Der kĂŒrzeste Witz, der im FrĂŒhjahr 2021 im politischen Berlin erzĂ€hlt wurde, ging so: "Olaf Scholz wird Bundeskanzler." Im Winter des Jahres wurde er es tatsĂ€chlich.Dies ist die Geschichte eines Politikers, der belĂ€chelt und als "Scholzomat" verspottet wurde, den die eigene Partei lange nicht geliebt hat und der trotzdem fest daran glaubte, eines Tages Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland zu werden. So fest, dass Olaf Scholz schon 2018 genau voraussagte, was drei Jahre spĂ€ter bei der Bundestagswahl passieren wĂŒrde âŠ

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Information
Sie nannten ihn âScholzomatâ
Warum Scholz so spricht, wie er spricht
Markus Lanz hat 2021 den Deutschen Fernsehpreis fĂŒr die beste Information erhalten, er ist innerhalb weniger Jahre vom Moderator einer Unterhaltungssendung zum bei Politikerinnen und Politikern am meisten gefĂŒrchteten Fragesteller nach Marietta Slomka aus dem heute journal geworden. Lanz war es, der in einer seiner Sendungen Ende MĂ€rz 2021 den CDU/CSU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet in einer Art und Weise interviewte, dass hinterher Medien schrieben, er habe ihn live im TV âzerstörtâ. Ein Eindruck, den Lanz so nicht stehen lassen wollte. Er sagte: âUnsere Wahrnehmung des GesprĂ€chs war eine andere. Was man an dem Abend gesehen hat, war ein Politiker, der verletzlich ist, ich mochte das.â Und weiter: âDas ist mir ehrlich gesagt lieber als Olaf Scholz, der auf Fragen entweder nicht oder dreimal anders antwortet.â Allerdings musste der preisgekrönte Journalist auch zugeben, dass er sich am Kanzlerkandidaten der SPD âdie ZĂ€hne ausgebissen hatâ, dass der sein unangenehmster Interviewpartner gewesen sei. Scholz habe die seltene Gabe, sich immer unter Kontrolle zu haben, es wirke so, als habe er einen âzweiten Hirnstromâ, der alles, was der erste mache, ĂŒberwache. Da hilft es, anders als bei anderen Politikern, auch nicht, dass Markus Lanz in den vergangenen Jahren in seiner Fragetechnik noch radikaler geworden ist: âIch stelle bei mir schon eine zunehmende Ungeduld fest, wenn auf meine Fragen mit Floskeln geantwortet wird. Ich versuche Menschen, die sehr geĂŒbt darin sind, Antworten zu geben, aus dem Tritt zu bringen.â Bei Olaf Scholz ist er damit gescheitert. Und in guter Gesellschaft.
Wie es aussieht, wenn Olaf Scholz auf eine Frage entweder gar nicht oder dreimal anders antwortet, hat ein anderer ausgezeichneter Fernsehmacher kurz vor der Bundestagswahl dokumentiert. Stephan Lamby hat fĂŒr seinen Film âWege zur Machtâ die Spitzenkandidaten der Parteien ĂŒber Monate begleitet, dabei natĂŒrlich auch Scholz getroffen. Die Szene, um die es jetzt gehen soll, ist keine spektakulĂ€re und Lamby zeigte sie auch nicht, um etwas ĂŒber den Wahlkampf oder die Strategie der SPD, sondern um etwas ĂŒber das Interviewverhalten von Olaf Scholz auszusagen. Bevor der TV-Mann dem Politiker eine wirklich einfache Frage stellt, wurde in dem Film ĂŒber einen umstrittenen Werbespot der SPD berichtet, in dem CDU-GröĂen wie Armin Laschet, Jens Spahn und Friedrich Merz in einen Zusammenhang mit dem nach rechts auĂen gerutschten Hans-Georg MaaĂen gebracht und ansonsten ziemlich frontal angegangen werden. Der Spot war offensichtlich misslungen, was die SPD um Wahlkampfmanager und GeneralsekretĂ€r Lars Klingbeil schnell einsah, und ihn deshalb aus dem Verkehr zog. Es blieb die Frage, ob Olaf Scholz den Spot gekannt hatte, man kann sie leicht und schnell mit Ja oder Nein beantworten. Wenn man nicht Scholz heiĂt. Dessen Dialog mit Stephan Lamby wurde im Film âstark verkĂŒrztâ wiedergegeben und liest sich so:
