Selbstlernzentrum, Schulmediothek, Leseinsel oder Lernatelier â die Schulbibliothek hat viele Namen. Eines jedoch ist gewiss: Schulen brauchen heute einen Ort, an dem die Lese- und Medienkompetenz der SchĂŒler gefördert wird. BĂŒcher, E-Medien, Datenbanken â eine gut ausgestattete Bibliothek ist das Fundament fĂŒr selbstorganisiertes Lernen. Wer eine Schulbibliothek aufbauen oder modernisieren möchte, kommt an diesem Handbuch nicht vorbei.

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Handbuch Schulbibliothek
Planung â Betrieb â Nutzung
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Topic
EducationSubtopic
Education GeneralAngelika Holderried, Birgit LĂŒcke, Andreas MĂŒller
1. Vom Nutzen der Schulbibliothek fĂŒr die Schule und die SchĂŒler
Mittendrin. Diesen Lagevorteil hat die Schulbibliothek als Ort des Lernens fĂŒr SchĂŒler gegenĂŒber einer rĂ€umlich getrennten Ăffentlichen Bibliothek. Aber das ist kein Vorteil gegenĂŒber anderen RĂ€umen in der Schule. Wo kann im Vergleich die Schulbibliothek ihren Platz finden?
Der Klassenraum ist der Ort, an dem fast der gesamte Unterricht stattfindet. Man hat als SchĂŒler seinen festen Platz, seine Nachbarn, seinen Blickwinkel auf den Lehrer, auf die Tafel, auf das zentral gesteuerte Unterrichtsgeschehen. Insofern ist der Klassenraum auch identitĂ€tsstiftend fĂŒr den Einzelnen. Wenn der Lehrer mit den SchĂŒlern den Klassenraum bewusst als gemeinsamen Lernraum gestaltet, indem er zum Beispiel SchĂŒlerprodukte aus dem Projektunterricht aushĂ€ngt, wird auch Klassengemeinschaft und damit GruppenidentitĂ€t dokumentiert. Der Klassenraum ist so im Idealfall ein wenig die Heimat des SchĂŒlers in der Schule.
Der Fachraum ist der Ort, an dem bestimmter Fachunterricht stattfindet: Turnhalle, Chemieraum, Physikraum, Biologieraum, Kunstraum und Musikraum, das sind die Klassiker. Der Fachraum hat die jeweils passende Ausstattung: KletterwĂ€nde und Basketballkörbe die Turnhalle, zahlreiche Wasser-, Strom- und GasanschlĂŒsse und SchrĂ€nke mit ReagenzglĂ€sern der Chemieraum. Der Fachraum lenkt den Blick auf die Besonderheiten des jeweiligen Fachs, der Blick geht damit auch weg vom Frontalunterricht hin zu anderen Sozial- und Arbeitsformen, zur Gruppe zum Beispiel als Mannschaft im Sport, zum Projekt zum Beispiel beim Versuch im naturwissenschaftlichen Unterricht.
Es gibt einen weiteren Unterrichtsraum in der Schule, der weder Klassennoch Fachraum ist: der Computerraum. Er wird nur punktuell fĂŒr bestimmten Unterricht und deshalb von vielen verschiedenen Lerngruppen genutzt und ist insofern vom Klassenraum als âHeimatâ verschieden. Aber er kann andererseits in vielen verschiedenen FĂ€chern gute Dienste leisten und unterscheidet sich insofern vom Fachraum. Ist also die Schulbibliothek eine Art Computerraum mit BĂŒchern und anderen Medien als âZugabeâ? Die Frankfurter ErklĂ€rung des Deutschen Bibliotheksverbandes (Abdruck, S. 257) dreht den Spiess um, indem sie feststellt: âDie moderne Schulbibliothek ist der ideale Knotenpunkt fĂŒr das Medienangebot und die MedienpĂ€dagogik der Schule. Sie fĂŒhrt gedruckte und digitale Angebote an einem Ort zusammen: aktuelle BĂŒcher und Internet, Lesen und Surfen. Indem die Schulbibliothek neben BĂŒchern die digitalen Ressourcen bĂŒndelt, ersetzt sie den wenig flexiblen konventionellen Computerraum (jenseits des Informatikunterrichts)â (Frankfurter ErklĂ€rung 2015, 1). Die moderne Schulbibliothek ist heute also ein Ort der Medienbildung und der Leseförderung, doch was heisst das konkret?
