Mitten im Zweiten Weltkrieg begann der Lehrer Friedrich Heil in seiner Heimatstadt Camberg ein Wettertagebuch. Nach wenigen Tagen ergĂ€nzte er die Wetterdaten mit Gedanken zur Politik, dem Gartenbau und dem Alltag. So entstanden historische Momentaufnahmen, die das kleinstĂ€dtische Leben in Hessen-Nassau von 1940 und 1945 widerspiegeln. Die Quintessenz aus Wetterbeobachtung und einem naturnahen Leben sind Bauernregeln, die der Autor einerseits achtet, aber auch genĂŒsslich auseinandernimmt.

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Vom Regen in die Traufe
Camberger Wetter- und Kriegstagebuch 1940-1945
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Vom Regen in die Traufe
Camberger Wetter- und Kriegstagebuch 1940-1945
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Art General1940
â Wieder ging ein Jahr zu Ende,
Wie so schnell vergeht die Zeit,
Herr in deine heilâgen HĂ€nde,
Legâ ich all mein GlĂŒck und Leid.
Was vorbei, das pack ich dankbar
In das Meer Vergangenheit.
Meine Zukunft ist das Hoffen,
Herr, auf deine Ewigkeit! â
Wie so schnell vergeht die Zeit,
Herr in deine heilâgen HĂ€nde,
Legâ ich all mein GlĂŒck und Leid.
Was vorbei, das pack ich dankbar
In das Meer Vergangenheit.
Meine Zukunft ist das Hoffen,
Herr, auf deine Ewigkeit! â
Rasmus Collier
Ende Dezember 1939: KĂ€lteeinbruch.
28. 12.: â18° bis â22°.
31. 12.: milder, 0° bis 4°, trĂŒb.
28. 12.: â18° bis â22°.
31. 12.: milder, 0° bis 4°, trĂŒb.
Januar
1. Januar: sonnig, mittags +10°; in der Nacht vom âŠ
1. zum 2.: â20° bis â25°.
2. zum 3.: um halb 6 Uhr â22°, am Bahnhof â27°; nachmittags bedeckt sich der Himmel, gegen Abend noch â6°.
3. zum 4.: um halb 6 Uhr â4°, mittags +5° bis +8°, sonnig.
4. zum 5.: um halb 6 Uhr â15°, mittags 0°, sonnig.
5. zum 6.: um halb 6 Uhr â17°, mittags 0°, sonnig.
6. zum 7.: um halb 6 Uhr â17°, mittags â8°, trĂŒb.
7. zum 8.: um halb 6 Uhr â2°, mittags 0°, trĂŒb.
8. zum 9.: um halb 6 Uhr â4°, mittags +5°, sonnig.
9. zum 10.: um halb 6 Uhr â15°, mittags 0°, sonnig.
10. zum 11.: um halb 6 Uhr â13°, mittags +2°, sonnig.
11. zum 12.: um halb 6 Uhr â17°, mittags â5° bis 0°, sonnig. Barometerstand am 12. 1.: 778 mmHg1.
12. zum 13.: um halb 6 Uhr â17°, mittags â5° bis 0°, sonnig.
13. zum 14.: um halb 6 Uhr â10°, mittags â2° bis 0°, trĂŒb.
14. zum 15.: um halb 6 Uhr 0°, mittags â2° bis 0°, trĂŒb.
1. zum 2.: â20° bis â25°.
2. zum 3.: um halb 6 Uhr â22°, am Bahnhof â27°; nachmittags bedeckt sich der Himmel, gegen Abend noch â6°.
3. zum 4.: um halb 6 Uhr â4°, mittags +5° bis +8°, sonnig.
4. zum 5.: um halb 6 Uhr â15°, mittags 0°, sonnig.
5. zum 6.: um halb 6 Uhr â17°, mittags 0°, sonnig.
6. zum 7.: um halb 6 Uhr â17°, mittags â8°, trĂŒb.
7. zum 8.: um halb 6 Uhr â2°, mittags 0°, trĂŒb.
8. zum 9.: um halb 6 Uhr â4°, mittags +5°, sonnig.
9. zum 10.: um halb 6 Uhr â15°, mittags 0°, sonnig.
10. zum 11.: um halb 6 Uhr â13°, mittags +2°, sonnig.
11. zum 12.: um halb 6 Uhr â17°, mittags â5° bis 0°, sonnig. Barometerstand am 12. 1.: 778 mmHg1.
12. zum 13.: um halb 6 Uhr â17°, mittags â5° bis 0°, sonnig.
13. zum 14.: um halb 6 Uhr â10°, mittags â2° bis 0°, trĂŒb.
14. zum 15.: um halb 6 Uhr 0°, mittags â2° bis 0°, trĂŒb.
