Der Klangmeister Rudolf Tutz
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Der Klangmeister Rudolf Tutz

AnnÀherungen an einen Tiroler Instrumentenbauer von Weltruf

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Der Klangmeister Rudolf Tutz

AnnÀherungen an einen Tiroler Instrumentenbauer von Weltruf

About this book

Rudolf Tutz (1940–2017) erlangte mit seinen Nachbauten historischer Blasinstrumente Weltgeltung. Als Spross einer aus Böhmen stammenden traditionsreichen Tiroler Instrumentenbauerfamilie kam er frĂŒh mit bedeutenden Pionieren und fĂŒhrenden Exponenten der Alte-Musik-Bewegung in Kontakt. Sie erkannten sein besonderes Talent; auf ihre Anregung hin baute Tutz Instrumente, deren außergewöhnliche QualitĂ€t MaßstĂ€be setzte. Bis zu seinem Tod 2017 war er unermĂŒdlich auf der Suche nach dem besonderen Klang. BerĂŒhmte Musikerinnen und Musiker spielten oder spielen auf seinen Instrumenten, vor allem den historischen Klarinetten und Flöten. Als rastlos Suchender beschĂ€ftigte sich Rudolf Tutz auch mit modernen Instrumenten und ihrer klanglichen Optimierung.Diese Publikation ist eine facettenreiche Hommage an einen genialen Instrumentenbauer und an eine originelle Persönlichkeit. Der berufliche Werdegang von Rudolf Tutz, sein Leben und seine von tiefer HumanitĂ€t und feinem Humor geprĂ€gte Persönlichkeit sind ebenso Thema wie seine Instrumente und seine große, vielfĂ€ltig in die Gegenwart und Zukunft wirkende Bedeutung fĂŒr die Alte Musik.