1.1 Was die Schulbibliothek alles kann
âEine Schulbibliothek ist ein zentral gelegener Marktplatz, ein im Herzen der Schule gelegenes Wissenszentrum. Einzeln oder in Gruppen wird hier Wissen geholt, geliefert, getauscht, gesucht und gefunden. Entweder mit Hilfe neuer Medien oder auf traditionellere Weise durch BĂŒcherâ (G. Fischer-Kosmol 2009, 33). Bei dieser Definition der Schulbibliothek steht die Funktion der Bibliothek im Mittelpunkt und man kann sich gut vorstellen, dass es auf diesem Markplatz bunt und lebendig zugeht. SchĂŒler und Lehrer treffen sich dort, um in Gemeinschaft oder alleine zu recherchieren, zu arbeiten und zu lernen. Wer hĂ€tte nicht gern ein solches Wissenszentrum in der Schule?
Und in der Tat ist der Gedanke an eine Bibliothek, die alle BĂŒcher und Medien zentral sammelt, verzeichnet und fĂŒr die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts zugĂ€nglich macht, immer der erste, wenn es um die Neueinrichtung einer Schulbibliothek geht. Die traditionelle Funktion einer Bibliothek, BĂŒcher und Non-Books bereitzuhalten, gilt unbestritten auch fĂŒr Schulbibliotheken.
Die Schulbibliothek ist â⊠zentraler Medienraum, zentraler Informationsbereich, Ort der Leseförderung, Unterrichtsraum und Kommunikationsraumâ, definiert das Fachportal www.schulmediothek.de (Abruf 28.08.2017) und erweitert damit das âWissenszentrumâ um die Funktionen âLeseförderungâ, âUnterrichtâ und âKommunikationâ. Wenn man den Marktplatz ernst nimmt, ist zumindest die Kommunikation aus dem Bild nicht wegzudenken.
Grundlegend fĂŒr die Schulbibliothek ist jedoch nach wie vor die Leseförderung, die vor allem in Grundschulen einhergehen muss mit Sprachförderung. âAuf der Basis bundesweiter Elternbefragungen konnte wiederholt gezeigt werden, dass knapp ein Viertel der vor der Einschulung stehenden Kinder in einem Sprachtest als förderbedĂŒrftig im Deutschen diagnostiziert wurdeâ (Bildung in Deutschland 2016, 66). 21% der Kinder mit verzögerter Sprachentwicklung stammen dabei aus deutschsprachigen Haushalten (vgl. ebd., 66). Zur Leseund Sprachförderung lĂ€sst sich vorwiegend in weiterfĂŒhrenden Schulen noch eine Erweiterung ergĂ€nzen, die der Leitfaden der LAG Hessen auf den Punkt bringt, indem er die Schulbibliothek auch als âkulturelles Zentrumâ definiert (LAG-Bausteine fĂŒr ein hessisches Schulbibliothekswesen 2006, 10). Was das tatsĂ€chlich heissen kann, ist ĂŒberall dort zu besichtigen, wo Schulbibliotheken Veranstaltungen anbieten â von der klassischen Autorenlesung ĂŒber den Poetry Slam bis hin zur AuffĂŒhrung von Filmen der Film-AG.
Bei entsprechender Ausstattung und Betreuung kann man von Schulbibliotheken sogar âProdukteâ erwarten. âMakerspaces*â, also Bereiche, in denen die verschiedensten Dinge entwickelt und produziert werden, gibt es in Schulen schon lange: Werkraum, Physiksaal, Handarbeitsraum oder Chemielabor. FĂŒr die Schulbibliothek muss definiert werden, welche Produkte dort entstehen sollen und welche Ressourcen hierfĂŒr zur VerfĂŒgung gestellt werden. Naheliegend ist die Schulbibliothek als digitale Kreativwerkstatt. Wichtig dabei: die technische Ausstattung muss den konzeptionellen Vorgaben dienen. So hat zum Beispiel die amerikanische Big Walnut Middle School in Sunbury, Ohio, die AktivitĂ€ten der Schulbibliothek streng auf die UnterstĂŒtzung der Unterrichtsinhalte hin ausgerichtet und bietet hierfĂŒr moderne digitale Technik an vom interaktiven Touchscreen ĂŒber Digitalkameras bis hin zum als Monitor nutzbaren TV-GerĂ€t (vgl. Gonzales 2016).
