Vom Regen in die Traufe
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Vom Regen in die Traufe

Camberger Wetter- und Kriegstagebuch 1940-1945

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Vom Regen in die Traufe

Camberger Wetter- und Kriegstagebuch 1940-1945

About this book

Mitten im Zweiten Weltkrieg begann der Lehrer Friedrich Heil in seiner Heimatstadt Camberg ein Wettertagebuch. Nach wenigen Tagen ergĂ€nzte er die Wetterdaten mit Gedanken zur Politik, dem Gartenbau und dem Alltag. So entstanden historische Momentaufnahmen, die das kleinstĂ€dtische Leben in Hessen-Nassau von 1940 und 1945 widerspiegeln. Die Quintessenz aus Wetterbeobachtung und einem naturnahen Leben sind Bauernregeln, die der Autor einerseits achtet, aber auch genĂŒsslich auseinandernimmt.

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Information

Year
2021
Edition
1
eBook ISBN
9783755714316
Topic
Art
Subtopic
Art General

1940

❞ Wieder ging ein Jahr zu Ende,
Wie so schnell vergeht die Zeit,
Herr in deine heil’gen HĂ€nde,
Leg’ ich all mein GlĂŒck und Leid.
Was vorbei, das pack ich dankbar
In das Meer Vergangenheit.
Meine Zukunft ist das Hoffen,
Herr, auf deine Ewigkeit! ❝
Rasmus Collier
Ende Dezember 1939: KĂ€lteeinbruch.
28. 12.: −18° bis −22°.
31. 12.: milder, 0° bis 4°, trĂŒb.

