wenn Schreiner sich selbst, ihren Beruf, ihre Werkstatt und die Welt mit philosophischen Augen betrachten, dann tun sie dies als Denker der Praxis.Denker der Praxis schöpfen ihre Wissen aus Geschichtsbewusstsein, Tradition und Erfahrung.Die FĂ€higkeit zum Ăberschreiten ist in diesem Wissen ein fester Bestandteil.Deshalb fĂŒhlen sich Schreiner in Grenzbereichen zuhause, deshalb sind sie immer fĂŒr eine Ăberraschung gut.

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Information
1. Einleitung
Wer sich heutzutage auf den Weg der inneren LĂ€uterung begeben will, stolpert frĂŒher oder spĂ€ter ĂŒber den Jakobsweg, oder er sucht sich einen Guru mit Ashram, der ihm den Weg zur Erkenntnis und Erleuchtung weisen soll.
Alle Wege enden im âNichtsâ.
Ein Meister lehrt Tiefe, Hingabe, Demut und Weisheit und erwartet dafĂŒr Unterordnung, Hingabe, Demut und Glauben.
Dieses schöne Konstrukt funktioniert in unseren westlich kapitalistischen Gefilden ĂŒberhaupt nicht. Hier wird hinterfragt, gezweifelt, verworfen, bekĂ€mpft und behauptet.
Entsprechend hat sich hier eine andere Spezies von Meistern entwickelt, die mehr fragt als Weisheiten verstreut, die zweifelt und den Zweifel setzt, die lehrt und gleichzeitig lernt, die weiĂ, dass sie keine Ahnung von den wesentlichen Dingen des Daseins hat.
Der Ashram eines Schreinermeister heiĂt deshalb auch ganz banal: âSchreinereiâ.
Der Anhang eines Schreinermeisters sind keine JĂŒnger, sondern Gesellen, Gesellinnen und Auszubildende.
Und da ein Schreinermeister keinen Erleuchtungsweg weisen kann, fallen seine Weisheiten handfester aus, als das bei heiligen MĂ€nnern und Frauen der Fall ist: âDu machst und tust und kommst zu nichts.â
Alle Wege fĂŒhren ins âNichtsâ. Das zumindest ist die einheitliche Erkenntnis unterschiedlicher Vorgehensweisen.
Der Guru strebt nach dem âNichtsâ, der Schreinermeister sieht dieses âNichtsâ als Problem.
Die Weisheit eines Schreinermeisters beginnt deshalb immer mit einer Frage oder mit einer ProblembeschÀftigung.
Die Suche nach einer Lösung ist der Weg des Meisters.
Und diese Suche kann nie im âNichtsâ enden, weil das âNichtsâ fĂŒr einen Meister lediglich eine Herausforderung darstellt.
Deshalb gibt es auch kein Scheitern. Es gibt einen stÀndigen Neubeginn.
Der Unterschied zwischen einem Guru und einem Meister wird jetzt sehr deutlich.
Ein Guru ist mit sich und seinen Weisheiten zufrieden.
Ein Schreinermeister ist nie zufrieden, fĂŒr ihn sind Erkenntnis und Dasein ein Prozess des stĂ€ndigen Wandels.
Dieses Wissen treibt ihn an. Und dieses tiefe Wissen macht ihn ruhig.
2. Vom Lernen und Lehren
In Schreinereien wird das Schleifen an der Breitbandmaschine allgemein als niedrige Arbeit eingestuft.
Man schleift, um ein bestimmtes Schleifergebnis zu erreichen. Teile werden auf der einen Seite eingeschoben und auf der anderen Seite wieder entnommen.
Der Vorgang beginnt, der Vorgang endet.
Ein Meister wĂŒrde an dieser Stelle warnend den Zeigefinger in Höhe strecken, wenn er es noch kann:
âWer den Prozess des Schleifens in dieser Weise verkĂŒrzt, hat den Wesenskern des Schleifens nicht verstanden. Er verpasst in diesem Augenblick die Chance, ein guter Schreiner und letztendlich ein Wissender zu werden. âSchleifenâ und âErleuchtungâ liegen nahe beieinander.â
Wenn die Breitbandschleifmaschine gestartet wird, entsteht ein StartergerÀusch, das nur diese eine, wirklich nur diese eine Maschine weltweit hat. Am Klang hörst du das Wohlbefinden der Maschine, du hörst, ob sie bereit ist, mit dir in einen inneren Dialog zu treten.
