirkungen auszuleuchten. Noch viel weniger ist er geneigt, das Versagen der staatlichen Aufsicht offen zu diskutieren und Vorkehren in Aussicht zu stellen, die derart gravierende FehleinschĂ€tzungen in Zukunft verhindern. Er begnĂŒgt sich mit der Absicht, das Vertrauen in das heutige Finanzsystem möglichst rasch wiederherzustellen. Verzichtet er deshalb auf die Behandlung von tiefer greifenden Fragen, die das Publikum eventuell verunsichern könnten? Oder will er nur davon ablenken, wie tief die Behörden in die Finanzmarktkrise verstrickt sind? Die Botschaft soll die Öffentlichkeit beruhigen, gut. Aber wenn man verlorenes Vertrauen wieder aufbauen will, darf man dem Publikum nicht Sand in die Augen streuen. Zwischen den Zeilen lesen wir, dass bei einer fĂŒr die Zukunft gar nicht auszuschliessenden erneuten Krise eines der beiden Bankgiganten wohl wiederum Vater Staat in die Bresche springen mĂŒsste. Nicht einmal der etwas verbesserte Einlegerschutz ist so ausgelegt, dass er das Insolvenzrisiko einer Grossbank abdecken könnte.
Auch ein Jahr spĂ€ter zeigt man sich von Seiten der Behörden immer noch resistent gegenĂŒber jeder Krisenperzeption, die eigene Fehler aufdecken könnte. Die FINMA, Nachfolgerin der Eidg. Bankenkommission, geht mit ihrem ausfĂŒhrlichen Bericht vom 14. September 2009 zu «Finanzmarktkrise und Finanzmarktaufsicht» stracks in die VorwĂ€rtsverteidigung: Es könne «kein spezifisches Fehlverhalten schweizerischer Aufsichtsbehörden» festgestellt werden, schreibt sie (S. 14), obwohl doch gerade die Absegnung aggressiven Risikoverhaltens von ĂŒberdimensionierten Grossbanken ein kleines Land wie die Schweiz in eine besonders heikle Situation bringen musste; die Eidgenössische Bankenkommission habe im Juli 2004 bloss eine risikoadĂ€quatere Modellierung des Value at Risk, eine verbesserte Risikomessung und damit ein besseres Risikomanagement fĂŒr die UBS erzielen wollen. «Diese Bewilligung ist auch rĂŒckblickend vertretbar», behauptet die FINMA unverfroren (S. 31). Aber genau diese Bewilligung hat dazu gefĂŒhrt, dass die UBS ihre Schulden massiv erhöhen durfte und trotz Warnungen der Nationalbank mit der weltweit tiefsten Eigenkapitalquote von 1,8% in die Finanzmarktkrise rasselte. Den Absturz hat die UBS deshalb nicht mehr aus eigener Kraft ĂŒberstehen können, was sicher nicht die Absicht, aber doch eine Folge problematischer Entscheidungen auch der EBK war. Den Gipfel der Verharmlosung erklimmt das Eidgenössische Finanzdepartement mit dem Bericht vom 11. September 2009 an die WAK (Wirtschafts- und Abgaben-Kommission) des Nationalrats zu «Situation und Perspektiven des Finanzplatzes Schweiz»; es schwafelt sogar von einer «guten Kapitalisierung [der UBS] zu Beginn der Krise» (S. 22), ohne sich aber um eine einleuchtende ErklĂ€rung zu bemĂŒhen, warum die UBS von der Krise doch dermassen stark betroffen wurde. Eine ausreichend kapitalisierte Bank hĂ€tte wohl keine Staatshilfe beanspruchen mĂŒssen. Hier wird eindeutig Mitverantwortung von der Bankenaufsicht abgeschoben. DĂŒrfen wir Steuerzahlerinnen und Steuerzahler Behörden vertrauen, die eine Beschönigung offensichtlicher Fehlurteile fĂŒr nötig halten?
Ausmass, Bedeutung und Gefahren der Finanzmarktkrise werden hierzulande nicht wirklich zur Kenntnis genommen. Man versucht hauptsĂ€chlich, die systemischen Aspekte und ZusammenhĂ€nge herunterzuspielen, und blendet die Tatsache aus, dass sich die Schweizer (Gross-)Banken mit ihren globalen FinanzgeschĂ€ften in einem ganz besonderen Masse ĂŒbernommen haben. Sie sind – im Wissen und mit dem Segen der Aufsichtsbehörde – mit extrem wenig Eigenkapital versehen in die Finanzmarktkrise geschlittert und stellen damit ein Paradebeispiel fĂŒr den «Casino-Kapitalismus» dar, der dank hoher Fremdfinanzierung mit riskanten, spekulativen GeschĂ€ften höchste Gewinne erzielt, massive Verluste aber weitgehend sozialisiert respektive verstaatlicht (Sinn 2009).