„Eine gute Flöte zu machen, ist nicht schwierig, aber die zweite 
!“

BARTHOLD KUIJKEN

Rudolf Tutz 
 ein klingender Name in der (Holz-)Blasinstrumentenwelt. Klingend nicht nur dank seiner unzĂ€hligen – und hervorragenden – Instrumente, die in aller Welt gespielt werden, sondern auch wegen Rudis menschlichen Eigenschaften.
Illustration
Ausblicke – Rudolf Tutz und Barthold Kuijken, Mauerbach 2015, Foto: Bernhard Trebuch
Ich möchte mit diesem persönlichen Aspekt anfangen – schließlich ist ein Mensch mehr als „nur“ seine Leistung, wie groß diese auch sein mag. Dieser Beitrag soll aber weder eine Hagiografie noch eine Anekdotensammlung sein. Wer öfters Kontakt zu Rudi hatte, sammelte bestimmt genĂŒgend Erfahrungen und Geschichten, um ein ganzes Buch zu fĂŒllen. Ich ĂŒberlasse es gerne jedem einzelnen, diese Sternstunden vergnĂŒgt und dankbar im Herzen zu speichern. Man kann sie vielleicht schmunzelnd im Freundes- oder Kollegenkreis erzĂ€hlen, aber darum geht es mir nicht.
Welche Begriffe kommen mir sofort in den Sinn, wenn ich an Rudi denke? Freundschaft, GroßzĂŒgigkeit, Gastfreundschaft, WĂ€rme, Freude, Heiterkeit, Humor, Treue, Vertrauen, ungezwungener Stolz ĂŒber seine handwerklichkĂŒnstlerische Meisterschaft, Eigensinnigkeit, UnabhĂ€ngigkeit, OriginalitĂ€t, unkonventionelles Verhalten in jeglicher Situation, Hellsichtigkeit auch im Chaos, Erfindergeist, Neugierde, Energie, Ausdauer, Fokus, Sinn fĂŒr RelativitĂ€t, Intuition, Instinkt 
 Im Verlauf des Artikels werden mehrere dieser Wörter wieder auftauchen, doch sollte man sie alle gleichzeitig sehen: Er war dies alles und mehr und unerwartet doch noch anders, als man dachte.
In den vielen Jahren unserer Bekanntschaft, die bald zu einer tiefen Freundschaft wurde, war ich immer beeindruckt von Rudis GroßzĂŒgigkeit (nicht nur mir gegenĂŒber: So viele Studenten haben fast oder ganz ohne Bezahlung ein gutes Instrument von ihm bekommen!). Diese Freigiebigkeit schien selbstverstĂ€ndlich, er war einfach hilfsbereit, treu, ohne Nebengedanken, ohne Berechnung. Es machte ihn glĂŒcklich, andere Leute zu beglĂŒcken. Ich habe mich oft gefragt, ob dies fĂŒr ihn zu seiner religiösen Überzeugung gehörte. Wir haben eigentlich nie direkt darĂŒber geredet 
 Nur einmal erinnere ich mich, wie wir an einer Renaissance-Tenorflöte arbeiteten. Sie war sehr gut geworden und klang entzĂŒckend, ich spielte sie lange Zeit in der Werkstatt. Plötzlich sagte Rudi: „Damit kann man beten.“
Rudi hatte viel Vertrauen, zu sich selbst und zu anderen Leuten, auch Vertrauen in sein eigenes Können, und den Glauben, dass er fĂŒr unerwartet auftauchende Probleme schon eine Lösung finden wĂŒrde.
Hatte er denn keine Fehler, keine Schwachstellen? Als Freund wĂŒrde ich es verletzend und herabwĂŒrdigend finden, wenn ich mir anmaßen wĂŒrde, ĂŒber ihn ein Urteil auszusprechen. Wie bei uns allen können bestimmte positive CharakterzĂŒge bei Übersteigerung bisweilen ins Negative fĂŒhren. Wann werden UnabhĂ€ngigkeit und Eigensinnigkeit zu HartnĂ€ckigkeit? Hat er seiner Arbeit, seinen Instrumenten, seinen Kunden und Freunden mehr Aufmerksamkeit geschenkt als seiner Familie? Waren seine fast grenzenlose Energie und Ausdauer immer „gesund“, oder haben sie ihn irgendwie komfortabel von einer anderen, Ă€ußeren RealitĂ€t ferngehalten? Er lebte konsequent in seiner eigenen Welt und es war schwer, ihn aus diesem Universum herauszubringen. Wer das nicht verstehen konnte oder wollte, hat ihn vielleicht fĂŒr einen „Spinner“ gehalten, andere sahen ihn eher wie ein Originalgenie, einen KĂŒnstler. Ich wĂŒrde lieber sagen: Er war so wie er war, wie er nur sein konnte.
Illustration
Veronika Tutz, Foto: privat
Rudis erste Frau Veronika (sie ist 1993 gestorben) hat bestimmt eine sehr wichtige Rolle gespielt. Ihr praktischer Geist und ihre gewisse Strenge werden Rudi oft einen festen Halt gegeben haben. Ich bin ihr sehr dankbar, dass sie mir (und meiner Familie bei einigen herrlichen Urlaubsaufenthalten in Innsbruck) ihre warme Gastfreundschaft, Vertrauen und Zuneigung geschenkt hat. Ich fand das nicht selbstverstĂ€ndlich, war ich doch derjenige, der Rudi ganze Wochenenden und unzĂ€hlige Nachtstunden in die Werkstatt „entfĂŒhrte“. Eines Tages, in den ersten Jahren unserer Bekanntschaft, hat sie mich einmal gefragt: „Herr Kuijken, glauben Sie, dass es etwas wird mit dieser Arbeit an den historischen Instrumenten?“ Ich habe ĂŒberzeugt „ja“ gesagt und habe versucht, ihr zu erklĂ€ren, welche Stellung Rudi in diesem Feld schon einnahm und welche Entwicklungen durchaus vor ihm offen lagen, welchen Weg er darin sowieso gehen wĂŒrde. Sie hat mir geglaubt, und der Stolz auf ihren (schon eigenartigen) Rudi wurde immer grĂ¶ĂŸer – zu Recht. Ich spĂŒre noch Rudis große Sorge und sein GefĂŒhl der Machtlosigkeit ĂŒber ihre Krankheit, die so viele Jahre wie ein Damoklesschwert ĂŒber der Familie schwebte. Und ich war glĂŒcklich, als ich hörte, dass er nach Veronikas Tod in Linde Brunmayr, einer ehemaligen Top-Studentin von mir, eine neue LebensgefĂ€hrtin gefunden hatte. Diese zwei Menschen, die ich beide schon lange Zeit ins Herz geschlossen hatte, bildeten fast 25 Jahre ein inspirierendes, generöses und strahlendes Paar!
Ich kann kaum sagen, wie froh ich bin, Rudolf Tutz begegnet zu sein, und wie sehr er mich in meiner kĂŒnstlerischen Entwicklung nicht nur durch seine Instrumente, sondern auch einfach durch sein Dasein inspiriert hat. Unsere LebenslĂ€ufe haben sich irgendwie gefunden, verknĂŒpft, stimuliert 
 Über Rudis Einfluss auf die Nachwelt schreibe ich mehr im letzten Abschnitt.
Ich möchte nun Rudis Werdegang schildern, soweit ich selber Zeuge sein durfte – immerhin seit 1972 bis zu seinem Tod im Jahr 2017. Ich merke jetzt zu meinem Erstaunen, dass wir uns etwa 45 Jahre gekannt haben 