Januar

1. Januar: sonnig, mittags +10°; in der Nacht vom 

1. zum 2.: −20° bis −25°.
2. zum 3.: um halb 6 Uhr −22°, am Bahnhof −27°; nachmittags bedeckt sich der Himmel, gegen Abend noch −6°.
3. zum 4.: um halb 6 Uhr −4°, mittags +5° bis +8°, sonnig.
4. zum 5.: um halb 6 Uhr −15°, mittags 0°, sonnig.
5. zum 6.: um halb 6 Uhr −17°, mittags 0°, sonnig.
6. zum 7.: um halb 6 Uhr −17°, mittags −8°, trĂŒb.
7. zum 8.: um halb 6 Uhr −2°, mittags 0°, trĂŒb.
8. zum 9.: um halb 6 Uhr −4°, mittags +5°, sonnig.
9. zum 10.: um halb 6 Uhr −15°, mittags 0°, sonnig.
10. zum 11.: um halb 6 Uhr −13°, mittags +2°, sonnig.
11. zum 12.: um halb 6 Uhr −17°, mittags −5° bis 0°, sonnig. Barometerstand am 12. 1.: 778 mmHg1.
12. zum 13.: um halb 6 Uhr −17°, mittags −5° bis 0°, sonnig.
13. zum 14.: um halb 6 Uhr −10°, mittags −2° bis 0°, trĂŒb.
14. zum 15.: um halb 6 Uhr 0°, mittags −2° bis 0°, trĂŒb.
KĂ€ltewelle ĂŒber ganz Europa. FlĂŒsse sind vereist, der Verkehr teilweise lahmgelegt, die FrostschĂ€den sind erheblich. Auch zahlreiche Todesopfer sind zu beklagen.
Mailand: GĂŒterzug von Wirbelwind erfasst. Die Lokomotive blieb auf den Gleisen stehen, sieben Wagen stĂŒrzten von einer BrĂŒcke auf die Straße.
In Triest ist die Temperatur auf −8° und spĂ€ter unter −10° gesunken. Venedig: Die Lagune ist zum Teil zugefroren. Jugoslawien: GrenzwĂ€chter erfroren, bei −11°. Bukarest: am Tage −25°, drei Hafenarbeiter sind erfroren.Bukowina2: bis −36°. OstrumĂ€nien: besonders von der KĂ€lte heimgesucht. Sofia: Zug zwei Tage im Schnee steckengeblieben; bis zu −30° KĂ€lte.
Rom hat seit 1846 einen Schneefall von solchem Umfang, wie jetzt im Januar, nicht mehr erlebt. Es hat nur 12 Stunden geschneit, aber die Schneemenge vor 97 Jahren war geringer. »In Ortschaften, die an Schneefall gewöhnt sind«, schrieb eine römische Zeitung »gibt es Vorrichtungen, um die Straßen in wenigen Stunden vom Schnee zu sĂ€ubern. In StĂ€dten des SĂŒdens fehlen diese Vorrichtungen, weil normalerweise kein Schnee fĂ€llt.« Aus dieser Feststellung mag man ersehen, welche Katastrophe der Schnee am Jahresende 1939/40 fĂŒr Rom bedeutete. Im Nordwesten von Rom, am Monte Mario, sah es aus wie bei uns im Riesengebirge oder im Bayrischen Wald. Die Milchwagen kamen nicht mehr, die ZeitungsverkĂ€ufer und die HĂ€ndler aller Art, die des Morgens alle Viertel Roms mit ihren melodischen Rufen erfĂŒllen, blieben aus. Die Stadtverwaltung wurde in der Presse hart kritisiert, obwohl diese bereits am ersten Tag 4 000 Schneeschipper in Dienst gestellt hatte. Die KĂ€ltewelle hat sogar Neapel erreicht.
Aus dem Norden Finnlands werden −35° bis −60° KĂ€lte gemeldet.
Nach Ansicht der Meteorologen soll mit einer gewissen RegelmĂ€ĂŸigkeit stets nach nur milden Wintern ein harter Winter hereinbrechen. Sehr strenge Winter herrschten 1907/08, 1917/18 und 1928/29. Im letztgenannten war unsere Zuleitung zur Wasserleitung von der Straße her im BĂŒrgersteig zugefroren. Wochenlang mussten wir unser Gebrauchswasser am Emsbach und das Trinkwasser im Nachbarhaus holen.
Das Erdbebengebiet in der TĂŒrkei, bei dem nach einer amtlichen Meldung 25 000 Menschen ums Leben kamen und 30 000 HĂ€user zerstört wurden, hat auch unter fĂŒrchterlicher KĂ€lte und SchneefĂ€llen zu leiden.
Im Gegensatz zu der KÀlte in Europa wird uns aus Buenos Aires eine starke Hitzewelle gemeldet, die in der argentinischen Hauptstadt 14 Todesopfer gefordert hat; 260 Personen mussten sich in Àrztliche Behandlung begeben.
Seit dem 15. Januar lĂ€sst die KĂ€lte nach. Heute, am 16. Januar, 0° und leichter Schneefall, in der Nacht Schneefall und Sturm, −13°. Das Barometer, das am Samstag noch bei 778 stand, ist auf 761 bzw. 757 zurĂŒckgegangen; in der Nacht vom 16. auf den 17. bis 762 gestiegen.
16. 1.: Leichter Schneefall, auch in der Nacht; −13° und Sturm.
17. 1.: sonnig −5° bis −8°, in der Nacht zum 18. −19°; Barometerstand 770. Morgenrot.