Das will nicht heissen, die Schweizer Behörden hĂ€tten die UBS im Herbst 2008 in den Konkurs schicken sollen. Grösse und besondere Struktur des Finanzplatzes, seine volkswirtschaftliche Funktion, aber auch seine ökonomische, juristische und politische Einbindung in globale ZusammenhĂ€nge machten eine Rettung der UBS durch den Staat wohl unausweichlich. Damit ist aber das systemische Problem noch lange nicht gelöst. Es hat sich eher noch verschĂ€rft, weil nun alle wissen, dass der Staat systemrelevante Banken nicht fallen lassen kann. Daraus resultiert nicht nur ein wettbewerbsverzerrender Konkurrenzvorteil fĂŒr die Grossbanken, sondern ein geradezu perverser Anreiz, die Hochrisikospiele wieder aufzunehmen, sobald die Krise ĂŒberwunden scheint. Noch wissen wir nicht, wer aus der Krise was gelernt hat. Ohne Änderungen des Finanzsystems könnten wir deshalb schon bald wieder vor derselben Problematik stehen wie im Oktober 2008.
Aber wer die Systemkrise nicht wahrhaben will, ist zu SystemĂ€nderungen kaum bereit. Oder umgekehrt: Wer das System nicht Ă€ndern möchte, muss versuchen, die systemischen Probleme möglichst auszublenden. Und genau das erleben wir heute in der politischen Debatte unseres Landes. Gegen VorschlĂ€ge, durch markante, fĂŒr die Grossbanken spĂŒrbare Erhöhungen des Eigenkapitals oder durch Deckelung von Löhnen und Boni genau jene Anreize etwas abzubauen, die zum verheerenden Casino-Kapitalismus fĂŒhrten, tritt sofort der Finanzminister auf den Plan. Und stellt die Nationalbank fĂŒr unsere Geldinstitute eine GrössenbeschrĂ€nkung zur Diskussion, wehrt sich gegen derlei Ansinnen umgehend die Volkswirtschaftsministerin. Und alle Forderungen, mit einer Banklizenz fĂŒr die Postfinance tragfĂ€hige Parallelstrukturen im schweizerischen Finanzierungsund Zahlungssystem aufzubauen, werden schon im Parlament beerdigt. Das schwĂ€cht den Wettbewerb und die Krisenresilienz in unserem Finanzsystem und zwingt die Post, das viele Geld der kleinen Kunden, das ihr gerade auch in kritischen Zeiten zufliesst, teilweise im Ausland anzulegen.
Sonderfall, nationale IdentitÀt und Mythenbildung
Wie kann man erklĂ€ren, dass die offizielle Schweiz die tiefe Krise gar nicht richtig wahrhaben will? Warum werden die Grossbanken so geschont und gehĂ€tschelt? Lassen sich die Schweizer Behörden korrumpieren oder steht der Bankenplatz als nationales Kulturgut unter Denkmal- und Heimatschutz? Labt sich die kleine Schweiz an der schieren Grösse und an der Macht ihrer Bankgiganten? Möchten die Eliten ihr «Unbehagen im Kleinstaat» (Karl Schmid, 1963) mit weltweit geachteter (oder besser: gefĂŒrchteter) Bankenmacht kompensieren? Neben rein wirtschaftlichen Interessen scheinen jedenfalls auch psychologisch und kulturell interessante Elemente mit im Spiel zu sein. Vielleicht handelt es sich beim Finanzplatz um eine Ă€hnlich tabuisierte Geschichte wie bei der ĂŒberdimensionierten Schweizer Armee. Beide, Finanzplatz und Armee, haben eine Grössenordnung und eine Bedeutung erreicht, die sich rein aus ihrer wirtschaftspolitischen respektive sicherheitspolitischen Funktion kaum mehr rechtfertigen lassen. Beide sind zu einem nationalen Mythos verklĂ€rt worden und prĂ€gen unser Bild von der Schweiz als einem Sonderfall.