Seit 1971 durfte ich als ganz junger Flötist im Collegium Aureum mitspielen, damals einem der wenigen Kammerorchester, die „auf Originalinstrumenten“ musizierten (jetzt wĂŒrde man diesen Ausdruck cum grano salis lesen, also nicht mehr so uneingeschrĂ€nkt und unvoreingenommen verwenden) und sich um historische AuffĂŒhrungspraxis bemĂŒhten. Franzjosef Maier leitete es vom Konzertmeisterpult aus, und Dr. Alfred Krings, der das Schallplattenlabel Deutsche Harmonia Mundi leitete, war der kĂŒnstlerisch-historische Inspirator. Dr. Krings war eine sehr starke Persönlichkeit. Seine Rolle fĂŒr die Alte-Musik-Szene in Deutschland verdient es, viel mehr bekannt zu sein und gewĂŒrdigt zu werden.
WĂ€hrend Plattenaufnahmen in SĂŒddeutschland im September 1972 bat Dr. Krings mich, ihn bei einem Besuch eines Innsbrucker Instrumentenbauers zu begleiten: Rudolf Tutz. Ich war diesem Mann noch nie begegnet, wusste aber, dass er fĂŒr das Collegium Aureum historische Bassetthörner gefertigt hatte. Der Anlass war eine Aufnahme von Mozarts BlĂ€serserenade in B-Dur KV 361, der Gran Partita. 1973 sollte nun Hans Deinzer Mozarts Klarinettenkonzert aufnehmen. Es war aber bekannt geworden, dass Mozart dieses Werk fĂŒr eine besondere A-Klarinette geschrieben hatte, die in der Tiefe vier Töne mehr als ĂŒblich besaß. Leider gab es damals weder ein Originalinstrument dieser Bauart noch eine Abbildung noch eine genaue Beschreibung. Eine „normale“ historische A-Klarinette musste also verlĂ€ngert und mit einer neu zu erfindenden Mechanik versehen werden, und Herr Tutz war nach der Überzeugung von Dr. Krings der Mann, der das schaffen konnte. Wegen meiner Erfahrung mit originalen Holzblasinstrumenten aus dem 18. Jahrhundert glaubte Dr. Krings, dass ich etwas zur Diskussion beitragen könnte. Und da saßen wir: Dr. Krings, Rudolf Tutz (dessen Tiroler Mundart ich kaum verstehen konnte), der Klarinettist Jann Engel und ich. Janns Bruder Max kannte ich schon als Cellist/ Oboist/Klarinettist vom Collegium Aureum.
Was ist mir von diesem GesprĂ€ch geblieben? Erstens Rudis Selbstvertrauen („Ja, kann man machen.“). Weiter – darf ich’s sagen? – war ich total verblĂŒfft ĂŒber die allzu geringe, wirklich unzureichende Information bezĂŒglich historischer Klarinetten bei meinen drei GesprĂ€chspartnern. Ich war wohl verwöhnt dadurch, dass ich selber mehrere Original-Traversflöten besaß und spielte, dass ich damals freien Zugang zu dem Musikinstrumentenmuseum des BrĂŒsseler Königlichen Konservatoriums (eine Goldmine!) hatte und auch andernorts schon allerhand alte Blasinstrumente gesehen, studiert, vermessen und gespielt hatte. Die verwendeten Holzblasinstrumente im Collegium Aureum, je nach Repertoire auf 440 oder 415 Hz gestimmt, waren leider nicht erstklassig. Es handelte sich entweder um deutlich zu junge Originalinstrumente (bis weit ins 19. Jahrhundert hinein) oder um mittelmĂ€ĂŸige, meistens leicht modernisierte Nachbauten spĂ€tbarocker und klassischer Vorlagen. Ich kannte die Firma, welche die jetzt zu verlĂ€ngernde A-Klarinette hergestellt hatte. Ihre Block- und Traversflöten, Oboen und Klarinetten waren durchaus weit von den historischen Vorlagen entfernt und funktionierten eher unbefriedigend. Leider war das zu dieser Zeit die gĂ€ngige QualitĂ€t der „historischen“ Nachbauten. Weil es damals kaum Leute gab, die klassische Klarinetten im Angebot hatten, konnte ich auch nichts Besseres vorschlagen. Ich konnte nur davor warnen, fĂŒr so eine schwierige Aufgabe von einem so dĂŒrftigen Modell auszugehen, und riet dringend, sich doch erst einmal echte historische Klarinetten anzuschauen. DafĂŒr reichte aber die Zeit leider nicht, weil die Aufnahme schon im Juni 1973 stattfinden sollte (Ich wusste damals noch nicht, dass Kurzfristigkeit zu Rudis normalem Arbeitstempo gehörte!).