Bleibt noch eine letzte Funktion, die die Schulbibliothek vor allem in der Ganztagsschule erfĂŒllen sollte, sie kann nĂ€mlich auch ein Ort fĂŒr Freizeit und Entspannung sein. Das Spielen von Spielen â traditionell oder digital â, das Hören von HörbĂŒchern und das Schmökern in einem Kinder- oder Jugendbuch gehören in vielen Schulbibliotheken zum Programm. Von den SchĂŒlern wird dieses Angebot gerne in Anspruch genommen, durchaus auch, weil man sich so im Schulalltag eine Auszeit nehmen, sich zurĂŒckziehen und sammeln kann. Damit einher geht oft die soziale Funktion der Schulbibliothek, in der SchĂŒler auch jenseits von Schule und Lernen vielfach ein offenes Ohr finden. Diese Funktion ist zwar im Zeitalter von Schulpsychologen und Schulsozialarbeit nicht beabsichtigt, lĂ€sst sich aber nicht ganz ausblenden. Es bedarf einer bewussten Entscheidung, wie weit das Personal, ggf. mit entsprechender Schulung, hier gehen kann, darf und will.
Betrachtet man diese Bandbreite, so lassen sich die folgenden zentralen Funktionen der Schulbibliothek ausmachen:
⹠Ort der Leseförderung und der Sprachförderung
âą Trainingsort fĂŒr den Umgang mit neuen Medien und dem Internet
âą Informationszentrum
âą Lernzentrum und Unterrichtsraum
âą Kommunikationsplattform und Treffpunkt
âą Kulturelles Zentrum, Veranstaltungsraum
âą Makerspace
âą Ort fĂŒr Entspannung und RĂŒckzug, soziale Funktion
Geht es um die Verwirklichung einer Schulbibliothek, sollte man diese Möglichkeiten kennen, um dann fĂŒr das eigene Konzept fundiert entscheiden zu können.
Die wichtigste Entscheidungsgrundlage ist die pĂ€dagogisch-didaktische Gesamtkonzeption der jeweiligen Schule, mit deren Hilfe zum Beispiel Aussagen zur Rolle der Schulbibliothek bei der Erreichung der Lernziele getroffen werden können. âEs muss z.B. festgestellt werden, in welchen Bereichen Lernziele ohne Schulbibliothek nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen erreicht werden könnenâ (Deutsches Bibliotheksinstitut: Materialien 1994, H. 11, 2).
Ideal ist es, wenn an der inhaltlichen Definition der Schulbibliothek die Schulgemeinschaft insgesamt beteiligt werden kann, denn so erreicht man eine breite Akzeptanz der Massnahme. Schliesslich handelt es sich oft um eine betrĂ€chtliche Investition an Zeit und Geld und diese knappen Ressourcen mĂŒssen zielgerichtet eingesetzt werden. Was erwarten die Lehrer, die SchĂŒler, die Eltern, der TrĂ€ger von der Schulbibliothek? Erst wenn die Sammlung der Erwartungen vorliegt und in Beziehung gesetzt wurde zu den möglichen Funktionen der Bibliothek, können die zentralen Fragen beantwortet werden:
âą Welche Aufgaben soll die Schulbibliothek in unserer Schule erfĂŒllen?
âą Welche Ressourcen (rĂ€umlich, personell, Sachmittel, Geld) können dafĂŒr zur VerfĂŒgung gestellt werden?
Je nachdem, wie die Antwort auf diese Fragen ausfĂ€llt, kann man entweder sofort in die Verwirklichung eintreten oder einen Stufenplan entwickeln. HĂ€ufig ist ein schrittweises Vorgehen erforderlich, weil die RĂ€ume, in denen die Schulbibliothek entstehen soll, zu klein sind. Je erfolgreicher die Bibliothek arbeitet, desto eher wird es gelingen, bei passender Gelegenheit (Erweiterungsbau, Umstrukturierung) zusĂ€tzliche RĂ€ume zu erhalten. Aktive Bibliotheken haben die Chance, sich zum âStandortfaktorâ fĂŒr die Schule zu entwickeln.
1.2 Warum Schulbibliothek? â ein Beispiel
Wie die GrĂŒndung einer Schulbibliothek vonstatten gehen kann, verdeutlicht ein Interview mit dem Schulleiter des FĂŒrstenberg-Gymnasiums Donaueschingen, Herrn OStD Mario Mosbacher. Das FĂŒrstenberg-Gymnasium ist Teil einer Schullandschaft der Stadt Donaueschingen (ca. 22.000 Einwohner) und des Schwarzwald-Baar-Kreises, die alle Schularten incl. gewerbliche, kaufmĂ€nnische und technische Schulen bietet. Aktuell besuchen rund 850 SchĂŒler das FĂŒrstenberg-Gymnasium, ein grosser Teil davon im âoffenen Ganztagâ. Das Interview fĂŒhrte Angelika Holderried.