Die Schleifmaschine teilt Dir mit, wenn sie mit Deiner Einstellung nicht zufrieden ist.
Sie fordert dich auf, sie mahnt zur Wachsamkeit, sie fordert den harmonischen Gleichklang zwischen âdir und mirâ.
Ohne dieses verstehende Miteinander kommt kein gutes Ergebnis zustande.
Der Meister atmet die Maschinenstimme ein. Sie lÀsst seinen Körper vibrieren, er schwingt mit dem Rhythmus des Maschinentaktes mit, bis er die Gelassenheit der Maschine in sich aufnehmen kann.
Dann erst ist die Kommunikation perfekt.
Der Meister legt seine Hand auf die Maschinenseite â und bekommt gleich darauf einen leichten Stromschlag.
Die Maschine hat gesprochen!
Sie weist den Meister in ihrer eigenen Art darauf hin, dass er mal wieder die Turnschuhe mit den Sicherheitsschuhen verwechselt hat. Der Meister bedankt sich und wechselt heimlich seine Schuhe.
Der Meister befindet sich in einem fortlaufenden Prozess des Lernens. Die Maschine wiederum hat nie aufgegeben, den Meister zu unterrichten.
Altersbedingte AnimositÀten werden zu einer Herausforderung, sich gegenseitig immer neu aufeinander einzustellen.
Der Zusammenhalt wird gestÀrkt, wenn man die inneren Werte des anderen besser kennenlernt.
Die Einstellungen der Schleiftiefe werden normalerweise digital vorgenommen.
Aber der Meister weiĂ, dass die Schleifmaschine ihre Tagesformen hat. Sie liebt bestimmte Temperaturen, und am liebsten lĂ€uft sie allein. Sie genieĂt die uneingeschrĂ€nkte Aufmerksamkeit des Meisters und sie liebt es, wenn sie die volle Absaugleistung nur fĂŒr sich allein in Anspruch nehmen kann.
Der Meister achtet auf Empfindsamkeiten.
Er beginnt deshalb die Eingewöhnungsphase mit einem langsamen Herantasten.
Der erste Schleifdurchgang ist ein sanfter Probedurchlauf mit sehr lockerer Schleifung. Die Schleiftiefe wird sanft herunter- bzw. hochgefahren, um den Gewöhnungsprozess fĂŒr die Maschine in Gang zu setzen.
Am Klang der Maschine hörst du, welches Lied die Maschine singt. Ist es ein Lied der Freude, oder ist es ein Lied des Schmerzes?
Das Lied der Freude erzĂ€hlt die Geschichte vom Austausch zĂ€rtlicher Streicheleinheiten, von Liebe, von gegenseitiger Achtung und Bewunderung fĂŒr neu entstehende Schönheit.
Das Lied des Schmerzes entsteht aus einer Missachtung der GefĂŒhlslage des anderen.
Die Maschine quittiert diesen Fehlgriff mit einem lang gezogenen, quietschenden Klageruf, das Holz zieht sich zusammen und verliert sein Furnier.
Solche Missgeschicke passieren dem Meister nur selten.
Der Meister hat vorgesorgt und untersagt, dass der Prozess des Eingestimmtseins unterbrochen wird.
Niemand darf einen anderen stören, wenn er an einer Maschine steht.
Trotzdem passieren solche Dinge.
Und wenn mal wieder ein Vertreter hart angeschnauzt wird, dann weiĂ er jetzt, weshalb.
Schmerzen der Schleifmaschine erschrecken den Meister.
Er beginnt sofort mit der Korrektur. Alle Beteiligten wollen mehr Platz und Raum und stellen ihre maximalen Forderungen, die sich gegenseitig im Wege stehen.
Der Meister muss jetzt gut zuhören, bis zu welchem Toleranzbereich jeder Beteiligte mitgehen kann, um ein harmonisches Miteinander von NÀhe und Distanz, von Interesse und ZugestÀndnis zu erreichen.
Der Tanz kann beginnen.