Dieser erste Prototyp hatte bestimmt sehr reizende Aspekte im Klang, aber hohe und tiefe Lage stimmten noch nicht und auch die Mechanik war noch nicht optimal. Ich bewunderte Hans Deinzers Mut, dieses so bekannte StĂŒck auf dieser Klarinette aufzunehmen – und MĂŒhe hat es gekostet 
 In spĂ€teren Jahren wurde dieses Modell verfeinert, besser abgestimmt, ins Gleichgewicht gebracht, und Hans Deinzer spielte das Mozartkonzert zum zweiten Mal ein. Noch spĂ€ter arbeitete Rudi mit großem Erfolg an einer Ă€hnlichen VerlĂ€ngerung der modernen A-Klarinette.
1973/74 sah ich Rudi öfters bei Konzerten oder Schallplattenaufnahmen in SĂŒddeutschland, besonders wenn im Collegium Aureum auch Klarinetten beteiligt waren – mir half er einmal, ganz kurz vor Konzertbeginn ein Flötenpolster auszuwechseln.
Dr. Krings hatte mich gebeten, im Herbst 1975 Mozarts Flötenquartette aufzunehmen, zusammen mit den Streichersolisten des Collegium Aureum. Das war eine große Ehre fĂŒr mich, und gleichzeitig war es eine große Herausforderung, dafĂŒr die geeignete Flöte zu finden. FĂŒr Barockmusik (in 415 Hz-Stimmung) spielte ich damals meine originale G. A. Rottenburgh-Flöte (aus der Mitte des 18. Jahrhunderts), aber es war mir klar, dass sie fĂŒr Mozart nicht ideal war. Sie hat eine etwas verschleierte Stimme, eher Mezzosopran, wĂ€hrend mir fĂŒr Mozart eine Sopranstimme vorschwebte. Das Collegium Aureum spielte die spĂ€ten Haydn- oder Mozart-Symphonien aber auf 440 Hz, und ich hatte bis dahin auf dieser Stimmung noch keine gute und zeitgerechte Flöte gesehen. Ich hatte einige englische Klappenflöten im Stile Richard Potters ausprobiert, die ich im Orchester mit MĂŒh und Not auf 440 Hz hochzwingen konnte, aber diese waren mir fĂŒr die Mozart-Quartette schon zu spĂ€t und lĂ€ngst nicht schön genug. Ich hatte Anfang 1975 eine englische Richard Potter-Klappenflöte (aus den 1790er Jahren) gekauft, in der Hoffnung, sie im Collegium Aureum bestens einsetzen zu können. Sie hatte die typischen englischen Zinnpolster, die ĂŒbrigens viel weniger LĂ€rm verursachen als man glauben wĂŒrde, und die, solange sie in gutem Zustand sind, die Löcher perfekt luftdicht abschließen. Bei meiner Flöte waren diese Polster aber leider nicht mehr in gutem Zustand. Von den mir bekannten Flötenmachern wollte oder konnte mir niemand helfen: die „historischen“ Instrumentenmacher wussten zu wenig von Metall, und die modernen Flötenhersteller oder Reparateure hatten keine Erfahrung mit alten Instrumenten. Ich rief also den Herrn Tutz an, um mich zu erkundigen, ob er so etwas machen könnte. „Kommen Sie vorbei, dann schauen wir mal“ war die Antwort. Im Mai 1975 bin ich voller Hoffnung nach Innsbruck gereist. Ehrlich gesagt bezweifle ich jetzt, ob er damals schon je eine Flöte mit solchen Klappen gesehen hatte, aber er schaffte es scheinbar mĂŒhelos, neue Zinnpolster zu gießen, zu drechseln und zu befestigen. Ich habe nur einige Stunden warten mĂŒssen, weil er zuerst andere Sachen reparieren sollte (ein zerbeultes FlĂŒgelhorn, eine verbogene Metallflöte, 
). Ich ahnte zu dem Zeitpunkt nicht, dass er wĂ€hrend dieser Arbeit schon die Lösung des neuen Problems im Kopf vorbereitete. Als gelernter Holz- und Metallinstrumentenbauer hatte er von Anfang an das Vertrauen, dass er die Sache erledigen konnte. Diese innere Überzeugung, ohne Angst eine total neue Aufgabe meistern zu können, habe ich spĂ€ter immer wieder erleben und bewundern können. Ich will dies nicht auf bloßes (und großartiges) „Handwerk“ reduzieren: der Geist, die plötzliche Inspiration und Intuition, die fokussierte Aufmerksamkeit und die Liebe zum Fach, zu den Instrumenten, zur Kunst und zu den Menschen waren immer genau so stark prĂ€sent. Meisterschaft im wahren Sinne! Rudi war fast kindlich glĂŒcklich, wenn er sah, dass die Aufgabe gelöst war und dass der Musiker einen weiteren Schritt vorwĂ€rts machen konnte.
Illustration
Rudolf Tutz, Bassettklarinette, 1972, Foto: TLM