Herr Mosbacher, Sie haben sich dazu entschlossen, die sechs kleinen Bibliotheken, die es an Ihrer Schule gab, zu einer grossen Bibliothek zusammenzufĂŒhren und ein neues Bibliothekskonzept zu verwirklichen. Was hat Sie dazu bewogen, diesen Schritt zu gehen?
In den vergangenen Jahren wurde unsere Schule von Grund auf generalsaniert, d.h. bis auf den Rohbau zurĂŒck- und dann wieder aufgebaut. Leitend und bindend bei dieser Sanierung war ein von der Schule in einem mehrmonatigen Prozess ausgearbeitetes PĂ€dagogisches Konzept. Hier haben alle am Schulleben Beteiligten gemeinsam festgehalten, welche Anforderungen ein neues SchulgebĂ€ude fĂŒr den Unterricht von heute und auch von morgen erfĂŒllen muss. Wichtige Ăberlegungen in diesem Zusammenhang waren u.a.:
âą in der Schule RĂ€ume fĂŒr erlebnishaltiges Lernen zu schaffen,
⹠im Rahmen des offenen Ganztages Aufenthalts- und FreizeitrÀume zu schaffen,
⹠universitÀres Lernen vorzubereiten,
âą im gesamten Haus durch Licht, Farbe und Materialien eine AtmosphĂ€re zum WohlfĂŒhlen zu schaffen,
âą innerhalb des Hauses eine klare funktionale Gliederung der RĂ€ume zu finden.
Alle diese Aspekte haben zum jetzigen Bibliothekskonzept beigetragen. Vor der Sanierung hatten wir in der Tat sechs kleinere Bibliotheken: eine fĂŒr die Unterund Mittelstufe, eine fĂŒr die Oberstufe, zwei SelbstlernrĂ€ume in einem NebengebĂ€ude, eine Lehrerbibliothek und eine historische Bibliothek. Die FlĂ€chen dieser RĂ€ume und auch ein Grossteil des Buchbestandes sind nun in einer grossen Bibliothek zusammengefĂŒhrt. Der neue Ort gab uns gestalterisch, aber auch inhaltlich ganz neue Möglichkeiten.
Können Sie uns bitte den Entstehungsprozess schildern?
Im Rahmen der Sanierung sollte eine neue Bibliothek zentral im Mittelpunkt des Schulhauses geschaffen werden. Auf der âdidactaâ 2012 traf ich nun durch Zufall auf einen Bibliotheksplaner und wir kamen ins GesprĂ€ch. Ein ausgesprochener GlĂŒcksfall, denn wir stellten beide schon bei der ersten Tasse Kaffee fest, dass wir denselben Blick auf das Thema âSchulbibliothekâ hatten. Erstens waren wir sicher, dass gerade in Zeiten der Digitalisierung Schulen und SchĂŒler einen Ort benötigen, an dem es Begegnungen mit dem Medium Buch gibt, an dem SchĂŒler das Lesen zum Le...
Table of contents
- Cover
- Titelblatt
- Urheberrechte
- Inhalt
- Vorwort zur zweiten Auflage
- Vorwort
- 1. Vom Nutzen der Schulbibliothek fĂŒr die Schule und die SchĂŒler
- 2. Wo man gerne hingeht â die Schulbibliothek als Raum
- 3. Passgenau ausgewĂ€hlt â Grundlagen und Inhalte der Schulbibliothek
- 4. Alles kein Science Fiction! Digitale und multimediale Technik in der Schulbibliothek
- 5. Betriebsform, Personalmodelle und Finanzierung der Schulbibliothek
- 6. AktivitÀten in und mit der Schulbibliothek
- 7. SelbststĂ€ndig lernen durch Recherche â Fachunterricht mit der Schulbibliothek als analoger und digitaler Medienvermittler
- 8. Wie bleibt die Schulbibliothek lebendig?
- 9. Von Inseln und Netzen â Formen schulbibliothekarischer Versorgung
- 10. Die Rolle der Schulbibliothek in der zukĂŒnftigen Schule
- Glossar
- Empfohlene weiterfĂŒhrende Literatur und Links
- Autorinnen und Autoren
- Bildnachweis
- Register
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