Welchen Stellenwert hat der Finanzplatz fĂŒr unsere nationale IdentitĂ€t? Wie wichtig ist uns ein rigoroses, auch die Steuerhinterziehung begĂŒnstigendes Bankgeheimnis? Selbst wenn es die Schweiz auf dem internationalen Parkett zu einer «Hehlernation» stempelt und sie in immer grössere Schwierigkeiten bringt? Oder ist es gerade die Kritik aus dem Ausland, die uns als Nation zusammenschweisst? Was verbindet Genf und Lugano mit ZĂŒrich, Basel und St. Gallen, zum Teil sogar ĂŒber Partei- und Sprachgrenzen hinweg? Was wollen der Finanzminister mit verbalen DrohgebĂ€rden und die Aussenministerin mit ihrem theatralischen Einsatz fĂŒr ein wohl eher ĂŒberholtes GeschĂ€ftsmodell im Schweizer Banking demonstrieren? Das Bankgeheimnis hat auf symbolischer und politischer Ebene zuweilen fast noch grössere Bedeutung erlangt, als ihm im wirtschaftlichen KalkĂŒl der Finanzindustrie zukommt. Zwar gehört das Bankgeheimnis seit jeher zum GeschĂ€ftsmodell der Privatbanken, dem sich nun auch die Grossbanken wieder stĂ€rker anzunĂ€hern scheinen, seit ihnen das Private Banking die grössten Gewinne verspricht. Noch in den 1990er Jahren, als das lukrative GeschĂ€ft mit den institutionellen Anlegern im Vordergrund stand, konnte man den Eindruck gewinnen, dass das Bankgeheimnis fĂŒr die Grossbanken nicht mehr ganz so wichtig sei.
Doch das Bankgeheimnis ist fĂŒr die Schweiz lĂ€ngst zu einem nationalen Mythos geworden. An ihm soll nicht nur unser Land (finanziell) genesen; manche möchten damit auch das Ausland neoliberale Mores lehren, wie der Staat seine Steuerzahler zu behandeln habe. Gewisse Kreise verlangen gar, das Bankgeheimnis als Symbol der schweizerischen UnabhĂ€ngigkeit auf Verfassungsstufe zu verankern. FĂŒr sie ist dieses historische Relikt aus den Dreissigerjahren zum Inbegriff fĂŒr die «Swissness» geworden. Aber man kriegt den Eindruck, dieses Ansinnen sei selbst den Banken etwas peinlich. Zumal den beiden Grossbanken, die mit Patriotismus nicht mehr viel am Hut haben, seit sie sich von nationalen Institutionen zu globalisierten Finanzkonzernen gewandelt haben. Doch der nationale Mythos Bankgeheimnis hat sich auf der symbolischen Ebene gleichsam verselbstĂ€ndigt und erweist sich oft als stĂ€rker als nĂŒchterne InteressenabwĂ€gung. Mythen erzeugen, wenn sie erfolgreich sind, ihre eigene Wirklichkeit.
Etwas fĂ€llt auf: Je mehr sich unsere Finanzindustrie von den BedĂŒrfnissen der Realwirtschaft ablöst und die Schweiz in ihre riskanten Spiele auf globalisierten MĂ€rkten verwickelt, desto dreister wird die AbhĂ€ngigkeit unseres Landes vom Ausland geleugnet, ja, gewissermassen politisch tabuisiert. Je mehr uns Wirtschaft, Konsumverhalten und Wissen mit Europa und der ĂŒbrigen Welt eng verbinden, umso penetranter wird nicht unser Finanzplatz, sondern die Schweiz als ein «Sonderfall» zelebriert, der nur im Unterschied und als Gegensatz zum politischen und kulturellen Mainstream Europas zu verstehen sei. Damit lassen sich die Besonderheiten des schweizerischen Bankensystems, die auch aus volkswirtschaftlicher Sicht als fragwĂŒrdig erscheinen, gegen jede Kritik immunisieren. Wer unsere (Gross-)Banken in Frage stellt, stellt unser Land, stellt uns in Frage.
Spannend ist, aus welchem Geschichtsbild unsere nationalen Mythen aufzusteigen scheinen. Es ist die Abwehr gegen Ă€ussere Feinde, gegen die Arglist der Zeit, die uns zusammenschweisst. Die Schweiz ist keine Nation. Sie ist ein Konglomerat aus verschiedenen Kulturen und kleinrĂ€umigen EntitĂ€ten. Ihre WidersprĂŒche kann sie dann am besten ĂŒberwinden und zu einer Einheit wachsen, wenn sie sich von aussen bedroht fĂŒhlt. Deshalb spielt der Zweite Weltkrieg in unserem historischen und politischen Bewusstsein eine besonders grosse Rolle. Denn es gab weder vorher noch nachher eine Phase der Schweizer Geschichte, in der die GegensĂ€tze und Konflikte zwischen deutsch und welsch, katholisch und protestantisch, lĂ€ndlich und stĂ€dtisch, arm und reich, oben und unten, links und rechts so gut ĂŒberbrĂŒckt (und unterdrĂŒckt) werden konnten wie in dieser Bedrohungslage. Es war die grosse, die hehre Zeit fĂŒr die Schweiz mit einem gemeinsamen existenziellen Ziel und mit einem MilitĂ€r- und Arbeitsdienst, der sinnstiftend und identitĂ€tsbildend wirkte. Eine Zeit, in der man schon fast von einer Nation hĂ€tte sprechen können. In der Abwehr gegen das Böse und Fremde empfand man sich jedenfalls als eine Schicksalsgemeinschaft und echte «Willensnation» (vgl. Villiger 2009). Deshalb ist hierzulande noch 1989 der Beginn des Aktivdienstes 50 Jahre zuvor weit stĂ€rker gefeiert worden als 1995 das Kriegsende. Und deshalb muss auch heute noch damit rechnen, des Verrats an der Schweiz bezichtigt zu werden, wer aufzeigt, dass die Abwehr des Bösen immer auch mit Elementen der Kollaboration durchsetzt war.