Lamby: âKannten Sie diesen Spot?â
Scholz: âDer Kampagnenleiter hat mir berichtet, dass er nicht ausgesendet wird und dass er genau einmal gezeigt worden ist.â
Lamby: âUnd warum?â
Scholz: âEs ist so, dass sich die Kampagne auf die Dinge konzentriert, die fĂŒr die Zukunft unseres Landes wichtig sind. Und deshalb geht es mir um die Plakate und um die Botschaften, die wir damit verbinden, und das, was wir da vorgebracht haben.â
Lamby: âHerr Scholz, es tut mir leid, aber ich muss da beharren. Es gibt doch einen Grund, warum dieser Spot jetzt nicht mehr gezeigt wird. Deshalb eine ganz einfache Frage: Warum?â
Scholz: âWir brauchen eine klare Debatte, zum Beispiel ĂŒber die Frage, dass es nicht in Ordnung ist fĂŒr den Zusammenhalt unserer Gesellschaft und fĂŒr die Frage, wie wir unsere Zukunft finanzieren âŠâ
Lamby: âNur damit ich es verstehe: Kannten Sie den Spot?â
Scholz: âDie MaĂnahmen, die ich gebilligt habe, sind die, ĂŒber die wir hier miteinander gesprochen haben und die ich auch richtig finde. Das sind die Plakate, ĂŒber die wir hier reden, und manches, das noch keiner kennt und das demnĂ€chst kommt.â
Um zu verstehen, warum Olaf Scholz in einer solchen und vergleichbaren Situationen antwortet, wie es eben exemplarisch zu lesen war, gibt es zwei Möglichkeiten. Man fragt ihn selbst oder man sieht sich seine rhetorische Sozialisation als Politiker an. Beginnen wir mit Letzterem und der Phase, der Scholz seinen wenig schmeichelhaften Spitzennamen âScholzomatâ verdankt, dem ihm ĂŒbrigens ein Journalistenkollege von der ZEIT verpasst hat. Es war die Zeit, in der Scholz GeneralsekretĂ€r der SPD unter Kanzler Gerhard Schröder war. GeneralsekretĂ€re waren und sind die Gesichter der Parteien, die zu jeder Zeit und zu jedem Thema etwas sagen können mĂŒssen, insbesondere dann, wenn es den Parteivorsitzenden, Ministern oder Regierungschefs zu heikel wird. Wer GeneralsekretĂ€r wird, lernt schnell, möglichst unkonkret zu formulieren und Worte wie âJaâ oder âNeinâ aus seinem Wortschatz zu streichen. Scholz brachte es in dieser Disziplin und in der ersten Phase seiner rhetorischen Sozialisation zu einer Meisterschaft, auf die er damals sogar stolz war. Man hĂ€tte ihn fragen können, welcher Tag heute ist, und er hĂ€tte sinngemÀà geantwortet: âDie Woche besteht aus insgesamt sieben Tagen, von denen jeder einen eigenen Charakter und eine besondere Funktion hat, aus denen sich in der Gesamtschau eine Woche ergibt, die unterschiedliche Schwerpunkte und Herausforderungen mit sich bringt.â
War die Art zu sprechen als GeneralsekretĂ€r noch sehr davon geprĂ€gt, niemals in den Verdacht zu kommen, sich illoyal gegenĂŒber der ParteifĂŒhrung â und damit gegenĂŒber dem Kanzler! â zu Ă€uĂern, entwickelte Scholz in den Jahren danach so etwas wie eine Freude daran, auf Fragen von Journalisten völlig anders zu reagieren, als diese es erwarteten. In der zweiten Phase seiner rhetorischen Sozialisation neigte er dazu, auch lange Fragen nur mit einem, zwei oder drei Worten zu beantworten. Daraus ergaben sich skurrile Interviewszenen, etwa, als meine Kollegen Frank Ilse und Egbert NieĂler vom Hamburger Abendblatt bei einem gut vorbereiteten Interview mit Olaf Scholz nach 16 (!) Minuten feststellten, dass von den vielen Fragen, die sie sich ĂŒberlegt hatten, keine einzige mehr ĂŒbrig war.