KĂ€ltewelle ĂŒber ganz Europa. FlĂŒsse sind vereist, der Verkehr teilweise lahmgelegt, die FrostschĂ€den sind erheblich. Auch zahlreiche Todesopfer sind zu beklagen.
Mailand: GĂŒterzug von Wirbelwind erfasst. Die Lokomotive blieb auf den Gleisen stehen, sieben Wagen stĂŒrzten von einer BrĂŒcke auf die StraĂe.
In Triest ist die Temperatur auf â8° und spĂ€ter unter â10° gesunken. Venedig: Die Lagune ist zum Teil zugefroren. Jugoslawien: GrenzwĂ€chter erfroren, bei â11°. Bukarest: am Tage â25°, drei Hafenarbeiter sind erfroren.Bukowina2: bis â36°. OstrumĂ€nien: besonders von der KĂ€lte heimgesucht. Sofia: Zug zwei Tage im Schnee steckengeblieben; bis zu â30° KĂ€lte.
Rom hat seit 1846 einen Schneefall von solchem Umfang, wie jetzt im Januar, nicht mehr erlebt. Es hat nur 12 Stunden geschneit, aber die Schneemenge vor 97 Jahren war geringer. »In Ortschaften, die an Schneefall gewöhnt sind«, schrieb eine römische Zeitung »gibt es Vorrichtungen, um die StraĂen in wenigen Stunden vom Schnee zu sĂ€ubern. In StĂ€dten des SĂŒdens fehlen diese Vorrichtungen, weil normalerweise kein Schnee fĂ€llt.« Aus dieser Feststellung mag man ersehen, welche Katastrophe der Schnee am Jahresende 1939/40 fĂŒr Rom bedeutete. Im Nordwesten von Rom, am Monte Mario, sah es aus wie bei uns im Riesengebirge oder im Bayrischen Wald. Die Milchwagen kamen nicht mehr, die ZeitungsverkĂ€ufer und die HĂ€ndler aller Art, die des Morgens alle Viertel Roms mit ihren melodischen Rufen erfĂŒllen, blieben aus. Die Stadtverwaltung wurde in der Presse hart kritisiert, obwohl diese bereits am ersten Tag 4 000 Schneeschipper in Dienst gestellt hatte. Die KĂ€ltewelle hat sogar Neapel erreicht.
Aus dem Norden Finnlands werden â35° bis â60° KĂ€lte gemeldet.
Nach Ansicht der Meteorologen soll mit einer gewissen RegelmĂ€Ăigkeit stets nach nur milden Wintern ein harter Winter hereinbrechen. Sehr strenge Winter herrschten 1907/08, 1917/18 und 1928/29. Im letztgenannten war unsere Zuleitung zur Wasserleitung von der StraĂe her im BĂŒrgersteig zugefroren. Wochenlang mussten wir unser Gebrauchswasser am Emsbach und das Trinkwasser im Nachbarhaus holen.
Das Erdbebengebiet in der TĂŒrkei, bei dem nach einer amtlichen Meldung 25 000 Menschen ums Leben kamen und 30 000 HĂ€user zerstört wurden, hat auch unter fĂŒrchterlicher KĂ€lte und SchneefĂ€llen zu leiden.
Im Gegensatz zu der KÀlte in Europa wird uns aus Buenos Aires eine starke Hitzewelle gemeldet, die in der argentinischen Hauptstadt 14 Todesopfer gefordert hat; 260 Personen mussten sich in Àrztliche Behandlung begeben.
Seit dem 15. Januar lĂ€sst die KĂ€lte nach. Heute, am 16. Januar, 0° und leichter Schneefall, in der Nacht Schneefall und Sturm, â13°. Das Barometer, das am Samstag noch bei 778 stand, ist auf 761 bzw. 757 zurĂŒckgegangen; in der Nacht vom 16. auf den 17. bis 762 gestiegen.
16. 1.: Leichter Schneefall, auch in der Nacht; â13° und Sturm.
17. 1.: sonnig â5° bis â8°, in der Nacht zum 18. â19°; Barometerstand 770. Morgenrot.
Im norwegischen Telneset, nahe einem Gebirge an der schwedischen Grenze, fiel das Thermometer am Dienstag, den 16. Januar, bis unter den Gefrierpunkt des Quecksilbers. Mithilfe eines Spiritusthermometers wurde â48° gemessen, was wohl den diesjĂ€hrigen europĂ€ischen Rekord darstellen dĂŒrfte. Das Vieh schĂŒttelte sich vor KĂ€lte. Bei Trondheim mussten Bauern aus SĂ€cken MĂ€ntel fĂŒr die KĂŒhe nĂ€hen.