Hinter dieser verklĂ€renden Sicht der Schweiz im Zweiten Weltkrieg tauchen Bilder auf, die schon in den Dreissigerund Vierzigerjahren den Widerstandswillen festigen sollten: die GrĂŒndungssaga der Eidgenossenschaft. Es ist geradezu unheimlich, wie reflexartig im Streit um das Bankgeheimnis das Bild der fremden Vögte aufscheint. Hitler – Moskau –
BrĂŒssel symbolisieren eine KontinuitĂ€t der Bedrohungslage. Aber dahinter stehen immer gleich 1291 und die Schlachten von Morgarten bis Sempach: Schon damals haben wir uns erfolgreich gegen fremde Ritter und Richter gewehrt, und wir werden uns auch gegen EU, G 8 und G 20 behaupten. Was uns bei diesem Gebrauch von Geschichte vielleicht doch zu denken geben sollte: In Europa benutzt neben der Schweiz einzig noch Serbien mythisch verklĂ€rte Bilder aus dem Mittelalter, um die nationale IdentitĂ€t zu beschwören (vgl. Marchal 2009).
Geschichte als Konstruktion der Wirklichkeit
Dieser sonderbare Regress auf Geschichten ĂŒber das Mittelalter und den Zweiten Weltkrieg blendet vieles aus, was fĂŒr das VerstĂ€ndnis und die Interpretation unserer gegenwĂ€rtigen Probleme weit wichtiger wĂ€re. Namentlich die Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte nehmen wir kaum differenziert zur Kenntnis, wenn wir die historische Dimension unserer politischen IdentitĂ€t ausloten. Was hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg, seit den 1970er, den 1990er Jahren wesentlich verĂ€ndert? Welche KontinuitĂ€ten und welche BrĂŒche beeinflussen unser Denken und Handeln? Wie hat sich die Schweiz gewandelt und wohin steuert sie heute in einem rasch sich Ă€ndernden Kontext, der die globale Interdependenz zur zentralen Herausforderung werden lĂ€sst? Da stehen doch bedeutend relevantere Fragen an als Mutmassungen darĂŒber, ob wohl die Kriegsgurgeln der Innerschweiz vor 700 Jahren in nur scheinbar Ă€hnlichen Situationen zur Hellebarde gegriffen hĂ€tten.
Zur BegrĂŒndung des Sonderfalls Schweiz wird meist die Geschichte unseres Landes als Argument ins Feld gefĂŒhrt. Aber man vergisst dabei gerne, dass Geschichtsbilder die Ergebnisse von Interpretationen und damit unsere Konstruktionen sind. Wohl das gescheiteste Buch, das ich wĂ€hrend meines Studiums in den spĂ€teren 60er Jahren gelesen habe, hiess «Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen»; der Philosoph Theodor Lessing hatte es schon 1919 publiziert. Seine Thesen nahmen Erkenntnisse des modernen Konstruktivismus vorweg und schienen mir damals revolutionĂ€r: Die Geschichte als solche hat keinen Sinn, sagt Lessing; wir mĂŒssen den Sinn in die Geschichte ...

Table of contents

  1. Deckel
  2. Titelblatt
  3. Urheberrecht
  4. Inhalt
  5. Vorwort von JĂŒrg Conzett
  6. Einleitung: Ausgangspunkt und Absicht der Studie
  7. 1. Finanzmarktkrise, Sonderfall Schweiz und Zeitgeschichte
  8. 2. Aufstieg des Finanzplatzes zur nationalen Ikone
  9. 3. Globalisierung von MÀrkten und MentalitÀten
  10. 4. Finanzmarktkrisen und Krise der Finanzmarktpolitik
  11. 5. Relevante Kontexte: Wachstum, Staat und Moral
  12. 6. Vom historischen Sonderfall zum politischen Sonderling?
  13. 7. Historische Ortsbestimmung und politisches Fazit
  14. Anhang

Frequently asked questions

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