Scholzâ Strategie hinter den kurzen Antworten war klar: Die veröffentlichten Interviews sahen allein schon von der LĂ€nge dessen, was die Journalisten sagten und was Scholz sagte, so aus, als wĂŒrden sie sich an diesem Politiker die ZĂ€hne ausbeiĂen. Was, man muss da so ehrlich sein, in vielen FĂ€llen stimmte und Scholz nicht viele Freunde in den Medien bescherte.
Das Ă€nderte sich auch in Phase drei nicht. In der ging Scholz zwar dazu ĂŒber, wieder ausfĂŒhrlicher zu antworten. Doch das, was er sagte, passte immer hĂ€ufiger ĂŒberhaupt nicht zu den Fragen, die ihm gestellt wurden. In seiner Zeit als BĂŒrgermeister hatten wir Hamburger Journalisten uns irgendwann daran gewöhnt und machten uns einen SpaĂ daraus, ihm eine bestimmte Frage in einem Interview immer und immer wieder zu stellen. Die Leserinnen und Leser sollten wenigstens merken, dass wir uns bemĂŒhten, eine Antwort zu erhalten, die irgendwie zu dem passte, was wir eigentlich hatten erfahren wollen.
Als Scholz nach Berlin wechselte, um dort Vizekanzler und Bundesfinanzminister zu werden, passierten zwei lustige Dinge. Nummer eins: Nachdem meine Kollegen aus der Hamburger Landespolitikredaktion das erste Interview mit dem neuen BĂŒrgermeister Peter Tschentscher gefĂŒhrt hatten, kamen sie freudestrahlend zurĂŒck und sagten: âIhr glaubt es nicht: Er hat auf unsere Fragen gewortet.â Nummer zwei: Nachdem meine Kollegen aus der Berliner Redaktion das erste Interview mit Scholz gefĂŒhrt hatten, riefen sie mich ziemlich konsterniert an. O-Ton: âSag mal, der Scholz antwortet ĂŒberhaupt nicht auf die Fragen, die man ihm stellt.â Ach nee.
Als Kanzlerkandidat kam Scholz in Phase vier seiner rhetorischen Sozialisation an, in der sich Elemente aus den ersten drei Phasen mischten und er (endlich) das machte, was ihm aus seinem Umfeld seit Jahren geraten wurde. Er gab sich etwas offener, zugĂ€nglicher, menschlicher, versuchte sich auch mal an einem Witz, stand nicht mehr ganz so steif da wie frĂŒher. Was blieb, ist eine Eigenart, die man inzwischen von sehr vielen Politikerinnen und Politikern kennt und die Journalisten wie Publikum nervt: Fragen werden in der Regel nicht direkt beantwortet und sei es, um beim Fragesteller nicht den Eindruck entstehen zu lassen, er könne bestimmen, worĂŒber gesprochen werden soll.
Ich habe Olaf Scholz einmal in einem Podcast, also in einer Situation, die er hinterher nicht durch eine Autorisierung glĂ€tten oder verĂ€ndern konnte, gefragt, warum er auf Fragen so antwortet, wie er antwortet. Er sagte: âIch versuche, eine geordnete Antwort zu geben, sagen wir es mal so. Jeden Satz, den man als Politiker sagt, muss man so sagen, dass ihn jeder versteht, auch wenn er nicht dabei gewesen ist. Man kann nicht darauf setzen, dass der Rahmen, in dem ein Satz gefallen ist, immer miterzĂ€hlt wird. Im Ăbrigen ist es ja so, dass manchmal Dinge im Fluss sind. Dann muss man es aushalten, dass der Prozess des KlĂŒgerwerdens und des Beratens noch nicht abgeschlossen ist und man das Ergebnis noch nicht verkĂŒnden kann.â
Das also ist der Kern: Scholz will verhindern, dass sich Zitate von ihm verselbststÀndigen, dass sie zu leicht aus dem Zusammenhang gerissen werden und am Ende gegen ihn verwendet werden können. Sein Vergleich des G20-Treffens in Hamburg (das am Ende komplett aus den Fugen geriet) mit dem Hafengeburtstag, den die Stadt auch jedes Jahr geregelt bekomme, war so ein Satz. Scholz hatte ihn nÀmlich eigentlich nur auf die Verkehrssituation bezogen, nicht auf G20 und mögliche Ausschreitungen und Auseinandersetzungen. Aber das interessiert bis heute niemanden.