Im norwegischen Telneset, nahe einem Gebirge an der schwedischen Grenze, fiel das Thermometer am Dienstag, den 16. Januar, bis unter den Gefrierpunkt des Quecksilbers. Mithilfe eines Spiritusthermometers wurde −48° gemessen, was wohl den diesjĂ€hrigen europĂ€ischen Rekord darstellen dĂŒrfte. Das Vieh schĂŒttelte sich vor KĂ€lte. Bei Trondheim mussten Bauern aus SĂ€cken MĂ€ntel fĂŒr die KĂŒhe nĂ€hen.
Seit 100 Jahren ist in Moskau das Thermometer nicht mehr so tief gesunken, wie in den letzten Tagen. Am 16. Januar wurde nachmittags −40° und am Abend −44° gemessen. FĂŒr das europĂ€ische Russland ist dies ein seltener KĂ€lterekord. Um Vergleichspunkte zu finden, muss man schon bis in die 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts zurĂŒckgehen, wo das Thermometer jedoch nur bis −42° fiel.
Vom Westerwald und dem Taunus wird gleichlautend gemeldet, wie sehr der Wildbestand unter der jetzt herrschenden KĂ€lte zu leiden hat. So konnte man in den letzten Tagen FĂŒchse beobachten, die sich, vom Hunger getrieben, laut heulend den Bauerngehöften nĂ€herten und in der Scheune Schutz vor der KĂ€lte suchten. Bei dem Versuch, in die HĂŒhnerstĂ€lle einzudringen, konnten einige FĂŒchse bei Westerfeld nahe Usingen erlegt werden.
Obwohl tĂ€glich die Wildfutterraufen mit Heu gefĂŒllt werden, dringen Rudel von Rotwild ohne Scheu vor Menschen in die Dörfer ein und suchen hier nach Futter.
18. 1.: Wolkenloser Himmel. Erich3 kam mit seinen Schneeschuhen hier an, und ist am nĂ€chsten Morgen mit dem Milchauto wieder zurĂŒckgefahren. Die Nacht auf den 19. 1. war die bisher kĂ€lteste mit −29°; am Bahnhof waren es sicher −32° oder −33°.
19. 1.: Leichte Wolkenbildung. Ein Hoffnungsschimmer: auch das Barometer fĂ€llt. In unserer WaschkĂŒche sind es schon −4°. Mit dem Öfchen der Waschmaschine versuchen wir zu heizen, bringen die Temperatur aber höchstens auf +2°, fĂŒr kurze Zeit. Jetzt bildet sich auch im Keller schon auf dem Wasser Eis. Wir haben noch einmal alle Fenster mit Stroh abgedichtet und im kleinen Keller das alte BĂŒgelöfchen4 aufgestellt. Jetzt bedauere ich, dass ich meine alten Öfen verkauft oder verschenkt habe. Man hebt nichts zu lange auf. Das Wasserleitungsrohr haben wir mit alten Kleidern umwickelt.
Heute Nacht habe ich mein Bett auf dem Sofa in meinem kleinen Zimmerchen zurechtgemacht. Die Abfallrohre am WC sind zugefroren. Jetzt beginnt der Umstand mit dem Toiletteneimer.
20. 1.: −10°.
21. 1.: Am Tage und in der Nacht −5° bis −6°. Schneefall. Bis jetzt ist es uns noch gelungen, die Wasserleitung im Keller offenzuhalten. Unser Vorrat an Brennmaterial nimmt schnell ab. Briketts und Kohlen werden nur in geringen Mengen ausgeladen und abgegeben. Wer GlĂŒck hat, bekommt höchstens zwei Zentner. Am 21. 1. stand folgende Bekanntmachung in der Zeitung:
Im Einvernehmen mit der Stadtverwaltung in Camberg (Nassau) wird wĂ€hrend der Dauer der auáșžerordentlichen KĂ€lteperiode der Sitzungssaal des hiesigen Amtsgerichts an sitzungsfreien Tagen – auáșžer sonntags – den Volksgenossen, die nicht ĂŒber genĂŒgende HeizstoffvorrĂ€te verfĂŒgen, in der Zeit von 9 Uhr bis zum Eintreten der Dunkelheit, als Aufenthaltsraum zur VerfĂŒgung gestellt. Camberg, den 19. 1. 1940. Amtsgericht. Der aufsichtfĂŒhrende Richter Dr. Weyel, Amtsgerichtsrat.
Nur ein alter, alleinstehender, taubstummer Mann hat davon Gebrauch gemacht.
KĂ€lterekorde in Finnland. WĂ€hrend in der finnischen Hauptstadt
Helsinki eine KĂ€lte von −30° herrscht, und die VorrĂ€te an Wollsachen in den grĂ¶ĂŸeren GeschĂ€ften bereits ausverkauft sind oder fĂŒr die Truppen beschlagnahmt wurden, fĂ€llt das Quecksilber in den
Vororten, wo zahlreiche, aus der Hauptstadt Evakuierte in leichten, nicht fĂŒr den Winter gebauten Sommervillen wohnen, bis auf −40°. Diese ungeheure KĂ€lte lĂ€hmt, in Kombination mit einem eisigen Ostwind, stark die militĂ€rische AktivitĂ€t, sodass die GefechtstĂ€tigkeit an der nahezu 1000 km langen Front sehr gering ist...

Table of contents

  1. Titelei
  2. Vorwort
  3. EinfĂŒhrung
  4. Kurzbiografien
  5. 1940
  6. 1941
  7. 1942
  8. 1943
  9. 1944
  10. 1945
  11. Epilog
  12. Ahnentafel 2021
  13. Familienfoto 1947
  14. Impressum

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