Es ist in der Tat ein Tanz. Mit HĂŒftschwung und einer Armbewegung hebt der Meister die Platte vom Rollwagen und ĂŒbergibt den Schwung auf das rollende Förderband, das den Tanzschritt mit einer Soloeinlage beendet. Der Meister geht im FĂŒnfwechselschritt neben seiner geworfenen Tanzpartnerin her und fĂ€ngt am Maschinenende ihren strahlenden Körper wieder auf. Aus anfĂ€nglicher Ăbung entsteht ein Rhythmus der Vertrautheit, der in eine entspannte Gelassenheit ĂŒbergeht. Der Tanz hat die Regie ĂŒbernommen und fĂŒhrt zu einer Selbstvergessenheit in einer zeitlosen Zeit.
Es ist ein stÀndiges Geben und Nehmen, ein Drehen und Wenden, ein Auf und Ab, ein Tanz der Hingabe.
Der Schreinermeister liebt diese Form der Einsamkeit.
Allerdings hat er als Meister auch die Aufgabe, andere in den Prozess des Schleifens einzuweihen. Er tut dies als Lernender und Lehrender gleichermaĂen.
So ein Prozess wird in stiller Form vermittelt.
Die Integration einer weiteren Person erweitert den Kommunikationsumfang erheblich.
Diese Person ist nicht geschult im VerstÀndnis des Geschehens, sie ist nicht geschult im Zuhören des Unausgesprochenen.
Der Meister lehrt durch Vorleben. Er gibt den Rhythmus der Schwingung vor, um im Gleichklang von Maschine und Material den Neuling zu integrieren. Dieser merkt nicht, dass er sich eigentlich in einem erweiterten Kommunikationsprozess befindet.
Die Verschmelzung in einer ĂŒbergeordneten KommunikationssphĂ€re hat begonnen.
In diesem Prozess verschwinden Gedanken,individuelle GefĂŒhle und Bewegungen in einem Gleichklang einer SphĂ€renmusik.
Zu Störungen kann es auch hier kommen.
Es können sich kleine FrÀsteile aus dem Verbund der Platte lösen.
Der Meister weiĂ, dass Kleinteile in einem Schleifvorgang nicht ĂŒberleben können. Die Absaugung wĂŒrde dieses Teil hochziehen und festhalten.
Die Maschine hat den Meister gelehrt, dass ein gesunder Schleifvorgang nur im Verbund möglich ist.
Schiebt man ein Kleinteil in die Schleifmaschine und sofort hinterher die groĂe Platte, dann lĂ€sst die Maschine mit hĂ€ndischer UnterstĂŒtzung des Meisters das GroĂe und Kleine wieder zu einer Einheit verschmelzen, mit gleich gutem Schleifergebnis fĂŒr die Beteiligten.
Wenn VorgĂ€nge unerwartet eintreten, dann werden Uneingeweihte davon ĂŒberrascht.
Das fĂŒhrt dazu, dass sich Neulinge, meist Auszubildende, öfter bĂŒcken mĂŒssen, um Kleinteile vom Boden wieder aufzulesen.
Doch kurz danach beginnt der Lernprozess.
Der Helfer erwartet beim nÀchsten Schleifgang, dass auch ein Einzelteil vorab ein Verbund sein kann. Er lernt durch den Meister, die Maschine in diesem Prozess zu verstehen. Der Verbund schafft die Leistung, der Verbund ist die Quelle der StÀrke und des Ergebnisses.
Die helfende Kraft wird Teil des Verbundes und damit Teil der unendlichen Kommunikation, ohne dass sie eine Ahnung davon hat, was sie gerade gelernt hat und wer alles ihre Lehrer waren.
3. ...
Table of contents
- Ăber das Buch
- Inhaltsverzeichnis
- 1. EinfĂŒhrung
- 2. Vom Lernen und Lehren
- 3. Der Ăbergang
- 4. Das Schweigen des Meisters
- 5. Ein Riss geht durch die Welt
- 6. Fremdkörper
- 7. Die RĂŒckkehr des Meisters
- 8. Sich wert fĂŒhlen
- 9. Sprachentwirrung
- 10. Das Höchste
- 11 Vom Ende zum Anfang
- 12. GefĂŒhlsgedanken
- 13. Handwerk als Poesie
- Impressum
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