Kleine Notiz am Rande, weil oben von der Autorisierung von Interviews die Rede war, die in Deutschland anders als in den USA und GroĂbritannien ĂŒblich ist: WĂ€hrend man als deutscher Journalist mit dem amerikanischen PrĂ€sidenten sprechen kann und der darauf vertraut, dass man mit dem, was er gesagt hat, behutsam und wahrheitsgetreu umgeht, gibt es hierzulande Interviews, die man nach der Autorisierung durch Pressesprecher und Politiker nicht wiedererkennt. Scholz hatte auch hierbei eine Eigenart. Er achtete nicht nur ganz genau darauf, was er gesagt hatte und wie es schriftlich wiedergegeben wurde, ihm war auch wichtig, dass sich jedes seiner Interviews so las, wie er sich anhörte. Der Scholz-Sound musste stimmen und dafĂŒr sorgte er höchstpersönlich.
Zu den Besonderheiten in der politischen Karriere des heutigen Kanzlers gehörte auch, dass er lange Zeit nicht in Talkshows wie Anne Will oder Maybritt Illner ging. Und als er notgedrungen damit begann, um Werbung in eigener Sache zu machen, legte er sich eine eiserne Regel auf. Er antwortete nur, wenn er gefragt wurde, er mischte sich von selbst nicht in Diskussionen ein, fiel auch anderen Teilnehmern nicht ins Wort. Und hatte deshalb, wenn er Pech hatte und die Moderatorinnen ihn nur selten etwas fragten, einen geringen Redeanteil. Dass er von Talkshows bis heute wenig hĂ€lt, hat folgenden Grund: âWas viele BĂŒrgerinnen und BĂŒrger bewegt, ist das GefĂŒhl, dass sie in Talkshows Reden hören und sich immer weniger sicher sind, ob diejenigen, die da reden, hinterher auch etwas dafĂŒr tun, wenn sie sich aus den Sesseln erhoben haben. FĂŒr mich war das groĂe GlĂŒck in Hamburg, dass das, was ich vorgeschlagen habe, auch was geworden ist.â
Kommt hin...
Table of contents
- Cover
- Titel
- Impressum
- Widmung
- Inhalt
- Die Scholz-Story
- Eine verzweifelte SPD, ein schwacher Gegner
- âWer bei mir FĂŒhrung bestellt, bekommt sie auchâ
- Wo andere einen Traum haben, hat Olaf Scholz einen Plan
- Niederlagen? Werden einfach ignoriert
- Sie nannten ihn âScholzomatâ
- Olaf Scholz und Helmut Schmidt
- Olaf Scholz und Angela Merkel
- âWollen Sie nicht doch zurĂŒck nach Berlin?â
- Das G20-Desaster und andere Skandale
- Schulz jetzt!
- Scholzâ Spindoktor
- Laschet? Baerbock? Söder?
- âIch habe noch nie eine Wahl verlorenâ
- Keine Krawatte, kein Alkohol, viel Sport
- Die Umfragen, diese verdammten Umfragen
- Die TV-Trielle âŠ
- Die Fehler der anderen
- An einem Septemberabend in Berlin
- Der 26. September 2021
- Wie ist der Mensch hinter dem Politiker?
- Scholz und die Liebe
- Die Ampel, nichts als die Ampel
- Die Scholz-Story, Teil II
- Zehn Jahre mit Scholz und die Frage, warum es kein Buch ĂŒber ihn gab
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