Bei meiner Suche nach einer „richtigen“ Flöte fĂŒr meine Mozart-Aufnahme in allerhand Museen und Privatsammlungen war ich auf eine sehr schöne August Grenser-Flöte aus den 1780er Jahren gestoßen, und ich war so glĂŒcklich, sie geliehen zu bekommen. Diese Flöte faszinierte mich, sie hatte die helle und trotzdem warme, geschmeidig-kantable und doch klar sprechende Sopranstimme, die ich suchte – sie hatte auch einige schwierige Intonationsprobleme, aber irgendwie bin ich damit zurecht gekommen. Ähnlich wie viele Flöten aus dieser Zeit hatte sie mehrere Oberteile fĂŒr unterschiedliche Stimmtonhöhen; das lĂ€ngste, am besten klingende und stimmende spielte auf ca. 427 Hz. Ich bin meinen Streicherkollegen noch immer sehr dankbar, dass sie einverstanden waren, so weit herunterzustimmen!
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Originale Traversflöte von Godefroy Adrien Rottenburgh aus dem Besitz von Barthold Kuijken, Foto: Dany Neyrinck
Rudi hörte mich mit dieser Flöte im Juni 1976. Er hat sofort aufgehorcht – seine Intuition entsprach meiner Begeisterung, und er hat an Ort und Stelle schon einige Maße genommen, um die Flöte irgendwann nachzubauen: Das war die Geburt des Tutz-Grenser-Modells, worĂŒber ich spĂ€ter mehr erzĂ€hlen will. Aber damals sagte ich ihm beilĂ€ufig auch, dass ich zu Hause eine noch schönere alte Flöte hatte, meine G. A. Rottenburgh.
Im August 1976 hatte ich einige Konzerte in Tirol, bei denen ich meine Rottenburgh-Flöte spielte. Rudi hörte unser letztes Konzert an (obwohl er damals eigentlich kein hĂ€ufiger Konzertbesucher war; ich glaube, dass ihn die Instrumente und die Begegnungen mit Musikern mehr interessierten als die Musik). Nachher kam er zu mir und fragte, wann am nĂ€chsten Morgen mein Zug abfahren wĂŒrde. Er wollte ĂŒber Nacht meine Flöte vermessen und sie dann rechtzeitig ins Hotel bringen. Das Instrument hatte ihn erobert 
 Ich stimmte zu, und frĂŒh am nĂ€chsten Morgen war er da, mit meiner Flöte und auch mit einem Kopf, den er nachts gebaut hatte. Ich war verblĂŒfft, als ich den Kopf auf meine Flöte steckte und hineinblies: er passte perfekt und klang vorzĂŒglich, fast wie das Original. Typisch fĂŒr Rudi: Lob wollte er nicht hören, er wollte eher wissen, was noch nicht gut war. SpĂ€ter habe ich verstanden, dass diese Haltung völlig seinem Charakter entsprach: Er war stĂ€ndig auf der Suche, wie er etwas verbessern konnte, ohne aber deshalb das schon Gemachte zu verleugnen. Er nahm Kritik nicht persönlich, sondern er verstand sie als auf den Gegenstand bezogen, und das gab ihm eine gewisse Ruhe und Überlegenheit, die ich selten bei jemandem in so hohem Maße erlebt habe.
Kurze Zeit spĂ€ter erhielt ich eine komplette Kopie meines Originals, und so hat das Tutz-G. A. Rottenburgh-Modell seinen Anfang genommen. Wie viele Exemplare er davon gebaut hat, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es lange Zeit ĂŒberall gespielt wurde, weil es einfach so gut war. Er hatte diese Flöte verstanden und schaffte es, die komplizierte Mundlochform zu respektieren, wodurch die fĂŒr dieses Instrument so typische Balance zwischen Widerstand und FlexibilitĂ€t, Leichtigkeit und trotzdem KlangfĂŒlle, HomogenitĂ€t und Farbenreichtum entsteht. Ich betrachte diese „kleine Rottenburgh“ fĂŒr Querflötisten noch immer als einen ausgezeichneten Einstieg in das Traversflötenspiel, weil man das Instrument einfach nicht zwingen oder forcieren kann. Wenn man zu stark blĂ€st, zu viel drĂŒckt, sagt die Flöte ganz liebenswĂŒrdig „nein, danke“ – und wer darauf hört, ist schon dabei, sich eine andere Atemtechnik anzueignen, die eine neue Klangwelt eröffnet. Andere historische Flötenmodelle haben diese Eigenschaft zum Teil auch, aber leider werden viele Kopien heute so manipuliert, etwa durch geringeres Unterschneiden des Mundloches und der Tonlöcher, dass sie dem Atem mehr Widerstand leisten und al...