Seit 100 Jahren ist in Moskau das Thermometer nicht mehr so tief gesunken, wie in den letzten Tagen. Am 16. Januar wurde nachmittags â40° und am Abend â44° gemessen. FĂŒr das europĂ€ische Russland ist dies ein seltener KĂ€lterekord. Um Vergleichspunkte zu finden, muss man schon bis in die 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts zurĂŒckgehen, wo das Thermometer jedoch nur bis â42° fiel.
Vom Westerwald und dem Taunus wird gleichlautend gemeldet, wie sehr der Wildbestand unter der jetzt herrschenden KĂ€lte zu leiden hat. So konnte man in den letzten Tagen FĂŒchse beobachten, die sich, vom Hunger getrieben, laut heulend den Bauerngehöften nĂ€herten und in der Scheune Schutz vor der KĂ€lte suchten. Bei dem Versuch, in die HĂŒhnerstĂ€lle einzudringen, konnten einige FĂŒchse bei Westerfeld nahe Usingen erlegt werden.
Obwohl tĂ€glich die Wildfutterraufen mit Heu gefĂŒllt werden, dringen Rudel von Rotwild ohne Scheu vor Menschen in die Dörfer ein und suchen hier nach Futter.
18. 1.: Wolkenloser Himmel. Erich3 kam mit seinen Schneeschuhen hier an, und ist am nĂ€chsten Morgen mit dem Milchauto wieder zurĂŒckgefahren. Die Nacht auf den 19. 1. war die bisher kĂ€lteste mit â29°; am Bahnhof waren es sicher â32° oder â33°.
19. 1.: Leichte Wolkenbildung. Ein Hoffnungsschimmer: auch das Barometer fĂ€llt. In unserer WaschkĂŒche sind es schon â4°. Mit dem Ăfchen der Waschmaschine versuchen wir zu heizen, bringen die Temperatur aber höchstens auf +2°, fĂŒr kurze Zeit. Jetzt bildet sich auch im Keller schon auf dem Wasser Eis. Wir haben noch einmal alle Fenster mit Stroh abgedichtet und im kleinen Keller das alte BĂŒgelöfchen4 aufgestellt. Jetzt bedauere ich, dass ich meine alten Ăfen verkauft oder verschenkt habe. Man hebt nichts zu lange auf. Das Wasserleitungsrohr haben wir mit alten Kleidern umwickelt.
Heute Nacht habe ich mein Bett auf dem Sofa in meinem kleinen Zimmerchen zurechtgemacht. Die Abfallrohre am WC sind zugefroren. Jetzt beginnt der Umstand mit dem Toiletteneimer.
20. 1.: â10°.
21. 1.: Am Tage und in der Nacht â5° bis â6°. Schneefall. Bis jetzt ist es uns noch gelungen, die Wasserleitung im Keller offenzuhalten. Unser Vorrat an Brennmaterial nimmt schnell ab. Briketts und Kohlen werden nur in geringen Mengen ausgeladen und abgegeben. Wer GlĂŒck hat, bekommt höchstens zwei Zentner. Am 21. 1. stand folgende Bekanntmachung in der Zeitung:
Im Einvernehmen mit der Stadtverwaltung in Camberg (Nassau) wird wĂ€hrend der Dauer der auáșerordentlichen KĂ€lteperiode der Sitzungssaal des hiesigen Amtsgerichts an sitzungsfreien Tagen â auáșer sonntags â den Volksgenossen, die nicht ĂŒber genĂŒgende HeizstoffvorrĂ€te verfĂŒgen, in der Zeit von 9 Uhr bis zum Eintreten der Dunkelheit, als Aufenthaltsraum zur VerfĂŒgung gestellt. Camberg, den 19. 1. 1940. Amtsgericht. Der aufsichtfĂŒhrende Richter Dr. Weyel, Amtsgerichtsrat.
Nur ein alter, alleinstehender, taubstummer Mann hat davon Gebrauch gemacht.
KĂ€lterekorde in Finnland. WĂ€hrend in der finnischen Hauptstadt
Helsinki eine KĂ€lte von â30° herrscht, und die VorrĂ€te an Wollsachen in den gröĂeren GeschĂ€ften bereits ausverkauft sind oder fĂŒr die Truppen beschlagnahmt wurden, fĂ€llt das Quecksilber in den
Vororten, wo zahlreiche, aus der Hauptstadt Evakuierte in leichten, nicht fĂŒr den Winter gebauten Sommervillen wohnen, bis auf â40°. Diese ungeheure KĂ€lte lĂ€hmt, in Kombination mit einem eisigen Ostwind, stark die militĂ€rische AktivitĂ€t, sodass die GefechtstĂ€tigkeit an der nahezu 1000 km langen Front sehr gering ist...
Table of contents
- Titelei
- Vorwort
- EinfĂŒhrung
- Kurzbiografien
- 1940
- 1941
- 1942
- 1943
- 1944
- 1945
- Epilog
- Ahnentafel 2021
- Familienfoto 1947
- Impressum
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