Table of contents

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Inhalt
  5. Grußworte
  6. Zu diesem Buch
  7. FRANZ GRATL Wurzeln, Werdegang und Wirken eines Originalgenies: der Instrumentenbauer Rudolf Tutz
  8. HELMUT A. GANSTERER Die wohlbalancierte Flöte
  9. RUDI TUTZ JUN. IM INTERVIEW MIT INES ZIMMERMANN Die Nachfolge
  10. BARTHOLD KUIJKEN „Eine gute Flöte zu machen, ist nicht schwierig, aber die zweite 
!”
  11. RACHEL BROWN „It was Rudi who gave me my voice”
  12. ERNST SCHLADER Der Instrumentenbauer als Forscher, Detektiv und PĂ€dagoge
  13. PETER RABL „Er wurde zu meiner klanglichen Instanz”
  14. RUPERT FANKHAUSER „In ihm wohnte ein spezieller Geist”
  15. TEDDY EZRA „Unsere gemeinsame Arbeit war wie ein Traum, den ich sehr lange getrĂ€umt habe”
  16. WALTER LEHMAYER Meine Wiener Oboe und die Rettung meines Englischhorns
  17. GEORG SCHMID „Die Musik ist fĂŒr die Menschen da”
  18. GABRIELE BUSCH-SALMEN Rudolf Tutz – RĂŒck-Blicke: Innsbruck 1974 bis 1992
  19. MARTEN ROOT „Rudi hatte das Wissen von Jahrhunderten im Blut”
  20. BERNHARD TREBUCH „FĂŒr Soli, Chor und Orchester” oder „Alte Musik: quo vadis” oder „Alles beim Alten” – Gedanken eines WeggefĂ€hrten
  21. MARC HANTAÏ „Il est toujours avec moi”
  22. LINDE BRUNMAYR-TUTZ „Der Klang muss sein wie eine Blumenwiese”
  23. CHEN HALEVI Eulogy Rudolf Tutz
  24. Kurzbiographien der AutorInnen und InterviewpartnerInnen

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